DIGITALES MAGAZIN
036 | Juli 2024
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Prof. Dr. Stefan Launer über Lärmpegel in Fußballstadien und deren Auswirkung auf die Emotionen der Zuschauer

Von Dennis Kraus / Foto: Sonova, Abb.: GEERS

Die Macht des Schalls:  Wie Akustik die Stadionerfahrung prägt

Nachdem GEERS und Borussia Dortmund eine Werbepartnerschaft für die kommende Bundesliga-Saison bekanntgegeben haben, wollte der Filialist ermitteln, wie laut es in einem Fußballstadion eigentlich werden kann. Es sollte aber nicht nur um Spitzenpegel gehen, sondern auch um die Frage, wie sich die Geräuschkulisse auf die Stimmung auswirken kann. Darüber sprachen wir mit Prof. Dr. Stefan Launer, Leiter der Grundlagenforschung bei der Sonova AG, zu der bekanntlich auch GEERS gehört.

Herr Prof. Launer, während des letzten Saisonspiels von Borussia Dortmund hat ein Team von GEERS Schallmessungen im Signal Iduna Park durchgeführt. Was wollte man da eigentlich herausfinden?

GEERS wollte so herausfinden, mit welcher Lautstärke das menschliche Gehör während eines Fußballspiels konfrontiert wird und inwiefern sich die Akustik in einem Stadion auf die Stimmung auswirken kann. Und so ergaben die Messungen, dass der Spitzenpegel während des Spiels bei 117 dB lag, der »leiseste« Pegel mit 85 dB wurde hingen während der Halbzeitpause gemessen.

In der Spitze 117 dB A – das klingt nach einer Hörsituation, in der eigentlich ein Gehörschutz ratsam wäre, oder?

Im Hinblick auf die Hörgesundheit, ja. Aber das wäre es auch in Diskotheken oder bei Festivals – selbst bei Klassik-Konzerten können solche Werte übrigens erreicht werden. Und da wäre es natürlich sinnvoll, Gehörschutz zu tragen. Aber in diesen Fällen scheint es wohl anregender zu sein, wenn es ein bisschen lauter ist. 

Den allermeisten Fans im Stadion scheint die Lautstärke in dem Moment jedenfalls eher keine Probleme zu bereiten. Spielt es dabei auch eine Rolle, ob man als Fan im Stadion zum Beispiel selbst mitsingt? Nach dem Motto, der Pegel, den ich selbst mitverursache, wird mir schon nicht schaden?

Das ist insbesondere mit Blick auf Sängerinnen und Sänger oder Musikerinnen und Musiker eine der großen Fragen. Denn die müssten sich ja eigentlich ständig selbst schädigen. Die Forschung ist hier übrigens noch gespalten, ob das wirklich der Fall ist oder ob das Ohr doch einen gewissen Schutzmechanismus hat. Was man hingegen weiß, ist, dass sich das Ohr, wenn der Pegel langsam anschwillt und es nicht gleich von Null auf Hundert geht, anders darauf vorbereitet. Dennoch sollte man hieraus nicht ableiten, dass man laute Schallpegel gut ertragen könne. Und wenn wir wieder das Fußballstadion nehmen – da hat sich die Akustik über die Zeit ja auch entwickelt. Noch in den 1970er-Jahren waren Fan-Gesänge nicht so üblich wie sie es heute sind. Da hatte man während des Spiels noch Musik abgespielt, um so die Stimmung anzufachen. Das ist heute vollkommen anders. Was ich in diesem Kontext außerdem eine schöne Bemerkung fände: Mir ist aufgefallen, dass wir als Organisation gerne Videos zeigen. Von denen sind dann alle begeistert. Ich denke mir da: Eigentlich sind es doch gar nicht die Bilder, die uns emotional beeinflussen. Es ist der Ton! Selbst wir, die wir uns täglich mit dem Hören beschäftigen, denken wir oftmals gar nicht daran. Dabei ist es der Schall, der das Salz in die Suppe bringt. Sie würden sich doch zuhause auch nie ein Fußballspiel ohne Ton anschauen. 

