Von Dennis Kraus / Fotos: OMNIdirekt
Phonak launcht Infinio Plattform
Anfang August stellte Phonak die Infinio Plattform vor. Die obligatorische Roadshow startete bereits Ende des Monats, im September folgten eine Präsentation für die Presse sowie ein »Green Carpet Event« mit den Kunden in Berlin. Die zu verkündenden Neuigkeiten würden großartig sein, versprach der Hersteller.
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Die Freude über die Innovation schwang rund um den Launch in sämtlicher Kommunikation mit. Als Steffen Kohl und Sven Kreher dann am 7. August aus dem Sphere in Las Vegas, einem kugelförmigen Veranstaltungszentrum mit der weltweit größten LED-Wand, auf Sendung gingen und den Start der Infinio Plattform verkündeten, dürfte die Aufmerksamkeit sogar im doppelten Sinne dem Sphere gegolten haben. Denn neben den bekannten Leistungsklassen, die es natürlich auch auf der Infinio Plattform gibt, hat Phonak eine weitere Kategorie aufgemacht: Infinio Sphere, verfügbar in den Leistungslassen 70 und 90. Und ohne das Potenzial der regulären Technikstufen geringschätzen zu wollen: dass der Leiter Marketing von Phonak Deutschland sowie der Leiter Audiologie vor den Kameras primär über Sphere sprachen, verwundert nicht.
Zusammengefasst lässt sich folgendes berichten: Das Phonak Audéo Infinio Sphere ist das »weltweit erste Hörsystem mit einem speziellen, tiefe neuronale Netze (DNN) verwendendem Chip«. In den Sphere-Geräten arbeitet also ein extra Chip für die Signalverarbeitung durch ein DNN. DEEPSONIC hat man den selbst entwickelten Chip getauft. Den »Deep Sound Optimized Neural Integrated Chip« hält man bei Phonak für einen »absoluten Gamechanger«. Er ermögliche als einziger Chip in der Branche den Einsatz sogenannter »starker künstlicher Intelligenz«.
DEEPSONIC biete im Vergleich zu den Chips des Wettbewerbs eine 53 Mal schnellere Verarbeitungsgeschwindigkeit. 7,7 Milliarden Rechenoperationen pro Sekunde sollen möglich sein. Das in dem Chip arbeitende DNN habe man mit 22 Millionen Klangszenarien trainiert, so dass es für eine »einzigartige Sprachverständlichkeit« auch in lärmigen Situationen sorge. Es könne Störlärm und Sprache unterscheiden und voneinander trennen, unabhängig von den Richtungen, aus denen Sprache kommt. Der StereoZoom ist hier nicht mehr nötig. Von 10 dB SNR-Verbesserung durch das DNN spricht man bei Phonak und nennt das Spheric Speech Clarity. Selbst bei offenen Versorgungen soll der Benefit noch groß sein.
Die Präsentation
Als ein Team von Phonak gut einen Monat nach dem Launch in Las Vegas Journalisten in Berlin empfängt, ist die eingangs erwähnte Freude weiterhin spürbar. Mit einer Präsentation der neuen Technologie sowie einer Talkrunde möchte der Hersteller der berichterstattenden Zunft seine neuen Errungenschaften näherbringen. Eine Woche später feierte man, ebenfalls in Berlin, mit den Kundinnen und Kunden den Start der Infinio Plattform in Deutschland. Die entsprechende Roadshow war bereits Ende August gestartet. In 26 Terminen in 13 Städten verschafften sich so rund 700 Teilnehmende bei der »Catch the Bus«-Tour einen tieferen Eindruck von Infinio und Infinio Sphere. Grüne Wochen im Spätsommer.
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Dass sowohl die Präsentation für die Journalistinnen und Journalisten als auch das »Green Carpet Event« in Berlin stattfanden, ist kein Zufall. Zum einen ging an jenem 5. September, an dem man die Presse eingeladen hatte, die Eröffnungsgala der IFA über die Bühne, die sicherlich auch manchen Technik-Journalisten in die Hauptstadt führte. Zum anderen spielt Berlin bei der Entwicklung des DNN, das in dem DEEPSONIC-Chip arbeitet, eine wichtige Rolle.
