Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt, biha
»Wir müssen wach werden!«
Die am EUHA-Donnerstag traditionell stattfindende biha-Mitgliederversammlung dürfte das eine oder andere Mitglied überrascht haben. Große Herausforderungen, insbesondere in der Ausbildung, stehen vor der Tür. Ein Interview mit biha-Präsident Eberhard Schmidt.
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Herr Schmidt, wie sehen Sie aktuell die allgemeinen Entwicklungen der Branche?
Ich denke, dass – schaut man nach links und nach rechts – wir unter dem Strich zufrieden sein können. Zum einen zeigt die demografische Entwicklung nach oben und alle spüren, dass auf dem Markt Bewegung ist. Zum anderen haben wir Corona gut hinter uns gebracht. Das war natürlich eine große Herausforderung für alle Betriebe sowie Mitarbeiter. Doch das haben wir gut hinbekommen, was wir an den Zahlen der verkauften Hörgeräte der Industrie ablesen können. Auch in diesem Jahr waren die ersten beiden Quartale von einem Plus geprägt. Auch wenn das dritte Quartal nun ein wenig schwächer war, denke ich, werden wir am Ende des Jahres mit einem moderaten Plus herausgehen. Insofern stehen alle Signale auf grün. Wir haben tolle Produkte, Innovationen und in Hinblick auf die gesetzlichen Krankenkassen können wir mit unseren Versorgungsverträgen ebenso zufrieden sein.
Man hat in den letzten Jahren viel Bewegung bei den Betrieben gesehen. Viele wurden verkauft, meinem Gefühl nach haben sich ebenso viele gegründet. Wie sieht es diesbezüglich aus? Wächst die Anzahl der Betriebsstätten nach wie vor?
Nun, wir haben 2023 etwa 7.300 Betriebsstätten verzeichnet. Für 2024 stellen wir etwa 7.500 Betriebsstätten fest. Ja, die Anzahl der Betriebe steigt. Doch das große Wachstum der letzten zehn Jahre sehen wir nicht mehr, auch das sehen wir an unseren Zahlen. Natürlich wird es weitere Veränderungen geben, da, wie Sie schon sagen, es immer Nachfolgereglungen oder andere Gründe geben wird. Meiner Meinung nach kommen wir jetzt aber in eine Phase der Seitwärtsbewegung.
Und wie sieht es im Hinblick auf die Beschäftigten aus?
Da sprechen Sie jetzt natürlich ein Thema an, das automatisch mit sich bringt, dass wir mehr ausbilden müssen. Denn die Ausbildungszahlen von 2020 bis 2023 zeigen, dass wir als Hörakustiker in den letzten Jahren nicht mehr so intensiv ausgebildet haben. Entsprechend fehlen uns Auszubildende. Andere Gesundheitshandwerke sind in diesem Punkt nicht so stark betroffen, man könnte auch sagen, besser unterwegs als die Hörakustiker.
Ist das tatsächlich so? Schlechter als die anderen Gesundheitshandwerke?
Man muss sich folgendes vor Augen halten: Im Vergleich zu 2019 haben wir in der Summe ein Minus von etwa 30 Prozent. Normalerweise haben wir in Lübeck 3.100 Auszubildende, jetzt sind es 2.600. Die Branche muss sich bewusst sein, dass wir als Unternehmer:innen hier etwas tun müssen. Natürlich kann man nun Argumente wie Demografie, Fachkräfte- oder Qualifikationsmangel anführen. Das spielt in dem Fall aber keine Rolle. Denn andere Gesundheitshandwerke haben zwar auch ein Minus. Eines von fünf oder zehn Prozent, doch keines von 30 Prozent.
