DIGITALES MAGAZIN
041 | Dezember 2024
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Im Gespräch mit Torsten Schmerer, General Manager Microbattery bei der VARTA AG

Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt, VARTA AG

»Wir sind  über den Berg«

Hinter der VARTA AG liegen harte Monate. Doch wie geht es mit dem Traditionsunternehmen aus Ellwangen weiter? Wir sprachen mit Torsten Schmerer, General Manager Microbattery bei der VARTA AG.

Herr Schmerer, die VARTA AG hat turbulente Zeiten hinter sich. Wie sieht der Status quo aus?

Ich kann an dieser Stelle Entwarnung geben. Wir sind, davon können alle ausgehen, über den Berg. Speziell in dem Geschäft für das medizinische Hören, also dem Medical Hearing, wie wir sagen, sind wir zukunftssicher.

Dennoch: Viele haben die Ereignisse rund um die VARTA AG mitbekommen, die finanzielle Situation des Unternehmens war alles andere als leicht dieses Jahr. Muss man sich in Hinblick auf VARTAs Zukunft keine Gedanken machen?

Nein, aus unserer Sicht wird es mit der VARTA genauso weitergehen, wie man das in den letzten Jahren gewohnt war. Natürlich waren auch wir Einflüssen unterlegen, die mit unserer jüngeren Geschichte zu tun haben. Doch man muss sich um die Energieversorgung rund um das professionelle medizinische Hören keine Sorgen machen. Dort liegen unsere Wurzeln, das haben wir immer mit Herzblut betrieben und diese Verankerung werden wir auch in Zukunft haben.

Wo lag das Problem?

Ohne sich groß in Details zu verlieren, müssen Sie sich vorstellen, dass wir über verschiedene Businessunits und damit einhergehend über verschiedene Produkte sprechen. Im Elektronik-Consumer-Geschäft sind die Entwicklungsfenster, sowohl in Bezug auf das Produkt als auch im Hinblick auf die Produktlebenszyklen, extrem kurz. Um die Chancen wahrzunehmen, muss man dann unter Umständen schnell und konsequent investieren.

Entsprechend geht man ein unternehmerisches Risiko ein und investiert in Fertigungskapazitäten, um dem Markt nachgehen zu können?

Richtig, die Quintessenz eines solchen Investments heißt aber auch, dass man eine Entscheidung trifft, von der man nicht weiß, ob sich der Markt dann wie angenommen entwickelt. 

Wenn Sie über den Consumer Bereich sprechen, dann fiel in Medien- und Börsenkreisen oft der Name Apple.

Stimmt, und an der Beziehung zum Unternehmen hat sich auch nie etwas geändert. Dennoch ist vieles nicht richtig wiedergegeben worden. Das Unternehmen will mit uns weiterarbeiten. Das Geschäft geht also weiter. Man ging davon aus, dass der Bedarf für diese Geräte und damit auch für die Energieversorgung wesentlich größer ist als sich der Markt in Realität entwickelt hat. Kurzum waren dann die Produktionskapazitäten, die in sehr kurzer Zeit und mit sehr hohen Investments aufgebaut wurden, einfach zu hoch. Und wenn das passiert, dann steht kein entsprechendes Geschäft dagegen. Die Zahlung und Verbindlichkeiten gehen aber auf hohem Niveau weiter.

Getroffen hat es aber alle Business Units …

Klar, was natürlich dazu führte, dass auch wir Veränderungen werden vornehmen müssen. Aber wenn wir heute davon ausgehen, dass wir voll durchfinanziert sind, und dass wir mit dem StaRUG-Verfahren, das 2021 in Deutschland eingeführt worden ist, ein außerinsolvenzliches Verfahren in Anspruch genommen haben, dann waren wir nie in der Insolvenz. Es ging ja immer darum, dies zu vermeiden. Das haben wir erreicht.

Hinzu kam die Cyberattacke, die im Februar erfolgte.

Ohne jetzt nochmals über die finanziellen Strukturen, die mit Porsche sowie Dr. Dr. Michael Tojner sehr solide sind, zu sprechen, muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen, dass das etwas war, was man sich in seinen Ausmaßen nicht vorstellen kann. Ich bin jetzt 30 Jahre bei VARTA und habe so etwas noch nie erlebt. Ich will so transparent wie irgendwie möglich sein und muss zugeben, dass unsere Lieferfähigkeit immer noch angespannt ist. Wir versuchen aber alles, wirklich alles, um Prioritäten zu setzen und zu helfen, wo wir nur irgendwie können.

