Von Dennis Kraus / Fotos: OMNIdirekt
»Jeder verdient gutes Design«
Was macht eigentlich ein Hörgeräte-Designer? Sorgt er lediglich für etwas Abwechslung im Aussehen der Schalen? Oder geht es doch um mehr als Formgebung? Martyn Beedham hat das SmartRIC für Widex designt und ist Senior Director Design bei WS Audiology. Im Interview spricht er über seine Arbeit und wie er mit dem Design der Technik Rechnung trägt.
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Herr Beedham, gestatten Sie uns eine lapidare Frage vorab: Für die meisten Menschen sehen Hörgeräte – zumindest die, die man hinter dem Ohr trägt – größtenteils gleich aus. Um was geht es also beim Design der Geräte? Nur um kleinste Änderungen der Form?
Für mich geht es um vieles mehr. Müsste ich es auf einen Aspekt herunterbrechen, würde ich sagen, dass ich mit Design Probleme löse. Das Aussehen kann ein Teil des Problems sein, allerdings entspräche reines Styling nicht meinem Ansatz. Ginge es nur darum, würde man nicht wirklich Probleme lösen. Insofern verfolge ich bei meiner Arbeit den Inside-Out-Ansatz. Dafür betrachte ich die Funktionalität des Hörgeräts und dessen Aussehen als eins, denn beides soll sich gegenseitig unterstützen. Es geht also um die reinste Form von Design: form follows function.
Wenn Sie sagen, dass der Design-Leitsatz form follows function auch für Hörgeräte gilt: Ist damit erklärt, warum sich viele Geräte äußerlich so ähneln? Die Funktion ist im Grunde ja immer die gleiche …
Die Form ist eine Reflexion der Technik, die in den Geräten steckt. Insofern entwerfen alle Hersteller ihre Geräte basierend auf den gleichen Elementen, die in Hörgeräten verbaut sind, wie etwa dem Chip, der Batterie bzw. dem Akku, den Mikrofonen und so weiter. Das Design geht also eine Partnerschaft mit der Technologie in dem Gerät ein. Lange ging es außerdem um Miniaturisierung. In manchen Situationen war das sicherlich gut, in manchen vielleicht aber auch nicht – zum Beispiel, wenn es um Handhabung geht. Um für das SmartRIC zu einer neuen Formgebung zu kommen, haben wir die technischen Komponenten sozusagen rekonfiguriert. So konnten wir uns sogar neue Möglichkeiten verschaffen, wie das Gerät hinter dem Ohr sitzt. Neben dem Tragekomfort konnten wir mit der Form aber auch die Perfomance des Geräts verbessern. Ich hatte eben von dem Inside-Out-Ansatz gesprochen: Das SmartRIC ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man mit Design Technik gezielt unterstützen kann.
Wie beginnen Sie mit Ihrer Arbeit? Fängt alles mit einem weißen Blatt Papier und einem Bleistift an? Oder ist es eher so, dass Sie aus der Forschung und Entwicklung über neue technische Möglichkeiten informiert und gefragt werden, wie man die mit Design unterstützen kann?
Das ist verschieden. Manchmal ist es tatsächlich eine erste Skizze auf Papier, manchmal kommt mir eine Idee in den Kopf, manchmal geben Studien, durch die ich von den Wünschen der Nutzerinnen und Nutzer erfahre, den Anstoß. Genauso kann es vorkommen, dass mir jemand aus dem Unternehmen von neuen Entwicklungen erzählt und fragt, was ich damit anfangen würde. Antrieb ist für mich dabei stets, etwas Neues, Bedeutungsvolles machen zu wollen. Dafür schaue ich auch immer auf die technischen Möglichkeiten und frage mich, wie wir diese mit dem Design unterstützen können, so dass das Gerät besser performt, dass sich der Tragekomfort weiter verbessert oder die Handhabung noch besser wird. In meinen Arbeitsprozessen gibt es aber auch ein gewisses Maß an Trial and Error. Für das SmartRIC haben wir viele Varianten entworfen und wieder verworfen.
