Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt, Hörspectrum Fiedler
Bestes Edutainment das zwölfte Oticon Symposium
Rund 250 Menschen waren Ende November der Einladung von Oticon nach Hamburg gefolgt. Zum nunmehr zwölften Mal hielt der Hersteller sein Symposium ab. Wie gewohnt stand das Programm unter der Überschrift »ZUKUNFT Mensch & Audiologie« – und wie gewohnt wurde ein Mix aus Education und Entertainment geboten. Aber auch eine Tradition ging zu Ende.

Längst ist das Oticon Symposium Ende November zur Tradition geworden. Der EUHA-Kongress liegt rund vier Wochen zurück, in gut vier Wochen ist Weihnachten. Dazwischen versammelt Oticon verlässlich noch einmal eine Vielzahl an Branchen-Akteuren, die das Symposium sowie die anschließende Abendveranstaltung in Hamburg besuchen. Man könnte auch vom letzten Branchen-Highlight des Jahres sprechen, einer informativen wie guten Zeit.
Ein bisschen zuckt man dann auch zusammen, als Torben Lindø nach einigen Worten der Begrüßung diesen Satz sagt: »Auch Traditionen haben ein Ende.« Was der Geschäftsführer der Hamburger Oticon-Niederlassung meint, bedeutet allerdings mitnichten das Ende des Oticon Symposiums. Und doch endet am heutigen 21. November eine Tradition, die mit dem Symposium zumindest eng verbunden ist. »Für viele ist es kein Geheimnis mehr, dass unser guter Kollege Horst Warncke entschieden hat, in seinen wohlverdienten Ruhestand zu gehen«, sagt Torben Lindø. Insofern möchte er ihm auch heute, vor 250 Gästen, noch einmal für seinen »enormen Einsatz« danken – im Namen von Oticon und der gesamten Branche. »Ich glaube, wir haben uns alle mit dir wohlgefühlt, lieber Horst«, sagt Lindø. Im Saal sieht man das genauso, steht auf und applaudiert. Es wird also das letzte Mal sein, dass Horst Warncke als Leiter Audiologie von Oticon das Symposium moderiert. Ein bewegender Moment im großen Saal des Curio Hauses in Hamburg.
Horst Warncke steht neben Torben Lindø und ist sichtlich gerührt. Er bedankt sich. Nach einem kurzen Moment tut er dann aber das, was er hier immer getan hat – souverän und sympathisch das Symposium moderieren. Und so kündigt er als ersten Referenten Prof. Dr. Björn Schuller an, einen absoluten Experten für maschinelle Intelligenz und Signalverarbeitung. An der Universität Augsburg hat er einen Lehrstuhl für Eingebettete Intelligenz im Gesundheitswesen. Dazu kommen weitere (Gast)Professuren sowie sein Posten als Chief Scientific Officer bei audEERING, einem von ihm mitgegründeten Unternehmen, das etwa KI-gestützte Audioanalyse und Ausdruckserkennung entwickelt. Auf dem Oticon Symposium spricht er über »Tiefes Lernen und Basismodelle in der Audiologie von Morgen«.

Faszinierende Möglichkeiten
Mit seinem Vortrag möchte er für das maschinelle Lernen begeistern, eröffnet Schuller. Sein Vorhaben ist nicht zu hoch gegriffen. Zu faszinierend, was er berichtet und in verschiedenen Beispielen zeigt. So könne eine KI heute im Grunde einfach mithören und schauen, »was gerade interessant sein könnte« – und das hervorheben. Sprache, Warnsignale, Umgebungsgeräusche, alles eine Frage des Trainings. Was gerade interessant ist, darüber könne aber auch Biofeedback Aufschluss geben. Steigt die Herzfrequenz, lasse sich das als entsprechenden Hinweis nehmen. Smartglasses wären eine weitere Möglichkeit für die Detektion dessen, was akustisch gewünscht ist, so Schuller.
Auch das Ungehörte lässt sich hörbar machen. Filmt man Lippenbewegungen, lässt sich die Sprache nun synthetisieren. Hat man die KI zuvor mit der Stimme der entsprechenden Person trainiert, klingt die künstliche Stimme wie die echte. Aber auch mit unbekannten Stimmen funktioniert die Synthetisierung. Video-zu-Audio, Lippenlesen 2.0.
