DIGITALES MAGAZIN
032 | März 2024
15/26

»Keine Formel dieser Welt kann jedem Menschen gerecht werden«

Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt, Klangspektrum

»Keine Formel dieser Welt kann jedem Menschen gerecht werden«

Objektiv oder doch lieber subjektiv? Hinsichtlich der Anpassmethodik hat sich in der Branche in den letzten 20 Jahren sehr viel getan. Doch weshalb hat die subjektive Anpassmethode ihre Berechtigung? OMNIdirekt sprach mit einem, der es wissen muss. Ein Gespräch mit Martin Immenkemper, Mitgründer und Entwicklungsleiter bei Klangspektrum.

Bequem vorlesen lassen:


Herr Immenkemper, als Institut für natürliches HörErleben designen und entwickeln Sie seit über 20 Jahren unterschiedliche Audioprodukte für Hörakustiker und für die Hörgeräteindustrie. Wie ist es eigentlich zu Klangspektrum gekommen?

Eigentlich bin ich Augenoptikermeister und war auch lange in der Branche tätig. Nach ein paar Jahren habe ich eine Tätigkeit als Kommunikationstrainer in der Optik aufgenommen, war jedoch später ebenso viel für Medienhäuser im Einsatz, bis ich vor über 20 Jahren mit meiner Frau Anke begann, das Unternehmen Klangspektrum aufzubauen. Anke als Geschäftsführerin mit dem Schwerpunkt Finanzen und Organisation und ich als Entwickler. Augenoptik, subjektive und objektive Messmethoden und die Erfahrung als Kommunikationstrainer sowie Tontechnik sind alles Dinge, die zur mir passen und für mich eine ideale Kombination darstellen.

Welchen Bezug hatten Sie zur Tontechnik? Und was hat das mit Hörakustik zu tun?

Dadurch, dass ich schon als 14-Jähriger Musik machte, viel Pop- und Kirchenmusikevents begleitete und auch Songs schrieb, hatte ich schon früh mit Beschallung und Studiotechnik zu tun. Und durch Optik-Mischbetriebe wusste ich natürlich, dass es die Hörakustik gibt. Der Grundgedanke war ursprünglich der, Anpassräume in Klangräume umzuwandeln, um mit den Kunden in unterschiedliche akustische Situationen eintauchen und Hörsysteme optimieren zu können. Aber dann kam Mozart.

Wie kam es zu der Begegnung mit Hans-Rainer Kurz, den viele in der Branche bei seinem Spitznahmen Mozart kennen?

Nun, nach Gründung von Klangspektrum habe ich natürlich Kaltakquise durchgeführt und zunächst zeigte er überhaupt keine Reaktion. Mit einem gewissen Abstand kam er dann auf mich zu. Da Mozart gerade seine Geschäfte verkauft hatte, witzelte ich zu Beginn noch, dass wir keine Geschäfte machen können. Wir waren uns aber sofort grün. In dem Moment dachte ich noch, ich hätte mit einem Hörgerätevergleich jetzt etwas Neues erfunden. Also zeigte ich ihm meinen Ansatz und er reagierte nur mit einem »Wo ist mein Ohr?«.

Heißt?

Ich hatte einen Kunstkopf entwickelt, an dem drei Hörgerätepaare aus unterschiedlichen Leistungsklassen hingen. Ich kenne das aus der Augenoptik, wie zum Beispiel bei Günther Fielmann. Basis Modell, Medium-Segment, Hi-End-Fassung usw. Da Hörgeräte ebenso zu den Halbfertig-Produkten zählen und sich der Kunde nicht wahnsinnig viel darunter vorstellen kann, war ich der Überzeugung, dass Kunden reinhören und Hörgeräte vergleichen sollten. Das gab es damals in dieser Form nicht. Als Mozart das sah, erwiderte er nur trocken, dass er ein Patent darauf hat. Mein Gedanke war nur: jetzt, wo wir gerade Freunde werden wollen, sagst du mir, dass der Platz besetzt ist. (lacht)


Und dann?

Er kam mit einer Blechkiste an, auf die man Hörsysteme stecken konnte. Monaural. Das sah aus wie 1950 und war ein pures Bastelobjekt, das ein Elektriker entwickelt hatte. Da war so etwas ähnliches wie ein Kuppler ohne Volumen, ein Schlauch drauf und Winkelgeräte. Das hat er dann aufgestellt. Von den Kupplern hatte er drei. Zwar waren die monaural, aber mit Kopfhörer für beiden Ohren vorgesehen. Und mit der Vorrichtung konnte man dann zwischen drei Hörsystemen hin und her schalten.

Was wohl wahrscheinlich dazu führte, dass Sie die Köpfe zusammengesteckt haben.

