Von Dennis Kraus / Fotos: Rheinton Audiocademy
Rheinton startet Schulungsformat mit IHK Zertifikat für Hörberater:innen
Welche Qualifikationen sollten Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger mitbringen? Die Rheinton Audiocademy möchte das Profil des Hörberaters definieren und hat dafür den Kurs »Hörberater:in IHK« aufgesetzt – mit On-Demand-Videos, validiert von der Industrie- und Handelskammer Wiesbaden. Wer den absolviert, erhält nicht nur ein Zertifikat der IHK. Auch für den Arbeitsalltag im Fachgeschäft soll man danach gerüstet sein. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer der Rheinton Audiocademy Andreas Perscheid und Michael-Rouven Heyder, verantwortlich für die Unternehmensentwicklung, über die Einzelheiten.

Herr Perscheid, Herr Heyder, an der Rheinton Audiocademy bieten Sie seit Oktober dieses Jahres einen, wie Sie es nennen, »deutschlandweiten Bildungspfad für Hörberater:innen« an, bei dessen Abschluss man ein Zertifikat der IHK erhält. Was hat Sie dazu bewogen, den Kurs aufzusetzen?
Perscheid: Wir haben eine große Nachfrage nach Quereinsteigermodellen festgestellt. Also haben wir uns angeschaut, welche Angebote es für deren Qualifikation überhaupt gibt. Dabei stellten wir fest, dass es im Grunde alles Mögliche gibt – vom Wochenende mit Freuden bei Kaffee und Kuchen bis zu Angeboten, bei denen mehr Technik gelehrt wird als in der Meisterausbildung. Mit anderen Worten: Quereinsteiger, die in einem Fachgeschäft für Hörakustik arbeiten wollen, sind nicht weiter definierte Lückenfüller. Das kann man doch weder diesen Menschen noch den Betrieben antun. Also haben wir analysiert, was gebraucht wird.
Und?
Perscheid: Nach unserer Auffassung braucht es sowohl passende Inhalte für die Qualifikation als auch einen vernünftigen Abschluss mit Zertifikat. Hörberater sollen ja nicht einfach Menschen sein, die nebenher ein bisschen im Fachgeschäft arbeiten. Uns geht es darum, hier einen neuen Berufsweg aufzumachen, so dass Hörberater aktiv zum Geschäft beitragen können und dabei gewisse Standards erfüllen. Darum haben wir unseren Kurs für Hörberater mit IHK-Zertifikat aufgesetzt – damit am Ende ein weiterer Profi mit im Geschäft steht.
Was lässt Sie davon ausgehen, dass es dafür viele Interessenten geben wird? Wenn man den Beruf wechseln möchte, könnte man doch auch einfach die reguläre Ausbildung machen. Oder man arbeitet für eine bestimmte Zeit im Fachgeschäft und beginnt dann gleich mit der Meisterausbildung …
Perscheid: Die Entscheidung für die klassische Ausbildung ist oft mit finanziellem Engagement sowie dem Commitment verbunden, sich für drei Jahre auf eine neue Sache einzulassen, von der man noch nicht weiß, ob sie für einen die richtige ist. Wenn man nach der Schule klassisch in die duale Ausbildung geht, fällt einem das vielleicht nicht auf. Bei Quereinsteigern hingegen sieht das anders aus. Abgesehen davon sehen wir bei vielen unserer Kunden, dass sie ihre Ausbildungsstellen nicht mehr besetzen können. Und das liegt nicht daran, dass kein Interesse mehr besteht, sondern dass die klassische duale Ausbildung für zunehmend mehr Menschen nicht mehr in ihr Lebensmodell passt. Natürlich kann man sich jetzt fragen, warum das so ist, aber das sehen wir nicht als unsere Aufgabe. Wir sehen unsere Aufgabe darin, den Bedarf zu decken. Ich sehe das als eine Chance. Und mit dem Kurs haben wir nun ein Berufsbild light gebaut, das dem Jahr 2024 entspricht.
Da Sie von einem Berufsbild light sprechen: Der von Ihnen angebotene Kurs ist auf neun Monate angesetzt, die Gesellenausbildung auf drei Jahre …
Perscheid: Wir haben die Anforderungen den Fakten angepasst. Bei uns geht es eher weniger um Technik, sondern viel mehr um Soft Skills. Die sind heute wichtig. Wie komme ich mit meinem Gegenüber ins Gespräch? Wie berate ich gut? Wie gehe ich mit Reklamationen um? Dazu kommen die bürokratischen Aufgaben. Für die muss man doch keine Gesundheitshandwerker einsetzen. Für all das wollen wir die Quereinsteiger qualifizieren, so dass man mit denen seinen Laden laufen lassen kann – bis zu dem Moment, in dem die Hörgeräte angepasst werden.
