DIGITALES MAGAZIN
044 | März 2025
10/25

»Bluetooth Classic ist maximal praxisrelevant«

Von Thomas Sünder / Foto: OMNIdirekt

»Bluetooth Classic ist maximal praxisrelevant«

Mit der ersten Keynote des Jahres hat Signia gleich drei neue Produkte vorgestellt, darunter das Insio ITC IX sowie das Insio ITE IX. Star der Show am 24. Februar aber dürfte das Pure Charge&Go BCT IX gewesen sein. Das neue RIC-System kommt gleich drei vom Markt gewünschten Bedürfnissen nach.  Für die deutsche Niederlassung kann es eben hilfreich sein, befindet sich die R&D-Abteilung gleich auf der anderen Straßenseite.

Herr Haag, Herr Küchler, vorab: Wofür steht das Kürzel BCT? Bluetooth Classic / T-Spule? 

Haag: Offiziell steht BCT für Bluetooth Connectivity Transformed. Transformed meint hier, dass wir die 2,4 GHz-Technologie für die Verbindung der Hörgeräte transformieren. Bluetooth Classic erlaubt ja nur einen Sender und einen Empfänger. Es wäre also nur ein Hörgerät verbunden. Aber wir möchten ein Stereoerlebnis bieten. Und dafür nutzen wir nicht die energieintensive 2,4 GHz-Technologie, die ja auch nie dafür vorgesehen war, Audiosignale um den Kopf herum zu funken, sondern NMFI (Near Field Magnetic Induction). Dafür transformieren wir das 2,4 GHz-Signal auf einen geschützten Frequenzbereich von 3,144 bis 3,4 MHz auf unsere prämierte e2e- wireless-Verbindung. Aber ganz falsch liegen Sie nicht. Das T könnte auch für T-Spule stehen, die ist in den Geräten zusätzlich auch verbaut. 

Gefühlt spricht die halbe Branche über Bluetooth LE Audio und Auracast und Sie präsentieren ein neues Gerät mit Bluetooth Classic? Was ist da los? 

Küchler: Da Sie Auracast ansprechen: Die Technologie wird in Zukunft sicher ihre Berechtigung haben, zum einen als Nachfolge der T-Spulen- oder FM-Technologie und zum anderen für das Streaming im Home-Bereich. Befasst man sich aber genauer damit, sieht man, dass die Technologie längst nicht so verbreitet ist, wie sie gelobt wird. Wir denken, es wird noch zwei Hörgeräteplattformen oder mehr dauern, bis die Infrastruktur umgestellt sein wird, also mindestens sechs Jahre. Was wir jedoch durchaus sehen – das spiegeln uns auch unsere Kunden – ist ein großer Bedarf an Konnektivität oder anders gesagt: an Bluetooth Classic. Wir sagen, unser neues Pure Charge&Go BCT ist von Hörakustikern für Hörakustiker entwickelt, deshalb kommen wir hier mit Bluetooth Classic einem großen Wunsch unserer Kunden nach. 

Worin besteht der Bedarf? Geht es um die universelle Konnektivität für das freihändige Telefonieren? 

Küchler: Bei der Auswahl der Hörgeräte in der Beratung ist das klassische Telefonieren immer wieder ein Thema. Vereinzelt kommt es vor den audiologischen Bedürfnissen. Mit Bluetooth Classic lassen sich eben Telefonate von so gut wie allen Telefonen streamen.

Haag: Das Thema ist wirklich häufiger vertreten als gedacht. Vielleicht hat es aktuell sogar mehr Praxisrelevanz als aktuelle KI-Filter, die wir derzeit sehen. Es ist ja so: Bisher hatte man als Hörakustiker keine Alternative. Selbst, wenn man von der audiologischen Performance eines Geräts überzeugt war, wechselte man bei Problemen mit dem Telefonieren auf ein anderes Gerät. Bei manchem Hörakustiker führte das sogar zu einer Lernkurve. Wollten die keinen Ärger mit ihren Kunden wegen des Entertainment-Faktors riskieren, wurde gleich ein passendes Hörgerät gewählt. Mit unserem Pure Charge&Go BCT IX gibt es nun eine weitere Option. Und Bluetooth Classic ist dadurch maximal praxisrelevant. Es ist greifbar und schnell erlebbar. Und gleichzeitig bleiben all die Errungenschaften der IX-Plattform weiter gelöst. Wir mussten keinerlei Abstriche machen.

