DIGITALES MAGAZIN
040 | November 2024
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Gastbeitrag: Carsten Braun über die evidenzbasierte Auswahl der passenden Leistungsklasse

Von Carsten Braun (Bernafon) / Abbildungen: Bernafon

EVIDENZBASIERTE AUSWAHL  DER GEEIGNETEN LEISTUNGSKLASSE – Von SNR Werten mit erlebbarem Mehrwert

In unserem letzten Artikel in der OMNIdirekt (#30, Januar 2024) haben wir das Thema SNR-basierte Anpassung beleuchtet und kamen zu dem Schluss, dass es in der Anpassung noch mehr geben muss als »Ring, Spott, Farm, …« und Perzentil-Messungen in völliger Stille. Unser Fazit war: Wir brauchen Informationen, die den individuellen SNR-Bedarf und die benötigte Unterstützung durch Hörsysteme ermitteln. GÖSA, ANL oder ACTTM sind Tests, die einfach durchzuführen und näher an den von unseren Kunden geschilderten Problemsituationen sind und nicht in einer lebensfernen Parallelwelt <40dB stattfinden.

Wenige Wochen nach Erscheinen des Artikels haben wir mit Encanta die neueste Hörgerätefamilie von Bernafon eingeführt. Im Zentrum der neuen Familie stehen vor allem die Hörgerätenutzer mit ihren vollkommen verschiedenen Zielen und Ansprüchen an Hörsituationen.

Da die Auswahl des richtigen Hörgeräts entscheidend ist für den verfügbaren Nutzen und die damit verbundene Verbesserung der Lebensqualität, wurden alle vier Encanta Leistungsklassen in klinischen Studien getestet. Dabei wurden die verschiedenen Leistungsklassen dem Nutzen und dem Mehrwert, in den unterschiedlichen Hörsituationen und Zielumgebungen unserer Kunden gegenübergestellt.

Die Studienergebnisse belegten klar die Varianz des Sprachverstehens und des damit verbunden Mehrwerts und Nutzens in Abhängigkeit der unterschiedlichen SNR-Situationen.

Im Sommer dieses Jahres wurden diese Studien erweitert, um daraus abzuleiten, welche Leistungsklasse für welchen Kunden tatsächlich geeignet ist, einen Mehrwert darstellt und welche technologische Mindestausstattung dafür notwendig ist.

Dieser Artikel beleuchtet, wie die Evidenz aus diesen Studien genutzt werden kann, um das individuell passende Gerät für den Kunden zu bestimmen, um die Sprachwahrnehmung zu erhöhen und gleichermaßen die Höranstrengung zu minimieren.

Die Fragestellung

In jeder Hörsituation, in der sowohl Sprache als auch Störgeräusche vorhanden sind, muss ein Hörgerät die Rahmenbedingungen wirksam verbessern, um ein klares Sprachsignal zu liefern. Vor diesem Hintergrund haben wir das Sprachverstehen aller vier Encanta-Lösungen bei fünf verschiedenen Signal-Rausch-Abständen (SNR) in der Umgebung getestet. Dabei standen vor allem folgende Fragestellungen im Vordergrund:

Der Testaufbau

Die Messungen wurden in einem Tonstudio durchgeführt [Abb.1]. Ein HATS wurde in der Mitte aufgestellt und mit Encanta Hörgeräten bestückt. Der HATS war auf einen Lautsprecher ausgerichtet, aus dem deutsche HINT-Sätze abgespielt wurden. Aus zwei weiteren Lautsprechern, die in einem Winkel von +-110° angeordnet waren, wurde sprachsimulierendes Rauschen präsentiert. In dieser räumlichen Konfiguration wurde der Hörgeräteausgang bei fünf verschiedenen SNR (10 dB, 5 dB, 0 dB, -5 dB, -10 dB) aufgezeichnet.

Der Sprachpegel wurde konstant bei 65 dB SPL gehalten, während der Geräuschpegel angepasst wurde, um die verschiedenen SNR zu erreichen. (Abb. 3) Aus diesen Aufnahmen wurden Sprache und Störgeräusche getrennt, um mit der Phaseninversionsmethode nach Hagerman und Olofsson den SNR der Hörgeräte und den Sprachverständlichkeitsindex zu berechnen.

