DIGITALES MAGAZIN
041 | Dezember 2024
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Tanja Rhein und Michael Klein haben ihr eigenes Fachgeschäft eröffnet: Camino Akustik

Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt, Camino Akustik

Camino – der Weg ist das Ziel

Eine gute Otoplastik ist in der Hörgeräteversorgung von unschätzbarem Wert, keine Frage. Zwei Junggründer messen dem sogar so viel Wert bei, dass sie sich noch vor der Eröffnung ihres Geschäfts einen 3D-Drucker anschaffen – ohne jegliche Vorerfahrung auf diesem Feld. Ein Besuch bei Camino Akustik in Elsenfeld, wo wir auf Tanja Rhein, Michael Klein und Dominic Schmidt trafen.

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Dass Intuition und Logik einen Gegensatz darstellen, ist klar. Zwischen Kopf und Bauch, also zwischen der Ratio und der Emotio, zu entscheiden, fällt niemanden leicht. Insofern dürfte die hohe Kunst wohl darin bestehen, bei aller Intuition die Fähigkeit zu besitzen, stets logische Entscheidungen zu treffen. Denn der Weg, spanisch el camino, ist das Ziel. Erst wenn man ihn gegangen ist, erkennt man, dass der Wert nicht nur im Erreichen des Zieles selbst liegt. Das Unterwegssein ist mindestens genauso wichtig. Aber der Reihe nach.

Als ich in Elsenfeld zur Tür hereintrete, dampft es vor Spannung aus den Ohren. Michael Klein und Tanja Rhein freuen sich, sind aber auch ein wenig angespannt. Sie testen gerade zum ersten Mal ihren neuen Formlabs 3D-Drucker, den ihnen Dominic Schmidt am Tag zuvor eingerichtet hat. Nach ein paar Schulungen und einigen Wochen des Übens ist der erste Durchlauf fast geschafft. Nun sind beide guter Dinge, eines ihrer Ziele erreicht zu haben: Einen 3D-Druck-Prozess hinzukriegen, noch bevor sie im Juli als Camino ihr erstes Geschäft eröffnen.

Nach wenigen Minuten öffnet Dominic Schmidt die Druckerklappe. »Cool, das wäre ja der erste Einkaufswagenchip mit unserem Label, direkt neben den Otoplastiken von dir und mir. Besser hätte ich mir es nicht vorstellen können«, sagt Hörakustikmeister Michael Klein, als er nebendran stehend die Druckerplatte erblickt. Es kommt Heiterkeit auf. Die Mühe hat sich gelohnt.

Eigentlich sind Michael Klein und Tanja Rhein von Haus aus Optiker. Durch ihren alten Arbeitgeber sind die beiden heutigen Hörakustikmeister eher ungeplant in die Branche hereingerutscht, wie Michael Klein erklärt. »Dabei bin ich schon seit 25 Jahren. Doch nur, weil ich nach der Lehre in einer Filiale gelandet bin, in der zu dem Zeitpunkt die Akustik aufgebaut wurde. Daher fragte man mich gleich, ob ich nicht auch an einer Akustikerlehre interessiert war. Obwohl ich nicht wirklich einen Berührungspunkt hierzu hatte, habe ich damals gleich zugesagt.« Nach der Meisterausbildung lernte Klein dann Tanja Rhein kennen, die 2006 ihre Optikerausbildung begonnen hatte und als Filialleiterin 2011 zu dem Arbeitgeber stieß, bei dem auch Michael Klein arbeitete.

In der Folge managte Rhein die Filiale, Klein wuppte die Akustikabteilung. Vermutlich, erklärt Rhein beim Rundgang durch das rund 120m2-großen Geschäfts weiter, wäre das noch eine Ewigkeit so weitergelaufen, wäre im letzten Jahr da nicht dieser eine Moment im Aufenthaltsraum gewesen. »Die Entscheidung fiel aus dem Nichts heraus. Verärgert und geladen sagte ich aus dem Bauch heraus, dass man sich eigentlich selbständig machen sollte. Ich traute meinen Ohren nicht, als Michael nur trocken meinte, ich wäre dabei«, erinnert sich Rhein, die bis dahin nie über eine Selbständigkeit nachgedacht hatte.

Gleiches habe im Grunde genommen auch für Michael Klein gegolten, der eine Selbständigkeit ohne Partnerin oder Partner stets für sich ausgeschlossen hatte. Rückblickend bestätigen die beiden jungen Gründer jedoch, dass es auch anders hätte kommen können. Camino wäre dann wahrscheinlich nicht entstanden. »Wir hatten früher immer viele Ideen. Natürlich will man davon gern auch etwas umsetzen. Aber wenn nie etwas geschieht oder gar gegenteilige Entscheidungen getroffen werden, dann steigt im Laufe der Zeit die Frustration. Irgendwann gelangt man an dem Punkt, bei dem man sich die Frage stellt, gehe ich weiter so voran oder halte ich meinen Mund und arbeite weiter. Das endet aber meist in Dienst nach Vorschrift, und darauf habe ich, ehrlich gesagt, keine Lust«, sagt Klein, der nicht lange überlegen musste, ob eine Selbständigkeit mit Tanja Rhein funktionieren könnte.

