DIGITALES MAGAZIN
033 | April 2024
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BESSER HÖREN IM BUNDESTAG

Von Martin Schaarschmidt (Cochlear) / Fotos: Adult Hearing

BESSER HÖREN IM BUNDESTAG

Gutes Hören im politischen Berlin? Gerade im Zuge des Welttages des Hören sind Veranstaltungen, die den Dialog zum wichtigen Thema mit Vertretern der Bundespolitik suchen, beinahe eine gute Tradition. Zum 40. Jubiläum der Cochlea-Implantat-Therapie in Deutschland stand das parlamentarische Frühstück, das am 22. Februar im Clubraum des Deutschen Bundestages stattfand, vor allem im Zeichen der Versorgung mit der Innenohrprothese. Moderne Diagnostik und Behandlung von Schwerhörigkeit waren ebenso Gegenstand wie Defizite und bestehende Lücken in der Hörversorgung.

Keine Frage, wenn es um qualitativ hochwertige Versorgungen mit Hörgeräten und Hörimplantaten geht, belegt Deutschland im Weltmaßstab einen Spitzenplatz. Die Fakten zeigen jedoch auch, dass das längst kein Grund ist, um rundum zufrieden zu sein: In Deutschland leben derzeit 5,8 Millionen Menschen mit stark beeinträchtigtem Hörvermögen, von diesen sind 3,8 Millionen unbehandelt. Die jährlichen Kosten, die durch diese Versorgungslücke entstehen, liegen derzeit bei 39 Milliarden Euro. Vom Cochlea-Implantat könnten hierzulande rund eine Million profitieren – Menschen, denen Hörgeräte keine ausreichende Unterstützung bieten. Doch von 20 Betroffenen nutzt bislang lediglich einer das Cochlea-Implantat.

»Wo sind eigentlich die Stellschrauben«, wollten die zahlreichen Gäste aus der Bundespolitik in der abschließenden Diskussion wissen. »Was hindert uns daran, diese Versorgungslücke zu schließen?«

»Häufig ist es der Zugang der Versorgung; der ist äußerst kompliziert, obwohl eigentlich alles ganz einfach ist«, so Frau Professor Dr. med. Anke Lesinki Schiedat. Die Oberärztin der HNO-Klinik an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und Ärztliche Leitung des Deutschen HörZentrums Hannover war eine der Referentinnen des morgendlichen Treffens: »Wir haben in Deutschland das große Glück, dass alle eine Krankenversicherung haben und die Kasse die Hörversorgung bezahlt. Doch anders als bei nachlassendem Sehsinn versuchen viele Betroffene ein nachlassendes Gehör zu kompensieren, statt es behandeln zu lassen. Sie merken gar nicht, wie sie in der Erwerbstätigkeit schlechter werden. Deshalb ist es notwendig, allen eine Früherkennung anzubieten. Weiterhin könnten optimierte Versorgungsrichtlinien helfen, dass es für HNO-Ärzte und Hörakustiker einfacher wird, die Betroffenen zu erreichen und zu überzeugen. Dafür brauchen wir tatsächlich den Einsatz des Bundestages.«

Ein Appell am Abschluss einer höchst informativen Veranstaltung und eines lebendigen Austauschs mit den Vertretern der Bundespolitik. Die erhielten beim parlamentarischen Frühstück vielfältige Einblicke – etwa auch in das Leben mit Cochlea-Implantaten.

»Ich weiß nicht, ob sie sich schon mal gefragt haben, wie es wäre, wenn sie von heute auf morgen nicht mehr hören könnten«, so Alexander Bley zu den Anwesenden. »Ich glaube, das ist eine Frage, die sich die wenigsten Leute stellen, weil es eine Selbstverständlichkeit ist zu hören. Wir nehmen es als Selbstverständlichkeit wahr.«

Alexander Bley selbst lebt seit frühester Kindheit mit dem Cochlea-Implantat. Nach einer Hörschädigung durch Meningitis war er 1992 vom CI-Pionier Professor Dr. Ernst Lehnhardt an der Medizinischen Hochschule Hannover mit einem CI versorgt worden – im Alter von 13 Monaten als damals jüngstes CI-Kind weltweit. Heute ist Alexander 33. Der junge Mann aus Hannover ist Ingenieur im Bereich Medizintechnik und zudem erfolgreicher Leistungssportler, 2-facher Weltmeister und Weltrekordhalter über 1.500 Meter, Silber- und Bronzemedaillengewinner bei den Deaflympics 2022 sowie Europameister von 2019.

Auch wie es ist, plötzlich nicht mehr hören zu können, berichtete Alexander Bley aus eigener Erfahrung: »Natürlich kann meine Hörtechnik auch mal ausfallen, dann bekommt man sehr schnell einen Ersatz. Doch in so einem Moment merke ich, wie abhängig ich eigentlich von Hören und Kommunikation bin. Das habe ich zum Beispiel einmal in meiner Ausbildungszeit erlebt. Ich musste auf meiner Arbeitsstelle anrufen und habe dann erstmal überlegt, wie ich das jetzt lösen kann …«

Neben diesem Erfahrungsbericht bot das Treffen den geladenen Gästen eine Reihe weiterer Impulsvorträge sowie kompakte Informationen und kompetente Gesprächspartner. So gab Frau Prof. Dr. med. Lesinski-Schiedat Einblick in 40 Jahre Cochlea-Implantat-Technologie in Deutschland. Prof. Dr. Ulrich Hoppe, Leiter der Abteilung Audiologie der Hals-Nasen-Ohren-Klinik am Universitätsklinikum Erlangen, informierte über den technologischen Fortschritt der Cochlea-Implantat-Versorgung. Und Dr. Matthias Müller, Präsident des Deutschen Schwerhörigenbundes (DSB) stellte Fakten aus dem aktuellen Welthörreport der WHO vor. Am Ausgang des Treffens, das von Cochlea-Implantat-Trägerin Sylwia Swiston moderiert wurde, stand ein reger Austausch mit den politischen Vertretern, die deutliches Interesse am guten Hören signalisierten.

Dass das Thema Hörversorgung mit CI und Hörgerät in der Bundespolitik auf offene Ohren trifft, daran ließ Kristine Lütke, Ordentliches Mitglied im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages und Vorsitzende der AG Gesundheit der FDP-Bundestagsfraktion, in ihrem Redebeitrag keinerlei Zweifel: »Wir alle können etwas dafür tun, dass die Bedeutung des gesunden Hörens sowie die Spitzenforschung in diesem Bereich noch stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken; das tun wir ja auch mit der heutigen Veranstaltung. Wir müssen die Bedeutung des guten Hörens für Alt und Jung noch mehr zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe machen, es noch mehr ins Bewusstsein rücken. Wir brauchen eine regelmäßige Überprüfung des Hörsinns, also einen Hör-Check. Und wir können gemeinsam für diese so wichtige und so effektive Präventionsmaßnahme werben. Das senkt nicht nur die Häufigkeit der Folgeerkrankungen sowie deren Kosten, hat damit nicht nur einen positiven Effekt auf unser Gesundheitssystem. Vor allem bringt gutes Hören ganz vielen Menschen Lebensqualität.«