Von Jan-Fabio La Malfa
»Ein unbeschreibliches Gefühl«
Alljährlich findet im mittelfränkischen Roth eine der weltweit größten Triathlonveranstaltungen statt: der »Challenge Roth«. Durch die Teilnahme des Hörluchs Teams waren auch jede Menge Hörakustiker aus ganz Deutschland dabei. Ein Bericht über persönliche Höchstleistungen für einen guten Zweck.
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Einen Marathon zu laufen, ist eine Herausforderung. Gleiches gilt für 180 Kilometer Fahrradfahren oder 3,8 Kilometer schwimmen. Warum nur muss man bei einem Triathlon auch noch alle drei Herausforderungen aneinanderreihen? Was lässt Menschen all das auf sich nehmen?
Darüber habe ich noch nie nachgedacht – bis vor ein paar Monaten Felix Ehrhardt anrief, der Marketingleiter von Hörluchs. »Kennst du den Challenge Roth?«, fragt er. Ich verneine. »Wir haben sieben Staffel-Startplätze für das Rennen erhalten. Das ist für diesen Triathlon eigentlich kaum möglich. Mir ist bewusst, dass ihr letztes Jahr erst über das Race Across America sowie das Team Hörluchs berichtet habt und dass das nicht euer Fokus ist. Aber dieses Event solltest du live erleben«, so Ehrhardt. Zumal einige Akustiker aus verschiedenen Fachgeschäften deutschlandweit mitmachen.
Hat man sich zuvor nie mit Triathlon beschäftigt, weiß man nicht, dass die »Challenge Roth« seit 2002 der weltweit größte Langdistanz-Triathlon ist. Mehr als 8.000 Athletinnen und Athleten reisen dafür Jahr für Jahr nach Roth in Mittelfranken. Am Renntag werden bis zu 300.000 Zuschauer erwartet. Das macht die »Challenge Roth«, nach dem berühmten Ironman auf Hawaii, zu den bestbesetzten und traditionsreichsten Triathlonveranstaltungen überhaupt.
Was steckt dahinter?
Bei der Vorbereitung auf das Thema frage ich mich, mit welcher Selbstwirksamkeitserwartung die Teilnehmer an den Start gehen. Untersuchungen zeigen, dass Personen mit einem starken Glauben an die eigene Kompetenz offenbar größere Ausdauer bei der Bewältigung von Aufgaben haben, eine niedrigere Anfälligkeit für Angststörungen oder Depressionen besäßen und mehr Anerkennung in Ausbildung und Berufsleben erfahren würden. Manche Psychologen vertreten gar die Auffassung, dass Selbstwirksamkeitserwartung ein natürliches Bedürfnis ist. Aber powert man sich deshalb bis zur Erschöpfung aus?
Wenn es nicht für die eigene Überzeugung ist, dann steckt sicherlich die Motivation dahinter, anderen zu helfen. Das Team Hörluchs setzt sich bekanntlich für wohltätige Zwecke ein – und das sehr erfolgreich. Im vergangenen Jahr konnte man 40.000,00 € an den RTL-Spendenmarathon »Wir helfen Kindern« übergeben. Die Regens Wagner Stiftung in Zell bei Roth, eine renommierte Einrichtung für Menschen mit Hörbehinderung und zusätzlichen Einschränkungen, erhielt einen Spendenscheck über 18.000 €. In diesem Jahr wird sogar eine Spendensumme von über 60.000 € durch Unterstützer aus der Branche und Trikot-Verkäufen erreicht – Chapeau!
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Die Vorbereitung
Neun Wochen, bevor am 7. Juli der Startschuss fällt, fahre ich erstmals zum Team Meet & Greet nach Hersbruck. Und so treffe ich an einem Sonntag bei Hörluchs auf 21 Sportlerinnen und Sportler, die sich auf den Wettkampf vorbereiten. »Hey, was machst du denn hier? Sag bloß, du machst auch mit?«, begrüßt mich Dominic Schmidt, der sich als Schwimmer für eine der sieben Staffeln beworben hat. Ich winke ab. Aber die ausgelassen gute Stimmung im Raum beginne ich zu spüren.
