Von Dennis Kraus / Fotos: OMNIdirekt
AUDIOLOGIE ZUERST
Mit dem Launch von Oticon Intent hat sich der Hersteller direkt auf die obligatorische Roadshow begeben. In 29 Städten machte man Station, um die neue Produktfamilie samt Technologie, neuem Chip und weiteren Innovationen vorzustellen. Über 1.000 Teilnehmende habe man insgesamt bei der Oticon Tour 2024 verzeichnen können. Das Interesse an den Neuheiten aus Dänemark war also abermals groß.
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Das ging schnell. Rund ein Jahr nach dem Launch von Oticon Real gibt es mit Oticon Intent die nächste Generation Premiumgeräte. Womit die bestechen, verrät ein Stück weit schon der Name. »Es geht darum, die Intention, den (Hör-) Wunsch eines Hörgeräteträgers zu erfassen«, eröffnet Horst Warncke. Der Leiter Audiologie der deutschen Oticon Niederlassung steht in Hamburg im Lindner Hotel am Hagenbecks Tierpark rund 60 Hörakustikerinnen und -akustikern gegenüber und wird für die nächsten 60 Minuten alles Wissenswerte über Oticon Intent berichten. In einem zweiten Vortragsteil wird der Produktmanager Sebastian Rählmann die mit den neuen Geräten sowie der im vergangenen Herbst vorgestellten ACT-Messung einhergehenden Neuerungen in der Genie-Software vorstellen. Danach folgen vier Workshops und zum Abschluss das beliebte Quiz – der Klassiker der Oticon-Roadshows der letzten Jahre.
Sensorik für die Signalverarbeitung
Erkannt wird die Nutzerintention mithilfe von 4D-Sensoren, die in die Oticon Intent Geräte eingebaut sind. Damit verfügt nun auch Oticon über Sensoren in den Hörgeräten. Nur nutzt der Hersteller die in erster Linie für die Signalverarbeitung und nicht für die Realisierung zusätzlicher Nutzen wie das Schrittezählen, Aktivitätstracking oder die Sturzdetektion. Audiologie zuerst.
Konkret erfasst wird mithilfe der Sensoren einerseits das akustische Umfeld. Gibt es Stimmen? Und wenn ja, aus welchen Richtungen kommen die? Über die Erfassung von Kopf- und Körperbewegungen soll andererseits erkannt werden, welchen Sprechern man zuhören möchte. Deren Stimmen werden über die Signalverarbeitung dann in den Vordergrund gestellt. »Wichtig ist hierbei, dass das keine Schalterfunktion ist«, betont Horst Warncke. Das heißt, dass die Geräte keine strikte Richtwirkung erzeugen, sondern die Sprache zwar hervorheben, aber alles andere nicht weitestmöglich absenken. »Das geht auf unseren BrainHearing-Ansatz zurück«, erklärt Horst Warncke. »Unser Gehirn ist ja darauf optimiert, immer rundum zu hören. Man möchte einem Sprecher zuhören aber weiterhin auch mitbekommen, was um einen herum passiert.« Das gleiche gelte für eine Gesprächssituation in einer Gruppe. Darauf ist das tiefe neuronale Netzwerk mit eben diesen Sensorinformationen trainiert worden, erklärt der Leiter Audiologie.
Für das Training des hier nun in der zweiten Generation zum Einsatz kommenden Deep Neural Networks (DNN) hat man also auch mit Bewegungssensoren erfasste Daten genutzt. Trainiert wurde das DNN so erneut nicht nur mit zwölf Millionen Klangbeispielen, sondern mit weiteren, die Nutzerintention erfassenden Klängen, aufgelöst auf 256 Kanäle. Das mit dem Oticon More eingeführte erste DNN wurde noch auf 24 Kanälen trainiert. Damit sorgt die zweite Generation des DNN auch für eine deutliche Verbesserung der Klangauflösung.
