DIGITALES MAGAZIN
043 | Februar 2025
16/24

Jan-Patric Schmid über DiCoDi – den »Hörtest für das Gehirn«

Von Martin Schaarschmidt (HörPartner) / Fotos: Schaarschmidt

»Hörtest für  das Gehirn«

Nach der Gehörtherapie bietet das KOJ Hearing Network nun einen Schnelltest zur Messung der kognitiven Fähigkeiten. Der Digital Cognitive Diagnostic-Test, kurz DiCoDi, soll es Hörakustikerinnen und -akustikern ermöglichen, bei ihren Kunden einen eventuellen kognitiven Abbau festzustellen, das Thema fundiert in die Beratung aufzunehmen und so gegebenenfalls die Handlungsbereitschaft erhöhen. Wie es zu der Entwicklung von DiCoDi kam, wie man den Test einsetzen kann und welche Vorteile sich daraus ergeben können, darüber sprachen wir mit Dipl.-Ing. Jan-Patric Schmid, Entwicklungsleiter bei KOJ.

Bequem vorlesen lassen:


Herr Schmid, wie kam es zu der Entwicklung von DiCoDi? Und was genau wird da getestet?

Mit der KOJ Gehörtherapie haben wir die Themen Hörakustik und Gehirn bereits verbunden. Mit der Gehörtherapie kann man bei einer Hörgeräteversorgung sein Gehirn auditiv kognitiv trainieren – digital und mit modernster Technik. Auch die Auswertung des Trainings erfolgt digital. All das haben wir selbst entwickelt. So wurden wir über die Jahre auch zu Experten darin, wie man ein solches Training sowohl Kunden als auch Akustikern zugänglich macht. Das Gehirn und die Frage, wie man Übungen konzipiert, mit denen man seine kognitiven Fähigkeiten möglichst effektiv trainieren kann, spielen für uns also schon lange eine riesige Rolle. Auf einem Kongress kamen wir schließlich mit Prof. Dr. Elke Kalbe von der Uni-Klinik in Köln zusammen, die auf dem Feld der Demenzforschung sehr stark ist. Und weil Themen wie kognitiver Abbau, Demenz, Kognition und geistige Fitness in der Hörakustik immer wichtiger geworden sind, war da schnell eine Verbindung. So kam letztlich die gemeinsame Idee auf, etwas zu entwickeln, womit man die geistige Fitness messen kann – und zwar mit einem digitalen Test. Bisher machte man solche Tests noch mit Stift und Papier, die Auswertung musste manuell erfolgen. In der Folge kamen nur wenige Menschen mit solchen Tests in Berührung. 

Vor dem DiCoDi gab es keinen digitalen Test dieser Art?

Die waren weder fundiert aufgesetzt noch für Schwerhörige geeignet. Das ist deshalb wichtig, weil es auch viele falsch positive Diagnosen gibt. Da hat dann jemand schlecht abgeschnitten, weil er die mündlich gegebenen Instruktionen akustisch nicht verstanden hat. Was uns außerdem bei der Entwicklung wichtig war: Wir sind der Auffassung, dass Themen wie geistige Fitness und Demenzprävention viel früher in die Bevölkerung gebracht werden müssen. Und hierfür sehen wir die Hörakustiker in einer prädestinierten Position. 

Warum? 

Hörakustiker haben mit genau den Menschen zu tun, die das betrifft. Und sie haben mit Hörgeräten und Gehörtherapien genau die Mittel zur Hand, mit denen die Menschen etwas für ihre geistige Fitness tun können. Nur gab es bisher kein Werkzeug für die Akustiker. Mit dem DiCoDi gibt es nun einen »Hörtest für das Gehirn«, wie wir sagen. Damit kann man die geistige Fitness mithilfe einer Messung unkompliziert, fundiert und professionell in die Beratung einbinden. Der Test misst eine Vielzahl an kognitiven Fähigkeiten und dauert – je nach Kunde – 15 bis 20 Minuten. Er kann von dem Kunden komplett eigenständig gemacht werden, ohne, dass man ihm den Test erklären muss. 

Wie können wir uns die Entwicklung von DiCoDi vorstellen? Wer war involviert?

