DIGITALES MAGAZIN
040 | November 2024
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Auf der zentralen Mitgliederversammlung appelliert biha-Vizepräsidentin Janine Otto, mehr auszubilden

Von Dennis Kraus / Fotos: biha

»Wer muss sich eigentlich auf wen einstellen?«

Die zentrale Mitgliederversammlung der Bundesinnung zählt zu den Pflichtveranstaltungen, möchte man über die Vorgänge in der Branche aus erster Hand informiert werden. Wie gewohnt fand die Versammlung auch dieses Jahr im Rahmen des EUHA-Kongresses statt. Und so konnte man in Hannover vieles über den Status quo wie auch über die Bestrebungen und Herausforderungen  des Berufsstandes erfahren.

Der Anfang überrascht. Eröffnet mit Jana Verheyen doch jemand die zentrale Mitgliederversammlung der biha, der bei der Innung kein Amt bekleidet. Man habe sie gefragt, ob sie »spontan bereit« wäre, die Versammlung zu eröffnen, sagt Verheyen vor den rund 1.500 biha-Mitgliedern, die die Versammlung im Saal oder am Bildschirm verfolgen. Die Aufgabe übernehme sie »ausgesprochen gern«, so Verheyen. In der Branche ist sie keine Unbekannte. Sie leitet die Hör-Rehabilitation an der Ohrenklinik in Bensheim, ist als Audio Coach tätig und überdies »selbst betroffen«. Viele Jahre trug sie Hörsysteme, bis sie sich vor fünf Jahren Cochlea-Implantate implantieren ließ. Sie weiß, wie anstrengend das Leben mit einer Hörminderung ist. »Die Bundesinnung hat mit der Deutschen Gesellschaft für Hörbehinderte einen, wie ich finde, sehr, sehr guten Film gedreht, der genau diese Aspekte – wie es sich anfühlt, wie stressig und anstrengend das Leben mit einer Hörbehinderung ist – unglaublich treffend beleuchtet. In diesem Sinne herzlich Willkommen und Film ab.«

Nach dem sehenswerten Film steht Eberhard Schmidt auf der Bühne. »Ein ereignisreiches Jahr liegt fast hinter uns, aber noch viele Herausforderungen vor uns«, so der biha-Präsident. »Daher ist es wichtig, dass die Branche zusammensteht und sich auch von externen Faktoren nicht aus der Ruhe bringen lässt.« Zumal das Kundenaufkommen bekanntlich steigen wird. Damit sind die Vorzeichen für das, was kommt, gesetzt. 

Als Ehrengast hat die biha in diesem Jahr erneut Prof. Khalid A. Hadi eingeladen. Der Präsident der Advanced Arab Academy of Audio-Vestibulogy (AAAA) und Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung des Emirats Katar hat erheblich zum Wissenstransfer aus Lübeck in die arabische Welt beigetragen. Zudem hat er der Akademie für Hörakustik einige Türen in die arabische Welt geöffnet und so geholfen, die afh zu internationalisieren. 

In seinem Grußwort berichtet Khalid A. Hadi von der Entwicklung der AAAA, die regelmäßig ihren eigenen Kongress veranstaltet. 14 Teilnehmende habe man beim ersten Kongress noch gezählt, in diesem Jahr habe man bereits die Marke von 500 Teilnehmenden geknackt, so Khalid A. Hadi.

Wer muss sich auf wen einstellen?

Im Anschluss spricht Janine Otto. Das Thema der biha-Vizepräsidentin ist wohlbekannt: die Nachwuchsgewinnung. Allerhand Notizen habe sie sich im Vorfeld für ihre Rede gemacht, sagt sie. Doch dann entscheidet sie sich doch, frei zu sprechen.

So oder so. Sie möchte die biha-Mitglieder mitreißen, sich den trüben Aussichten entgegenzustemmen. »Die Lage ist leider sehr ernst«, sagt Janine Otto. Im Vergleich zu 2018 verzeichnet die Branche 30 Prozent weniger Auszubildende. Traten 2018 und in den Jahren davor noch an die 1.000 oder mehr Azubis zur Gesellenprüfung an, waren es 2024 knapp über 600. Setzt sich der Trend fort, kann man sich ausmalen, wohin das führt. Die Gleichung ist einfach: keine Auszubildenden bedeutet keine Gesellen bedeutet keine Meister. Dem entgegen steht das steigende Kundenaufkommen. 