Um ein Argument ins Feld zu führen: Wo ein Betrieb sich gründet, da müssen auch Ausbildungsstrukturen erst einmal wieder aufgebaut werden …
Im Detail kann ich Ihnen die Gründe nicht aufführen. Ob es nun mit Corona zusammenhängt oder anderen Veränderungen, ist schwer zu sagen. Vermutlich könnte da ein Blumenstrauß an verschiedenen Faktoren als Begründung herangezogen werden. Am Ende jedoch sehen wir die Zahlen, die uns in Mainz erreichen und wir in Lübeck in der Gesamtsumme feststellen. Entscheidend ist, dass wir wach werden müssen! Unsere Aufgabe als biha besteht darin, jetzt alle wachzurütteln, da es unsere gemeinsame Aufgabe ist, die Zukunft in Bezug auf Nachwuchs zu sichern. Denn alle wollen, dass neue Gesellen aus Lübeck kommen. Aber dann müssen wir sie auch nach Lübeck bringen. Denn wo Auszubildende fehlen, da sind keine Gesellen. Und wo Gesellen fehlen, da werden auch keine Meister sein. Das bereitet uns im Moment Sorge und an diese Aufgabe müssen wir ran. Entsprechend muss das für 2025 ein Branchenthema sein, dass wir alle viel mehr dafür tun, Menschen für die Ausbildung zu gewinnen.
Wir reden also über das Top-Thema überhaupt.
Korrekt. Natürlich sind wir uns bei der biha bewusst darüber, dass es alles andere als einfach ist, heute Auszubildende zu finden. Das zeigt ja schon die demografische Entwicklung. Aber genau aus diesem Grund haben wir Quereinsteigersysteme geschaffen, damit diejenigen, die quer in den Beruf einsteigen, eine Möglichkeit bekommen, sich qualifizieren zu können. Und das sowohl über Online-Lernstrukturen als auch über Vor-Ort-Lernstrukturen, sodass jeder Qualifikation erhalten kann, sofern er sie will. So wird ein Weg geebnet, dass man sich nach viereinhalb Jahren mit der erworbenen Qualifikation und einer anschließenden Praxiszeit auch zur Meistervorbereitung und zur Meisterprüfung anmelden kann. Das setzt aus meiner Sicht allerdings voraus, dass man sich über das normal Geforderte hinaus auch die Themen und Erfahrungen aneignet, die es braucht, um ein:e gute:r Meister:in zu sein. Denn ohne ausreichend Rüstzeug wird man diesen Schritt nicht gehen können. Eines ist aber letztlich klar: Wir werden Meister benötigen.
Die Angebote sind ja noch ziemlich neu. Sie dürften also noch keine Feedbacks haben, wie diese Angebote angenommen wurden.
Wir sind seit Monaten dabei, sämtliche Tutorials sowie Lerninhalte per Video abzudrehen; das läuft sehr professionell ab. Gleichzeitig starten die ersten Praxisunterweisungen, die auf die Tätigkeiten im Fachgeschäft vorbereiten: Abformungen, Audiometrie, bis zur Hörsystemberatung und Assistenzsystemen. Im Frühjahr wird dann der letzte Baustein dieser Reihe fertig, das Fräsen von Otoplastiken. Damit kann man sich dann eine umfassende Starthilfe geben lassen für Assistenztätigkeiten im Fachgeschäft. Und bei entsprechender Begabung und Motivation kann dann mit der nötigen Erfahrung auch eine Berufsqualifikation daraus werden. Aber auch Quereinsteiger profitieren von dem Angebot als Vorbereitung auf einen Meisterkurs.
Aber es stößt auf Interesse?
Erste Teilnehmer sind gestartet und sind begeistert von den Angeboten. Herausfordernd ist natürlich die Vielfalt an Menschen und welche Erfahrungen und Talente sie mitbringen. Da muss individuell auf jeden Lernenden eingegangen werden. Die ersten 100 Teilnahmen haben wir zusammen, und natürlich schauen wir genau hin und fragen nach, wie wir noch besser und zielgerichteter ausbilden können. Wir werden sehen, wie die Branche dieses Angebot annimmt. Sollte es als gut befunden werden, dann freuen wir uns besonders, dass wir Menschen von der Seitenlinie aus begeistern konnten, sich bei uns in der Branche zu engagieren, zumal es auch Menschen braucht, die sich im Service, am Empfang oder anderweitig im Betrieb aktiv engagieren. Wenn man auf diesem Wege Menschen findet, die unseren Beruf toll finden, dann wären wir in Zeiten des Fachkräftemangels nicht gut beraten, solche Personen auszuschließen und ihnen keine Perspektiven zu bieten.
Welche Themen fordern Sie gerade bei der biha darüber hinaus besonders? Ist es die Zukunft der GKV-Verträge?