»Vor nicht ganz zehn Jahren kamen zwei Studenten der ETH in Zürich auf uns zu und hatten so einen Algorithmus«, erzählt Stefan Launer während der Presseveranstaltung. Die Sonova beginnt, die beiden Studenten zu unterstützen. »Dann sind die nach Berlin gegangen und haben ein Start-up gegründet. Und irgendwann kamen sie zurück und sagten: Wir haben da was ziemlich Cooles«, so der VP Audiology & Health Innovation bei der Sonova in Stäfa weiter. 2018 war zu vernehmen, dass die Sonova das Start-up übernommen hat. 2019 stößt der Software-Entwickler Hennig Hasemann zu Audiatic und man beginnt, ein neuronales Netz zu entwickeln, das Hintergrundgeräusche aus einem Signal entfernen und nur Sprache übriglassen kann. In den Audéo Infinio Sphere-Geräten wird heute freilich noch etwas Geräuschkulisse beibehalten, so dass man nicht völlig vom gesamten akustischen Szenario abgeschnitten wird. Aber so ging es 2018 los.
Zunächst, erinnert Hennig Hasemann, lief das DNN wegen der benötigten Rechenleistung auf einer Serverfarm. Dem Ziel, es in Hörgeräten nutzen zu können, näherte man sich Schritt für Schritt. Der nächste war, es auf einem Laptop laufen zu lassen, später auf einem Smartphone, danach kamen die Hörgeräte.
Wie man es schafft, dass etwas, was anfangs mit sehr hohem Stromverbrauch und sehr hohem Rechenaufwand auf einer Serverfarm läuft, in Hörgeräte zu implentieren, erklärt Hennig Hasemann so: »Letzten Endes geht es um Zahlen, die berechnet werden. Arbeite ich auf einer Serverfarm, kann ich Zahlen als sogenannte Fließkommazahlen darstellen, also mit sehr hoher Präzision. Möchte ich das im nächsten Schritt vereinfachen, wäre eine Möglichkeit, Fixpunktzahlen zu verwenden, also Zahlen ohne Nachkommastelle. Damit spare ich schon mal Rechenleistung.« Zudem brauche es beim Training eines DNNs noch eine andere Genauigkeit als später beim Ausführen. Was ebenso hilft, ist, ein kleineres Netzwerk zu finden. »Jetzt haben wir 4,5 Millionen neuronale Verbindungen«, sagt Hasemann. »Anfangs hatten wir vielleicht das Zehnfache.« Es geht also auch darum, eine Architektur zu finden, die das gleiche zu leisten imstande aber dennoch schlanker ist. Auch das Verfeinern der Trainingsmethoden hilft, dazu kommt außerdem die stetig größer werdende, auch in kleinsten Chips realisierbare Rechenleistung bei gleichzeitig sinkendem Stromverbrauch.
Um letztlich die eigenen Pläne umsetzen zu können, musste man bei Phonak dann aber doch einen eigenen Chip designen. Kein am Markt verfügbarer Chip habe das leisten können, was man brauchte. Und so stehe man mit DEEPSONIC nun »an einer Stelle, an der es vorher noch nichts gab«, wie Henning Hasemann sagt. »Wir gehen davon aus, dass wir mit dem Chip die nächsten zwei, drei Jahre einen technischen Vorsprung haben werden«, fügt Sven Kreher an.
