Von Dr. Melanie Krüger, Bianca Volke / Fotos: audiosus
Höranstrengung endlich messen – ACALES
Lange war subjektive Höranstrengung nicht messbar. Eine in Kooperationen entstandene Systemlösung des Hörzentrums Oldenburg und der audiosus GmbH nahm sich dieses Themas an. Dr. Melanie Krüger, ACALES-Entwicklerin, Leitung Produktentwicklung & Vertrieb am Hörzentrum Oldenburg, und Bianca Volke, Hörakustikmeisterin und verantwortlich für den Bereich Business Development bei audiosus GmbH, geben einen Einblick, wie es zur Entwicklung des Messverfahrens kam und welche neuen Potenziale zur ganzheitlichen Betrachtung der Hörgeräteversorgung dabei eröffnet werden.
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Bequem vorlesen lassen:
Es war ein langer, anstrengender Arbeitstag. Zahlreiche Termine und Gespräche – ständig musste ich zuhören und mich konzentrieren. Jetzt, da der Tag endlich zu Ende ist, spüre ich die Erschöpfung deutlich und freue mich auf die Ruhe meiner Couch. Aber warum bin ich eigentlich so müde? Schließlich war es doch ein gewöhnlicher Tag – oder doch nicht? Ich hatte Online-Meetings, die Klangqualität war oft schlecht und ich musste mich besonders anstrengen, jedes Wort zu verstehen. Zu allem Überfluss hat mein Sitznachbar unentwegt mit Papier geraschelt. Kein Wunder, dass ich mich ausgelaugt fühle. Es war ein Tag, der mein Gehör auf die Probe gestellt hat.» So könnte man sich eine beispielhafte Beschreibung eines Betroffenen vorstellen.
Dieses Phänomen wird als Höranstrengung bezeichnet. Dabei muss das Gehirn mehr kognitive Ressourcen aufwenden, um Sprache zu verstehen. Es arbeitet intensiver, um Verständnislücken zu schließen oder wichtige Informationen von störenden Geräuschen zu trennen. Diese zusätzliche Anstrengung führt oft zu schnellerer Ermüdung, Konzentrationsproblemen und emotionaler Erschöpfung. Höranstrengung betrifft sowohl Menschen mit Hörbeeinträchtigung als auch Normalhörende – der Unterschied liegt vor allem im Ausmaß der Belastung, die individuell stark variieren kann. Zudem wird die Anstrengung sehr individuell und – abhängig von der jeweiligen Situation – sehr unterschiedlich wahrgenommen.
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Objektive Methoden zur Messung der Höranstrengung
Höranstrengung kann auf verschiedene Weise gemessen werden, da sie sowohl subjektive als auch objektive Aspekte umfasst. Objektive Messmethoden erfassen die körperlichen Reaktionen auf die kognitive Belastung. Ein Beispiel dafür ist die Pupillometrie, bei der die Pupillenerweiterung als Indikator für Höranstrengung dient. Da sich die Pupillen unter erhöhter kognitiver Belastung vergrößern, lässt sich so die Anstrengung beim Verstehen von Sprache erfassen. Eine weitere Methode ist die Elektroenzephalografie (EEG), bei der die Gehirnaktivität während des Hörens gemessen wird. Bestimmte Muster im EEG deuten auf kognitive Anstrengung hin.
ACALES als subjektive Methode zur Messung der Höranstrengung
Subjektive Messmethoden hingegen beziehen die persönliche Wahrnehmung der betroffenen Person ein. Eine gängige Methode ist das adaptive Verfahren ACALES (Adaptive Categorical Listening Effort Scaling), das die subjektive Höranstrengung ermittelt. Dabei werden Sätze des Oldenburger Satztests, wie zum Beispiel »Peter hat drei schwere Dosen« in einem Störgeräusch vorgespielt und der Zuhörer bewertet auf einer Skala von »mühelos« bis »extrem anstrengend«, wie anstrengend es war, dem Sprecher zu folgen. Auf Basis dieser Bewertung wird ein neuer Signal-Rausch-Abstand berechnet, um den individuellen Bereich der Höranstrengung zu bestimmen – von »mühelos« bis »extrem anstrengend«.