Hörluchs-Geschäftsführer Thomas Meyer stimmt das Hörluchs Team ein: »Ich bin sehr froh, dass heute auch Hubert Schwarz gekommen ist. Er ist Schirmherr des Team Hörluchs und coacht außerdem unsere ganz besondere Ü80-Staffel. Es ist wirklich bemerkenswert, was ihr leistet.«
Nachdem der Tagesablauf und alle Formalitäten abgesprochen sind, übernimmt Hubert Schwarz, der vor über 40 Jahren als Adjutant des legendären Gründers Detlef Kühnel den »Challenge Roth« mit aufbaute, das Wort. »Ich bin überzeugt, dass junge aber auch ältere Menschen aktiv sein sollten. Das heißt aber auch, sich auf seine Sinne – ob nun Auge oder Ohr – verlassen zu können. Ich weiß, was das heißt. Denn ich habe bedauerlicherweise einen Freund durch einen LKW-Unfall verloren«, so Hubert Schwarz, der schon mal mit dem Fahrrad in 80 Tagen um die Welt gefahren ist. Entsprechend sei er froh, mit Hörluchs einen Sponsor gefunden zu haben, mit dem er auch eine Botschaft verbinden könne und der im Einklang mit dem steht, was er mit der Hubert & Renate Schwarz Stiftung täglich versuche zu leben: sich für das gesundheitliche Wohl des Menschen einzusetzen.
Im Anschluss werden die einzelnen Athleten des Teams vorgestellt. Schnell werden ihre Motivationen erkennbar. Göran Schmidt, Meister bei Hörgeräte Bonsel, erklärt beispielsweise, sich gezielt für das Team Hörluchs beworben zu haben. »Triathlon ist das Ventil, das mich ausgleicht und stabil macht. Wenn ich vor der Arbeit Sport treibe, dann kann mich nichts mehr erschüttern. Alle Sorgen, Herausforderungen und Probleme bleiben beim Sport erst einmal liegen und man hat danach mehr Power für den Tag«, so Schmidt, der schon sechs Mal den Ironman in Frankfurt absolviert hat.
Sein Meisterkollege Gernot Schwarz hingegen fährt ausschließlich Rad, um den Kopf freizubekommen. Entsprechend sei der 59-Jährige überrascht gewesen, als er für das Team Hörluchs ausgewählt wurde. »Ich fahre im Jahr etwa 10.000 km und bin Teil der Oticon-Fahrradgruppe. Meine Frau sagt immer, dass man in der gleichen Zeit auch ein Haus renovieren könnte. Dennoch habe ich mich bei den geforderten fünf Stunden und 30 Minuten gefragt, was Hörluchs mit einem so alten Mann wie mir will. Aber als ich die Zusage für das Event erhielt, habe ich mich riesig gefreut. Ich bin riesig motiviert, mehr Stunden auf dem Rad zu verbringen«, so der Betriebsleiter einer auric-Filiale.
Ähnlich erfahren ist Richard Stöber von Hörgeräte Eisen. Wenn er keinen Sport treibe, könne er schon mal grantig werden. Zum Triathlon gekommen ist er über das Schwimmen. Irgendwann aber habe er aufgehört – bis Hörluchs-Geschäftsführer Meyer ihn auf dem letzten EUHA-Kongress auf den »Challenge Roth« ansprach. »Ich kannte Thomas schon, da gab es Hörluchs noch gar nicht. Er weiß, dass ich mehrfach in Roth teilgenommen habe. Da man in meinem Betrieb die Idee zum ›Challenge Roth‹ super fand, aber kein Mitarbeiter teilnehmen wollte, habe ich nach ein paar Wochen trotz meines Alters zugesagt«, sagt Stöber, der seine Ausbildung zum Hörakustiker bereits machte, als in Lübeck noch keine Unterbringung angeboten wurde.
Respekt vor der Herausforderung
Nach der Vorstellungsrunde verschwindet das Team zum Einkleiden – schließlich will man den Tag noch zum Trainieren und zum Einteilen der Staffelmannschaften nutzen. Als die einzelnen Gruppen ihre erste gemeinsame Einheit hinter sich gebracht haben, trifft man sich am späten Nachmittag am Hörluchs Campus, dem alten Stammsitz des Otoplastiklabors, um erste Eindrücke und Erfahrungen auszutauschen.