Was wird in dem Kurs zum Hörberater IHK vermittelt?
Heyder: Nach dem Kurs wird man 80 Prozent der Dinge, die im Tagesgeschäft anfallen, bedienen können. Eingangs geht es darum, eine gewisse Fachterminologie zu lernen, so dass man überhaupt im Fachgeschäft ankommen und mit den Kolleginnen und Kollegen über die Arbeit sprechen kann. Darauf folgt der Technikteil. Anschließend beginnt der psychologisch-kaufmännische Teil, in dem es um Themen wie Beratung und Verkauf sowie Kommunikation geht. Dafür arbeiten wir in unseren Lernvideos stark mit Perspektivwechseln, so dass auch die Seite der Kunden dargestellt wird. Zudem sind die vermittelten Themen immer fallbezogen und nicht nur theoretisch. Dazu kommen noch organisatorische Themen, von Lager und Logistik bis zur Abrechnung mit den Kassen.
Perscheid: Und weil es eine IHK-Ausbildung ist, unterwerfen wir uns einem de-facto Qualitätsstandard. Das heißt, der komplette Kurs mit allen Inhalten wurde von der IHK validiert. Die Projektarbeit, die am Ende geschrieben wird, wird von der IHK kontrolliert. Die erlernten Kommunikationsfähigkeiten, die Fähigkeiten als Berater und Verkäufer sowie das Wissen zum technischen Background nimmt also die IHK ab. Das Zertifikat gibt am Ende ebenfalls die IHK aus, damit haben wir als Rheinton Audiocademy nichts mehr zu tun und können auch nicht beeinflussen, wer den Kurs besteht. Es ist also ein richtiger Zertifikatslehrgang.
Heyder: Auch der Bewertungskatalog ist transparent, so dass nie der Eindruck entsteht, hier würde etwas nach Bauchgefühl benotet. Es gibt also einen abgestimmten, akkreditierten Katalog für die Bewertungsgrundlagen.
Wer schwebt Ihnen als potenzieller Teilnehmer vor?
Perscheid: Neben den schon genannten Quereinsteiger:innen aus unserer Sicht auch jede Gesellin und jeder Geselle.
Wirklich?
Perscheid: Ja, unbedingt. Den dreimonatigen Technikteil können die natürlich überspringen. Die Möglichkeit besteht. Aber was wir darüber hinaus vermitteln, haben die in ihrer Ausbildung nicht gelernt. Grundsätzlich halten wir den Kurs aber für jeden, der im Fachgeschäft arbeitet, für sinnvoll.
Heyder: Weil der Bedarf an Quereinsteigerinnen und -einsteigern, wie gesagt, immer weiter steigt, halten wir den Zugang zu diesem Kurs außerdem bewusst so niedrigschwellig wie möglich. Und weil viele Interessierte wahrscheinlich zuletzt vor vielen Jahren etwas im Ausbildungskontext gelernt haben, vermitteln wir für den Einstieg außerdem Lernmethodiken und das Sich-Selbst-Organisieren-Können.
Ist es eine Voraussetzung für die Teilnahme, dass man in einem Fachgeschäft arbeitet?
Perscheid: Theoretisch können Sie den Kurs auch einfach so machen. Aber wenn man bereits in einem Fachgeschäft arbeitet, führt einen das auf dem Karrierepfad natürlich schneller voran. Der Kurs ist so konzipiert, dass man ihn sozusagen on the job macht. Was ich mir aber auch gut vorstellen kann, ist, die ersten drei Monate, also den Technikteil, vorab zu machen. So käme man schon mit Basiswissen ins Fachgeschäft, was für den Einstieg in den Job sicherlich hilfreich ist.
