DIGITALES MAGAZIN
044 | März 2025
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Training für den Hörmuskel: CleverFox im Praxistest

Von Thomas Sünder / Foto: OMNIdirekt

Training für den Hörmuskel: CleverFox im Praxistest

Das softwarebasierte Hörtraining CleverFox verspricht, das Sprachverstehen mit Hörgeräten zu verbessern. Ich als langjähriger Hörgeräteträger habe es selbst ausprobiert und sechs Wochen lang fleißig trainiert – mit erstaunlichem Erfolg. 

Warum Hörtraining? Seit 2013 trage ich aufgrund eines einseitigen Hörsturzes und der Diagnose Morbus Menière Hörgeräte. Da ich mittlerweile selbst Hörakustikmeister bin, habe ich meine Premiumhörgeräte mit Titan-Otoplastiken eigenhändig optimal eingestellt. Dennoch kam ich in geräuschvollen Situationen an meine Grenzen und bemerkte, dass ich mehr Mühe hatte zu verstehen als meine normalhörenden Gesprächspartner. Ich wollte herausfinden: Geht da noch etwas? Kann ich mein Gehirn so trainieren, dass ich Sprachmuster besser verstehe? So viel sei vorab verraten: Das funktioniert wirklich.

Das Setup: Minimaler technischer Aufwand, maximaler Effekt

CleverFox besteht aus einer App für ein spezielles Hörscreening, das mit einem kalibrierten Kopfhörer auf einem iPad durchgeführt wird. Außerdem gehören drei Bluetooth-Lautsprecher zum Setup. Mehr Equipment ist nicht nötig, um die Art der Hörstörung zu identifizieren und Trainingseinheiten durchzuführen. Allerdings muss man auch Zugriff auf die Einstellungen der Hörgeräte des trainingswilligen Kunden haben, um über die jeweilige Hersteller-Software ein Trainingsprogramm anzulegen. Doch dazu später mehr.

Übersichtliche Software führt Probanden durch den Test

CleverFox bietet eine aufgeräumte Oberfläche, die wahlweise mit einem niedlichen Comic-Fuchs für Kinder präsentiert werden kann, oder mit einem modernen Logo-Symbol für Erwachsene. Das Hörscreening für Kinder ist unter dem Begriff Low Level Screening separat anwählbar. Schön ist, dass die Software die Probanden selbstständig durch das Programm führt. Einfach den Kopfhörer aufsetzen, das Screening wählen und los geht´s. Wichtig: Der Test wird ohne Hörgeräte durchgeführt. 

Separate Voreinstellungen für jedes Ohr

Zunächst werden Alter und Geschlecht eingegeben, sowie das Ohr gewählt, mit dem am Telefon am besten verstanden wird. Statt ein herkömmliches Tonschwellenscreening zu erstellen, arbeitet CleverFox allein mit dem Sprachverstehen. Der Test startet einseitig auf dem als dominant angegebenen Ohr, später folgt das andere Ohr. Zunächst werden jeweils Texte vorgesprochen und die Lautstärke soll per Touchscreen so leise wie möglich eingestellt werden, so dass gerade noch jedes Wort zu verstehen ist. Außerdem wird eine Auswahlmöglichkeit für drei Klangfarben gegeben, und es soll die angenehmste gewählt werden. Wenn beide Ohren entsprechend eingepegelt sind, erfolgt ein Stereo-Test: Es soll so lange nachgeregelt werden, bis eine binaural wiedergegebene Stimme mittig vorne erscheint. Selbst angesichts meines asymmetrischen Gehörs funktionierte das gut. Mein linkes Menière-Ohr stand auf der Lautstärkeeinstellung 6, während das rechte Ohr auf 1 stand.

Anspruchsvoller Test mit schnellem Ergebnis

Der folgende Test dürfte einigen Probanden den Schweiß auf die Stirn treiben, da er ein hohes Maß an Konzentration erfordert. Unter lautstarkem Stimmgewirr wird ein Text über eine Tierart vorgelesen. Die Stimme kann dabei aus unterschiedlichen Richtungen kommen. Die Aufgabe lautet, unter fünf Symbolen mit unterschiedlichen Tieren so schnell wie möglich das richtige auszuwählen. Währenddessen läuft ein Countdown rückwärts, angefangen bei 30 Sekunden. Wird das falsche Tier gewählt, oder auch gar keins, wird das als Fehler erfasst.