Selbstverständlich ist das ein Thema, das die Branche immer bewegt. Dazu gehört ebenso die Weiterentwicklung des vdek-Vertrages, die uns gerade intensiv beschäftigt. Gleichwohl ist es gut, sagen zu können, dass wir mit AOKen, BKKen, IKKen und Knappschaft überall ein sehr partnerschaftliches Vertragsverhältnis besitzen. Gleiches kriegen wir rückgespiegelt, wenn wir uns mit besagten Krankenkassen im Gespräch befinden. Das funktioniert alles. Das ist gut und in so unruhigen Zeiten, in denen wir uns befinden, ein Pfund. Denn es gibt Sicherheit und schafft Vertrauen, wenn Betriebe wie auch Krankenkassen zufrieden sind und letztlich keine Vertragskündigungen drohen.
Und wenn wir über den vdek reden?
Beim vdek ist das alles ein wenig anders gelagert. Da müssen wir zusehen, wie eine Lösung gefunden werden kann, damit alle Beteiligten zufrieden zusammenfinden. Denn auf der einen Seite sind die Umsätze, die mit der nachgelagerten Reparaturpauschale erwirtschaftet worden sind, sehr gut. Auf der anderen Seite wird das durch Frustration überschattet, wenn es nicht gelingt, dem Kunden in drei oder vier Monaten eine Folgeversorgung zu ermöglichen, die auch genehmigt wird, und das bei Hörgeräten, die sieben, acht oder neun Jahre alt sind. Beide Seiten sind da auf der Suche, und diesbezüglich befinden wir uns in einem aktiven Prozess, wie dieser, ich nenn es mal gordischer Knoten, zum Wohle beider Seiten durchtrennt werden kann. Daran haben beide Seiten ein Interesse, und wir stehen für Verhandlungen immer zur Verfügung.
Aber dass seitens der Krankenkassen in den nächsten Jahren ein finanzieller Zuschuss gewährt werden wird, davon gehen Sie aus? Im Gesundheitsministerium geht es, finanziell gesprochen, ja durchaus heiß her …
Wir alle können nicht in die Glaskugel schauen. Doch wir haben zumindest gewisse Eckdaten. Wir wissen, dass die Babyboomer kommen, die Versorgungszahlen steigen werden und die Krankenkassen ihre Beiträge erhöhen werden müssen. Die Bundesknappschaft etwa hat in diesem Jahr schon zwei Mal die Beiträge erhöht. Nun wird im Dezember der Reigen bei den GKVen eröffnet, wer wie viel erhöht. Der Presse können Sie schon 0,8 Prozent entnehmen, die wir alle tragen müssen. Da kommen wir auch nicht drumherum. Ergo muss man – und das tut die biha – sich mit allen Plänen auseinandersetzen, mit allen Beteiligten in Berlin in Kontakt bleiben, und eben auch ausloten, welche Wege und Möglichkeiten es gibt und wie das die Politik in Berlin einschätzt. Denn letztendlich muss es zu einem gesellschaftlichen miteinander kommen, um die Herausforderungen der Zukunft meistern zu können. Es wird aus meiner Sicht daher immer Versorgungsverträge mit den GKV und der biha geben.
Aktuell übernehmen die Krankenkassen einen Vertragspreis mit Otoplastik von bis zu 732,95 Euro. In Theorie könnte man aber auch mit einem Festzuschuss arbeiten. Hätte das nicht Vorteile für die Branche?
Ja, richtig. Es ist auch ein Thema, das wir intern bereits aktiv diskutieren. Ein Festzuschuss würde, ähnlich wie bei den Zähnen, bedeuten, dass sich der Anspruch auf eine bestmögliche Hörgeräteversorgung ändern könnte.
Das könnte der Politik helfen, Kosten zu sparen.
