DIGITALES MAGAZIN
038 | September 2024
23/24

»Mut für alles, was jetzt kommt«

Von Jan-Fabio La Malfa Fotos: OMNIdirekt,EUHA/FotoRechtnitz

»Mut für alles, was jetzt kommt«

Vom 16. bis 18. Oktober in Hannover findet der 68. EUHA-Kongress statt. Grund genug, das Gespräch mit EUHA-Präsidentin Beate Gromke zu suchen.

Frau Gromke, mit welchen Erwartungen fahren Sie im Oktober nach Hannover?

Ich denke, wir können voller Zuversicht nach Hannover fahren. Wir sind sehr zufrieden mit dem Verlauf des letztjährigen Kongresses und haben uns über die vielen Teilnehmer sehr gefreut. Wenn man bedenkt, dass das nach Corona der erste Kongress war und wir schon in Nürnberg ein paar Neuerungen präsentieren konnten, macht das Mut für alles, was jetzt kommt. Deswegen bin ich auch froh, dass wir mit Dänemark ein neues Partnerland gewinnen konnten. Jeder in der Branche weiß, dass mehrere Hersteller dort ihren Ursprung haben. Dass es ein so kleines Land mit so viel Innovation in der Akustik und derartiger Geschichte wert ist, Partnerland des EUHA-Kongresses zu werden, dürfte großen Zuspruch erhalten. Unsere kurze Anfrage jedenfalls ist sofort auf großes Feedback gestoßen, und man hat sich in Dänemark darüber sehr gefreut.

Wen haben Sie denn da angesprochen?

Wir sind auf Horst Warncke zugegangen. Wer, wenn nicht er, könnte da geeigneter sein. Er kennt sowohl den Kongress als auch die dänische Herstellerwelt seit über 40 Jahren. Er hat auch keinen Moment gezögert und uns gleich die Kontakte zur Verfügung gestellt, die wir brauchten. Er war sehr umtriebig. Ich muss sagen, Horst Warncke hat einen richtig tollen Job gemacht.

Haben Sie dann vorwiegend den Industrieverband angesprochen oder sind Sie auch auf den Berufsverbrand zugegangen?

Natürlich wollten wir in diesem Zuge auch auf die dänischen Akustiker zugehen. Man muss aber sehen, dass es eine wissenschaftliche Vereinigung wie die EUHA dort nicht gibt. Das zeigt erneut die großen Unterschiede in Europa. In Österreich, Deutschland und Schweiz besitzen wir eine duale Ausbildung, andernorts geht man oft den medizinischen, universitären audiologischen Weg. Es gibt allerdings die Danish Acoustical Society (DAS) mit ihrem Vorsitzenden Dr. Lars Bramsløw. Ein Stück weit stellt sie unser Pendant dar, auch wenn es in Dänemark ebenso Hörakustikbetriebe gibt wie bei uns. 

Welches Ziel verfolgen Sie bei der Wahl eines Partnerlandes?

Das Wichtigste ist zunächst einmal, dass neue Kontakte geknüpft werden. Mit der Schweiz war das relativ einfach, eben weil es ein Pendant zu uns gibt und wir die gleiche Sprache sprechen. Für Dänemark gilt nun, dass wir die wissenschaftliche Seite stärker aufzeigen können. In Dänemark gibt es mehrere Universitäten und Hochschulen. Mit Professor Torsten Dau und Professor Tobias Neher, die lustigerweise aus Deutschland kommen, haben wir ja wundervolle Keynote-Speaker gewinnen können, die sicherlich einen Einblick bieten werden. Ich bin mir sicher, dass viele Themen angesprochen werden, die wir künftig in Hörgeräten, deren Dienstleistungen sowie Anwendungen logischerweise wiederfinden werden.

Ich bin vor allem über den Beitrag von Professor Dau gestolpert, der einen Vortrag über Kompensationsstrategien halten wird. Das hat ja zerebrale Verarbeitungsaspekte …

Richtig, und da steckt etwas von dem drin, was wir mit Dänemark im Sinn hatten. In keinem anderen Land, vielleicht außer in den USA, wird so viel Forschung betrieben wie dort. Neben Deutschland ist Dänemark also eine der führenden Nationen, die in der Hörforschung einen maßgeblichen Beitrag dazu leistet. Genau genommen sind sie einer der Vorreiter. Sich damit zu beschäftigen, kann also kein Fehler sein. Gerade Professor Dau ist weltweit sehr, sehr anerkannt. Entsprechend wollen wir unseren Mitgliedern zeigen, an welchen Themen gearbeitet und geforscht wird, wie etwa der Frage, wie man einen Hörverlust kompensiert. Natürlich geht Professor Dau dabei auf die Sachen ein, mit denen wir uns auch seit Langem beschäftigen. Er stellt diese Ansätze gegenüber und zeigt auf, welche Möglichkeiten und Grenzen es dort auch gibt. Denn – das darf man nie vergessen – wir sprechen stets über Individualisierung. Entsprechend kompensiert auch jeder individuell.

