Von Martin Schaarschmidt (Cochlear)
»Mit dem CI bin ich unabhängiger geworden«
Sie steht als Deaf-Performerin mit bekannten Künstlern wie Wincent Weiss und den Fantastischen Vier auf der Bühne, wirkt in Musikvideos mit, war jüngst als Schauspielerin in mehreren TV-Produktionen zu erleben und hat auf TikTok, YouTube und Instagram weit mehr als eine halbe Million Follower. Als Kind gehörloser Eltern ist Cindy Klink (26) zwischen der Welt des Hörens und Welt der Stille aufgewachsen. Als sie sich im April 2023 mit einem Cochlear Nucleus Implantat versorgen ließ, nahm sie ihre Follower mit auf ihren Weg zum neuen Hören. Wir trafen Cindy Klink zum Interview.

Cindy, du bist sozusagen zwischen der Welt des Hörens und der gehörlosen Welt aufgewachsen. Du selbst warst von Anfang an schwerhörig?
Dass ich schwerhörig bin, wurde festgestellt, als ich drei Jahre alt war. Man geht davon aus, dass ein Gendefekt die Ursache ist. Meine Eltern sind beide gehörlos. Mein Vater ertaubte nach einer Hirnhautentzündung, in seiner Familie sind alle anderen hörend. Doch bei meiner Mutter ist die Gehörlosigkeit erblich bedingt. Mit drei habe ich meine ersten Hörgeräte bekommen. Erst danach lernte ich die Lautsprache. Meine Oma wohnte bei uns im Haus. Und als klar war, dass ich schwerhörig bin, hat sie mit mir ganz viel sprechen geübt. Mit meinen Eltern hingegen habe ich von früh an gebärdet. Gebärdensprache ist meine Muttersprache. Das ist typisch für Kinder gehörloser Eltern.
Stimmt es, dass du seit damals beim gleichen Hörakustiker bist?
Ja. Schon meine ersten Hörgeräte bekam ich bei Becker Hörakustik, wo ich heute noch betreut werde. Wir waren damals im Geschäft in Bernkastel-Kues und ich hatte von Anfang an Power-Hörgeräte. Mein Bruder, der damals schon Hörgeräte trug, hatte seine immer in die Ecke geschmissen, weil er sie nicht tragen wollte. Ich war das Gegenteil. Mit den Geräten am Ohr habe ich mich so wohl gefühlt, dass ich sie am liebsten gar nicht mehr ausziehen wollte.
Aufgrund deiner Schwerhörigkeit musstest du früh Unverständnis und Ablehnung durch andere erleben?
Im Kindergarten habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich anders bin. Bis ich dorthin kam, hatte ich geglaubt, dass jeder die Gebärdensprache kann. Ich war nie auf den Gedanken gekommen, dass andere Kinder es nicht können. Und sie verstanden nicht, warum ich so komische bunte Dinger an den Ohren habe. Ich hatte keine Freunde. Niemand wollte mit mir spielen – außer meinem Cousin, der mit mir aufgewachsen ist und in den gleichen Kindergarten ging. Eingeschult wurde ich in die Schule für Gehörlose und Schwerhörige in Trier. Dort waren alle schwerhörig.
Auch als Teenager musstest du schlimme Erfahrungen machen. Du wurdest beschimpft und bespuckt. Als du 13 warst, wurdest du von Gleichaltrigen nachts überfallen und verprügelt. Sie haben dir die Hörgeräte rausgerissen, sie auf die Straße geworfen und dich liegen lassen?
Ja, das war bei mir im Dorf. Dort hatte ich auch später nie Freunde. Deshalb war ich ehrlich gesagt sogar froh, als ich ins Internat der Schwerhörigen-Schule kam. Dort war ich irgendwie unter Gleichgesinnten. Ich habe immer gehofft, dass ich nicht so werde wie die, die mir das alles angetan haben. Zugleich wollte ich eine andere sein. Ich lebte mit dem Gefühl, etwas an mir wäre schlecht und ich müsste an mir arbeiten. Bis ich verstand, dass das gar nicht stimmt, und dass nicht ich es bin, der sich verändern muss.
Wie hast du deine Liebe zur Musik entdeckt?
Musik mag ich schon von klein auf, sie war mein treuer Begleiter. Meine Oma hat viel Musik gehört, sehr viel Schlager, aber das war okay. Mit sieben habe ich dann Blockflöte gelernt, später Gitarre und Keyboard. Dann wollte ich Sängerin werden. Ich stand vor dem Spiegel und habe gesungen. Doch wenn man nicht so gut hört, weiß man nie, ob man die Töne trifft. Meine Schwester, die gut hört, meinte immer, ich soll damit aufhören; das würde schrecklich klingen. Also suchte ich nach einer Alternative und kam auf die Idee, Musik und Gebärdensprache zu kombinieren. Ich kannte einige Videos aus den USA und fand es supercool, das selbst zu machen. Lange Zeit war es für mich eine Art, meine Gefühle auszudrücken – nur für mich.
Wie nimmst du Musik wahr? Ist Musik für dich vor allem Hören?