Die Auswertung

Der Test läuft über sechs Höreinheiten, also maximal 180 Sekunden. Die Auswertung ist erstaunlich ausdifferenziert, und sie berücksichtigt auch das Ergebnis des vorausgehenden Hörscreenings. In der Auswertung werden folgende Parameter erfasst:

Wie hier zu sehen, war bei mir ein Hörtraining eindeutig sinnvoll. Vor allem mein linkes Menière-Ohr machte Probleme.

Das Trainingskonzept

Als ich erfuhr, wie das Training funktioniert, freute ich mich: Man soll jeden Abend 90 Minuten TV schauen, oder alternativ ein Hörbuch hören, und danach 30 Minuten lang mit Naturklängen aus der CleverFox-App entspannen. Diese ist im App-Store erhältlich, so dass Kunden nicht unbedingt ein iPad benötigen. Ich sollte also jeden Abend vor der Glotze chillen und danach für ein halbes Stündchen einem Wasserfall, Regen oder einem Katzenschnurren lauschen: Traumhaft! Allerdings gibt es einen großen Haken: Der Medienkonsum erfolgt so leise, dass gerade so jedes Wort verstanden werden kann. Das ist anstrengend – und es bedarf der Abstimmung mit der Familie.

Die Trainingsgeräte

Aus der Auswertung des Hörscreenings ergibt sich eine Trainingseinstellung für die Hörgeräte, die ich nach Vorgaben von CleverFox bei meinen Oticon Intent 1-Geräten in einem eigenen Programm gespeichert habe. Dieses Programm habe ich konsequent jeden Abend beim Filmschauen verwendet. Dazu habe ich mich in mein Arbeitszimmer zurückgezogen, da ich in der leisen Einstellung des Wiedergabegeräts nicht mit meiner Frau zusammen schauen konnte. Während sie vor dem TV im Wohnzimmer saß, nutzte ich mein iPad Pro für das Streamen von Serien. CleverFox stellt Bluetooth-Lautsprecher zur Verfügung, so dass verschiedenste Geräte für das Training genutzt werden können. Mir reichte der Sound des iPad-Lautsprechers.

Wöchentliche Belastungstests

Zum Training gehört, einmal pro Woche einen so genannten Belastungstest zu machen. Dieser wird bei Terminen mit der Hörtherapeutin oder dem Hörtherapeuten auf dem iPad mit Kopfhörer durchgeführt. Da ich alles zu Hause hatte, habe ich den Test allein absolviert. Neben dem bereits im Hörscreening verwendeten Sprachverstehen im Störlärm werden hier noch andere Übungen durchgeführt, die das Hörgedächtnis und das Richtungshören fordern. Über sechs Wochen wird so der Trainingserfolg erfasst. Und der sieht bei mir am Ende so aus, wie oben auf der Grafik zu sehen. 

Die Zahlen sprechen für sich. Außerdem habe ich meine Sprachanstrengung vor und nach dem sechswöchigen Training mit ACALES gemessen, einem Verfahren, das am Hörzentrum Oldenburg entwickelt wurde. Vor dem Training kam ich ohne Hörgeräte auf 40 Prozent des Hörfokus eines Normalhörenden, mit Hörgeräten auf 70 Prozent. Nach sechs Wochen Training kam ich bereits ohne Hörgeräte auf 70 Prozent, mit Hörgeräten in den Bereich eines Normalhörenden.

Das Beste aber ist: Ich merke jeden Tag, dass ich besser verstehe. Auch meiner Frau ist aufgefallen, dass ich wesentlich seltener nachfrage. Fazit: Hörtraining lohnt sich.

Extra-Tipp: Um mein schlechtes Ohr links gezielt zu aktivieren, habe ich das Hörtraining stets für 15 Minuten mit abgedichtetem rechtem Ohr begonnen.