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Den Unterricht absolviert man komplett online mit On-Demand-Videos. Fehlt den Teilnehmenden da nicht etwas? Gemeinsam lernt es sich ja oft besser …
Perscheid: Arbeitet man parallel bereits im Fachgeschäft, ist man ja schon in einer Gemeinschaft. Das sehe ich als großen Vorteil. Und nachdem man die Grundlagen erlernt hat, kann man schon beginnen, sein Profil zu schärfen. Hat man zum Beispiel die Berater-Inhalte durchgearbeitet, hat man gelernt, Kunden zu steuern und so vorzubereiten, dass die Akustiker optimal mit ihnen arbeiten können. So entsteht auch keine Konkurrenzsituation zu den Kolleginnen und Kollegen. Jeder hat seine festen Aufgaben. Und wenn dazu noch zu wenige Akustiker da sind, werden die sich doch über die Entlastung freuen, die ihnen ein Hörberater verschafft. Und ja, wir sind eine reine Online-Plattform, aber man kann uns jederzeit persönlich erreichen. Vorab beraten wir die Interessenten auch schon und klopfen ab, ob das Thema überhaupt etwas für sie ist. So wollen wir verhindern, dass jemand mittendrin abbricht, weil er mit einem Mal merkt, dass das alles nicht sein Ding ist. Wir wollen davon wegkommen, nur die zu bekommen, die irgendwie einen Job brauchen. Uns geht es darum, neue Mitarbeiter für das Fachgeschäft aufzubauen, die langfristig bleiben.
Heyder: Was außerdem das Schöne ist: Man kann den Kurs absolvieren, wann und wo man möchte. Es gibt es keine fixen Termine für den Anfang. Man meldet sich an und legt los. Und das kann man über jeglichen Browser, unabhängig vom Gerät. Oder man nutzt unsere App, die es sowohl für Android- als auch iOS-Systeme gibt. Bei der App-Entwicklung haben wir zudem darauf geachtet, dass sich die genauso unkompliziert nutzen lässt wie andere Apps, die man so auf seinem Smartphone hat. Die von uns bereitgestellten Lernvideos folgen natürlich einem didaktischen Faden. Außerdem bekommt man immer wieder Möglichkeiten, den Lernerfolg zu kontrollieren. Was das Format unserer Auffassung nach außerdem attraktiv macht, ist, dass wir damit auch Menschen ansprechen können, die aufgrund ihrer Lebenssituation sonst keine Möglichkeit bekommen, in den Beruf einzusteigen. Wie gesagt lässt sich der Kurs berufsbegleitend machen, selbst, wenn man noch in einem anderen Beruf arbeitet.
Sie sprechen außerdem von zwei Bildungspfaden. Was ist damit gemeint?
Heyder: Wir unterscheiden zunächst den kaufmännischen und den technischen Ausbildungspfad, der den Karriereweg durch die entsprechenden Kursangebote beschreibt. Kaufmännisch geht es als Hörberater:in los bis hin zu einem Studienabschluss im Thema Digitalisierung in der Hörakustik in Kooperation mit der Hochschule Fresenius. Technisch ist es der Weg vom Hörberater oder Auszubildenden bis zum Meister und zusätzlichen Spezialisierungen. Natürlich lassen die Ausbildungspfade auch Abzweigungen zu, wenn man feststellt, dass man sich lieber mit einem anderen Schwerpunkt weiterentwickeln möchte. Generell geht es darum, transparente Karrierewege in den beiden Schwerpunktbereichen aufzuzeigen und so Fachpersonal nachhaltig in der Branche zu halten.
Wie groß ist der zeitliche Aufwand für die Teilnehmenden?
Heyder: Der Kurs umfasst knapp 160 Lerneinheiten, wobei eine Lerneinheit ein Themengebiet meint, mit Vorbereitung, einem Video und der Nachbereitung samt entsprechender Fragen, die es zu beantworten gilt. Den zeitlichen Aufwand sehe ich bei durchschnittlich zweieinhalb Stunden in der Woche, so dass man das alles neben der Arbeit schaffen kann. Und weil die Lerneinheiten on demand zur Verfügung stehen, gibt das natürlich auch psychologische Sicherheit. Das mag hochtrabend klingen, aber man kann eben, ist man sich noch unsicher, das Video beliebig oft anschauen.
Perscheid: Das Kursformat endstigmatisiert so auch die eigenen Schwächen. Und weil das Lernen zeitlich unabhängig ist, kann jeder sein Tempo selbst bestimmen. Die Prüfung kann man ohnehin frühestens nach sechs Monaten ablegen. Braucht man wiederum länger, kann man auch erst nach zwölf Monaten in die Prüfung gehen. Für die abschließende Projektarbeit haben wir eine Bearbeitungszeit von 35 Stunden angesetzt.
Herr Perscheid, Herr Heyder, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.