Ein Beispiel aus Abb. 4:

In ruhigen Umgebungen, mit einem objektiven SNR zwischen +10 und +5 dB, ist der Mehrwert eines Encanta 200 gegenüber einem Encanta 100 (1) deutlich geringer als bei einer lauten Situation mit einem SNR von -5dB (2) (siehe Abb. 4).

Die Ergebnisse

Die Grafik in Abb. 4 zeigt die Verbesserung des SNR, die durch die verschiedenen Leistungsklassen erzielt wurde. Die Abszisse beschreibt den objektiven SNR der Umgebung, die Ordinate die SNR-Verbesserung durch das Hörgerät. Deutlich wird, dass die relative SNR-Verbesserung mit zunehmender Komplexität zunimmt. Das unterstreicht, dass Kunden insbesondere in komplexen Hörsituationen von höheren Leistungsklassen profitieren. Für unsere Fragestellung zu Beginn bedeutet das Ergebnis am Beispiel Encanta 300 Folgendes:

Der Objektive SNR in der Hörsituation des Kunden beträgt -5dB. Die SNR-Verbesserung eines Encanta 300 beträgt laut obiger Tabelle +10dB. Somit ergibt sich für den Kunden ein verbleibender subjektiver SNR von +5dB – ausreichend, um in dieser Hörsituation adäquat zu verstehen (Abb. 5).

Auswahl der geeigneten Leistungsklasse

Die in Abbildung 6 dargestellte SNR-Verbesserung führt zu einem subjektiven SNR am Ausgang des Hörgeräts, der sowohl vom objektiven SNR als auch von der Leistungsklasse abhängt. Diese Darstellung ermöglicht es, die optimale Leistungsklasse für einen spezifischen SNR zu bestimmen. Dadurch wird ersichtlich, welche Leistungsklasse den größten Nutzen in den jeweiligen Umgebungen bietet und welche Leistungsklasse nur begrenzt zur Verbesserung der Hörsituation des Kunden beiträgt.

Das graue Feld repräsentiert dabei einen subjektiven Schwellenwert von + 3 dB SNR unterhalb dessen zu erwarten ist, dass Sprachverstehen schwierig oder eingeschränkt ist.

Ein Beispiel: Bei einem objektiven SNR von 0 dB erreicht ein Encanta 300 einen subjektiven SNR von +8,8 dB, während ein Encanta 200 einen subjektiven SNR von +4,1 dB erzielt. Beide Geräte sind somit in der Lage, das Sprachverstehen des Nutzers aufrechtzuerhalten. Sinkt der objektive SNR auf -5 dB, bleibt ein Encanta 300 mit einem subjektiven SNR von +5 dB weiterhin im sicheren Bereich (-5 dB objektiver SNR + 10 dB SNR-Verbesserung des Hörgeräts = +5 dB subjektiver SNR). Ein Encanta 200 hingegen erreicht in diesem Fall einen subjektiven SNR von +0,7 dB und liegt damit unter dem Schwellenwert, was bedeutet, dass es zumindest für diese sehr laute Situation nur bedingt geeignet ist. Die in Abb. 6 ermittelten Daten lassen sich vereinfacht in eine Tabelle [Abb. 7] transferieren, die sich zur Beratung und zur Auswahl der geeigneten Leistungsklasse nutzen lässt. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass es sehr individuell ist, bei welchem subjektiven SNR es schwierig, anstrengend oder sogar unmöglich wird Sprache zu verstehen. Dennoch helfen diese Messungen, die Unterschiede der vier Leistungsklassen zu verstehen und die Auswahl zu personalisieren und zu vereinfachen. Soweit die Theorie. 

Entscheidend ist jedoch, dass die verschiedenen Leistungsklassen auch einen für die Nutzer qualitativ hörbaren Unterschied und Mehrwert bieten.

Dieser QR-Code führt zu einem hörbaren Vergleich aller vier Leistungsklassen in einer lauten Hörsituation mit 0 dB SNR.