Einsatzgebiet: Wo traditionelle Sprachverständlichkeitsmessungen an ihre Grenzen kommen
Höranstrengung kommt besonders da zum Tragen, wo traditionelle Sprachverständlichkeitsmessungen keine Unterschiede mehr sichtbar machen können. Selbst wenn die Sprache im Vergleich zum Hintergrundgeräusch lauter wird, bleibt die maximale Sprachverständlichkeit bei 100 Prozent, auch wenn das Verstehen von Sprache durch die zunehmende Lautstärke spürbar leichter wird. Diese Veränderung in der Höranstrengung lässt sich mit Hilfe von ACALES sichtbar machen.
Messung der Höranstrengung als Mehrwert in der Hörgeräteversorgung
Höranstrengung ist vor allem bei der Versorgung mit und Einstellung von Hörgeräten ein wichtiger zusätzlicher Faktor. Hörgeräte sollen nicht nur das Sprachverstehen verbessern, sondern dies möglichst mit einer geringen Höranstrengung umsetzen. Um einen Vergleich mit Normalhörenden zu haben, wurden in einer wissenschaftlichen Studie am Oldenburger Hörzentrum mit 70 normalhörenden Probanden und Probandinnen Referenzdaten aufgenommen. Diese Daten dienen als Grundlage, um den Erfolg von Hörgeräten hinsichtlich der Reduzierung von Höranstrengung zu bewerten und zu optimieren.
Wissenschaft zieht in den Praxisalltag ein
Melanie Krüger promovierte zum Thema Höranstrengung und entwickelte das Messverfahren ACALES maßgeblich mit. Das subjektive Bauchgefühl messbar machen war dabei die Intention, um ein tieferes Verständnis zur Hörgeräteversorgung für Hörgeräteträger und Hörakustiker zu schaffen. Im Jahr 2022 ist audiosus auf dieses Verfahren aufmerksam geworden und startete 2023 die Kooperation mit dem Oldenburger Hörzentrum. Binnen kürzester Entwicklungszeit wurde das Verfahren zur Messung der Höranstrengung in das europaweit patentierte Anpasssystem aurelia integriert und für den Hörakustik-Alltag optimiert.
»Durch die Kooperation mit dem Oldenburger Hörzentrum und der Integration von ACALES in unser Anpasssystem aurelia ist es jetzt möglich, die subjektive Hörerleichterung von Hörgeräteträgern zu messen und ihnen und dem Hörakustiker sichtbar und verständlich zu machen. Diese neuen Werte schaffen für uns in der Hörakustik ein viel tieferes Verstehen für unseren Kunden in seiner Gesamtheit, die wir in die Hörgeräteversorgung mit einfließen lassen können. Es schenkt uns ein neues Bewusstsein und bindet auch wieder stärker Themen wie Hörtraining oder Hörtaktik auf dem Weg für ein leichteres und anstrengungsfreieres Hören mit ein. Die Rolle des Hörakustikers als kompetenter und vertrauensgebender Fachexperte gewinnt dadurch zusätzlich an Stärke – und das unabhängig davon, ob die Hörsysteme mit einem aurelia-Anpasssystem oder mit einem traditionellen Anpassverfahren eingestellt werden«, erklärt Christoph Stinn, Inhaber und Mitgründer von audiosus GmbH.
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Eine neue Art der Vertrauensbildung
Die Ermittlung des Themas sowie das Sichtbarmachen der Höranstrengung ist die Basis für vielerlei Aspekte in der gesamten Hörgeräteversorgung. Der größte Benefit liegt dabei in der neuen Art der Vertrauensbildung zwischen potenziellem Kunden und Hörakustiker.
Denn auch bei der Messung der Höranstrengung ist der Kunde im Mittelpunkt und wird aktiv in den Prozess seiner Hörgeräteversorgung miteinbezogen. Je nach kognitivem Zustand des Kunden kann der Hörakustiker dabei zwischen einer vereinfachten und einer umfassenderen Skalierung zur Bewertung der Höranstrengung wählen. Dabei wird zuerst der Ist-Zustand der Höranstrengung ohne Hörgeräte ermittelt. Im Vergleich dazu kann dann die Messung mit Hörgerät erfolgen. Die Differenz der beiden Messungen ergibt einen Verbesserungsquotienten, der den Betrag der neu gewonnenen Hörerleichterung zeigt. Dieses Ergebnis ist sofort sichtbar und bildet eine eindeutige Orientierung in der Beratung und Versorgung für Kunde und Hörakustiker.