Was genau war passiert?

Das Problem haben wir mittlerweile in den Griff bekommen. Aber stellen Sie sich vor, man kommt morgens ins Büro und der Computer startet nicht. Zunächst denkt man, es geht gleich weiter. Das glaubt man auch nach zwei oder drei Stunden, selbst wenn man die Nachricht erhält, wir hatten eine Cyberattacke. Die Ausmaße werden einem erst klar, wenn sie realisieren, dass sie völlig von der Welt abgeschnitten sind und weltweit alles lahmliegt. Es geht nichts rein, es geht nichts raus. Auch wissen Sie nicht, in welcher Form und wo Sie genau getroffen wurden. Das aufzuräumen, war eine Wahnsinnsleistung, weswegen den Kollegen, die im Hintergrund arbeiten und nie zu sehen sind, ein riesiges Lob ausgesprochen gehört. Ebenso, und das ist mir extrem wichtig, ein ganz großes Dankeschön an unsere Kunden und Partner, die uns so enorm viel Verständnis entgegengebracht haben, uns unterstützen und eine Loyalität an den Tag legen für uns, unsere Marke und das, was wir tun. Das können wir gar nicht hoch genug schätzen.

Soweit ich weiß, wurde gar über eine Betriebsverlagerung ins Ausland nachgedacht?

Ja, aber das ist ein anderes Thema. Durch die enormen Kostensteigerungen und dem Verlust der Economy of Scale, die wir vor allem bei den Zink-Luft Batterien hatten, standen wir kurz davor, eine solche Entscheidung zu treffen. Wir haben uns aber für eine andere, wie ich meine, bessere Lösung entschieden. Wir werden durch geschickte Investitionen im Zink-Luft-Bereich Kosteneinsparungen erzielen. Die werden aber nicht die erforderliche Produktivitätssteigerung bringen, die notwendig ist, um einen Inflationsausgleich sowie die verschlechterte Economy of Scale auszugleichen. Deshalb werden wir auch Preise erhöhen müssen. Das wird uns ermöglichen, die Arbeitsplätze in Deutschland zu halten.

Kommen wir auf den Bereich Medical Hearing zu sprechen. Wie stellt sich das Geschäft aus Ihrer Sicht denn dar?

Auch das hat sich verändert, und wir befinden uns sicherlich mitten in einem technologischen Wandel. 2017 war für uns diesbezüglich ein magischer Zeitpunkt, nicht nur wegen unseres IPOs. Zu diesem Zeitpunkt stellte sich vermehrt die Frage, ob der Markt mehr Zink-Luft oder Lithium-Ionen-Zellen verwenden würde. Als die Industrie erkannte, welche Potenziale die Lithium-Ionen-Zelle bietet, konnte man von einem technologischen Wandel ausgehen. Was sich damals noch nicht erkennen ließ, war, wie weit dieser Wandel die Zink-Luft-Batterie betreffen würde. Es stellte sich die Frage, ob diese komplett verschwinden würde.

Richtig, darüber haben wir uns in der Vergangenheit ja auch lange unterhalten. Entsprechend sind wir uns ja einig, dass die LI-Batterie auch die Zukunft in der Branche darstellen wird. Akku-Geräte sind heute nicht mehr wegzudenken.

Ich gebe Ihnen Recht, dass hier in den letzten Jahren ein großes Wachstum stattgefunden hat. Man muss dennoch sagen, dass sich das momentan auf ein gewisses Niveau eingependelt hat. Der Gesamtmarkt im Zink-Luft-Bereich weltweit hat sich reduziert. Wir haben das bereits vor Jahren simuliert und haben einen sehr guten Einblick, in welche Richtung sich der Markt entwickelt, vor allem in Hinblick auf Mengen und Verteilung. Unsere Prognosen sind auch genauso eingetroffen.

Heißt?