Die Frage ist nun, wie man damit umgeht. Oder anders: Wer muss sich eigentlich auf wen einstellen? »Ich würde mich freuen, wenn Sie diese Frage für sich mitnehmen«, sagt Janine Otto. »Muss sich die Jugend von heute auf uns einstellen?« Zuletzt habe sich diese Annahme als nicht besonders zielführend erwiesen. Otto spricht auch aus eigener Erfahrung. Bei einer Berufsmesse an ihrer alten Schule habe sie den Beruf des Hörakustikers vorstellen wollen. Wer sie kennt, weiß: Sie wird das mit Leidenschaft getan haben. Sie wird in den höchsten Tönen von der sinnstiftenden Arbeit des Hörakustikers sowie von Lübeck erzählt haben. »Total gut« habe sie sich dabei selbst gefunden, erzählt sie. Um die jungen Leute zu begeistern, reichte es indes kaum. Also bat sie beim nächsten Versuch ihre Auszubildende, mit den jungen Leuten zu sprechen. Bei den ersten Sätzen habe sie noch etwas gezuckt, erzählt Otto. »Aber dann habe ich gesagt: Mach weiter, ich gehe Kaffeetrinken.« 

Ihre Erkenntnis: Es geht um die Art der Kommunikation. Über die jungen Leute zu schimpfen und die Auffassung zu vertreten, dass es die Jugend ist, die sich bewegen muss, werde das Problem nicht lösen. Zumal vieles, was man den jungen Leuten nachsagt – von wegen, die wollten doch alle Influencer werden, oder, noch besser, Infaulenzer – oft genug nur Vorurteile seien. Ohnehin ist es doch für die ältere Generation eher typisch, auf die jüngere herabzublicken, so Janine Otto. Das war schon immer so. Nur dürfe das eben kein Grund sein, die Jugend nicht doch mit »auf unseren Weg zu nehmen«.

»Von daher bitte ich Sie, über die Frage nachzudenken, wer auf wen zugehen muss«, kommt Janine Otto auf den Beginn ihrer Rede zurück. »Wenn Sie Bock haben mitzumachen, werden wir gemeinsam, als Branche, auch diesen Brocken aus dem Weg räumen«, so die biha-Vizepräsidentin abschließend.

Erweiterte statt künstliche Intelligenz

Als Gastredner hat die biha Dr. Stefan Zimmer eingeladen. Der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Hörsysteme-Industrie wird mit seinem Vortrag versuchen, dem Begriff »künstliche Intelligenz« die negative Konnotation, die für einige hier nach wie vor mitschwingt, zu nehmen. Doch zunächst stellt er klar, dass sich auch die im BVHI organisierten Unternehmen als Teil der Branche sehen und ihren Beitrag dazu leisten werden.

Um für ein positiveres Verständnis von oder für künstliche Intelligenz zu werben, nimmt er sich zunächst den Begriff selbst vor. Vor allem auf den ersten Teil hebt er ab: künstlich. »In unserer Kultur ist das Wort nicht nur positiv besetzt«, sagt er. Dazu komme die in Kunst und Kultur oftmals eher negative Darstellung von KI. Insofern könne es für den Anfang vielleicht helfen, den Begriff »erweiterte Intelligenz« zu verwenden. Schließlich erweitere KI die kognitiven Fähigkeiten des Menschen, brauche dabei aber immer den »Prompt«, den Befehl oder die Aufgabenstellung eines Menschen. 

In der Folge gibt Stefan Zimmer einen Überblick über die Entwicklung künstlicher bzw. erweiterter Intelligenz. Nach ihrem ersten Aufkommen in den 1950er-Jahren folgte ein langer KI-Winter. Bis die KI in den 1990er, vor allem dank stark verbesserter Rechenleistung, eine Renaissance erfuhr. In dieser Zeit wurden dann auch schon die Grundlagen für heutige Deep Neural Networks gelegt. In den Nuller- und Zehner-Jahren standen dann noch weiter verbesserte Algorithmen, noch stärkere Rechenleistung sowie immer größere Datenmengen zur Verfügung, sodass Maschinen noch einmal besser mit Daten trainiert werden konnten. Zudem verfing jetzt alles auch in der Gesellschaft. Statt KI nur in einigen wenigen, etwa medizinischen Bereichen zu nutzen, verwenden nun viele Menschen ganz alltäglich künstliche bzw. erweiterte Intelligenz.