Bewegt man nun seinen Kopf nur wenig oder gar nicht, geht das Gerät von einem Einzelgespräch aus. Bewegt man den Kopf etwas mehr, etwa, um sich immer wieder anderen Sprechern zuzuwenden, folgern die Geräte, dass man sich in einem Gruppengespräch befindet. Wird wiederum Körperbewegung registriert, etwa beim Gehen, ist die räumliche Wahrnehmung »besonders wichtig«.
»Wir proklamieren ja schon lange, dass durch Hörgeräte auch die räumliche Wahrnehmung besser wird«, ergänzt Horst Warncke. Schließlich wisse man, dass Menschen mit unversorgtem Hörverlust häufiger stürzen. Und so versucht man bei Oticon eben auch, das räumliche Hören zu verbessern. Hat man beim Gehen außerdem jemanden neben sich, mit dem man spricht, würde der aber ebenso hervorgehoben, fügt Warncke an.
Gigantische Zugewinne
Die Zugewinne, die der Einsatz der Sensoren insbesondere beim Sprachverstehen ermöglichen, hat man bei Oticon selbstredend auch in zahlreichen Test gemessen. So erziele man mit dem Einsatz der Sensorik in Einzel- wie auch im Gruppengesprächen eine Verbesserung des SNR um bis zu 5 dB. »5 dB sind in der Audiologie gigantisch viel«, konstatiert Horst Warncke. Darüber hinaus konnte man mit dem Einsatz des neu trainierten DNN die Sprachverständlichkeit noch einmal um 12 Prozent verbessern, gemessen nach dem Speech Intelligibility Index (SII) nach Kilian.
Durch das Zuschalten der Sensortechnik komme man in puncto verbesserte Sprachverständlichkeit insgesamt sogar auf einen Zugewinn von bis zu 35 Prozent, verglichen mit dem Oticon Real. Bedenkt man, dass man, zumindest bei Wiederversorgungen, eher Menschen vor sich hat, die, sofern sie Premiumgeräte von Oticon tragen, ein Opn oder Opn S nutzen, ist der Gewinn für diese Personen noch einmal ungleich größer, so Horst Warncke.
»Die 4D-Sensoren verbessern also die Sprachverständlichkeit«, resümiert der Leiter der Audiologie bei Oticon. Das habe man nicht nur mit Messungen nach dem SII nachgewiesen, sondern auch mit EEG-Messungen sowie mit Sprachtests mit Probanden. Bei den Messungen mit Probanden habe man zudem einen zusätzlichen Gewinn von bis zu 15 Prozent festgestellt, ergänzt Horst Warncke.
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Einher geht all das mit dem Sirius Chip, der in Oticon Intent den Polaris Chip ablöst. Und je nach Situation kommen weitere Features hinzu. Für eher einfache akustische Umgebungen etwa das virtuelle Außenohr, das mit Oticon Real Einzug gehalten hat. In komplexeren akustischen Situationen kommt wiederum der Spacial Balancer zum Einsatz, der die Sprachsignale mit den Umgebungsgeräuschen in die gewünschte Balance bringt. »Das kann man in unserer Software jetzt auch noch besser einstellen«, ergänzt Horst Warncke. Damit berücksichtige man den immer wieder vorgetragenen Wunsch nach mehr Einstellungsmöglichkeiten.
In der Folge nennt Horst Warncke einige Vorzüge von Oticon Intent, die man seine Kundschaft direkt im Anpassraum erleben lassen könne – ohne Studien oder White Paper zu zitieren. Die Wirkung des Wind and Handling Stabilizers etwa sei sofort zu hören, halte man einen Ventilator an ein Gerät. Das Besondere sei hierbei, dass die Sprache nicht unter dem Feature leide. So regele man hier nur einzelne Kanäle im Millisekundentakt herunter, und das auch nur an dem Mikrofon, das mehr vom Wind beeinträchtigt ist als das andere. Das gleiche gelte für die Reduzierung der Handling-Geräusche, etwa beim Aufsetzen einer Mütze, Kapuze oder Brille.
