DIGITALES MAGAZIN
036 | Juli 2024
14/25

Ein Rückblick auf die Zeit der Gründung der Akademie für Hörakustik

Von Rainer Hüls / Fotos: afh

Ein Hörsaal mit 150 Plätzen

In einem ersten Teil zur Geschichte der Akademie für Hörakustik erinnern wir an deren Gründungsphase.

Am 11. Oktober 1972 waren nach vier Jahren der Bemühungen um ein eigenes Ausbildungszentrum für Hörgeräteakustiker die wichtigsten Teile des Gebäudes fertig und konnten eingeweiht werden. In nur 15 Monaten nach dem Spatenstich waren ein Hörsaal mit 150 Sitzplätzen, ein Schulgebäude mit acht Theorie- und Praxisräumen sowie vier Unterrichtsräumen entstanden, die ab 1974 an die Landesberufsschule für Hörgeräteakustiker vermietet werden konnten. Da von Anbeginn eine »bundesoffene« Berufsschule mit Blockunterricht geplant war, mussten auch bezahlbare Unterkünfte für die Schüler, die aus der gesamten Bundesrepublik kommen sollten, geschaffen werden. Deshalb wurde dem Gebäudekomplex noch ein Internat angefügt, das 39 Betten hatte und ebenfalls rechtzeitig fertig geworden war. Zudem sollte in den Mittagspausen niemand hungern müssen, und so kam noch eine Küche mit Kantine hinzu, und schließlich auch ein Verwaltungstrakt mit vier Räumen, eine Heimleiterwohnung und ein Dozenten-Appartement. Investiert wurden insgesamt 4,1 Millionen Mark, wovon die Bundesinnung und der Schulverein zusammen ein Viertel selbst aufbringen mussten, die Bundesinnung über ein Darlehen und der Schulverein über die sogenannte Schulmark. 

Nachdem im Januar 1972 der Rohbau fertig war und das Richtfest nach den guten alten Traditionen des Bauhandwerks gefeiert werden konnte, war das Vertrauen der staatlichen Institutionen in das ambitionierte Projekt der Hörakustiker gewachsen. Das zeigte sich zum Beispiel an einer Anfrage des Bundesinstituts für Arbeitsschutz an Dr. Pistor. Das wollte wissen, ob es möglich sei, Hilfskräften des Instituts im Ausbildungszentrum die Erstellung von Tonaudiogrammen im Rahmen der Bemühungen seines Aufgabenbereichs »Verhütung von Hörschäden am Arbeitsplatz« beizubringen. Dr. Werner Pistor, der erste Vorsitzende der Bundesinnung, war über die Anfrage sehr erfreut und sagte sofort zu. Eine ganz ähnliche Anfrage erreichte ihn von der Bundesanstalt für Arbeit, die nach einer Ausbildungsstätte suchte, in der Audiometrie-Assistentinnen ausgebildet werden konnten. Außerdem wünschte sich die Bundesanstalt Unterstützung bei der Erarbeitung von Ausbildungsunterlagen. Auch hier zeigte sich Dr. Pistor hilfsbereit.  

Das Ausbildungszentrum konnte bei schönstem herbstlichem Wetter eingeweiht und der Schlüssel an ihren ersten Leiter, Dr. Walter Grandjot, übergeben werden. Der Zeitpunkt der Übergabe wurde als so bedeutend angesehen, dass man sogar die Uhrzeit in den Annalen genauestens festhielt: Am Nachmittag um 16.17 Uhr.

Der Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein und ehemalige Bundesforschungsminister Gerhard Stoltenberg schrieb in seinem Grußwort: »Ich bin tief beeindruckt von der Arbeit und Ausbildung der Hörgeräteakustiker. Dieses neue Handwerk verlangt über die rein handwerklichen Fähigkeiten hinaus ein umfassendes Wissen in mehreren wissenschaftlichen und technischen Disziplinen. Die Hörgeräteakustiker leisten einen wichtigen Beitrag im Bereich der gesundheitlichen Versorgung unserer Bevölkerung.« 

Weitere Glückwünsche und Grußworte in Präsenz kamen vom Lübecker Gesundheitssenator, von den Ministerialräten des Bundesarbeitsministeriums, vom Landesarbeitsamt Schleswig-Holstein, vom Zentralverband des Deutschen Handwerks, von der Handwerkskammer Lübeck und von der Elektrotechnischen Industrie. Dessen Vertreter für die Fachabteilung Hörgeräte, der beliebte »Papa« Kurt-Erich Döll sagte: »Für uns alle, die wir heute hier versammelt sind, scheint es nicht mehr glaubhaft zu sein, dass es noch keine fünfzehn Jahre her ist, dass die Vertreter der Hörgeräteindustrie, ausgerüstet mit dem Wandergewerbeschein, durch die Lande zogen, um ihre Waren feilzubieten, wie es die Behörden damals ausdrückten.«

Von den ausländischen Gästen sprachen Vertreter der drei französischen Fachverbände sowie der Fachverbände Großbritanniens, Italiens, Österreichs und der Schweiz. Irgendetwas klappt bei feierlichen Einweihungen für gewöhnlich in letzter Minute nicht. Hier war es das Gestühl, das nicht rechtzeitig eingetroffen war. Daher bat man die Gäste, auf den Stufen des Hörsaals mit einem Kissen Platz zu nehmen. Sie hatten Verständnis für die kleine Panne und nahmen sie mit Humor. In den Arbeitsräumen waren aber schon genügend Stühle vorhanden. Nach dem anschließenden Rundgang mit Dr. Grandjot durch das neue Gebäude und die interessanten Demonstrationen modernster technischer Akustik, bekannte Kurt Osterwald, der erste Chefredakteur der hörakustischen Fachpresse, dass er sich »schlechthin überwältigt« fühle, von dem, was er hier gesehen habe.