Darüber hinaus lasse sich das Gesagte mithilfe von KI auch verändern. Ob einzelne Wörter oder Sätze, ja sogar Emotionen lassen sich manipulieren. Jemand Wütenden könnte man so zu jemanden Freundlichen machen, zumindest, was Sprache angeht. »Willkommen im der Deep-Fake-Zeit für Audiosignale«, sagt Schuller. Andersherum könne ein KI-Assistent einen aber auch darauf aufmerksam machen, liegt zum Beispiel zu viel Aggression in der eigenen Stimme.
Schullers Lieblingsthema ist die Analyse von Audiosignalen. Ob Depressionen, Alzheimer oder Autismus, viele Krankheiten und psychologische Entwicklungsstörungen könne man bereits per Stimmenanalyse erkennen – genau wie einige anatomische Begebenheiten.
Wenn man Björn Schuller so zuhört, scheint auf diesem Feld kaum mehr etwas undenkbar. Eine Herausforderung sei hierbei aber nach wie vor, dass die Verarbeitung des Signals mit möglichst geringer Latenz erfolgen soll – bei gleichzeitig geringem Stromverbrauch und kleiner Größe des genutzten Geräts.
Modellierung des Gehörs
Den zweiten Vortrag des wissenschaftlichen Teils am Vormittag hält Dr. Johannes Zarr. Als leitender Wissenschaftler am Oticon-eigenen Forschungszentrum Eriksholm beschäftigt sich Zarr mit Sprachverarbeitung und Psychoakustik sowie mit Hörproblemen, die nicht mit einer Schallverstärkung gelöst werden können. Als extremes Beispiel nennt Horst Warncke in seiner Anmoderation Menschen, die, je nach klinischer Definition, nicht mal ein Hörproblem aufweisen, beim Sprachverstehen in lauten Umgebungen aber »schwerste Hörprobleme haben«. Insofern arbeitet Johannes Zarr, der auch einer der Entwickler des ACT-Tests ist, daran, ein »ganzheitliches Verständnis von Hörbehinderungen mit all ihren Komponenten zu erreichen« und dafür technische Lösungen bereitzustellen. Thema seines Vortrags ist die »Psychologisch inspirierte Modellierung des Gehörs«.
So erklärt er zunächst Grundlegendes zur Sprachverständlichkeitsmodellierung sowie zur Nutzung auditorischer Modelle in der Audiologie. »Die Modelle für Normalhörende arbeiten üblicherweise mit einer sehr vereinfachten Simulation der auditorischen Prozessierung«, so Zarr. Die Simulation der Effekte von Schwerhörigkeit sei hingegen »nach wie vor eine große Herausforderung«. Um der Herr zu werden, bezieht man in der Forschung inzwischen realistischere auditorische Prozesse mit ein, die letztlich eine Vorhersage ermöglichen, wie Schwerhörende Sprache verstehen werden. Auch Interpretationen der »äußerst komplizierten Interaktion von inneren und äußeren Haarsinneszellen sowie des Mittelhirns« werden hierbei berücksichtigt. Die Erkenntnisse wiederum könne man zur Verbesserung von Hörgeräte-Features nutzen. Bis die neuesten Erkenntnisse tatsächlich in nutzbare Algorithmen in Hörgeräten umgesetzt werden, werde es allerdings noch dauern. »Es gibt noch einiges zu tun und zu testen«, so Zarr abschließend.
Krisenmanagement als Heldenreise
Nach der Mittagspause stehen Marcus Ewald, Geschäftsführender Gesellschafter der Dunkelblau GmbH, Marek Stiefenhofer von der r-tec IT Security und Dr. Hauke Hansen von der Wirtschaftskanzlei FPS auf der Bühne. Der Titel ihres Vortrags: »Cybersicherheit – eine Heldenreise, Krisenmanagement wie Luke Skywalker«.