Trotz des anstrengenden Trainings ist die Vorfreude auf den Wettkampf im Team zu spüren. »Ich laufe zwar erst seit 18 Monaten und komme bei weitem nicht auf so viele Kilometer wie manch anderer hier, hoffe aber unter drei Stunden und 45 Minuten zu bleiben« erklärt Daniel Akyamac, der nach einem Fußbruchs mit dem Laufen begann, seiner Teamkollegin Dagmar Heidbreder am frühen Abend. Beide laufen in ihrer Freizeit, haben aber noch nie an einem Marathon teilgenommen, erst recht nicht am »Challenge Roth«. »Als ich die Zeitvorgaben vor Hörluchs erstmals sah, fühlte ich mich total gedisst. Drei Stunden und 30 Minuten schaffe ich nie. Man versteht das aber sofort, wenn man sich die Ergebnisse auf der ›Challenge Roth‹ sieht. Ich habe daher nicht damit gerechnet, dass sich Hörluchs bei meinen vier Stunden und einer Halbmarathonerfahrung bei mir meldet. Für mich ist das ein Traum. Gleichwohl habe ich einen riesigen Respekt vor diesem Lauf«, sagt die Meisterin, die in Bad Segeberg bei Frommer Akustik beschäftigt ist. »Respekt«, erwidert Jan Schnaut von Hörstudio Lollar, »den habe ich auch. Das wird in jedem Fall eine harte Nummer. Aber da ich ja sowieso jeden Tag laufe, dachte ich, meine Profession und mein Hobby gleichzeitig miteinander zu verbinden, ist wirklich cool. Klar, ist es ein flacherer und schnellerer Wettkampf für mich. Doch wer weiß, vielleicht schaffe ich die drei Stunden. Hart trainieren werde ich auf jeden Fall.«
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Der Wettkampf
Neun Wochen später startet der »Challenge Roth«. Nachdem das Team bereits am Samstag angereist war, gemeinsam trainiert und am Abend den Ablauf für das Rennen besprochen hat, geht es am 7. Juli in aller Frühe los. Während die Läufer noch etwas länger schlafen dürfen, versammeln sich die Schwimmer und Radfahrer gegen 8 Uhr auf einer komplett vollgeparkten Wiese am Rande Heubergs am Main-Donau-Kanal. Von dort aus ist es zwar nur ein kleiner Weg bis zum Schwimmstart nahe der Staatsstraße 2225. Aber Manuel Zitzler, kaufmännischer Betriebsleiter bei Hörluchs, der die Teams über den Tag hinweg begleitet, warnt. Man dürfe die Menschenmenge auf dem Weg dorthin nicht unterschätzen. Zwar seien es nur wenige hundert Meter bis zum Start. Der Weg dorthin könne aber gerne mal eine halbe Stunde dauern.
So kommt es dann auch. Erst nach einiger Zeit und Mühe erreichen wir die Brücke, die bereits von Menschenmassen übersät ist. Hier hört man auch die Startschüsse, die den Main-Donau-Kanal Im Sekundentakt entlang hallen. Plötzlich erkennt man von oben einen Strudel im Wasser, der einer Waschmaschine gleichkommt. »Viel wird von dem Wasser abhängig sein. Im kalten Wasser zu schwimmen, ist etwas völlig anderes als im warmen Schwimmbad. Mal schauen, wie nahe ich an meinen Rekord herankomme«, sagt Dominic Schmidt, der früher Leistungsschwimmer war, auf dem Weg zum Start.
Während sich die Schwimmer in ihren Neoprenanzügen auf den Start vorbereiten, ziehen die Fahrradfahrer zum Fuhrpark weiter. Der hat sich inzwischen zwar zu großen Teilen geleert. Dass dort noch zwei Stunden zuvor Tausende von Rädern gestanden sein müssen, ist jedoch offensichtlich. Die Spuren auf der Wiese sind unverkennbar.