Anfangs war das so. Da konnte ich ja noch relativ gut hören. Doch dann ging ich zum ersten Mal in ein Konzert, und dort erlebte ich Musik völlig anders. Ich habe meine Hörgeräte ausgeschaltet, um zu erfahren, wie sich das anfühlt, wenn man nichts hört. Man hat die Schwingungen und spürt, wie der Boden vibriert. Das geht durch den ganzen Körper. Man schließt die Augen und genießt einfach Takt für Takt. Das war so cool, dass ich die Geräte dann immer wieder ausgeschaltet habe. Auch nach einem späteren Hörsturz, als ich komplett nichts mehr gehört habe, konnte ich Musik auf dieser anderen Ebene wahrnehmen.
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2015 hast du dein erstes Video mit einer Deaf-Performance online gestellt und hattest auf einen Schlag viele tausend Follower. Dieser erste Schritt war doch bestimmt wie ein Sprung ins kalte Wasser?
Damals war ich mega-schüchtern und hatte Angst vor negativen Reaktionen … Dieses erste Video finde ich inzwischen einfach schrecklich, aber für den Anfang war es relativ gut. Es ist wichtig weiterzumachen, weil man dann auch aus Fehlern lernt. Man wird offener und selbstbewusster. Inzwischen habe ich meine Nische gefunden und Deaf-Performance ist quasi mein Hauptberuf.
Bei deinen Auftritten gebärdest du nicht nur den Songtext, sondern auch die Musik. Inwieweit macht das einen Unterschied?
Das ist ein großer Unterschied. Man kann einen Song nicht 1:1 übersetzen. Vieles ist Interpretation. Zuerst analysiere ich das Lied, dann gestalte ich es in Gebärdensprache und versuche, dabei im Takt zu sein. Es muss schön aussehen. Die Bewegungen sind wie Reime. Es geht nicht einfach darum, Satz für Satz zu dolmetschen. Es geht um Poesie.
Mit den Performances sowie mit Einblicken in deinen Alltag erreichst du über Social Media ungefähr 700.000 Follower. Was bedeutet dir diese Öffentlichkeit?
Ich bin total dankbar, dass ich inzwischen so eine große Community habe. Und ich glaube, das bedeutet mir relativ viel. Ohne all diese Menschen hätte ich nicht das erreicht, was ich erreicht habe. Ich würde die Follower nicht als Freunde bezeichnen. Aber es sind auch Leute dabei, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich. Diese Erfahrungen können sie in meiner Bubble auch teilen, ohne dafür beurteilt zu werden.
Siehst du dich als Influencerin, als eine Art Vermittlerin zwischen Hörenden und Gehörlosen?
Als Influencerin möchte ich mich nicht bezeichnen, der Begriff ist auch so negativ behaftet. Meine hauptsächliche Arbeit ist Deaf-Performance. Und ich versuche schon, diese beiden Welten zusammenzuführen. Ich möchte Hörenden zu einem Bewusstsein für schwerhörige und gehörlose Menschen verhelfen, ihnen zum Beispiel etwas über Gebärdensprache vermitteln, von der viele kaum etwas wissen.
Wer zwischen Welten vermitteln will, kann schnell mal zwischen den Stühlen stehen … Ist dir das schon passiert?
Das war tatsächlich schon so. Als ich mit meinen Videos begann, waren viele Gehörlose super interessiert. Aber weil ich auch Lautsprache kann, ließ die Begeisterung irgendwann nach. Dann hieß es: »Sie kann ja doch hören.« Damals sah ich mich noch nicht als Vermittlerin. Es ging mir einfach um meine eigene Lebenserfahrung, die eben gerade nicht ist, gut hören zu können. Es ist zwar wichtig, Kritik ernst zu nehmen und sich immer zu hinterfragen. Wenn man jedoch derart kritisiert wird, ist es ebenso wichtig, dass man weiter sein Ding macht und sich nicht davon abbringen lässt.
Mittlerweile kann man dich sogar in TV-Produktionen erleben. Wie bist du zum Schauspielen gekommen?
2022 gab es eine Ausschreibung für eine Hauptrolle. Gesucht wurde eine gehörlose Darstellerin. Für die Bewerbung musste ich drei Szenen spielen: traurig sein und weinen, ganz aufgebracht sein und einfach gebärden. Ich bekam die Rolle sofort und eine Schauspielagentur fragte an, ob ich mit ihnen zusammenarbeiten würde. Seitdem habe ich die Agentur und mittlerweile drei Rollen gespielt, die vierte folgt jetzt.
Im Frühjahr 2023 hast du dich mit einem Nucleus Cochlea-Implantat versorgen lassen? Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Mit der Möglichkeit einer Implantation habe ich mich seit 2017 beschäftigt. Wie gesagt, konnte ich nach einem Hörsturz gar nichts mehr hören. Ich war erst zur Untersuchung in der Uni-Klinik in Köln. Dann schickte mich ein HNO-Arzt zum Bundeswehr-Zentralkrankenhaus nach Koblenz, wo ich schließlich auch operiert wurde. Doch bis es so weit war, habe ich mich lange mit mir selbst auseinandersetzen müssen. Die Entscheidung fiel mir schwer. Ich hatte viele Gespräche mit Freunden, viele sind ebenfalls CI-Träger. Und ich habe mit meinem Freund darüber geredet. Er ist hörend, und er meinte, dass er jede Entscheidung unterstützt, die ich treffe. Ich selbst fand es schade, dass ich Musik nicht mehr so hören kann wie früher, und dass ich überall auf Barrieren stoße. Im Endeffekt hatte ich nichts zu verlieren.