Im Moment kann man davon ausgehen, dass sich der Weltmarkt stabilisiert hat. Zwar kann sich das künftig auch wieder ändern, aber der verbliebene Teil der konventionellen Hörgeräte ist relativ stabil und wächst mit dem Marktwachstum weiter mit. So gesehen befinden wir uns in einem eingeschwungen Zustand. Das Schöne für uns, und das darf man auch von uns erwarten, ist, dass wir immer schon ein maßgeblicher Player waren und auch bleiben werden. Wir sind schließlich auch weniger geschrumpft als der Weltmarkt. Das ist uns auch wichtig. Insofern sind wir heute in einer Position, bei der wir sagen können, ja, das Zink-Luft-Geschäft, auch wenn es unter Druck steht, stellt nach wie vor eine solide Basis dar. Bei den Neuentwicklungen wie der Lithium-Ionen-Zelle sind wir Entwicklungspartner der Industrie und werden das mit vollem Fokus vorantreiben.

Was hat sich in Sachen Zink-Luft energetisch getan? Ich habe noch die VARTA Evolution im Ohr … 

Die läuft, schließlich handelt es sich um eine sehr ausgereifte Technologie. Daher kann man, grundsätzlich gesprochen, keine großen Technologiesprünge im Zink-Luft-Bereich erwarten. Die Dichtungen sind dünner als 50my, wir haben eine Foliendichtung in der Evolution, die einzigartig ist. Die Gehäusehalbteile sind extrem dünn geworden, um möglichst viel Raum für Energie zu schaffen. Da befinden wir uns auf einem sehr, sehr hohen Niveau, auch produktionstechnisch gesehen. Unsere Aufgabe besteht darin, uns auf die Anforderungen der Industrie einzustellen.

Wie sieht es im Lithium-Ionen Bereich aus?

Komplett anders. Zum einen waren wir hier sehr früh an dem Thema dran, aber es stecken auch noch große Potentiale in der Technologie. Wie gesagt glaube ich nicht, dass die Wachstumsraten im Lithium-Ionen-Bereich ins Unermessliche gehen werden, und man einzig auf wiederaufladbare Hörsysteme setzen wird. Am Ende wird man wahrscheinlich ein breites Portfolio anbieten, bei dem Patienten das Beste für sich wählen können, vor allem wenn man sieht, welche Veränderungen beispielsweise KI-fähige Hörsysteme mit sich bringen werden. Denn auch solche Systeme müssen auf ausreichend Energie zurückgreifen können. Das wird spannend und herausfordernd.

Können Sie sich perspektivisch in diesem Bereich einbringen?

Ja, das können wir, nicht nur über weitere Energiedichtensteigerungen im Lithium-Ionen Bereich, sondern auch über neue Materialien. Ähnlich wie in anderen Branchen wird das bei uns ebenso eintreten. Allerdings in kleinen Schritten. Man wird von Batteriegeneration zu Batteriegeneration denken – so, wie wir es bei den Zink-Luft Zellen gemacht haben. Das ist auch das, womit wir uns gerade beschäftigen, auch wenn mit dem Blick von außen einige meinen, der VARTA gehe es schlecht. Ja, wir haben schon bessere Zeiten gesehen. Unser Bereich Medical Health aber wird nachlegen, da im Moment Prozesse und Projekte für die nächste Generation bei den Lithium Batterien laufen, die dann zeitgerecht so zur Verfügung stehen werden, dass auch die nächste Hörgerätegeneration bedarfsgerecht bedient werden kann.

Man kann also mit effektiveren Zellen rechnen?

Davon gehe ich aus. Man müsste zwar einen Entwicklungsingenieur hierfür neben sich sitzen haben, um zu erklären, wie groß die Potenziale sind. Aber der Akustiker hat damit in der Regel wegen der Wiederaufladbarkeit relativ wenig zu tun. Lassen Sie mich das mit einem Satz umschreiben. 

Bitte

Unter Kapazität kann jeder noch etwas begreifen. Eine Zelle, die heute vielleicht 28 Milliamperestunden hat, wird künftig um die Mitte dreißig liegen. Das geht aber einher mit der höheren Spannung der Lithium-Ionen-Zellen, also statt 1,4 Volt bei Zink-Luft Batterien auf 4,2 Volt. Das geht ja in die Energie mit rein. Wir sprechen also über ganz andere Welten. Im Hinblick auf die Ladespannungen ist das sogar noch ausbaufähig, weil es die entsprechenden Chips hierfür geben wird. 

Die Befürchtung vieler Akustiker, auf keine ausreichende Energieversorgung zurückgreifen zu können, ist also unbegründet.

Genau, sofern man auf VARTA setzt und sicherstellt, dass in VARTA-Produkten auch Made in Germany drinsteckt.

Herr Schmerer, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.