Auch der SuddenSound Stabilizer sei für Kunden leicht erlebbar zu machen. Warncke zückt einen Kugelschreiber und drückt ihn ein paar Mal. Für klassischen Impulsschall eigentlich zu leise, reagieren die Oticon Intent Geräte, wie auch schon Oticon Real, bereits auf leisere Impulsschallereignisse und reduzieren das Signal für einige Millisekunden. Auch hierbei bleibe die Sprache aber weitestgehend unbehelligt. Dazu komme die Rückkopplungsunterdrückung, die das Fiepen verhindert, bevor es entsteht, indem die Verstärkung im nicht hörbaren Bereich abgesenkt wird. Auch hiervon bleibe Sprache vollkommen unbehelligt, betont Warncke. Positiver Nebeneffekt ist hier außerdem, dass die Geräte so kaum oder gar nicht unter der Zielverstärkung liegen.
»Genaugenommen könnte man sagen, wir haben Hörgeräte neu erfunden«, sagt Horst Warncke zum Ende des technischen Teils seines Vortrags. »Alles ist neu, von den Hörern über das Gehäuse und die Signalverarbeitung bis hin zur 4D-Sensortechnik und der zweiten Generation des DNN.«
Weiter verbesserte Konnektivität und der miniFit Detect Hörer
Auch auf die Konnektivität kommt Horst Warncke zu sprechen. »Bluetooth-Konnektivität scheint derzeit ja wichtiger zu sein als alles andere«, setzt er an. Und so habe man auch die bei Oticon Intent »deutlich verbessert«. So bietet Oticon Intend die neueste Generation von Bluetooth LE Audio. Zudem sind die Geräte Auracast ready.
Deutlich höher hängt man bei Oticon aber den neuen MiniFiti Detect-Hörer. Das neue Hörersystem kommt nicht nur mit einer neuen, besser an die Anatomie angepassten Kabelführung. Es kann sich auch selbst kalibrieren. Dadurch habe man nun eine Toleranz von nur noch + oder -1 dB. »Damit kommt das, was im Datenblatt steht, auch wirklich ans Ohr«, sagt Warncke. Zudem komme man so dem Thema bei, dass Kundinnen und Kunden, wenn sie von Demo-Geräten auf ihre eigenen wechseln, ab und an monieren, dass ihre Geräte anders klingen als die Demo-Geräte. Das liege daran, dass die Toleranz bei den Hörern zuvor noch größer bemessen war. Mit dem miniFit Detect Hörer sei das nun passé.
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Darüber hinaus biete der Hörer eine größere Breitbandigkeit. Die reicht nun von 80 bis 10.000 Hz. Und auch einige Informationen lassen sich auf dem Chip im Hörer speichern, etwa die Seriennummer, das Fitting-Level, die Hörerlänge und die Seite. Außerdem verfügen sie über einen Fehlermodus. »Wenn ein Hörer nicht mehr funktioniert, können die Geräte das nun per LED-Signal anzeigen«, so Warncke.
Neu ist auch das Ladesystem. Die neue Ladestation lädt die Systeme per Kontaktladung auf, was einen »sehr schnellen« Ladevorgang ermögliche. Binnen 15 Minuten lassen sich die Geräte für vier Stunden aufladen, nach zwei Stunden in der Ladestation sind sie komplett geladen und bieten Energie für rund 20 Stunden Nutzung.
Präziser arbeiten können
Durch den zweiten Teil der Roadshow führt in Hamburg Sebastian Rählmann. Der Produktmanager stellt die mit dem Launch von Oticon Intent einhergehenden Neuheiten in der Software Genie 2 / 2024.1 vor. Wie bei der Entwicklung neuer Geräte wolle man auch mit Blick auf die Fitting-Software immer besser werden, so »dass Sie noch präziser arbeiten können«, eröffnet Sebastian Rählmann.