Warum haben Sie die nicht in Ihren Vorträgen am Messestand von Widex gezeigt?
Weil einige uns neue Wege eröffnet haben für Designs, die wir in Zukunft eventuell für weitere Hörsysteme nutzen werden. Auch das gehört zum Designprozess: Wir wollen lernen, wie wir mehr erreichen können. Der Designprozess bedeutet auch einen kontinuierlichen Aufwand und viel Ausprobieren, was funktioniert und was nicht. Wichtig ist auch, was um einen herum geschieht. Die Welt um uns herum verändert sich ständig. Und damit meine ich nicht nur die Hörgeräte. Die großen Technikfirmen wie Apple, Samsung oder Sony bieten viele Geräte an, die man in seinem Alltag nutzt. Damit beeinflussen sie die Erwartungshaltung an technische Produkte und auch die User Experience – und unsere Produkte müssen damit Schritt halten. Auch das müssen wir miteinbeziehen, denn dagegen anzuarbeiten wäre wenig hilfreich.
Sie sind kein Audiologe oder Hörakustiker. Wie wurden Sie Designer für Hörsysteme?
Durch einen glücklichen Zufall (lacht). Man könnte sagen, die Hörakustik hat mich gefunden. Nach meinen Designstudium arbeitete ich als Design Consultant, gründete eine eigene Firma und entwarf verschiedene Produkte. Hörgeräte kamen schließlich durch jemanden, den ich kannte, auf den Plan. Wobei ich erstmal wenig begeistert war, als man mich fragte, ob ich ein Hörgerät designen könnte. Ich wusste absolut nichts über Hörgeräte und kannte auch niemanden, der welche trug. Aber dann traf ich doch auf Leute, die welche trugen, weil sie eine Hörminderung hatten. Und dann hatte mich das Thema irgendwie. Ich schaute mir die Branche an und dachte: Hier gibt es noch viel Raum für Verbesserungen. Wenn ich auf dem aufbaue, was bereits vorhanden ist, könnte ich mich vielleicht positiv einbringen.
Es geht bei Hörgeräten also nicht nur um Signalverarbeitung, sondern auch um gutes Design, würden Sie sagen?
Ja. Jeder verdient gutes Design. Es gibt keinen Grund, warum Produkte den Menschen nicht großartiges Design bieten sollten. Es geht nicht allein darum, das Hören eines Menschen zu verbessern, sondern sein ganzes Leben besser zu machen. Und dabei spiele ich dann eben auch eine Rolle.
In Deutschland sind Hörgeräte Medizinprodukte. Und viele Medizinprodukte sehen aus, als hätte man kaum Wert auf Design gelegt. Sollte das anders sein?
Ich denke schon. Es ist doch so: Niemand träumt davon, unbedingt ein Medizinprodukt nutzen zu wollen oder es gar den ganzen Tag tragen zu müssen. Hier Wert auf Design zu legen, führt meiner Auffassung nach zu mehr Bewusstsein. Und auf Bewusstsein folgt Akzeptanz. Wir wollen sogar noch einen Schritt weitergehen und Begierde wecken. Natürlich begehrt erstmal niemand Hörgeräte, das ist klar. Aber wenn jemand welche benötigt, würde ich mir wünschen, dass derjenige sich für das Beste entscheidet und dann von seinen Hörgeräten beeindruckt ist, sie benutzt und erkennt, dass er sich auf sie verlassen kann. Deshalb darf es hier auch keine Kompromisse geben.
Wie lange dauert es, ein Design für ein Hörgerät fertigzustellen?
Das ist verschieden. Das SmartRIC, bei dem wir wirklich noch mal bei Null angefangen haben, hat viele Jahre in Anspruch genommen. Diese Zeit spiegelt hier aber auch die Komplexität des kompletten Prozesses der Entwicklung sowie den Aufwand wider, der betrieben wurde. Und dann muss das Gerät ja auch noch verschiedene Tests durchlaufen, um sicherzustellen, dass es funktioniert und langlebig ist. Da kommen schnell ein paar Jahre zusammen.