Du hast deine Follower sogar per Video zur OP mitgenommen?
Das war eine Idee der Ärztin. Und ich fand es superspannend, weil ich dachte, dass das viele noch nie gesehen haben. Anfangs hatte ich auch Angst, wie das ankommt. Aber auch gehörlose Follower waren begeistert und haben jede Folge gesehen. Ich habe sie nach der OP weiter mitgenommen und erklärt, wie ich jetzt höre und verstehe. Es war nicht gleich alles perfekt. Erstmal habe ich Micky-Maus-Stimmen gehört. Nach zwei, drei Wochen konnte ich zum ersten Mal Hörbücher hören und sie sogar verstehen, ohne den Text zu lesen.
Wie hast du die CI-Versorgung erlebt?
Vor der Operation hatte ich natürlich auch Angst. Und bei der Erstanpassung war ich sehr nervös. Eva (Keil-Becker, Anm. d. Red.), meine Hörakustikerin, hat das Implantat eingeschaltet und alles eingestellt. Die Anpassung selbst fand ich superspannend. Da wurde auch ein Hörtest gemacht und ich lag schon im Bereich von 30 bis 40 Dezibel. Inzwischen liege ich zwischen 20 und 30. Ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell geht.
Wie hat sich der Klang mit dem CI verändert?
Er ist feiner und intensiver, so dass ich mehr heraushören kann. Es ist schwierig, das zu beschreiben, weil mir der direkte Vergleich fehlt. Ich habe zu lange nicht mehr gehört. Aber ich weiß, dass ich jetzt viel mehr wahrnehme – vor allem bei Musik. Ich habe sehr viel Musik gehört, immer wieder meine Lieblingslieder, die ich im Kopf habe und bei denen ich genau weiß, wie es sich anhört. Auf diese Art war es für mich leichter, ins Musikhören reinzukommen.
Wir sitzen hier in einem Café und es ist relativ laut. Schaust du mit dem CI nun weniger auf das Mundbild eines Gesprächspartners?
Vor dem CI hätte ein Gespräch im Café gar nicht mehr funktioniert. Ich kann jetzt auch Podcasts hören und telefonieren, da habe ich gar kein Mundbild. Auch Fernsehen gucken ohne Untertitel kann ich jetzt wieder. Und Lieder höre ich viel feiner. Im Konzert von Wincent Weiss bin ich als Deaf-Performerin aufgetreten. Ich hatte mein Mini Mic dabei. Das hat einer von Wincents Team am Mischpult angeschlossen und dann hatte ich seine Musik direkt im Ohr. Das war super, weil ich so alles verstand, was er gesungen oder gesagt hat.
Du trägst den Soundprozessor Cochlear Nucleus 8. Nutzt du den auch für mobiles Streaming?
Ja, wenn ich draußen unterwegs bin. Früher hatte ich Super-Power-Hörgeräte mit Bluetooth. Doch wenn ich mit denen laut Musik gehört habe, dann haben das auch andere gehört. Deshalb habe ich es mit dem CI erstmal zu Hause probiert und meinen Freund gefragt, ob er was hört. Aber er hört nichts. Es läuft alles im Gehirn ab. Das ist so cool! Seitdem mache ich das überall an.
Du hast dein CI jetzt ein halbes Jahr. Inwieweit hoffst du, dass sich dein Hören noch weiterentwickelt?
Ich hoffe schon, dass ich in Zukunft noch ein bisschen besser hören kann als jetzt, dass alles noch feiner wird. Ansonsten habe ich keine großen Erwartungen, meine Erwartungen wurden ja schon übertroffen. Und ich will mir jetzt ein CI auf der zweiten Seite machen lassen. Ich hoffe, dass ich mit dem Zweiten vielleicht wieder ein räumliches Hören bekomme.
Würdest du sagen, dass dich das CI als Menschen verändert hat?
Das ist schwer zu sagen. Ich bin unabhängiger geworden. Davor war ich immer wieder abhängig von Dolmetschern für Laut- und Gebärdensprache, weil es ohne sie mit der Kommunikation überhaupt nicht mehr klappte. Veränderungen finden ja oft unbewusst statt. Neulich waren wir auf einer Geburtstagsfeier. In solchen Situationen war ich immer sehr verschlossen und zurückhaltend, weil ich einfach kaum verstanden habe. Jetzt fiel meinem Freund auf, dass ich mich mehr in Gespräche einbringe. Also verändert habe ich mich auf jeden Fall schon – auf eine positive Art und Weise.
Cindy, vielen Dank für das Gespräch.
Mehr über Cindy Klink unter https://www.cindyklink.com