Für die Anpassung von Oticon Intent gibt es in der Anpasssoftware eine neue Benutzeroberfläche. Zudem lassen sich jetzt, wie angekündigt, die Ergebnisse der ACT-Messung für die Anpassung von Oticon Real und Oticon Intent in der Genie nutzen. Die ACT-Messung, die sich in zwei, drei Minuten durchführen lässt, liefert bekanntlich Aufschluss darüber, wie gut ein Kunde im Störlärm Sprache verstehen wird. Das Ergebnis fließt jetzt über die Genie-Software in die Einstellungen der Automatiken. Damit erhält man schnell hilfreiche Informationen für die Anpassung. Aber auch bei der Beratung vorab können diese Informationen schon von Nutzen sein, um dem Kunden sein Hörbedürfnis darzulegen.
Neu ist außerdem ein Tool, das bei der Platzierung des Sondenschlauchs unterstützt. Hat man den Schlauch präzise platziert, erhält man nun eine Rückmeldung. Und auch das Datalogging lasse sich wegen der eingebauten Bewegungssensoren in Oticon Intent »erweitert nutzen«, berichtet Sebastian Rählmann. Als weitere hilfreiche Neuerung nennt der Produktmanager die Möglichkeit, die Geräte auch dann programmieren zu können, wenn sie in der Ladestation stecken. Zudem lasse sich über die Software eine PowerBass-Optimierung einstellen, um vor allem den Streaming-Signalen bei offener Versorgung »noch etwas mehr Wumms zu geben«, wie Rählmann sagt.
Ebenso geht er in seinem Vortrag auf den miniFit Detect Hörer ein. Der erlaube eine »um 57 Prozent präzisere Verstärkung«, sagt der Produktmanager. Möglich sei das, weil in dem Chip im Hörer auch sein Frequenzgang gespeichert wird. Schließt man den Hörer an das Gerät an, werde ein Vergleich mit dem Zielwert durchgeführt, anschließend kalibriert sich das Hörsystem samt Hörer selbst. Die Hörereigenschaften können zudem in der Software ausgelesen werden. Und auch die MPO für die Fitting-Level 60 und 100 habe man noch einmal gesteigert. »Da haben wir insbesondere in den Höhen nochmal deutlich Boden gutgemacht und 12 bis 15 dB gewonnen«, so Rählmann.
Als weitere Neuheit stellt Sebastian Rählmann die DemoFlex-Geräte vor. Mit denen verfügt nun auch Oticon über Demo-Geräte, die man auf die vier verschiedenen Technikstufen von Oticon Intent programmieren kann.
Verfügbar ist Oticon Intent seit Anfang März in den Technikstufen 1 bis 4 sowie in neun Farben. Neu sind hier Honigbeige und Himmelblau. Die Nutzung der Bewegungssensoren für die Signalverarbeitung bieten die beiden oberen Level. Die Konnektivität sowie die Möglichkeit, Anrufe per Tippen am Ohr anzunehmen oder zu beenden, bieten indes alle vier Technikstufen.
Auf die Vorträge folgen an diesem Nachmittag in Hamburg schließlich vier Workshops. In einem bekommt man Einblicke in den praktischen Nutzen der 4D-Sensortechnologie mithilfe von VR-Brillen. In einem weiteren demonstriert der audiologische Trainer Jens Mittelstädt am Klangfinder unter anderem die Unterschiede zwischen Oticon Real 1 und Oticon Intent 1. Der dritte Workshop dreht sich um die Neuheiten in der Anpassung mit der aktuellen Genie-Software unter Berücksichtigung der ACT-Messung und im vierten wird über die Marketingangebote und -möglichkeiten zu Oticon Intent informiert.
Bleibt zum Schluss das obligatorische Quiz, mit dem seit Jahren jede Oticon Roadshow endet und das an Spaß und Spannung nichts eingebüßt an. Sein Ziel, das Quiz zu gewinnen, hat der Autor dieses Textes übrigens erneut verfehlt. Er musste sich mit dem 10. Platz zufriedengeben.