Doch in Anbetracht dessen von einer KI-Revolution oder gar einer Übernahme durch die KI zu sprechen, hält Stefan Zimmer für zu weit gegriffen. Nach wie vor braucht es den Prompt durch den Menschen. Zudem ist KI »nur« generativ, nicht schöpferisch, stellt er klar. 

Sie kann eine Menge Arbeit erledigen, auch in der Signalverarbeitung von Hörgeräten. »Die Vorteile für Ihre Arbeit und auch für Ihre Kunden sind mannigfaltig«, sagt Stefan Zimmer in Richtung der biha-Mitglieder. Was KI aber weiterhin fehlt, ist etwa soziale Kompetenz. Genauso wenig kann sie etwas jenseits statistischer Wahrscheinlichkeiten individualisieren. »Sie kann nicht von Regeln abweichen, es sei denn, sie wurde darauf trainiert«, so Zimmer. »Sie aber können das«, sagt der Vorstandsvorsitzende des BVHI in Richtung der biha-Mitglieder. Und manchmal gelinge eine Versorgung eben erst dann, bricht man mal eine Regel. 

Dann kommt Stefan Zimmer auf das zurück, was er ganz zu Anfang gesagt hatte. »An dieser Stelle, auch im Namen meiner Mitglieder, unser ausdrücklichstes Ja zur Versorgung durch Sie, und zwar im Fachgeschäft, mit Meister im Fachgeschäft. Und mit präqualifizierter Anpasskabine. Ausdrücklich«, sagt er.

Die Gespräche mit der Politik und den GKVen

Eberhard Schmidt dankt Stefan Zimmer für dessen Worte und den Schulterschluss. Anschließend spricht der biha-Präsident über den Status quo der Vertragsverhältnisse mit den gesetzlichen Krankenkassen. Auch die Bedeutung des Paragraphen 127 im SGB V sowie der Hilfsmittelrichtlinie und der Präqualifizierung hebt er an dieser Stelle hervor.

Als positiv beschreibt Schmidt etwa die Lage mit den AOKen, BKKen und IKKen sowie der Knappschaft. »Hier haben wir für 60 Prozent aller GKV-Versicherten Klarheit und Sicherheit in der Versorgung«, sagt er. Und diese Verträge würden von beiden Seiten in »hervorragender Weise und einem partnerschaftlichen Miteinander gelebt«. Mit Vertragskündigungen sei hier also erstmal nicht zu rechnen. 

Neben den GKVen befindet sich die biha auch mit der Politik im Gespräch. So habe man dazu beitragen können, dass sowohl KO-Ausschreibungen als auch der vom Bundesrechnungshof geforderte Genehmigungsvorbehalt bei Versorgungen mit Eigenanteil bisher unterbunden blieben. Dass das Thema nach den nächsten Bundestagswahlen aber nicht doch wieder auf den Tisch komme, sei nicht auszuschließen. Hat sich doch bisher allein die SPD gegen KO-Ausschreibungen und den Genehmigungsvorbehalt ausgesprochen. Die biha werde, sagt Eberhard Schmidt, dazu mit allen Parteien im Gespräch bleiben.

Große Fortschritte habe man in diesem Jahr bei der Entwicklung des elektronischen Berufsausweises und der Teilhabe am elektronischen Versorgungsprozess gemacht. Das mit den anderen Gesundheitshandwerken sowie der opta data Gruppe angeschobene Projekt, die Telematik Infrastruktur für die Gewerke selbst aufzubauen, um sie dann dem Gesundheitssystem kostenfrei zur Verfügung zu stellen, komme gut voran. Im Sommer 2025 werde man hiermit fertig sein.

Auch auf die von Janine Otto bereits angesprochene Situation in der Ausbildung geht Eberhard Schmidt ein. Dem Appel der Vizepräsidentin möchte er sich ausdrücklich anschließen. Denn »was helfen die besten Versorgungsverträge, wenn es niemanden gibt, der sie erfüllen kann?« 

Dem Szenario, dass es ohne Azubis keine Gesellen und damit auch keine Meister geben werde, fügt er noch eine weitere Auswirkung hinzu. Gibt es weniger Meister, werde das zwangsläufig auch zu Betriebsschließungen führen, so Schmidt abschließend.