Der Nutzen des DNN
Die bereitstehende Leistung nutzt das Audéo Infinio Sphere, um Signale unabhängig von Klassifizierungen zu verarbeiten. Die Geräte müssen die akustische Umgebung nicht mehr erkennen, um dann das passende Programm zu aktivieren, das anhand statistischer Regeln das Signal verarbeitet. Nun generalisieren die Geräte. Darauf hat man das DNN mit 22 Millionen Klangbeispielen sowie etwa einer Million Bewertungen von Probanden trainiert. »Dadurch kann es in jeder Situation erkennen, was Sprache ist und was Hintergrundgeräusch«, sagt Henning Hasemann. Michael Preuß, leitender Audiologe des Sphere-Projekts in Stäfa, kann hierzu ein Beispiel aus seiner persönlichen Erfahrung geben. Wegen eines Hörverlusts trägt er selbst Hörgeräte, seit neuestem natürlich Audéo Infinio Sphere. Er erzählt, wie er mit den Geräten erstmals in einer Situation zurechtkam, die für ihn bisher nur mit Mühe und Raten, was der Gesprächspartner gesagt haben könnte, lösbar war: im Flugzeug im Gespräch mit dem Flugbegleiter beim Bestellen eines Kaffees.
Allerdings arbeitet das DNN in den Infinio-Sphere-Geräten nicht permanent. Es wird automatisch dazugeschaltet, wenn die Umgebungsanalyse 59 dB oder mehr Geräuschkulisse misst. Wünscht man sich als Nutzerin oder Nutzer die Wirkweise des Netzwerks, wenn die Umgebungsanalyse es nicht aktiviert, lässt es sich über die myPhonak-App aber auch manuell aktivieren. Genauso lässt es sich auch manuell abschalten, wünscht man es gerade nicht. Wie viel der Geräuschkulisse noch durchkommt, lässt sich in der Anpassung regeln.
Neues dazu lernt das DNN in den Infinio-Sphere-Geräten nicht. Würde man im realen Betrieb lernen, liefe man Gefahr, dass sich das Netzwerk auch in ungewollte Richtungen entwickeln könnte, erklärt Henning Hasemann. Für Updates und Weiterentwicklungen aber werde man es freilich weiterlernen lassen. Denkbar sei etwa, das DNN darauf zu trainieren, bestimmte Signale wie die Türklingel oder eine Sirene ebenso als Nutzschall zu erkennen. Auch das Identifizieren bestimmter Sprecher wäre etwas. Der DEEPSONIC-Chip »gibt uns viele Möglichkeiten für weitere Anwendungen«, sagt Stefan Launer. Ebenso werde man daran arbeiten, das DNN noch energieeffizienter zu machen, ergänzt Henning Hasemann.
Über den Energieverbrauch des DNNs ist bereits viel spekuliert worden. Dass der etwas höher ist, daraus macht Phonak kein Geheimnis. So hat man in den Audéo-Infinio-Sphere-Geräten einen Akku in der Größe einer 13er Batterie verbaut, was das Gehäuse ein klein wenig voluminöser macht. Deshalb braucht es auch einen eigenen Charger für die Geräte. Die Akkulaufzeit gibt Phonak mit 16 Stunden an, 3,5 Stunden DNN-Nutzung sowie normales Streaming mitberücksichtigt. Die fünf Jahre Garantie für den Akku gewährt der Hersteller auch hier.
Ihren Preis hat die neue Technik natürlich auch. »Für den deutschen Markt haben wir gegenüber den bisherigen Geräten einen Aufschlag von etwa 10 Prozent«, sagt Sven Kreher.
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Wie kommuniziert man das?
Auch darüber, wie man die Vorteile der Infinio-Sphere-Geräte potenziellen Kundinnen und Kunden näherbringen kann, wird bei dem Pressetermin in Berlin gesprochen. Die Frage habe das Team in Fellbach anfangs vor »Herausforderungen gestellt«, berichtet Sven Kreher. Spreche man in der Beratung über tiefe neuronale Netze und künstliche Intelligenz, könnte das für Kunden womöglich kompliziert klingen.