Was können Fan-Gesänge oder auch rhythmisches Klatschen im Stadion für einen Einfluss auf die Menschen haben? 

Das sind im Grunde zwei Dinge. Zum einen regen die einen an. Das ist wie mit Musik. Bestimmte Rhythmen und Frequenzen führen einfach dazu, dass man sich bewegen möchte. So etwas wie den Tanzmuffel gibt es eigentlich gar nicht. Hört man einen bestimmten Rhythmus, fängt man einfach an, sich zu bewegen. Natürlich kann man das dann unterdrücken, aber erste Impuls ist, dass man sich bewegen möchte. Und das sorgt dann dafür, dass die Herzfrequenz hoch- oder runtergeht, je nachdem, ob das Lied schnell oder langsam ist. Das führt bei Menschen zu emotionalen Reaktionen. Früher hatte man diese Rhythmen, um sich zu beruhigen oder um sich auf einen Kampf vorzubereiten und so zu signalisieren: Wir sind stark. Das ist das eine. Das andere ist die soziale und emotionale Bindung, die so entsteht. Und diese Wirkung haben auch Fan-Gesänge im Stadion. In der Forschung beschäftigt man sich damit inzwischen auch stärker, da man erkannt hat: Musik ist nicht nur ein Nebenprodukt unserer kulturellen Evolution, sondern hat wohl auch zur Evolution unserer sozialen Bindungen und Interaktionen beigetragen. 

Können sich die Fan-Gesänge in Stadion demnach auch potenzieren? Nach dem Motto, dass man einfach mit einstimmen muss?

Früher oder später wird man das tun, das ist einfach unheimlich ansteckend. Und das rührt daher, dass es sozial verbindet. Außerdem ist es natürlich ein Signal an die Mannschaft auf dem Platz, dass man sie unterstützt. Für die gegnerische Mannschaft ist es wiederum wie eine weitere Front, gegen die sie anspielen muss. 

In der Musik ist es oft der Bass, der einen sozusagen mitreißt. Die Fan-Gesänge im Stadion haben den hingegen nicht …

Der Bass fällt uns natürlich immer besonders auf, einfach, weil er sehr stark den Rhythmus treibt. Dazu habe ich mal eine neurophysiologische Erklärung gelesen. Demnach ist es so, dass sich im Gehirn das Hörzentrum und das motorische Zentrum gewissermaßen überlappen. Wenn also die Nerven des Hörzentrums bei einem Rhythmus zu feuern anfangen, müssen Regionen wie das motorische Zentrum zwangsläufig mitmachen. Das ist wirklich ein Wahnsinnseffekt. 

Welche Rolle spielen hierbei die Tempi? Warum funktioniert ein Tempo von 120 Beats per Minute besonders gut, wenn man zum Tanzen animieren möchte?

Gehen Sie joggen? Wenn Sie sich ihren Puls bei moderater Belastung anschauen, werden sie sehen, dass der bei etwa 120 Schlägen liegt. Steigt die Belastung, etwa, wenn Sie sprinten, kann er auch schon mal auf bis zu 180 Schläge die Minute hochgehen. Und auch, wenn man das evolutionär betrachtet, ergibt das Sinn. Wenn man auf die Jagd geht oder in den Kampf zieht, hat man zuvor diese Kriegstänze aufgeführt. Der Körper braucht offenbar diese Rhythmen, um Adrenalin auszuschütten und kampfbereit zu sein. Andersherum ist es übrigens genauso. Da hat man Schlaflieder, die eher ein langsames Tempo haben, was beruhigt und den Puls sinken lässt. 

Wie erleben Menschen mit einer Hörminderung zum Beispiel die Fan-Gesänge im Stadion? Sind die so laut, dass die Hörminderung da nicht mehr ins Gewicht fällt?