Erkennen die Geräte, welches Bluetooth-Protokoll gerade nötig ist? Oder wie funktioniert das? 

Haag: Das Pure Charge&Go BCT IX bietet das Bluetooth Classic Protokoll. Wie gesagt, ist das mit 99 Prozent der Endgeräte da draußen kompatibel. Bluetooth LE nutzen wir hier allein für das Datenprotokoll im Austausch mit der App.

Küchler: Das Pure Charge&Go BCT IX ist eine Ergänzung zu den bereits verfügbaren Geräten auf der IX-Plattform. Wir haben nun also insgesamt vier RIC-Geräte auf der IX-Plattform, das Styletto mitgezählt. Damit haben drei RIC-Geräte Kompatibilität zu MfI, ASHA und Bluetooth LE Audio und ein RIC-Gerät Kompatibilität zu Bluetooth Classic. 

Haag: Es hat exakt dieselbe Größe wie das Pure Charge&Go T IX. Dennoch liefern wir hier den Benchmark in puncto Akkulaufzeit – mit 54 Stunden bzw. 36 bei fünf Stunden Streaming. Für das neue Pure Charge&Go BCT IX wird es auch einen neuen TV-Streamer geben, den »TV Sound«. Auch er wird an mehrere Signia Hörgeräte streamen können und natürlich zu bisherigen Bluetooth-fähigen Signia Hörgeräten abwärtskompatibel sein.

Sie sagten eben, das Pure Charge&Go BCT IX ist von Hörakustikern für Hörakustiker entwickelt worden. Was heißt das? 

Küchler: Obwohl wir im Grunde »nur« die Vertriebsorganisation in Deutschland sind, haben wir den großen Vorteil, dass wir mit dem globalen Produktmanagement in einem Gebäude sitzen. Einmal über die Straße befindet sich außerdem die Forschung und Entwicklung. Durch diese Nähe können wir auf die globale Organisation merklich Einfluss nehmen. Und die F&E für unsere Bedürfnisse zu erwärmen, macht uns das Leben durchaus einfacher. Bluetooth Classic zu implementieren, haben wir gut durchbekommen. Bei zwei weiteren Themen, die das neue Gerät bietet, mussten wir dagegen einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Nur war das Feedback unserer Kunden eben, dass diese beiden Themen die Handhabung im Alltag deutlich einfacher gestalten würden. 

Sie sprechen von der LED sowie der Seriennummer? 

Küchler: Ja. So banal es klingen mag, aber eine LED, die Auskunft darüber gibt, ob die Geräte gerade ein- oder ausgeschaltet werden, hilft einfach in der täglichen Nutzung. Die LED leuchtet im Übrigen nicht permanent. Und das andere Thema ist, wie Sie schon sagen, die Seriennummer, die sich nun einfach ablesen lässt. Bisher musste man dafür den Kippschalter entfernen. Jetzt haben wir die Nummer am Gehäuse in einem Sichtfenster. Und sie ist so implementiert, dass sich die Gehäuse weiter ganz einfach wechseln lassen. Außerdem ist das neue Gerät mit allen Pure-Chargern kompatibel, genau wie mit den bisher verfügbaren Hörern. Es deckt also jedes Bedürfnis ab. Wir haben eine sehr kleine Bauform, mit den verschiedenen Hörern können wir fast alle Hörverluste ausgleichen und darüber hinaus allen weiteren Anforderungen nachkommen. Wir sprechen hier von einem All-in-One-Gerät sowohl aus der Perspektive der Akustiker als auch aus der der Nutzerinnen und Nutzer. Ein CROS-System ist ebenfalls erhältlich.