Informativ wie unterhaltsam berichten die drei von ihrer Arbeit als Krisenmanager im Falle einer Cyberattacke. Ihre Klienten machten, so erzählen sie, während dessen eine Transformation, ja, eine Heldenreise durch, von mehr oder minder Ahnungslosen hin zu Menschen, die wieder Herr der Lage werden – von dem auf Tatooine lebenden Farmer Luke Skywalker zum Jedi Ritter.
Erste Erkenntnisse im Schnelldurchlauf: IT-Sicherheit ist gut investiertes Geld und gehört in die Hand von Profis. Im Falle eines Hackerangriffs drohen nicht nur finanzielle Einbußen und Imageschäden. Bei Datendiebstahl stehen auch rechtliche Konsequenzen für die Geschäftsführung im Raum.
Auch vor dem Glauben, das eigene Unternehmen wäre für Hacker kein lohnendes Ziel, warnen sie. Einerseits werde willkürlich nach Schwachstellen in Systemen gesucht. Andererseits könnten die Daten eines Hörakustikunternehmens eben doch lohnenswert sein, man denke nur an den Enkeltrick.
Haben Angreifer ihren Fuß in der Tür, trete der GAU, also die Verschlüsselung der Rechner und Daten sowie eine Lösegeldforderung, oft erst später ein. Ist es passiert, ist schnell Krisenmanagement gefragt. Idealerweise zieht man im Falle einer solchen Attacke Profis hinzu.
Interessant auch, welchen Rat die drei in puncto Lösegeldzahlen geben. Wären die Daten verloren, könne man mithilfe eines Rechtsbeistandes der Staatsanwalt darlegen, dass eine Zahlung dringend nötig ist. Würde man einfach so bezahlen, mache man sich nämlich möglicherweise der Unterstützung einer kriminellen Vereinigung schuldig.
Gewohnheiten ändern, Veränderung herbeiführen
Den nächsten Vortrag hält Dr. Florian Ross, Hörakustikmeister, Rettungssanitäter sowie promovierter Wirtschaftswissenschaftler. In seinem Vortrag spricht der OMNIdirekt-Gastautor über »Driving Change – Erfolgreiches Management von Veränderungsprozessen«. »Der Status quo von heute wird in Zukunft ein anderer sein«, sagt Florian Ross mit Blick auf die Branche. Wie der künftig aussehen wird, das könne man heute zwar nicht wissen. Aber man könne sich selbst und auch sein Unternehmen aktiv durch Veränderungen auf die Zukunft vorbereiten.
In der Folge spricht Florian Ross über Veränderung sowie Veränderungsprozesse – und wie sich der Mensch für gewöhnlich dazu verhält. Veränderungen kosten Energie, und das menschliche Gehirn möchte vor allem eines: Energie sparen. Daher auch der Hang zu Gewohnheiten. 50 Prozent des Alltags bestreite man, so Ross, mit energiesparenden Gewohnheiten. Dies zu durchbrechen, sei langwierig. 65 Tage brauche es, neue Routinen zu verankern. Und dazu kommt auch noch die Angst vor Veränderungen. Dennoch ist Veränderung möglich.
Antrieb für Veränderungen ist oft die Unzufriedenheit. Interessant in diesem Zusammenhang: Lebensalter und Zufriedenheit hängen zusammen. Nach einer glücklichen Kindheit und Jugend sinkt die Zufriedenheit, bis sie bei Anfang 40 ihren Tiefpunkt erreicht. Danach beginnt sie wieder zu steigen. Dabei ist, sagt Florian Ross, »optimistisches Denken die Basis für erfolgreiche Veränderung. Das Glas ist also immer halbvoll.« Aber wie kann Veränderung, etwa im eigenen Unternehmen, nun gelingen? Mit Change-Management. Hierzu stellt Florian Ross das »Acht Stufen Modell« nach Kotter vor, die »Brot und Butter Variante des Change-Managements – man kann es leicht anwenden und kommt schnell in die Umsetzung«. Wie das Modell aussieht und wie es sich umsetzen lässt, das hat Florian Ross in der OMNIdirekt #34 beschrieben.