Für den Kunden sind diese Messwerte leichter nachvollziehbar und geben somit das Gefühl, dass sich die Beratung des Hörakustikers mit den ermittelten Messwerten deckt. Das stärkt noch einmal mehr das Vertrauen, beim Hörakustiker richtig aufgehoben zu sein.
Neben dem Verbesserungsquotient zeigt eine weitere Darstellung, in welchen Situationen der Kunde wieviel Höranstrengung aufbringen muss. Sind es eher die leichten Situationen, wie Eins-zu-Eins-Gespräche in ruhiger Umgebung, mittlere oder komplexe Situationen. Auch hier wird im Vergleich zu einer Messung mit Hörgeräten der Gewinn an Hörerleichterung sofort sichtbar und nachvollziehbar. In Abhängigkeit der Leistungsklasse lassen sich auch die Wirkungsweisen der Hörgerätefeatures für ein leichteres Hören ermitteln und visualisieren. Das Bauchgefühl des Kunden wird damit messtechnisch sichtbar und schenkt eine neue Sicherheit bei der Wahl seiner optimalen Hörgeräteversorgung.
Optimale Hörgeräteeinstellung? ACALES deckt auf
Mit ACALES kann dem Kunden ein klarer Weg zur Optimierung der Hörgeräteeinstellung oder ein Hörtraining aufgezeigt werden. Dieses zeigt sich beispielsweise dann, wenn die Messergebnisse mit Hörgeräten in leichten, mittleren oder schwierigen Hörsituationen geringer als im Vergleich zur Messung ohne Hörgeräte oder dem möglichen Vergleichsgeräten ausfallen. Mit der gemeinsamen Betrachtung des Tonaudiogrammes lassen sich so konkret Rückschlüsse ziehen, ob die aktuelle Hörgeräteeinstellung möglicherweise zu leise oder das Kompressionsverhältnis gar zu hoch gewählt wurde. Das Besondere an ACALES ist, dass nach den Optimierungsmaßnahmen sofort eine Erfolgsmessung die Auswirkung auf die Höranstrengung sichtbar macht.
Kunden mit einem starken Recruitment kann so beispielsweise auch das mögliche Verbesserungspotenzial mit einem Hörtraining und langsamer Adaptation der Hörgeräteeinstellung deutlich und nachvollziehbar aufgezeigt und die Erfolgsschritte sichtbar gemacht werden.
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Einsatzmöglichkeiten in der Customer Journey
Das Ziel einer Hörgeräteversorgung besteht darin, dem Kunden ein einfaches und natürliches Hören und Verstehen zu ermöglichen. Dafür stehen Hörakustikern neben traditionellen Anpassverfahren auch kundenfokussierte Anpassverfahren zur Verfügung. »Je leichter wir unseren Kunden das Verstehen auch in schwierigen Situationen wieder bestmöglich herstellen können, um so größer ist seine Widerstandsfähigkeit, in Lärm und stressigen Situationen besser zu hören. Wir bei audiosus nennen es HörResilienz. Mit ACALES können wir die Höranstrengung messen und daraus die HörResilienz des Kunden ermitteln«, so daher Christoph Stinn.
Mit dem Bewusstsein, dass die Stärkung der persönlichen HörResilienz das Wohlbefinden nachhaltig fördern kann, eröffnen sich neue Wege, um gutes Hören und besseres Verstehen aus einer modernen, ganzheitlichen Perspektive zu betrachten. Ein gesundes Gehör wird somit zu einem wichtigen Schlüssel für das persönliche Wohlbefinden und die allgemeine Gesundheit. Wenn es der Hörakustikbranche gelingt, den Fokus ihrer Außenwirkung von der reinen Produktbewerbung noch stärker hin zu den individuellen Bedürfnissen und der Gesundheit ihrer Kunden zu verlagern, dann schärft die Branche ebenso das Bewusstsein, den Menschen in seiner ganzheitlichen Betrachtung wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken – genau dorthin, wo er hingehört. Beim Experten vor Ort im Fachgeschäft.