Genau. Im Grunde ist so auch der Klangfinder HSXL entstanden, der damals noch eine Fremdelektronik beinhaltete, an die man acht Kopfhörer anschließen konnte. Durch einen befreundeten Tischler hatten wir schon damals jemanden, der uns das Material fräst und die Gehäuse baut. Wir hatten hierzu auch einen Hubtisch entwickelt, der bis heute noch in der Produktion existiert. Den Kopf zum HSXL haben wir dann mit Mikrofonen ausgestattet, Kuppler sowie eine Stange eingebaut, durch die man noch einen Schlauch durchführen konnte, um die Winkelgeräte drauf zu stecken. Die Kuppler waren ohne Restvolumen, da unsere damalige Philosophie war, den Sound möglichst eins zu eins durch den Schlauch bis über den Kopfhörer-Verstärker an die Ohren zu bringen.

Auf welche Reaktion stieß das Produkt?

Auf eine geteilte. Viele Akustiker waren einerseits davon begeistert, auf der anderen Seite waren sie damals völlig überfordert, weil sie zwischen acht Programmen hin und her schalten konnten. Sie hatten jede Menge Drehknöpfe am Kopfhörer-Verstärker und haben das natürlich zum Spielen verwendet. Wir hatten aber damit schon einmal eine völlig frei programmierbare Digitalmatrix aus dem Studiobereich, so dass man geräuschfrei zwischen den drei Hörgerätepaaren hin und her schalten konnte.

Warum haben Sie schon zwei Jahre später eine neue Version des Klangfinders präsentiert? Das wäre doch zu dem Zeitpunkt gar nicht notwendig gewesen.

Durch die Fremdelektronik, die wir verwendeten, hatten wir erhebliche Lieferschwierigkeiten und es blieb die zu komplexe Bedienung. So wurde auch der Gedanke geboren, auf eigene Elektronikentwicklung umzusatteln. Unser Ziel bestand ja darin, eine möglichst einfache Benutzer-Bedienung zu ermöglichen, damit Akustiker den Kunden mit einer einfachen, aber strukturierten Anwendung komfortabel zum Ziel bringen können. Aus unserer Sicht ist der Hörgerätevergleich am Klangfinder damals wie heute elementar für jedes Beratungsgespräch.

Elementar?

Ja, elementar. Wir reden immer über das Grundgefühl und die Wahrnehmung des Kunden. Und wenn wir über Wahrnehmung und Hören sprechen, dann ist es so, dass man Sound einfach nicht verbal erklären kann. Das funktioniert nicht. Wenn ich jemandem erkläre, wie meine Lieblingsanlage klingt oder der Sound auf einem Eric-Clapton-Konzert, dann reden wir über unterschiedliche Welten. Das Feeling werde ich niemandem vermitteln können, da allein wir zwei schon aus anderen Epochen kommen und andere Erfahrungswelten haben. Selbst wenn wir bei dem gleichen Konzert wären, würden wir das Konzert unterschiedlich wahrnehmen und beurteilen.

Was mich zum Klangauditor bzw. zur Klangwelt führt. Welcher Grundgedanke steckt hinter der Klangbalance-Methode und wieso war Ihnen das so wichtig?

Der Grundgedanke ist, die unterschiedlichen Erfahrungs- und Wahrnehmungswelten der Kunden in einer Messmethode zu vereinen. Als Augenoptikermeister ist für mich die subjektive Messmethode selbstverständlich und in der Regel wichtiger als eine objektive Messmethode – sofern der Kunde kommunikationsfähig ist. Da ich viele Parallelen zwischen der Augenoptik und Hörakustik sehe, entwickelte ich spezielle Messtöne und einen Workflow, der der Refraktionsmethode sehr ähnlich ist. Übrigens – der damals entwickelte Prototyp basierte auf einem Grundgedanken von Mozart, der für mich auch bei dieser Entwicklung ein wertvoller Freund und Sparringspartner war. Den Prototypen nannten wir »Klangauditor«. Das war die Grundlage für die heutige KlangBALance Methode, die sich selbstverständlich im Laufe der Jahre ständig weiterentwickelt hat. Das Ziel ist, den Kunden mit seinen Hörsystemen monaural wie binaural subjektiv auszubalancieren.

2010, relativ zeitgleich, kam es zum Klangtester. Warum?

Wir wurden von einem Hörgerätehersteller immer wieder gefragt, ob wir nicht einen innovativen Schnelltester entwickeln können. Die Idee hierzu kam mir dann unter der Dusche. Durch eine eigens entwickelte Platine, die wir damals noch nicht selbst bauen konnten, gelang uns ein sehr praktikables Produkt, das sich schon damals mit nur einem Knopf bedienen ließ. Der sprachgeführte Schnelltester war geboren. Von der Stückzahl her gesprochen ist der Klangtester bis heute weltweit ein Hochfrequenzbringer für uns.

Weshalb nennen Sie sich Institut?

Uns war von Anfang an wichtig, anwendungsorientierte Forschung zu betreiben. Nicht auf Universitätsniveau, ich bin kein studierter Akustiker, aber Forschung im Sinne einer anwendungsorientierten Praxis, um daraus Theorieansätze ableiten zu können. Das, ohne den Anspruch zu haben, empirisch alles durch Studien festnageln zu müssen. Allerdings mit dem Anspruch, mehr als N = 3 hinzukriegen. Denn wir wollten nie nur als Manufaktur gesehen werden. Wenn ich überlege, dass wir mit dem Klangtester die Erfahrung von locker über 10 Millionen durchgeführten Tests nachweisen können, dann glaube ich auch, dass wir das Signal senden können, dass dieses Institut mit Forschung besetzt ist – zumindest für mich.