Prof. Dr. Elke Kalbe, Prof. Dr. Josef Kessler sowie viele wissenschaftliche Mitarbeiter und Studenten, die bei der Datenerhebung und Validierung geholfen haben. Dazu viele unserer Mitarbeiter. Die digitale Konzeption und technische Umsetzung haben Andreas Koj und ich übernommen. Es war also ein großes Team. Die größte Aufgabe war die wissenschaftliche Überprüfung des Tests. Das bedeutete auch, dass wir den Test von hunderten Probanden –Menschen unterschiedlichen Alters (43-92), schwerhörigen und normalhörenden – machen ließen, parallel zu den etablierten Papiertests, so dass wir die Ergebnisse des digitalen Tests besser einstufen konnten. All die Daten haben wir ausgewertet, mit dem Ziel, den DiCoDi zu validieren. Dazu kam die Herausforderung, wie man so einen digitalen Test so einfach wie möglich aufbaut. 

Wie läuft der Test ab? Und womit wird er durchgeführt?

Man erhält ein Tablet. Drückt man auf Start, wird man zunächst aufgeklärt, worum genau es geht, dann beginnt der Test. Die Instruktionen werden groß dargestellt und es bedarf keiner weiteren Erklärungen. Dazu ist der Test sehr sensitiv, d. h. er kann Hinweise auf das Vorliegen einer kognitiven Einschränkung und den Schweregrad liefern. Im Gegensatz zu klassischen Kognitions- und Demenztests geht es bei DiCoDi um die Früherkennung eines kognitiven Abbaus. Wir möchten frühe Anzeichen erkennen und die Menschen veranlassen, früh zu handeln. Denn dann gibt es noch Möglichkeiten. Durch die Lancet-Studie haben wir gesehen, dass man selbst ca. 40 Prozent der Faktoren, die zu einer Demenz beitragen, in der Hand hält –und einer der größten Faktoren ist das Hören. Aber um etwas zu tun, muss man auch gezeigt bekommen, wo man steht. Und das übernimmt der DiCoDi. Getestet werden zum Beispiel verschiedene Aspekte des Gedächtnisses, exekutive Funktionen, Aufmerksamkeit, Konzentration, das Zeitgefühl. Dazu kommt ein Fragebogen. Und am Ende erhält man per Knopfdruck eine Auswertung, die in einem Ampelsystem zeigt, was getestet wurde und was die Ergebnisse bedeuten. Der Test hat eine gute Aussagekraft, ist sehr einfach in der Handhabung und kann die Beratung weiter professionalisieren.

Wenn Sie sagen, dass es bei DiCoDi um eine Früherkennung kognitiven Abbaus geht – sollte man dann von einem Demenztest sprechen? Der Begriff könnte ja auch abschreckend wirken …

Offiziell heißt der Test Digital Cognitive Diagnosic, kurz DiCoDi. Damit man sich darunter schnell etwas vorstellen kann, sprechen wir von einem »Hörtest für das Gehirn«. Denn es geht darum, in der Hörakustik einen Test zu haben, mit dem sich die geistige Fitness schnell, einfach und fundiert messen lässt. Wie gesagt weiß man inzwischen von den Zusammenhängen zwischen der Kognition und dem Hören und möchte das vielleicht auch in der Beratung aufgreifen. Bisher konnte man da allenfalls drüber sprechen. Mit unserem Test hat man nun etwas in der Hand. Er stärkt die Position des Hörakustikers und bietet dem Fachgeschäft etwas, was die Kompetenz noch weiter herauszustellt.

Wie kann man Kunden dafür gewinnen, den Test zu machen? Demenztest – das klingt ja schon mal anders als Hörtest …

Man muss keine Kunden für den Test gewinnen, ganz im Gegenteil: Mit dem Angebot des Tests gewinnt man viele Kunden für sein Fachgeschäft. Aus Kundensicht ist Demenz und geistige Fitness kein Angst-Thema mehr, sondern steht im absoluten Fokus der Interessen. Vor allem die jetzige Babyboomer Generation interessiert sich brennend für die eigene geistige Gesundheit. Sie wollen gesund altern, fit bleiben, eigenständig leben. So wundert es nicht, dass wir schon bei unserer Studie von Freiwilligen aus der Altersgruppe 60-80 regelrecht überrannt wurden.  Alle wollten ihre Testergebnisse haben und aktiv werden. Stand heute gibt es bei Demenz keine Heilung, auch für die kommenden Jahre ist da erst mal nichts in Sicht. Das macht das Thema Prävention um so wichtiger. Nur zögern viele ihre Versorgung hinaus. Gehen Menschen aber doch frühzeitig zum Hörakustiker, erzählen sie meist, sie hätten gelesen, dass Schwerhörigkeit auch Auswirkungen auf die geistige Fitness haben kann. Das Thema hat Menschen in den letzten Jahren also indirekt motiviert, zum Akustiker zu gehen. Mit dem DiCoDi hat man nun ein direktes Angebot, mit dem man dieses Interesse in Neukunden wandeln kann. Mit dem Test erhöht man die Handlungsbereitschaft, aktiv zu werden. Es geht darum, die Faktoren positiv zu beeinflussen, die man selbst beeinflussen kann. Und wer sich für seine geistige Fitness interessiert, motiviert sich über den DiCoDi auch für einen Hörtest, die Gehörtherapie und die Ausprobe von Hörgeräten.