Richtig, in einem gemeinsamen Miteinander. Denn so würde es bei uns zu einer gewissen Bürokratieentlastung kommen. Auch hätte das den Vorteil, dass die Hörakustiker bei den Hilfsmittelausgaben und den hohen Kosten, die durch die sechs Jahre entstehen, nicht mehr so herausstechen. Das sind Themen, die die Kollegen im Zahnbereich überhaupt nicht haben, weil jeder der Beteiligten sich darüber bewusst ist, dass es sich nur um einen Zuschuss handelt. Das könnte ein Weg sein. Ob ihn die Politik gehen will, steht auf einem anderen Blatt. Mit dem Gesetzgeber, dem GKV-Spitzenverband, dem G-BA und anderen Gremien gibt es eine Vielzahl an Beteiligten, die diesbezüglich mitsprechen, wenn es um Veränderungen geht. Wir machen uns Gedanken dazu und es wird hierzu künftig auch Lösungen geben.
In welche Richtung tendieren Sie, was das Thema betrifft?
Wir wissen um die Herausforderung. Daher müssen wir bereit sein, zu begreifen, dass auch Kostendämpfungen auf uns zukommen werden. Denn es stellt sich die Frage, ob wir in dieser Situation gestalten wollen oder ob über unsere Köpfe hinweg gestaltet wird. Insofern es ist immer klug, sich Gedanken zu machen, um im Fall der Fälle unterschiedliche Modelle in der Schublade zu haben und vorbereitet zu sein. Schwieriger wird es, wenn man, wie damals bei der Blüm-Reform Ende der 80er, unvorbereitet ist. Das hat die Branche zwei bis drei Jahre nachhaltig beschäftigt, weil die Umsätze deutlich in den Keller gegangen sind. Doch wenn man gemeinsam mit der Politik sinnvoll Wege findet, neue Vertragsstrukturen sowie Versorgungsmodelle in der Richtung zu finden, indem man sagt, wir gehen weg vom gesetzlichen Festbetrag, unter dem dann ein Vertragspreis definiert wird, sondern man einigt sich auf einen Zuschuss, bei dem sozialgerichtlich nicht das Bestmögliche herausgeholt werden muss, dann könnte das ein Weg sein, auch weil sich der bürokratische Aufwand dahinter minimieren würde.
Wie also sollte man sich als Inhaber in der Hörakustik drauf vorbereiten?
Unabhängig davon, dass sich die Mitglieder im Hinblick auf die anstehenden Herausforderungen auf die biha verlassen können, bestmöglich zu handeln, glaube ich, wenn Inhaber gute Arbeit abliefern, ihre schwerhörigen Kunden im Blick haben und man die auf den Weg des guten Hörens begleitet, mit den heutigen Möglichkeiten in der Technik, in der Otoplastik und in der Rehabilitation, dann wird es den Hörakustiker immer geben. Wir sind Menschen und tun etwas für Menschen, also ist der Hörakustiker schlicht und ergreifend notwendig. Wir sind Dienstleister und nutzen ein Hightechprodukt, um einem Schwerhörigen wieder eine gute Kommunikation zu ermöglichen. Und das kann nur bedeuten, den Weg zum guten Hören über eine gleitende Anpassung sowie eine intensive Nachbetreuung, in denen auch Fragen wie die mit Smartphone und Zubehör geklärt werden, einzuschlagen und beizubehalten. Das macht ja diesen Beruf auch so reizvoll. Jeden Tag individuelle Lösungen zu finden.
Eine letzte Frage: Auch bei der biha findet nach und nach ein Generationswechsel statt. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Ich denke, dass wir den riesigen Vorteil haben, eine Bundesinnung zu sein. Neben Mainz haben wir mit Lübeck zudem unsere zentrale Bildungseinheit. Damit haben wir zwei sehr stabile Säulen, die im deutschen Handwerk einzigartig sind. Bei der einen Säule, Lübeck mit den Auszubildenden, müssen wir, wie gesagt, deutlich nacharbeiten. Aber wir sind in der glücklichen Situation, einen fantastischen Campus zu besitzen, der in der Lage ist, über 3.000 Auszubildende zu betreuen. Hinzu kommt, welcher Inhaber in diesem Land kann das schon von sich behaupten, dass er Stein für Stein seine Ausbildungsstätte mitfinanziert hat. Das können nur Hörakustiker. Entsprechend meine ich: Wir haben ein tolles Hauptamt und ein gutes Ehrenamt, in dem sich junge Menschen tatkräftig engagieren können. Ich mach mir da keine Sorgen, wenn ich sehe, welchen Leuchtturm wir mit Lübeck und Mainz haben.
Herr Schmidt, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.