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Mehr Mut zu Kreativität und Improvisation
Nun steht Dennis Fischer auf der Bühne. Fischer arbeitete nach seinem Studium für ein Start-up, anschließend für den Baufinanzierungsvermittler Interhyp. Angetrieben von der Frage, wie wir in Zukunft arbeiten werden, gründete er schließlich eine Innovationsberatung und begann, sein Know-how an Mittelständler und DAX-Konzerne mit Coachings, Trainings sowie Keynotes weiterzugeben. Zudem veröffentlichte er das Buch »52 Wege zum Erfolg«. Sein Thema für das Oticon Symposium 2024: »Menschliche Intelligenz statt Künstliche Intelligenz: Zukunft ist morgen. Veränderung ist heute!«
In seinem Vortrag geht Fischer auf das Voranschreiten und die Verbreitung von KI ein. Dass das auch Angst machen kann, erlebe er bei vielen seiner Engagements. Wie sich die beschwichtigen ließen, erzählt er am Beispiel von Microsoft Excel. 1985 auf den Markt gekommen, fürchteten damals viele das Ende der Buchhalter. Und tatsächlich gibt es heute viel weniger Buchhalter als 1985 – nur kamen mehr als doppelt so viele Jobs als Finanzanalyst oder Rechnungsprüfer hinzu. »Die Arbeit wird uns also nicht ausgehen, sie wird sich nur verändern«, stellt er klar.
Um in der digitaler werdenden Welt weiter bestehen zu können, rät er letztlich zu mehr Mut zur Improvisation und Kreativität – Fähigkeiten, die eben die menschliche Intelligenz auszeichnen. Mit den Ängsten möge man zudem offener umgehen. Wegwischen ließen die sich ohnehin nicht. Ebenso gibt er mit auf den Weg, sich neuer Technologie spielerisch zu nähern, schließlich waren viele technische Revolutionen anfangs erstmal nur ein Spielzeug.
Krise als Anstoß einer Weltkarriere
Den Abschluss markiert Patricia Kelly. In ihrer Keynote spricht die Musikerin darüber, was Unternehmen von erfolgreichen Künstlerinnen und Künstlern lernen können. Und so berichtet sie von den Erfahrungen ihrer Familie im Musikgeschäft. Zwei Dinge werden dabei schnell deutlich: Die Kellys haben immer wieder Krisen zu bewältigen, und ihre Familie besteht nicht einfach nur aus Musikerinnen und Musikern, im Laufe der Zeit wurde sie auch zu einem erfolgreichen Unternehmen, das hart für den Erfolg arbeitet.
Den Anstoß, es mit der Musik zum Geldverdienen zu versuchen, gab einst eine Notsituation. Während eines Ausflugs nach Rom wurde der Familien-Bully aufgebrochen. Nur ein paar Musikinstrumente ließen die Diebe zurück. Um zu etwas Geld zu kommen, spielte die Familie in einer Fußgängerzone und ließ den Hut rumgehen. »Die Menschen gaben uns so viel Geld, dass Papa sagte: Wir gehen nicht zurück, wir machen eine große Reise durch Europa«, erinnert Patricia Kelly. Anfang der 1970er-Jahre war das. Sie fuhren als Straßenmusiker durch Europa, und verdienten eine Menge Geld. Es folgten ein Plattenvertrag und sehr erfolgreiche Veröffentlichungen.
Eine Erkrankung der Mutter warf die Kellys jedoch zurück auf Los. Aber der Traum, eines Tages in ausverkauften Stadien zu spielen, trieb die Familie immer wieder an, ihre Karriere weiterzuverfolgen. Heute stehen bei der Kelly Family über 20 Millionen verkaufte Tonträger auf dem Konto, ein Konzert auf der Wiener Donauinsel vor rund 200.000 Menschen und vieles mehr.
Und was kann man als Unternehmen daraus lernen? »Ich glaube, dass es in Krisenzeiten auch immer gute Chancen gibt«, sagt Patricia Kelly. Zwischen der Branche der Kellys sowie der Hörakustik sieht sie darüber hinaus eine Gemeinsamkeit: »Bei uns Künstlern steht der Mensch, das Publikum im Mittelpunkt. Und bei euch steht der Mensch ebenfalls im Mittelpunkt. Wir haben alle das Privileg, Menschen Lebensqualität zu geben«, sagt Patricia Kelly abschließend.