Hinzu kommen noch die verschiedenen technischen Ansätze, die in der Industrie verfolgt werden …

Sehr wohl. Der eine geht vom Zentralen aus, der andere sagt, wir gleichen das einfach mit Pegeln aus, indem wir das Ganze erhöhen.

Das bedeutet doch, dass der Kunde mit der Hörsystementscheidung eine individuelle Kompensation vornimmt, und das müsste ja ein Akustiker entsprechend auf unterschiedlichste Art und Weise einschätzen können, ob ein Produkt bei einem Kunden funktioniert oder nicht.

Ja, genau. Das Gute ist nun, dass das wissenschaftlich hinterlegt ist. Und wir zeigen jetzt auf dem Kongress, wie weit man da wissenschaftlich vorgedrungen ist.

Wenn Sie das so ansprechen, dann vermute ich, sehen Sie im Hinblick auf die Technik noch ein großes Entwicklungspotenzial.

Wenn wir solche Vorträge und Personen einladen, dann erwarten wir uns natürlich auch Erkenntnisse. Ziel muss sein, im Nachgang mitmachen zu können, wenn Erkenntnisse den Weg in Produkte gefunden haben. Es nützt uns nichts, wenn wir als fachwissenschaftlicher Verein den Kongress repräsentieren und als Fachleute solche Erkenntnisse und Entwicklungen nicht zusammenbringen können. In diesem Fall würden wir dann unseren Job nicht richtig machen. Das ist so wichtig, und deswegen hoffen wir, dass möglichst viele die Vorträge besuchen. 

Wie zufrieden sind Sie eigentlich mit dem Zulauf bei den Vorträgen, wenn man mal sieht, dass jedes Jahr 8.000 Besucher an dem Kongress teilnehmen? Sehen Sie da eine Entwicklung, seitdem sie das Amt übernommen haben?

Was auffällt, ist, dass viele Wissenschaftler unseren Kongress nutzen, um zusammenzukommen. Abseits der Vorträge entwickeln sich also Netzwerke, was wiederum einen Nutzen anstoßen kann. Denn es sind ja nicht nur die Vorträge selbst, die einen Nutzen erbringen. Wichtig ist der Austausch, egal auf welcher Ebe-ne. Ziel muss es doch sein, nicht nur europaweit zu agieren, sondern weltweit. Ich habe bereits die USA angesprochen, aber auch Australien und China sind am EUHA-Kongress interessiert und auf der Industrieausstellung vertreten. Gerade bei der Teilnehmerzahl, die immer höher sein könnte, ganz klar, sehen wir einen Zuwachs. Wir erhoffen uns durch die Neuerungen, wie etwa den kostenfreien Kongressbesuch für Azubis und Studierende, aber einen noch stärkeren Zulauf. Wir wollen unserem Branchennachwuchs zeigen, dass es etwas bringt, sich weiterzubilden.

Sie rechnen also noch einmal mit mehr Zulauf?

Ja, schließlich soll der Kongress noch bekannter werden. Manchmal, das habe ich ja auch schon gehört, wird der Kongress nur mit der Industrieausstellung verbunden. Doch das ist nicht so. Deswegen bringen wir dieses Jahr auch beide Veranstaltungsbereiche mehr zusammen. Wir verzahnen die Industrieausstellung mit den Vorträgen, indem wir dieses Jahr die EUHA-Live Area durchführen werden. Das wird eine ganz tolle Bühne.

Ist das mehr als Get-together gedacht oder sollen wirklich tiefere Informationen vermittelt werden?

Die EUHA-Live Area wird eine Art Bühne mit vier Eckpunkten sein, die als gemeinsamer Sammelpunkt gesehen werden kann. So soll dort zum Beispiel die Eröffnung stattfinden, die früher meist gegen Mittag durchgeführt wurde. Das haben wir jetzt vorgezogen, zumal die beiden Veranstaltungsbereiche sehr voneinander entfernt waren, wenn man mal sieht, dass das Durchschneiden des EUHA-Bandes als Eröffnung der Industrieausstellung separat stattgefunden hat.

Sie meinen, hier ist der Kongress, dort die Industrieausstellung?

Genau, und das möchten wir nun ein wenig größer darstellen. Unabhängig von der großen Ehre, dass der niedersächsische Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, Dr. Andreas Philippi, ebenso ein paar Worte sprechen wird, geht es bei der EUHA-Live Area um mehr, da sie als Anlaufpunkt zum Netzwerken gedacht ist. Schließlich wollen wir den Azubis einen Anlaufpunkt bieten und auch neue Mitglieder gewinnen. Und das am besten aus ganz Europa. Entsprechend finden wir es sehr positiv, dass einige Hersteller bereits angekündigt haben, ihre Launches in Zukunft wieder auf dem Kongress stattfinden lassen zu wollen. Dadurch wird der Kongress nochmals an Attraktivität gewinnen. Und nicht zuletzt müssen wir unserem Partnerland Dänemark wie auch Start-ups eine Chance geben, sich zu präsentieren. Auch hierfür wird die EUHA-Live Area ein Anlaufpunkt sein. 