Folglich sind die beiden kurz danach auf den alten Arbeitgeber zugegangen und kündigten. Mit allen Konsequenzen und finanziellen Risiken, die damit einhergehen und die beide bereits mit Gründung des Unternehmens spüren konnten. Denn mit Ausnahme des Gründerkredites, der ihnen ein wenig vergünstigte Konditionen einräumte, erhielten Rhein und Klein keinerlei Förderung. Auch nicht für den 3D-Drucker. Das aber ist für beide nach eigenem Bekunden zweitrangig: »Ob man 12.000€ mehr oder weniger zahlt, ist am Ende egal und nicht der Rede wert, wenn man kein Konzept hat. Wir wollen einfach wir sein, uns nicht verstellen und gemütlich so arbeiten, wie es unseren Vorstellungen entspricht. Und das bedeutet beispielsweise, dass ich lieber ein Heavy-Metal-T-Shirt anziehe und mit einer guten Otoplastik den Kunden rocken will«, so Klein weiter.

Das bestätigt auch Dominic Schmidt. Freilich sei er überrascht gewesen, dass die beiden Junggründer bei der audiosus-Jubiläumsfeier auf ihn zugekommen sind, um noch vor Eröffnung den 3D-Druck-Prozess für ihr Geschäft zu entwickeln. Neugründer mit einer solchen Intention seien auch für ihn eine völlig neue Erfahrung gewesen, die ihm aber zunächst einmal sympathisch ist. »Bis zu Dominics Vortrag hatten wir das Thema gar nicht so richtig auf dem Schirm. Während er noch spricht, schauen wir uns plötzlich an, und dann war eigentlich schon klar, dass wir das sofort angehen. Das war alles vollkommen logisch und uns wurde auf einmal bewusst, dass 3D-Druck vielleicht doch nicht so kompliziert und teuer ist, wie man zunächst glaubt«, sagt Tanja Rhein.

Das allein, lässt Schmidt blicken, sei für ihn nicht ausschlaggebend gewesen, um sich auf das Camino-Projekt einzulassen, zumal sich viele mittlerweile mit dem Thema beschäftigten. »Wenn ich den Eindruck habe, dass jemand dafür nicht gewappnet ist, dann nehme ich den Auftrag nicht an. Es bringt mir nichts, wenn der Drucker nach drei Monaten im Keller steht. So schön das Geld ist, das ich damit verdiene. Das kriegt man nur vorgehalten, wenn die Investition sich in Luft auflöst. Bei Tanja und Michael habe ich aber schnell gemerkt, dass sie richtig Bock darauf haben«, sagt Schmidt, der inzwischen wieder bei seinem alten Arbeitgeber Hörluchs tätig ist.

Natürlich habe er sich für Camino ins Zeug gelegt, damit die beiden Junggründer in den Genuss kommen, eine Förderung zu erhalten. Das sei mittlerweile aber nicht mehr so einfach, vor allem in Bayern. »Mittlerweile ist es schwierig, überhaupt einen Slot zu bekommen. Anträge werden teilweise einfach abgeschmettert, mit der Begründung, dass Dinge, die theoretisch jeder kaufen kann, nicht individuell und innovativ genug sind, damit sie in Bayern gefördert werden,« erläutert der 3D-Druck-Experte. Weil man von sich aus gekündigt hatte, seien auch alle anderen Fördermöglichkeiten weggefallen, ergänzt Klein.

So gesprochen, fährt Dominic Schmidt fort, sei er nun erleichtert, dass sich das Camino-Projekt so gut anfühlt. »Das war schon beeindruckend, wie einfach das gestern von der Hand gelaufen ist. Denn man muss ganz klar sagen, dass es Leute gibt, denen das sehr viel Spaß bereitet. Es gibt jedoch auch welche, für die es eine Qual ist, vor einem PC ein Ohrpassstück zu modellieren. Das Konzept kann so gut sein, wie es will. Wenn der Prozess hintenan nicht so gelebt wird, braucht man damit gar nicht erst anzufangen. Jetzt kann ich aber sagen, dass ich die beiden in die Freiheit entlassen kann«, sagt Schmidt, der auch nach der Schulung nicht einen Fehldruck erleben sollte.

Denn auch wenn die Modellingsoftware durch die Unterstützung von KI deutlich schneller, einfacher und besser geworden ist, der 3D-Drucker-Markt sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt hat und die Preise merklich gesunken sind – selbstverständlich sei Schmidt zufolge der 3D-Druck nach wie vor nicht. »Heutige Standarddrucker sind zwar drei bis vier Mal so schnell wie noch vor wenigen Jahren. Ebenso ist das Handling der Maschinen deutlich einfach gestaltet, weil kaum noch Dreck anfällt und man die Maschinen mit einer Hand bedienen kann. Nichtsdestotrotz ist und bleibt das Ganze mit einem Aufwand verbunden,« so Schmidt, der damit rechnet, dass die beiden für einen Durchlauf, also vom Scannen bis zur Fertigstellung, etwa drei Stunden benötigen werden.