Am Eingang zum Fahrradpark ist Schluss für mich. Da nur Athleten Zutritt erhalten, entscheide ich mich, mich am Ziel der Schwimmer zu postieren. Noch immer donnern die Startschüsse in kurzen Abständen. In noch viel kürzeren Abständen steigen die Schwimmer aus dem Wasser. Die Führenden Magnus Ditlev, Thomas Bishop, Rudy Van Berg sowie die beiden Deutschen Anne Haug und Laura Phillip sitzen zwar in jenem Moment schon längst auf ihren Rädern, doch das macht nichts. Jeder Teilnehmer wird frenetisch bejubelt. Aus den Boxen am Ziel dröhnt Musik und nahezu jeder Ankommende wird mit Namen begrüßt. Ich hole den Schallpegelmesser heraus und staune über einen Durchschnittspegel von 105 Dezibel in freier Natur. An fehlenden Gehörschutz denkend, schaue ich mir die Ohren der vorbeiflitzenden Schwimmer an. Tatsächlich, die meisten tragen vorbildlich ihren Schwimmschutz.
Mittlerweile brummt unentwegt das Smartphone, die WhatsApp Gruppe von Hörluchs, da nun die Hörluchs Schwimmer im Wasser sind, werden die ersten Glückwünsche verschickt. Ebenso bemerkt man im Chat, dass die Nervosität steigt. Die Frage, wie der Transponder anzubringen ist, macht die Runde. Im Ziel geht es währenddessen Schlag auf Schlag. Es steigen derart viele Athleten aus dem Wasser, dass ich befürchte, die Hörluchs-Athleten zu verpassen. Irgendwann erkenne ich dann doch, wie Sascha Trage aus dem Wasser steigt. Dann sehe ich auch Richard Stöber und Dominic Schmidt. Ob die anderen bereits vorbei sind?
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Um auch die Radfahrer kurz zu sehen, schlage ich mich zurück zur Brücke durch. Da die Radfahrer diese zweimal passieren müssen, habe ich vielleicht gute Chancen, das eine oder andere Foto zu machen. Ich habe Glück. Kaum bin ich oben, rauscht Paul Thelen an mir vorbei. Die Anstrengung scheint ihm nichts ausmachen. Der Ü80-Vorzeigeathlet strahlt. Ebenso gelingt es mir, das Führungstrio rund um den Dänen Magnus Ditlev zu sehen, das sich bereits im Schlussspurt befindet, um zum Lauf überzugehen. Während ein Radfahrer nach dem anderen an mir vorbeifährt, füllt sich der Gruppenchat immer weiter. Ein Bild nach dem anderen trullert ein: der Stolz in den einzelnen Gesichtern kaum zu übersehen.
Ganz besonders die Ü80-Staffel sorgte beim Einlauf in das Stadion für Aufsehen. Haben sie doch tatsächlich einen Weltrekord aufgestellt. »Noch nie hatte ich einen solchen Einlauf nach einem Wettbewerb.«, wird Paul Thelen später am Abend noch sein Teamkollegen erzählen. »Diesmal bin ich 4:14 gelaufen. Nur zwei Minuten langsamer als vor zwei Jahren. Da hat das Älterwerden wohl nicht viel ausgemacht.«, erklärt Werner Stöcker stolz und Paul Thelen fügt amüsiert hinzu: »Werner hat beim Einlauf nochmal richtig angezogen. Der wollte unbedingt unter der 4:15-Marke bleiben.« »Ich bin so stolz auf alle Teams. Jeder einzelne hat alles gegeben.«, so Geschäftsführer Thomas Meyer zum Abschluss einer langen aber umso erfolgreicheren Challenge.
Als ich auf der Heimfahrt den Chatverlauf durchgehe, merke ich, welche Begeisterung und Euphorie im Team Hörluchs herrscht. Daniel Akyamac schrieb beispielsweise: »Das Rennen war der Hammer! Den Kanal entlangzulaufen, schien endlos. Durch die Anfeuerungen der jubelnden Zuschauermassen war das aber ab einem gewissen Punkt kein Problem mehr. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Wenn man in Roth unter tobendem Applaus in das prall gefüllte Stadion hereinläuft und zu Partymusik dein Name aufgerufen wird und du mit deinen Teamkameraden zusammentriffst, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl und pure Gänsehaut!«