Und so setzt man bei Phonak unter anderem darauf, dass die Akustikerinnen und Akustiker die Eindrücke, die sie von den Infinio-Sphere-Geräten haben, an ihre Kundschaft berichten. Während der »Catch the Bus«-Tour konnten alle Teilnehmenden die Geräte für eine gute Stunde in verschiedenen Situationen tragen. In Hamburg etwa fuhr man mit dem »Catch the Bus«-Bus erst zum Michel und danach zur Elbphilharmonie. Mithilfe der mit den Geräten ausgehändigten iPhones konnte man währenddessen munter zwischen den Programmen wechseln und den Akku-Status im Blick behalten. Im Bus etwa redeten viele durcheinander, dazu lief Musik. Ein passendes Szenario für den Genuss von Spheric Speech Clarity. Auf dem Vorplatz des Michels, mit dem lärmenden Verkehr der Ludwig-Erhard-Straße, bot sich ebenfalls ein Szenario, um den Unterschied zwischen StereoZoom und Spheric Speech Clarity hören zu können. Vor der Elbphilharmonie ließ sich außerdem das Gespräch bei Wind erleben.
Diese Erfahrungen könne man dann in die Beratung bringen, sagt Kreher.
Die Infinio Plattform
Ein wenig im Schatten von Infinio Sphere stehen die »normalen« Infinio-Geräte. Dabei hätte man, sagt Sven Kreher, nach einem ausführlichen Blick auf die Infinio Plattform mit dem neuen ERA-Chip auch schon von einem starken Launch gesprochen.
74 Prozent mehr Speicherkapazität, 552 Millionen Rechenoperationen die Sekunde – ob Signalverarbeitung, Konnektivität oder Energiemanagement, alles hat Phonak mit dem ERA Chip weiter verbessert. Auf der Roadshow spricht Sven Kreher etwa von »audiophiler Klangqualität«, die man durch die neue Vorberechnung mit der APD 3.0 sowie der neuesten Version von AutoSense unterstütze. Zudem habe man sich die sogenannten Harman Kurven als Vorbild genommen. So will man einen Klang erreichen, wie man ihn von guten Kopfhörern kennt – mit etwas mehr Bass, neutralen Mitten und etwas mehr Verstärkung in den oberen Frequenzen. So sollen die Geräte vom ersten Moment an Kundinnen und Kunden klanglich überzeugen.
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Ebenso hat man den Komfort weiter steigern können, berichtet Sven Kreher, und das auch mit Blick auf die unteren Technologiestufen. So ist die Impulsschallreduzierung nun ab der 30er-Stufe verfügbar. Komfort in halligen Situationen hat man außerdem in die APD 3.0-Vorberechnung implementiert, so dass dieses Feature ebenfalls auf der Technikstufe 30 angeboten wird. Des Weiteren hat man die Konnektivität verbessert. Die Verbindung sei beim Streamen nun noch stabiler. Ebenso konnte man die Reichweite steigern. »Der neue Chip hat eine bis zu sechs Mal höhere Übertragungsleistung«, sagt Sven Kreher. In der Folge überträgt beim Telefonieren nicht mehr zwangsläufig das Gerät rechts hinter dem Ohr die eigene Stimme an das Smartphone. Ist die Verbindung vom linken Gerät die bessere, funkt das das Signal. Zudem habe man durch die Orientierung an den Harman-Kurven auch beim Streamen den Klang weiter verbessern können. Und obendrein sind die Infinio-Geräte Aurcast-ready.
Für mehr Zuverlässigkeit sorgt außerdem die Parylene-Beschichtung, die Phonak bisher allein beim Audéo Life angeboten hat. Dieser Schutz, der deutlich über die IP 68 hinausgeht, ist bei allen Infinio-Geräten Standard, so Kreher.
Verfügbar ist auf der Infinio Plattform aktuell das Audéo in den Technologiestufen 70 und 90. Dazu kommt das Infinio Sphere ebenfalls in den Stufen 70 und 90. Ergänzt wird das Portfolio von einer CROS-Lösung, die dank des verbesserten Energiemanagements ebenfalls verlässlich 16 Stunden Akkulaufzeit bieten soll. Die 30er- und 50er-Technikstufen für die RIC-Systeme sowie die Virto-IdO-Familie werden folgen.
Um abschließend nochmal auf die Infinio-Sphere-Geräte zu sprechen zu kommen. Was bei der Präsentation in Berlin wie auch auf der Roadshow, neben der Freude, ebenfalls zwischen den Zeilen zu vernehmen war: Der Launch markiert einen neuen Anfang. Die Möglichkeiten scheinen unendlich.