Sie produzieren heute alles im Haus selbst?

Ja, wir haben lange überlegt, ob wir Lust draufhaben, den letzten Schritt zu gehen. Können wir das leisten? Wollen wir das leisten? Das Phänomenale war, dass unser gelernter Tischler, als er das Wort CNC-Fräse hörte, das nur cool fand. Der Schritt 2015 hat uns im Nachgang gesehen wirklich viel gebracht. Wir sind unabhängiger von Zulieferern, können uns Know-how aneignen und so unseren Anspruch an Qualität erfüllen.  All das hat uns befähigt, im Laufe der Jahre das komplette Portfolio in immer kürzeren Abständen neu zu überarbeiten. So haben die Geräte heute wesentlich weniger Knöpfe, sind übersichtlicher aufgebaut und technisch wesentlich reifer.

Gilt das auch für die Lautsprecherserie »arrayX«?

Das ist ein typisches Beispiel unserer Entwicklung. Es gab für kleinere Anpassräume am Markt keine kleinen Line-Arrays, die sich für die im Freifeld stattfindende KlangBALance Methode bei geringer Toleranz eigneten. Durch die über Jahre gewonnenen Kompetenzen haben wir die Lücke geschlossen.  

2021 haben Sie 20-jähriges Bestehen gefeiert. Was hat sich seither getan?

Nachdem wir 2015 begonnen hatten, unsere Geschäftsräume mit einem neuem Präsentations- und Trainingsraum umzubauen und in die eigene Elektronikproduktion zu gehen, haben wir die Fertigung nach und nach ausgebaut. Wir entwickeln und produzieren in unserer Manufaktur nicht nur die komplette Elektronik, sondern haben mittlerweile ein CNC-Bearbeitungszentrum, und seit 2020 eine neue Laseranlage, mit der wir seither Schriftzüge lasern und die Individualisierung der Produkte vorantreiben können. Zum Jahreswechsel führten wir mit einem SLS-3D-Drucker wieder eine neue Zukunftstechnologie ein. Damit stehen uns völlig neue Möglichkeiten zur Verfügung. Die Investition in modernste Industrietechnik spiegelt sich auch in den letzten Entwicklungen unserer Gerätegruppen wider. So haben wir den Klangfinder SR mit einem eingebauten Surroundsystem weiter optimiert. Das im letzten Jahr komplett neu entwickelte Mainboard für die Klangfinder und die Klangwelt ermöglicht neben einer viel höheren Rechenleistung auch eine Bluetooth-Ankopplung. Über die Lautsprecher, die natürlich kalibriert sind, kann der Akustiker seine Kunden ihre Lieblingsmusik in höchster Qualität erleben lassen. Emotionen und Genuss pur – optimiert auf sein Hörempfinden!

Zusammengefasst basiert Ihr Unternehmen also auf der Idee, dass jeder Mensch anders hört und daher ein anderes Wahrnehmungsvermögen besitzt. 

Ja, weil aus meiner Sicht keine Formel dieser Welt jedem Menschen gerecht werden kann. Sie können einen Einstieg darstellen, sie können gute Hinweisgeber sein, ich würde jedoch nie aufgrund einer Anpassformel ein Hörgerät so anpassen und so abgeben. Denn letztlich kommen wir alle aus unterschiedlichen Klangwelten. Ich bin überzeugt, dass ein Hörsystem immer auf die spezielle Wahrnehmung und Hörempfindung des Kunden feingetuned werden muss.

Ist das der Punkt, der Sie mit Mozart verbunden hat? Dass er mehr auf das Subjektive gesetzt hat als auf das Objektive?

Ja, er war in der Beziehung sehr pragmatisch, aber auch sehr vermittelnd und das zwischen Tradition in der Hörakustik, was mir ja fremd war, und Innovation. Mozart gehörte zu den ersten Jahrgängen und kannte Lübeck noch aus der Herberge. Er war immer auf dem Weg, subjektive und objektive Wahrnehmung miteinander vereinen zu wollen und beide Welten als gleichwertig zu betrachten. Denn es war ihm wichtig, nie einen Menschen runterzumachen oder despektierlich zu sein. Ich selbst verdanke Mozart, dass er mich überhaupt in die Hörgeräte-Welt eingeführt und die Historie vermittelt hat. Ich hatte damals schon viele Ideen und die technischen Möglichkeiten und sah die auch, aber die Verbindung zur Historie und die Zusammenhänge in der Branche, den Stups in die richtige Richtung, dafür werde ich Mozart immer dankbar sein. Insofern tat mir das immer weh zu sehen, dass er als offener Mensch oft als Spinner abgetan wurde. Schade, dass er die verdiente Anerkennung nicht mehr zu Lebzeiten mitbekommen hat. Denn unter dem Strich ist es so, dass sich die subjektive Messmethode inzwischen etabliert hat.

Herr Immenkemper, vielen Dank für das Gespräch.