Von Martin Schaarschmidt / Foto: Schaarschmidt
Hörakustiker in der CI-Nachsorge
Menschen, die mit dem Cochlea-Implantat hören, benötigen lebenslang professionelle Nachsorge und Betreuung. Doch wie lassen sich diese angesichts einer stetig steigenden Zahl von CI-Patienten sichern? Und welchen Stellenwert sollten dabei spezialisierte Hörakustiker einnehmen? Antwort auf diese und weitere Fragen lieferte eine Pressekonferenz, zu der die Bundesinnung der Hörakustiker Anfang September nach Berlin einlud. Bei der Veranstaltung im Haus der Bundespressekonferenz informierten Expertinnen und Experten, die in unterschiedlicher Weise am Versorgungsprozess beteiligt sind. Die beiden Expertinnen auf dem Podium konnten zudem aus eigener Erfahrung vom Leben mit der Hörprothese berichten.

Derzeit leben allein in Deutschland geschätzte 65.000 Menschen mit dem Cochlea-Implantat (CI); und nach Einschätzung führender Stimmen aus Medizin und Forschung könnten noch weit mehr schwerhörige Menschen von dieser Innenohrprothese profitieren. Momentan erfolgen jährlich ca. 4.000 weitere CI-Implantationen, die in über 100 HNO-Kliniken durchgeführt werden. Auf der Veranstaltung wurde informiert, dass bis 2057 mit einer Zunahme auf jährlich 20.000 CI-Implantationen zu rechnen sei.
Nach Einschätzung der biha erfolgt nach Operation und Erstanpassung bestenfalls eine Reha vor Ort – teilweise hunderte Kilometer entfernt vom Heimatort des Patienten. Die lebenslang notwendige Nachsorge finde entweder in der implantierenden Klinik statt oder in Wohnortnähe beim Hörakustiker. Die Abrechnung dieser Folgedienstleistung gestalte sich bislang schwierig: Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zahlt den Kliniken eine Pauschale für alle Leistungen, inklusive der Nachsorge. Damit Hörakustiker für ihre Arbeit entlohnt werden können, müssen sie Kooperationsverträge mit den Kliniken abschließen.
Dr. Veronika Wolter: »eine große Lücke in der Versorgung schließen«
Dr. Veronika Wolter, Chefärztin der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde sowie der Helios Hörklinik Oberbayern in München, ist selbst CI-Trägerin. Auf der Veranstaltung gab sie Einblick in ihren eigenen Weg mit dem Cochlea-Implantat. Zugleich berichtete sie aus der Perspektive einer CI-versorgenden Klinik von den Herausforderungen der lebenslangen CI-Nachsorge, deren Rahmenbedingungen zu verbessern seien. Die Helios Hörklinik bilde zwar den gesamten Versorgungsprozess ab – von der Erstvorstellung in der Sprechstunde über die Diagnostik, die Operation sowie die ambulante Rehabilitation bis hin zur Nachsorge. Herausforderungen ergeben sich jedoch schon dann, wenn sich Patienten aus weit entfernten Regionen für die Versorgung in München entscheiden und in der Folge eine wohnortnahe Nachsorge wünschen.
Das CI – so Veronika Wolter – sei die »erfolgreichste Neuroprothese schlechthin«, doch die CI-Nachsorge müsse verbessert und dafür ein Wust an Bürokratie überwunden werden. Die Expertin sprach sich klar für die Unterstützung durch spezialisierte Hörakustiker aus; das bundesdeutsche Hörakustiker-Handwerk sei im internationalen Vergleich exzellent. Es sei jedoch wichtig, dass Kostenträger und Verantwortliche für die Einbindung der Hörakustiker in die CI-Versorgung bundesweit einheitliche Regelungen finden und damit die Voraussetzung für eine verlässliche, lebenslange Patientenbetreuung am Heimatort schaffen: »Dann hätten wir eine ganz große Lücke in der Versorgung geschlossen.«
Stefanie Ziegler betont Stellenwert der Nachsorge: das CI »ist kein Selbstläufer«
Was eine unzureichende CI-Nachsorge bedeutet, schilderte Stefanie Ziegler, von Beruf Hörakustikerin, aus eigener Erfahrung: Sie selbst war nach einem beidseitigen Hörsturz vor neun bzw. acht Jahren mit zwei Cochlea-Implantaten versorgt worden. Die Erstanpassung erfolgte jeweils über einen Audiologen des CI-Herstellers in der Klinik. Da es dort weder Hörakustiker noch Audiologen oder Logopäden gab, erarbeitete sie sich das Sprachverstehen nach der Implantation durch ein intensives Training selbst. Erst in der Reha habe sie alles Wichtige zur CI-Versorgung erfahren und Kontakt zu Selbsthilfeorganisationen bekommen.
Das CI sei eben »kein Selbstläufer«, betonte die Referentin, die ihre CI-Nachsorge inzwischen an ihrem Wohnort bei einem spezialisierten Hörakustiker erhält, während die Klinik, in der sie ihre Cochlea-Implantate bekam, heute keine CI-Versorgungen mehr durchführt.
Daniel Schilling plädiert für »unkomplizierten Zugang zur Gesundheitsversorgung«
Daniel Schilling, Vorstand der IKK Südwest, widmete sich dem Thema CI-Nachsorge aus Sicht einer gesetzlichen Krankenversicherung und er betonte, dass für den Erfolg der CI-Versorgung neben der Implantation die lebenslange wohnortnahe Nachsorge durch Hörakustiker entscheidend sei. In diesem Zusammenhang zitierte er erste Ergebnisse einer kürzlich gestarteten Versichertenbefragung: CI-Patienten äußerten ausdrücklich den Wunsch nach einem festen Ansprechpartner vor Ort.
Der Referent verwies auf die aktuellen gesundheitspolitischen Herausforderungen, die mit einer immer älter werdenden Gesellschaft einhergingen. »Es muss einen unkomplizierten Zugang zur Gesundheitsversorgung geben«, so Daniel Schilling. »Und dafür müssen wir den Mut haben, bestehende Pfründe und bürokratische Hürden abzubauen. Nur so kann unser Gesundheitssystem zukunftsfähig werden.«
Eberhard Schmidt: »Versorgungsknäuel muss entwirrt werden«
Als vierter Gast auf dem Podium erläuterte Eberhard Schmidt, Präsident der Bundesinnung der Hörakustiker KdöR, die Sicht des Hörakustiker-Handwerks auf die CI-Versorgung. Im Fokus stünden zum einen das Thema Fort- und Weiterbildung, zum anderen die Möglichkeiten zur Abrechnung der in der CI-Nachsorge erbrachten Leistungen mit der GKV.
Grundsätzlich dürften Hörakustiker gemäß der Meisterprüfungsverordnung an der CI-Versorgung mitwirken; Voraussetzung seien entsprechende Schulungen, wie sie etwa am Campus Hörakustik in Lübeck angeboten werden. Diese zusätzlichen Qualifikationen würden aktuell jedoch nicht von allen CI-versorgenden Kliniken anerkannt. »Dieses Versorgungsknäuel muss dringend entwirrt werden, sodass Klarheit darüber besteht, wer, wann, wo und von wem nach einer CI-Implantation nachversorgt werden kann«, so Eberhard Schmidt. Andernfalls bleibe bei diesem »Hin- und Her-Geschiebe« der Patient auf der Strecke.