Von Thomas Sünder / Fotos: Hörzentrum Oldenburg, Porträt: Markus Hibbeler
revoloud – die leise Revolution der Hörakustik
Dirk Oetting forscht seit fünfzehn Jahren zum Thema lautheitsbasierte Anpassung von Hörgeräten und hat dazu eine Doktorarbeit verfasst. Aus der langjährigen Erfahrung ist am Hörzentrum Oldenburg eine neue Methode entstanden, mit der die Qualität der Einstellung von Hörgeräten innerhalb weniger Minuten überprüft und bestmöglich für die Kunden nachjustiert werden kann. Seit Anfang dieses Jahres ist das neuartige Verfahren namens revoloud für Hörakustikfachgeschäfte verfügbar. Wie es funktioniert, erläutert Dirk Oetting im Gespräch.
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Herr Oetting, wie sind Sie zur lautheitsbasierten Hörgeräteanpassung als Hauptthema gekommen?
Im Jahr 2010 habe ich beim Fraunhofer Institut IDMT angefangen und war an der Entwicklung eines HiFi-Kopfhörers mit einer Anpassungsmöglichkeit an das individuelle Gehör beteiligt. Mir ist bei den Tests aufgefallen, dass Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung oft beim Musikhören eine geringere Lautstärke aushielten als Normalhörende. Das fand ich komisch, denn theoretisch brauchten sie ja eigentlich mehr Verstärkung, um alles zu verstehen. Die betreffenden Personen wurden im Hörzentrum Oldenburg noch einmal gründlich durchgemessen und es fanden sich keine Auffälligkeiten. Sie hatten ganz normale Hörverluste. Ich dachte mir, das kann nicht sein, weil diesen Leuten Musik teilweise schon bei 80 dB zu laut war, während Normalhörende noch bei 95 dB Musik genießen konnten. Später haben wir herausgefunden, dass der klassische Einsatz von schmalbandigen Signalen bei Hörtests in Bezug auf die Lautstärkewahrnehmung zu falschen Ergebnissen führt. Wir haben gelernt, dass man mit breitbandigen Signalen und binaural mit beiden Ohren messen muss, wenn man zuverlässige Aussagen über die Lautheitsempfindung eines Menschen treffen will. Das war die Geburtsstunde unseres Anpassverfahrens trueLOUDNESS, das mit breitbandigen, binauralen Messsignalen arbeitet.
Aktuell haben sie das neue Produkt revoloud auf den Markt gebracht. Ist das eine Weiterentwicklung von trueLOUDNESS?
Nein, es ist ein Messverfahren, das unabhängig von trueLOUDNESS für alle Hörgeräte und alle Anpassungsverfahren angewendet werden kann. Jeder Hörakustiker kennt diese Situation: Ein fremder Kunde kommt ins Fachgeschäft, der seine Hörgeräte anderswo bezogen hat. Er oder sie ist mit der Einstellung unzufrieden. Doch um herauszufinden, wo das Problem liegt, sind intensive Gespräche nötig, die viel Zeit kosten. Außerdem besteht immer das Risiko von Missverständnissen. Hier kommt revoloud ins Spiel. Innerhalb von fünf bis sieben Minuten können wir damit herausfinden, ob die Einstellung der Verstärkung in den Hörgeräten zum Lautheitsempfinden des Hörgeräteträgers passt. Auch bei Erstversorgungen können wir damit sicherstellen, dass die Kunden schon direkt nach dem Ersttermin mit einer optimalen Anpassung auf die Straße gehen.
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Wie funktioniert das?
Grundsätzlich geht es darum, dass Hörgeräteträger die Lautheit von Signalen in unterschiedlichen Frequenzbereichen der Kurven G50, G65 und G80 bewerten. Das Messverfahren spielt dazu im Freifeld 60 Signale ab, während die Hörgeräte getragen werden. Die Frage lautet: Wie laut haben Sie das Signal wahrgenommen? Die Kunden führen den Test selbstständig auf einem Tablet durch, auf dem sie die Antworten mit einem einfachen Fingertipp bedienen. revoloud gleicht dann das Resultat mit Messergebnissen von Normalhörenden ab, die wir in Studien am Hörzentrum Oldenburg erfasst haben. Ist die Lautheitswahrnehmung mit der von Normalhörenden identisch, sind wir, im wahrsten Sinne des Wortes, im grünen Bereich. Ist die Lautheitswahrnehmung zu leise, verändert sich die Farbe ins Blaue. Ist sie lauter als normal, färbt sich das betreffende Feld von gelb über orange bis rot. Wir können das Ergebnis also auf dem Bildschirm sofort sehen und den Hörgeräteträgern zeigen. Die Matrix mit insgesamt zwölf Feldern zeigt, wo die Probleme der Hörgeräteeinstellung liegen. Einerseits sehen wir die Ergebnisse für einzelne Frequenzbereiche, das sind die neun Felder links, und andererseits die Ergebnisse für breitbandige Signale, das sind die drei Felder rechts.
Das klingt in der Anwendung simpel. Welches Knowhow steckt dahinter?