Was erhoffen Sie sich vom diesjährigen Future Friday?

Zum einen wollen wir uns auch an dieser Stelle mit unserem Partnerland Dänemark beschäftigen. Da der Future Friday den Fokus immer auf die Zukunft richtet, werden da nicht nur Hörsystemthemen behandelt, sondern wir werden mit unseren vier absolut hochkarätigen Sprechern auch versuchen, den Blick über den Tellerrand hinaus zu richten. KI, digitale Gesundheit, wofür wir Prof. Dr. David Matusiewicz eingeladen haben, aber auch Themen wie die digitale Transformation oder Einblicke zum CI werden auf dem Future Friday Gegenstand sein. Ich finde, ob maschinelles Lernen CI-Trägern etwas bringt, ist gewiss eine spannende Frage, für die es sich lohnt vorbeizuschauen, genauso wie der Handelszukunftsforscherin Theresa Schleicher zuzuhören, welche Zukunft deutsche Innenstädte haben. Vorbeischauen lohnt in jedem Fall. Aus Dänemark spricht Sergi Rotger-Griful Ph. D. zum Thema „Kommunikationsherausforderungen bei Menschen mit Hörverlust: Einblicke und zukünftige Wege für audiologische Anwendungen“.

Wie bewerten Sie die Entwicklung der EUHA im letzten Jahr?

Ich nehme mal jetzt Ihr derzeitiges Lieblingswort in den Mund: Changemanagement (beide lachen). Nein, im Ernst, wir versuchen, in ganz vielen Dingen vorauszudenken und unser Tun der neuen Realität anzupassen. Und wenn man will, dass Dinge angenommen werden, dann braucht es Zeit. Von daher kann ich sagen: Wir sind digitaler geworden, sind viel auf Social Media unterwegs, präsentieren und kommunizieren aber auch viel. Erkennbar wird dies etwa an unserer Digitalen EUHA-Frühjahrstagung, in die wir viel Power gesteckt haben. Obwohl wir wissen, dass Online nicht die persönliche Anwesenheit ersetzt, ist es einfach wichtig, präsent zu sein und mitzumachen. Ebenso haben wir im Expertenkreis Hörakustik mit den Leitlinien weitere Fortschritte erzielt. Mit diesen wollen wir deutlich machen, wie eine optimale Anpassung zum heutigen Stand auszusehen hat. Zudem sind der erste und der zweite Teil zur Beratung fertig geworden, und gerade aktualisieren wir die CI-Leitlinie, zu der es ebenfalls ein Tutorial auf dem Kongress geben wird. Darüber hinaus freuen wir uns, dass auch in diesem Jahr der Audiotherapiekurs in Lübeck gut angenommen wurde. Hier nochmals ein Dank an die biha und an die Akademie, die uns mit ihren tollen Räumlichkeiten jedes Jahr die Möglichkeit geben, den Kurs dort abhalten zu können. Nicht zuletzt haben wir die Geschäftsstelle umstrukturiert, und auch hier sind wir deutlich schlanker und digitaler.

Im November folgt gleich der HNO-Kongress in Mannheim. Werden Sie auch hier mehr Präsenz zeigen?

Wichtig ist, dass wir stetig Präsens zeigen. Entsprechend werden wir nach dem EUHA-Kongress auch da wieder in den Startlöchern stehen. Den Faden bzw. die Kommunikation zwischen den niedergelassenen HNO-Ärzten und uns aufrechtzuerhalten, ist für uns immer von Bedeutung. Gleiches gilt für die DGHNO, also die Klinikärzte, oder die DGPP, also die Phoniater und Pädakustiker. Beispielsweise hatten wir letztes Jahr Professor Mürbe von der Charité auf dem Kongress zu Gast, der als Präsident der DGPP einen lebendigen Austausch mit uns pflegt. Auch in diesem Jahr haben wir ihn wieder eingeladen. So wollen wir zeigen, dass wir offen in alle wissenschaftlichen Richtungen blicken und den Austausch suchen.

Man hört immer wieder, dass sich auch die opti interessiert, die Hörakustik stärker auf ihre Messe einzubinden. Wie bewerten Sie das? Wo sehen Sie den EUHA-Kongress im Vorteil?

Aufgrund der Tatsache, dass es „Optik-Akustiker“ gibt – wie man so schön sagt –, liegt der Gedanke ja nahe, mit nur einer Messe alles abzudecken. Doch man muss auch ehrlich sein. Optik-Akustiker stellen nicht die Mehrheit des Marktes dar. Ich glaube nicht, dass ein reiner Akustiker dort hingehen würde. Nicht, dass die opti nicht gut gemacht wäre, man sich nicht Einiges abschauen und sich gegenseitig befruchten könnte, doch ich denke, dass Fokussierung wichtiger ist. 

Frau Gromke, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.