Haag: Noch eine Ergänzung zu dem Sichtfenster mit der Seriennummer. Wenn man sich wundert, warum das bisher nicht Standard war: Man darf nicht vergessen, dass die Reparaturquoten in den letzten Jahren massiv zurückgegangen sind. Mit der IP 68 erfüllen wir haushoch die Standards im Vergleich zum Electronic Consumer Market. Mit dem Sichtfenster haben wir wieder eine zusätzliche kritische Stelle. Wir haben lange überlegt, ob wir die möchten und uns eher dagegen gewehrt. Aber der Markt hat hier einen Bedarf geäußert, also haben wir reagiert und das Sichtfenster mit einer bestmöglichen Versiegelung versehen. 

Eine allgemeinere Frage: In der Branche gibt es aktuell einen Hype um Tiefe Neuronale Netze (DNN), mit denen Sprache im Störlärm nochmal besser verarbeitet werden soll. Sehen Sie Signia mit dem Multi-Beamformer weiter gut aufgestellt? 

Haag: Dazu habe ich eine klare Meinung (lacht). 

Küchler: Ich auch (lacht). Für uns hat das Thema zwei Dimensionen. Wie wir sehen, gibt es nun die Möglichkeit, Chips zukaufen zu können, mit denen sich eine Störgeräuschunterdrückung auf Basis von KI oder eines DNNs realisieren lässt. Soweit ich das beurteilen kann, funktioniert das auch. Der audiologische Mehrwert ist messbar, aber wie wir auch in Studien darlegen konnten, liegt er bei der Performance unterhalb des Pakets der IX-Technologie. Und uns geht es ja in erster Linie um die Zweckmäßigkeit. Bluetooth Classic hätten wir schon vor fünf Jahren implementieren können. Wegen des hohen Stromverbrauchs hätten wir dafür allerdings audiologische Features einschränken, unsere e2e-wireless-Technologie opfern oder eine deutlich kürzere Akkulaufzeit hinnehmen müssen. Das waren für uns keine Optionen. Heute sind wir an dem Punkt, dass wir mit der IX-Plattform und dem Multi-Beamformer audiologisch sehr viel rausholen können. Dazu haben wir einen Akku, der uns erlaubt, auch Bluetooth Classic implementieren zu können. Und das alles ohne Kompromisse, was für uns entscheidend ist. Die Audiologie muss immer zuerst kommen. Das heißt für uns auch, dass wir keinen Mehrwert darin sehen, einen KI-Chip zu kaufen, der eine Störgeräuschunterdrückung nach sämtlichen Klassifikationen, die das Hörgerät auf herkömmliche Weise schon gemacht hat, vornimmt und dafür viel Strom verbraucht. Für uns ist das ein Kompromiss, den wir noch nicht eingehen wollen.

Und wie sehen Sie das, Herr Haag?