Die Gruppengespräche

Wie wir aus den oben ausgeführten Erkenntnissen ableiten konnten, helfen Features die Rahmenbedingungen und damit den SNR in komplexen Hörsituationen zu verbessern. Wir wissen jedoch nicht, was die Absicht des Kunden ist. Möglicherweise wechseln in einer Situation die Gesprächspartner oder das Interesse an einem Gespräch rasant, oder die Nutzer möchten einzelnen Sprechern temporär eine erhöhte Aufmerksamkeit widmen und gleichzeitig das Gesprächsthema der Gruppe weiterverfolgen.

Mithilfe des Smart Sensors in Encanta 300 und 400 werden die Beschleunigungs- und Bewegungsdaten als Bewegungsmuster mit bestimmten Absichten interpretiert und daraufhin die Wirkungsweise der Features optimiert.

Auch hier wurde der Mehrwert klinisch getestet. Dazu wurde ein geeigneterer Versuchsaufbau, der CC OLSA (Concurrent Oldenburger Satztest) ausgewählt. In diesem Test werden die Matrixsätze des OLSA abwechselnd von drei Sprechern, statt wie üblich von einem Sprecher, aus den Lautsprechern präsentiert, um ein Gruppengespräch zu simulieren. Die Lautsprecher der drei Zielsprecher wurden wie in Abbildung 8 angeordnet. Der Proband saß in der Mitte des Lautsprechersystems. Das Ziel des CCOLSA folgt der Idee, die Spracherkennung in Situationen mit mehreren Sprechern zu messen, die individuell die Aufmerksamkeit des Probandenfordern. Dies wurde durch drei Sprecher bei -60°, 0° und +60° erreicht, die OLSA-Sätze mit einer definierten Überlappung zwischen Sätzen von verschiedenen Sprechern sprechen. Einer der zehn im OLSA vorkommenden Namen »Kerstin«, wurde als Rufzeichen definiert. 

Zusätzlich bestand die Schwierigkeit der Aufgabe darin, dass es eine zeitliche Überlappung zwischen dem Ende des Satzes eines Sprechers und dem Beginn des Satzes eines anderen Sprechers gibt, was bedeutet, dass das letzte Wort des zuhörenden Sprechers gleichzeitig mit dem nächsten Rufzeichen auftritt.

Die Ergebnisse zeigen, dass das Smart Noise Management des Encanta 200 bereits eine 8%ige Verbesserung in Gruppengesprächen im Vergleich zu einem Encanta 100 bietet.

Das erweiterte Smart Noise Management in den Leistungsklassen 300 und 400, ausgestattet mit dem Smart Sensor, konnte diese Verbesserung sogar verdoppeln (siehe Abb. 9).

Fazit

Die Studien zeigen einmal mehr, dass eine sorgfältige Auswahl einer Leistungsklasse nicht nur auf den individuellen Ansprüchen basieren darf, sondern die objektiven SNR-Werte, der vom Kunden besuchten Hörsituationen und die zu erwartende Höranstrengung berücksichtigt werden müssen.

Da Hörgeräte-Features primär die Rahmenbedingungen verbessern, erscheint ein vergleichender Test unter unterschiedlichen SNR-Bedingungen umso nachvollziehbarer. Jede Leistungsklasse verbessert bis zu einem gewissen Grad den für den Kunden nutzbaren subjektiven SNR. Umso wichtiger ist es, die verschiedenen Leistungsklassen in einer Raumsimulation zu demonstrieren, die den Umgebungen unserer Kunden entspricht und die Unterschiede erlebbar macht.

Durch die Verbesserung des SNR können wir die Sprachverständlichkeit signifikant erhöhen, was zu einem besseren Hörerlebnis führt. Es ist jedoch auch wichtig, die Grenzen der SNR-Verbesserung zu berücksichtigen, um neben den quantitativen Werten auch den qualitativen Mehrwert, nämlich den natürlichen Klang zu erhalten, um die bestmögliche Gesamtlösung für unsere Kunden zu finden.