Wie kam es eigentlich zu der L-Form des SmartRIC? Die Form lässt es ja schon anders aussehen als andere RIC-Systeme …
Bei dem SmartRIC ging es vorranging um die Performance. Und da waren wir dann auch schnell bei der Positionierung der Mikrofone. Dazu kam unsere Bereitschaft, wenn nötig auch mit den bisherigen Normen zu brechen, um zu zeigen, dass dies kein normales Hörgerät ist. Insofern höre ich natürlich gern, wenn Sie sagen, dass das Gerät nicht wie alle anderen aussieht. Als schließlich klar war, dass wir die Mikrofone besser performen lassen können, kam als nächstes das Thema Platzierung und Größe des Akkus dazu. Das SmartRIC hat von allen Widex-Geräten die längste Akkulaufzeit. Diese Kombination aus Performance des Geräts und Designfreiheit erlaubte es uns, Dinge mal anders zu machen. Die L-Form ist letztlich das Resultat vieler Studien, in denen wir ermittelt haben, was einerseits gut performt und was andererseits bei den Menschen gut ankommt. Und diese Form sieht gut am Ohr aus, der Tragekomfort ist hoch – auch bei Brillenträgern – on top kommt eine starke audiologische Performance.
Dass die Mikrofone hier anders platziert werden sollten, war also von vornherein klar?
Ja. Dass sich die Positionierung der Mikrofone audiologisch auszahlen würde, wussten wir. Wenn es uns also gelingen würde, den Winkel der Mikrofonausrichtung zu verkleinern, würde das Vorteile bringen. Es ging hier also wirklich um form follows function – und das in einer sehr klaren Designsprache, die alles sehr elegant zusammenbringt.
Wenn allein die neue Positionierung der Mikrofone näher an der Sichtachse eine Verbesserung der Performance bringt – warum hat man das nicht schon längst gemacht?
Die Idee an sich ist gar nicht so neu. Aber ihre Ausführung ist es. Die Art und Weise, wie wir das umgesetzt haben, war eine große Herausforderung. Da muss ich auch vor den Kollegen in der Forschung und Entwicklung meinen Hut ziehen. Denn wenn das so einfach wäre, dann hätte man das längst gemacht. Aber nun konnten wir alles so zusammenführen, dass es wirklich funktioniert und auch wirklich robust ist, dazu in einem solchen Design. Das zeugt auch von dem Mut, der nötig war, um sich da heranzutrauen.
Das SmartRIC wurde inzwischen mit vier Design Awards ausgezeichnet. Was bedeuten Ihnen diese Preise?
Natürlich sind diese Auszeichnungen schön für uns. Sie drücken Wertschätzung für unsere Arbeit aus. Aber das Wichtigste an den Design Awards ist, dass sie Aufmerksamkeit erzeugen. Sie zeigen, dass auch bei Hörgeräten Dinge neu gedacht und gemacht werden und signalisieren damit, dass sich etwas bewegt. Schließlich zeichnen die Awards die Innovationen aus und belohnen das Risiko, das hier eingegangen wurde. All das kann helfen, dass Hörgeräte zum Gesprächsthema werden. Wenn darüber hinaus die Hörakustikerinnen und -akustiker anhand der Auszeichnungen erkennen, dass Widex eine Marke ist, die die Extrameile geht und das ihrer Kundschaft spiegeln, kann das nur gut sein. Die Hörakustiker können so ihren Kunden Geräte zeigen, die, wie im Fall des SmartRIC, mehrere Designpreise gewonnen haben. All das kann helfen, die Vorstellung von der beigen Banane, die viele Menschen nach wie vor von Hörgeräten haben, zu korrigieren.
Herr Beedham, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.