Haag: Mit der IX Plattform zeigen wir, dass wir auf Basis von Gesprächsmustern, die wir über die Hörgeräte analysieren, Gesprächskorrelationen ermitteln und so auf Gesprächspaarungen und Gesprächspartner Rückschlüsse ziehen können. Die Algorithmen zur Mustererkennung wurden vorab natürlich ebenfalls trainiert, wie auch für Störgeräuschfilter üblich. Aber unser Schwerpunkt liegt aktuell in der Kommunikation, nicht auf KI und DNN-Trainings. Einerseits sind DNNs technologisch schwer greifbar, und auch in der Endkundenberatung ist das ein schwieriges Thema. Dazu bräuchte es aus meiner Sicht eine visuelle und hörbare Demo, die den konkreten Benefit aufzeigt. Weil ein DNN-Filter meist aber nur sporadisch einsetzt, ist der Benefit in einer einfachen Demo schwer vorhersagbar. Muss man hingegen ein extra Programm anlegen, welches einen KI-Filter manuell aktiviert, hat das für uns nur eine geringe Praxisrelevanz. Wir wissen aus vielen Studien, dass Kunden normalerweis nicht umschalten, außer wegen des Entertainments. Aber natürlich haben wir das Thema im Blick und finden eigene DNN-Filter spannend. Also konzentrieren wir uns auf eigene Entwicklungen, um bei jedem Detail genau zu verstehen , was bei der Filterung passiert, um auch hier bestehende Errungenschaften nicht über Bord werfen zu müssen. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ich denke, wir sind im Moment extrem gut aufgestellt. Das Thema e2e wireless hat keiner im Markt so weit getrieben wie wir es mit dem Datenaustausch machen. Darauf basieren auch all die Erkennungen, die wir heute haben – von der eigenen Stimme bis zur Detektion mehrerer Gesprächspartner über den Multi-Beamformer. Dass auch wir eines Tages den Schritt zum DNN-Filter im Gerät gehen, schließe ich natürlich nicht aus. Ich bin ein großer Verfechter von KI. Und sobald wir sehen, dass wir mit unseren jetzigen Technologien an Grenzen stoßen und der Schritt unter den richtigen Rahmenbedingungen möglich ist, also ohne Kompromisse, werden wir ihn machen. Aktuell, das können wir auch auf SNR-Basis objektiv im Labor sowie in realen Situationen nachweisen, stehen wir mit unseren vortrainierten Störgeräuschfiltern gut da. Zumal die aktuellen KI-Filter keine Gesprächsmustererkennung bieten. Sie können Sprache, meist von einem Sprecher, sehr gut hervorheben.

Auf der Keynote haben Sie außerdem Neuerungen für den Signia Assistant vorgestellt. Es gibt nun weitere Interaktionsmöglichkeiten …

Haag: Unser Live-DNN, das durch die Eingaben der Nutzer immer weiter verbessert wird, bietet zwei Neuheiten. Die erste ist, dass der Assistant nun mehr Hilfestellungen bietet. Gerät er bei den Nutzerinnen und Nutzern in Vergessenheit, meldet er sich nun nach sieben Tagen Nicht-in-Anspruchnahme über die Nachrichtenzentrale des Smartphones und weist darauf hin, wie er helfen kann. Wir haben hier nun also eine Proaktivität. Außerdem ist der Assistant jetzt in der Lage, seine wichtigsten bzw. hilfreichsten Funktionen darzustellen. Im Beratungsprozess kann so etwas ja schnell mal untergehen. Dazu kommt natürlich weiter die Möglichkeit, auf die Lernvideos und Anleitungen zuzugreifen. 

Ist das Update mit allen IX-Geräten nutzbar? 

Haag: Mit allen IX-Geräten in Verbindung mit der App. Was wir bei dem Pure Charge&Go BCT IX außerdem hervorheben, ist, dass sich, wie bei allen Geräten, auch der Streaming-Sound verbessern lässt. Die Nutzerinnen und Nutzer können nun, während sie streamen, klangliche Verbesserungen am Streaming-Signal vornehmen. Auch gegenprüfen lassen sich die Einstellungen, so dass man für sich selbst bewerten kann, ob sich das für einen besser anhört. 

Neben dem neuen RIC-Gerät wurden außerdem das Insio IX ITE und ITC vorgestellt. Sind die IdOs mit allen Vorzügen der IX-Plattform ausgestattet?

Haag: Bis auf das Own Voice Processing können wir hier alles anbieten, auch den Multi-Beamformer. Das OVP lässt sich bei IdO-Geräten schlicht wegen der Positionierung der Mikrofone nicht realisieren. Weil die zu nah beieinander sind, würde die Einmessung nicht funktionieren. 

Küchler: Aber abgesehen davon haben wir nun auch für diese Bauformen das audiologische IX-Upgrade. Damit ist die IX-Plattform nun fast komplett. Aber wir wären nicht Signia, hätten wir für dieses Jahr nicht auch noch etwas in der Hinterhand, mit dem aktuell noch keiner rechnet. Aber dazu im Laufe des Jahres dann gerne mehr. 

Herr Haag, Herr Küchler, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.