Wir verwenden ganz besondere, natürliche Klangsignale, die wir den Frequenzbereichen von tiefen, mittleren und hohen Tönen zuordnen und beim Test systematisch einsetzen. Wir wissen aus unserer Forschung genau, wie diese Klänge von Normalhörenden wahrgenommen werden. Das heißt, wenn ich ein Messergebnis von revoloud auf den Schreibtisch bekomme, das sich nicht von dem eines Normalhörenden unterscheidet, hat der betreffende Hörgeräteträger in puncto Lautheitsausgleich perfekt eingestellte Hörgeräte. Das besondere Know-how von revoloud besteht also einerseits in der Systematisierung der Klangbeispiele. Zum anderen ist die grafische Darstellung so intuitiv nachvollziehbar, dass sie auch von einem Laien sofort verstanden wird.
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Sie haben gesagt, revoloud hilft, die vorhandene Einstellung von Hörgeräten zu bewerten. Inwiefern hilft es mir als Hörakustiker dabei, die Einstellung zu optimieren? Erhalte ich vom Programm beispielsweise Tipps, wie viel dB in bestimmten Frequenzbereichen ergänzt oder weggenommen werden müssen?
revoloud ermittelt keine Verstärkungswerte. Es stellt vielmehr die subjektive Lautheitswahrnehmung des Hörgeräteträgers dar. Ich erhalte durch die farblichen Darstellungen einen Hinweis darauf, an welchen Stellen ich Verstärkung korrigieren muss. Das ist daher ein Tool für die Feinanpassung. Die Auswertung ist sehr viel einfacher und zuverlässiger, als wenn ein Kunde berichtet, in welchen Situationen ihm die Hörgeräte zu laut oder zu leise sind. Wie das in der Anpassungssoftware auszugleichen ist, so dass wir in allen Frequenzen in den grünen Bereich kommen, liegt in der Expertise der Hörakustiker und ist Teil ihres Handwerks. revoloud ist ein effektives Werkzeug, um die vorhandenen Problembereiche schnell und unkompliziert zu erkennen.
Lautet das Anpassungsziel mit revoloud also, dass am Ende stets alle Felder grün sein müssen, oder kann es auch Abweichungen geben?
Es können auch mal einzelne Felder ins Gelbe oder Blaue gehen, das sehen wir auch bei Normalhörenden. Aber wenn der überwiegende Teil grün ist, dann existieren keine fundamentalen Probleme beim Lautheitsausgleich, egal mit welchem Anpassungsverfahren die Hörgeräte eingestellt wurden. Wenn der Hörgeräteträger damit dennoch Probleme hat, kann sich der Hörakustiker auf den Bereich der Features konzentrieren und hier nach Lösungen suchen, beispielsweise durch unterschiedliche Arten der Störgeräuschunterdrückung.
Würden Sie sagen, dass Hörakustiker mit revoloud bei der Anpassung Zeit sparen?
Ja. Erst einmal geben wir dem Kunden anfangs einen optimierten First Fit mit auf den Weg. Außerdem wird die folgende Feinanpassung stark vereinfacht. Und nicht zu vergessen, wir haben ein klares Anpassungsziel vor Augen, nämlich dass möglichst alle Felder grün sind. Das ist ja bei herkömmlichen Anpassungen auch ein Problem, dass es schwierig ist zu definieren, wann eine Feinanpassung abgeschlossen ist. Ich würde sagen, mit revoloud ist das Erreichen des Ziels in zwei bis drei Terminen zu schaffen. Dann sieht der Kunde auch gleich den Beweis auf dem Bildschirm, dass die Anpassung optimal ist. Er kann sich das Ergebnis ausdrucken lassen und mitnehmen. Übrigens kann revoloud auch bei den Hörakustikern untereinander helfen, wenn die Arbeit von einer Kollegin oder einem Kollegen bewertet wird. Egal wie die Einstellung der Hörgeräte in der Anpassungssoftware konkret aussieht: Sind die meisten Felder grün, hat der betreffende Kollege einen guten Job gemacht.
Wenn ich richtig verstehe, werden die Signale stets binaural im Freifeld wiedergegeben. Ich selbst habe einseitig Morbus Menière und damit einen stark asymmetrischen Hörverlust. Funktioniert das Verfahren auch dann?
revoloud wurde für symmetrische, beidseitige Hörverluste entwickelt. Man könnte allerdings auch bei einem asymmetrischen Hörverlust sehen, ob es Probleme bei der Einstellung gibt. Um herauszufinden, auf welcher Seite sie entstehen, könnte man beispielsweise nacheinander jeweils ein Ohr abdichten und die Messung durchführen, um anschließend die beiden Ergebnisse von rechts und links zu vergleichen.
Für welche Plattformen ist revoloud verfügbar und wie hoch sind die Kosten?
revoloud ist integriert in ACAM5 Audiometer. Außerdem ist es als Integration in Aurelia von Audiosus verfügbar. Wer weder das eine noch das andere nutzt, kann eine Stand-alone-Version einsetzen, die wir vom Hörzentrum Oldenburg vertreiben. Für die Nutzung der Stand-alone-Version muss ein bestimmter Lautsprecher und eine bestimmte Soundkarte gekauft werden. Wir versenden dann einen speziellen Pegelmesser und führen eine Online-Kalibrierung durch. Für die Einrichtung, Kalibrierung und Mitarbeiterschulung berechnen wir einmalig 680 Euro. Die weiteren Kosten belaufen sich auf 600 Euro pro Jahr, also 50 Euro monatlich.
Herr Oetting, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.