Selbstverständlich, unterstreichen alle einhellig, müsse hierfür noch geübt und Routine erworben werden. »Ich habe mich früher als Filialleitung zu 80 Prozent mit der Augenoptik beschäftigt. Aber ich muss sagen, dass mir die Hörakustik schon besser gefällt, vor allem, weil die Kundebindung eine ganze andere ist. Man hat mehr Termine, lernt die Kunden besser kennen. Und darauf kam es mir immer an. Mein Fokus liegt auf Persönlichkeit und Beziehung, die Routine hierfür kann man sich aneignen«, so Rhein, die sich seit ihrem ersten Modelling, das 40 Minuten dauerte, nun auf eine Zeit von knapp zehn Minuten herangetastet hat.

Dass das Geschäftskonzept aufgehen wird, daran hat Regina Klein, die mit Michael Klein weder verwandt noch verschwägert ist, keine Zweifel. Sie arbeitet mit den beiden Hörakustikmeistern bereits seit vielen Jahren zusammen. Nachdem die gelernte Optikerin von den Camino-Plänen erfahren hatte, tat sie es beiden gleich und kündigte dem alten Arbeitgeber. »Ich brauchte nicht lange, um eine Entscheidung zu treffen. Zum einen musste ich aus meiner Komfortzone raus und suchte nach über 30 Jahren im Beruf eine neue Herausforderung. Zum anderen sehe ich seit über zehn Jahren, wie Tanja und Michael gemeinsam arbeiten. Sie wissen, was sie tun und sind sehr korrekt«, sagt Regina Klein, die als Office-Managerin eine tragende Rolle bei Camino Akustik übernehmen soll.

Zwar müsse auch sie erst einmal in die Hörakustik reinfinden. Dem aber sehe sie gelassen entgegen. »Für mich hat sich nie die Frage gestellt, ob die beiden das mit dem Geschäft hinkriegen. Die Art und Weise, wie sie das mit dem 3D-Druck angehen, ist exemplarisch. Das ist ja auch das, was mich motiviert«, fügt Regina Klein hinzu, die die komplette Schulung von Dominic Schmidt mitgemacht hat. Denn über eines sei man sich im Team bewusst. Wenn das Geschäft erst einmal angelaufen sei, werde man nicht mehr die Freiräume finden, einen solchen Prozess so reibungslos zu integrieren. »Wir haben uns viel Zeit genommen, um Camino auf den Weg zu bringen. Die ist aber zu dem Stress, den wir sonst im Vergleich gehabt hätten, unbedeutend. Denn nun haben wir sowohl die Verfügbarkeit als auch die Qualität unserer Otoplastiken vom ersten Tag an in der eigenen Hand. Das ging aber nur, weil wir das richtige Umfeld hatten, das uns mit Rat und Tat zur Seite stand«, so Michael Klein, der heute froh ist, unmittelbar mit dem Selbständigkeitsentschluss der Meditrend beigetreten zu sein. Und das, resümiert Tanja Rhein, seien letztlich die Dinge, die einem Zeit und Ärger im Alltag ersparten.

Bleibt die Frage, weshalb sie ihr Geschäft Camino Akustik nennen. Michael klärt auf: »Wir wollen unsere Kunden auf dem Weg zum guten Hören begleiten! Wir möchten Wegbegleiter auf einer Stecke sein, die nicht immer ganz einfach zu bewältigen ist.« Ganz wie sein prominenter Namenspate: Der Jakobsweg, dessen Inspirationen überall im Geschäft zu finden sind. Kein Wunder, Tanja ist den Weg schon zwei Mal gegangen und spricht davon, dass es dort »einfach magisch« ist. »Es ist unbeschreiblich, was da mit einem passiert. Außer Natur nichts, lediglich mit dem Ziel von A nach B zu kommen. Man erlebt alles intensiver und schöner«, sagt die Gründerin zum Schluss.

So gesehen ist die Namenswahl kein Zufall, genau wie die Idee, von Anfang an auf hauseigenen 3D-Druck zu setzen. Denn wenn das Ziel eine gute Otoplastik mit möglichst wenig Reklamationen und einem selbstkontrollierten Herstellungsprozess ohne lange Wartezeiten ist, dann dürfte das der richtige Weg sein. Schließlich muss man, wie Dominic Schmidt meint, 3D-Druck im eigenen Haus wollen. Dass das bei den beiden Junggründern der Fall ist, erkennt man schon daran, dass der Name Programm ist. Denn Camino heißt auch »Ich gehe voran«.