Dazu gibt es bisher wenig Forschung. Allerdings muss man hier auch differenzieren. Wir sprechen ja immer von der Hörminderung, aber die gibt es in dem Sinne ja eigentlich gar nicht. Das Spektrum einer Hörminderung ist riesig, von der milden über die moderate bis hin zur hochgradigen Hörminderung, dazu noch die ertaubten Menschen. Es hängt also immer davon ab, wie stark eine Hörschädigung ist. Bei einer milden bis moderaten Hörminderung wird man die Stimmung gut mitbekommen. Dennoch können diese Menschen weniger differenziert und vielleicht auch nur etwas verschwommen oder verzerrt hören. Und auch die Kommunikation mit den Menschen um sie herum wird diesen Menschen schwerer fallen bei so dermaßen lauten Störgeräuschen. Zumal Hörgeräte bei diesen Spitzenpegeln vielleicht auch mal an ihre Grenze kommen. Auf 117 dB A Eingangsschalldruck sind die Mikrofone gerade ausgelegt. Und doch kann es hier passieren, dass man auch mal mit Einschränkungen rechnen muss.

Und wie steht es um die Wahrnehmung von Emotionen bei einer Hörminderung? Kann eine milde bis moderate Hörminderung die beeinträchtigen? 

Das ist ein sehr spannendes und dazu noch recht junges Forschungsgebiet, das auch wir mit gepusht haben. Bei Menschen mit einer mittel- bis hochgradigen Hörminderungen ist die Fähigkeit, Emotionen differenzieren zu können, schon deutlich eingeschränkt, wenn es nicht um die ganz starken Emotionen geht, die man seinem Gegenüber auch schon vom Gesicht ablesen kann. Aber subtile Emotionen wie Ironie oder Sarkasmus klar differenzieren zu können, fällt diesen Menschen deutlich schwerer. 

Woran liegt das?

Zunächst nochmal zu dem Begriff der Schwerhörigkeit: Der legt im Grunde ja nahe, dass ein Schwerhöriger alles wieder normal hören kann, wenn man etwas insgesamt nur laut genug macht. Doch dem ist bekanntlich nicht so. Wenn Sie sich das Innenohr wie die Tastatur eines Klaviers vorstellen – bei Schwerhörigen können einige Tasten fehlen, oder sie sind mit anderen Tasten zusammengelegt, oder einer Taste fehlt eine Saite etc. Man könnte auch sagen, dass das gesamte Klavier verstimmt ist. Zudem ist das Auflösungsvermögen reduziert. Man hört leise Töne gar nicht mehr und laute Töne klingen normal. Auch die Frequenzen kann man nicht mehr so gut differenzieren, Richtungen nicht mehr so gut lokalisieren und zeitliche Muster nicht mehr gut wahrnehmen. Kurzum: Man kann nicht bloß schwer hören, man kann schwer Töne differenzieren und so insgesamt schwer verstehen. Und bei Emotionen geht es eben auch um subtile Sprachinhalte und Aspekte des Klanges. 

Wie gut können Hörgeräte das Ihrer Auffassung nach kompensieren?

Wesentlich besser als vor 20 Jahren. Wenn wir uns die modernen Hörgeräte von heute anschauen, die wirklich den ganzen Tag über getragen werden und mit denen die Menschen sehr zufrieden sind, dann lässt sich in jedem Fall sagen, dass Hörgeräte insgesamt die Lebensqualität deutlich verbessern. Aber das menschliche Ohr ist eine Wundermaschine, die sich nicht so einfach ersetzen lässt. 

Welche Rolle schreiben Sie hierbei der akustischen Ankopplung zu? 

Es ist wie beim Auto: Man braucht gute Reifen, um gut fahren zu können. Insofern ist die akustische Ankopplung sehr wichtig, nicht zuletzt, weil es sehr große, individuelle Unterschiede gibt. Es ist aber nicht die akustische Ankopplung allein, es ist auch die mechanische Ankopplung. Wenn man die Geräte zwölf oder mehr Stunden trägt, müssen die auch bequem und gut sitzen. Wir haben hier inzwischen auch sehr gute Standardlösungen entwickelt, da hat man sehr viel Forschung investiert, um Standard-Domes zu haben. Aber trotz allem sind wir nach wie vor der Meinung, dass eine individuelle Ankopplung das Beste ist, und zwar akustisch wie mechanisch.

Herr Prof. Launer, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.