Wenn ich als Hörakustiker jemandem mit einem sehr auffälligen Testergebnis vor mir habe – wie lautet dann ihr Ratschlag? 

Mit dem Test ist schonmal der erste und wichtigste Schritt getan. Denn wenn man über seine verschiedenen kognitiven Leistungen eine Auswertung hat, kann man auch aktiv werden. Neben einem Besuch beim Experten ist auch die Hörgeräteversorgung beim Hörakustiker relevant. Denn hier eröffnet sich einer der größten Handlungsspielräume, die wir haben, um den Prozess zu verlangsamen. Trägt die Person bereits Hörgeräte? Wie gut kommt sie mit ihnen zurecht? Was tut sie, um geistig fit zu bleiben? Hat sie ihr Gehör schon trainiert? Viele Bausteine unserer Gehörtherapie sind ja auch kognitive Übungen. 

Sie raten also dazu, den Test gleich zum Einstieg mit dem Kunden durchzuführen?

Es gibt verschiedene Momente im Prozess, den Test anzubieten – zum Beispiel gleich bei der Erstberatung. Wie gesagt ist DiCoDi auch eine gute Möglichkeit, sich im Wettbewerbsfeld zu positionieren. Über unser Hearing Network bieten wir ja auch eine Exklusivität. Man kann sich also nicht nur mit einem Hörtest und Hörgeräten hervortun, sondern auch mit der eigenen Gehörtherapie und dem Hörtest für das Gehirn. Das wird Kunden interessieren. Man kann den DiCoDi aber genauso gut auch mit Bestandskunden nutzen und den Test in einen Nachsorgetermin integrieren. Oder man integriert ihn in die Gehörtherapie. 

Wie machen Sie Hörakustikerinnen und -akustiker fit für den Einsatz von DiCoDi?

Wir machen jeden Akustiker mit Schulungen vor Ort fit. Am Anfang im Fachgeschäft mit dabei zu sein, ist uns sehr wichtig. So können wir auch bei den ersten Tests dabei sein und darüber hinaus zeigen, wie alles in der KOJ-Welt funktioniert und wie einfach das ist. Alles ist so entwickelt, dass es den Kunden Spaß macht. Darüber hinaus bieten wir regelmäßig große Schulungen an, bei denen wir auch immer wieder Gäste wie zum Beispiel Prof. Dr. Kessler dabeihaben, der mit Blick auf die Demenz fachlich ins Detail geht. So erhält man dann auch Hintergrundwissen. Dazu bieten wir Strategiepapiere, so dass man genau weiß, was man wie einsetzt. Ergänzt wird unser Angebot von Marketingmaterialien bis hin zu Vorlagen für Zeitungsanzeigen und Angeboten von Vorträgen für Kundenveranstaltungen. 

Sie sprachen eben von einer Exklusivität: Heißt das, Sie bieten auch Gebietsschutz?

Ja. Wünscht man sich ein gewisses Umfeld, in dem man sich einzigartig machen möchte, sichern wir eine Exklusivität zu. Und wir haben tolle Angebote für Akustiker, da wir uns nicht selbst in den Vordergrund stellen. Unsere Gehörtherapie bieten wir auch als Private Label an. Als Akustiker kann man also alles innerhalb der Therapie selbst gestalten und sogar Einfluss auf die Inhalte nehmen. So erhält man dann nicht irgendeine Gehörtherapie, sondern seine eigene. Darüber hinaus bietet unser Netzwerk viel Austausch. Durch unsere regelmäßigen Schulungen kommen viele Akustiker zusammen und man kann voneinander lernen. Und nicht zuletzt versprechen wir, unsere Produkte immer weiter zu entwickeln. Für die kommenden Jahre haben wir weitere Projekte in der Pipeline. Man kann sich also sicher sein, dass es immer wieder tolle Neuigkeiten von uns geben wird. Wer also Interesse hat, kann sich gerne mit meinem Team und mir in Verbindung setzen: network@koj.training

Herr Schmid, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.