DIGITALES MAGAZIN
045 | April 2025
21/24

»Augenoptik und Hörakustik halten sich bei uns die Waage«

Von Dennis Kraus / Foto & Abbildung: EVEX Group

»Augenoptik und Hörakustik halten sich bei uns die Waage«

Die EVEX Group versammelt unter ihrem Dach einige renommierte Branchen-Softwares aus der Hörakustik und der Augenoptik, darunter Amparex. Seit Anfang des Jahres hat die Gruppe mit Dr. Tom Kirschbaum einen neuen CEO. Mit ihm sowie mit Stephan Schenk, Geschäftsleiter bei der ebenfalls zur EVEX Group gehörenden Euronet Software GmbH und Marketingleitung EVEX DACH, sprachen wir über aktuelle Themen und Herausforderungen am Markt. Das Gerücht, die Gruppe stünde aktuell zum Verkauf, räumen sie im Gespräch klar aus. 

Dr. Tom Kirschbaum kommt ursprünglich aus dem Banking. Weil er etwas Eigenes aufziehen wollte, gründete er 2010 ein erstes Software-Unternehmen. Seitdem ist er als B2B-Softwareunternehmer unterwegs. Zur EVEX Group stieß Kirschbaum im September vergangenen Jahres, im Januar dieses Jahres folgte er auf Dr. Toni Schmidt als CEO. Hier legt er seinen Fokus insbesondere auf die Bereiche Innovation und strategische Transformation.

Herr Kirschbaum, wie haben Sie die Hörakustik bisher kennengelernt?

Kirschbaum: Wie die Augenoptik ist die Hörakustik neu für mich. Dank der vielen Kolleginnen und Kollegen bei uns in der Gruppe, die teilweise über jahrzehntelange Branchenerfahrung und -expertise verfügen, lerne ich aber stetig dazu. So sehe ich die Hörakustik als eine sehr spannende Branche, für die der demografische Wandel und die technologische Entwicklung sprechen. Dennoch ist es nicht nur einfach. Jeder Unternehmer wird sich wahrscheinlich immer wieder fragen, wo er innovativ sein oder seinen Betrieb noch attraktiver machen kann. Hier möchten wir mit Empathie zur Seite stehen. Wir verstehen uns als Partner unserer Kunden, der nicht nur eine ERP-Lösung anbietet. Wir können auch mit Marketing-Services unterstützen oder bei der Zahlungsabwicklung. Und es wird noch mehr kommen. Wir sind offen für das, was den Markt bewegt. Darum werden wir auch in diesem Jahr auf dem EUHA-Kongress wieder einen Stand haben und genau zuhören. Gerne laden wir dazu ein, weitere Entwicklungen mit uns gemeinsam zu gestalten und die technologischen Möglichkeiten zu nutzen.

Die EVEX Group versammelt einige Software-Marken unter ihrem Dach. Die in der Hörakustik bekannteste ist Amparex. Welche Themen sind hier für Sie derzeit besonders wichtig? 

Kirschbaum: Amparex hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine herausragende Stellung erarbeitet. Ipro und Euronet haben das auch geschafft. Das führe ich auf etwas zurück, was wir auch künftig beibehalten wollen: Software sollte immer so positioniert sein, dass sie das Leben der Anwender einfacher macht. Sie sollte den Zeitgeist treffen und ein wenig weiterentwickelt sein, als Anwender sich das vielleicht heute schon vorstellen. Wir möchten unseren Kunden helfen, sich auf das konzentrieren zu können, was ihnen wichtig ist. Man möchte schließlich nicht von nervigen Bestellvorgängen abgelenkt werden oder lange nach einer Information suchen müssen. Unsere Produkte sollen das Leben leichter machen.

Werden die Optik und die Akustik in der EVEX Group ebenbürtig angesehen? Wir hörten auch schon kritische Stimmen sagen, von vielen Neuentwicklungen würden vor allem Optiker profitieren …

Kirschbaum: Manchmal ist das auch umgekehrt. Aber lassen Sie mich etwas weiter ausholen. Wir wollen nicht nur einzelne Akteure aus der Augenoptik und der Hörakustik bündeln. Wir wollen eine Gruppe bauen, die breit und stark genug aufgestellt ist, um auch die nächsten Produktgenerationen entwickeln zu können. Die Anforderungen steigen stetig, die Dinge werden komplexer. Die Software muss in der Cloud bereitstehen, mobil sein und auf dem Desktop funktionieren. Dazu soll KI eingebunden werden und alles muss absolut sicher sein. Nicht zu vergessen die Marketing-Services. Die Frage ist also: Wird ein einzelner Anbieter in seiner Nische all das leisten können? Oder braucht es vielleicht einen breiter aufgestellten Anbieter, der antritt, um eine Plattform zu entwickeln, die all die modernen technologischen Möglichkeiten bietet? Wir denken, dass die Schnittmenge zwischen der Augenoptik und der Hörakustik und vielleicht noch ein, zwei benachbarter Disziplinen hinreichend groß ist, um etwas zu entwickeln, das den Anforderungen dieser Branchen entsprechen kann. Natürlich hat dabei jede Disziplin nochmal eigene Anforderungen, die in den anderen weniger eine Rolle spielen. Aber wir glauben, dass der gemeinsame Nenner dieser Branchen groß genug ist, um unser Portfolio samt dazugehöriger Services ausbauen zu können – also etwas, das in Summe besser ist als das, was der kleine Anbieter allein für seine Nische wird anbieten können. Deswegen erwerben wir auch weiter Firmen, wie zuletzt in Großbritannien. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Augenoptik und Hörakustik halten sich bei uns die Waage. 

Sie sagten eben, die Ansprüche sind gestiegen. Auch die Wünsche nach individuellen Lösungen dürften größer geworden sein. Inwieweit können Sie dem mit Ihrem Support Rechnung tragen?

Kirschbaum: Das ist ein mehrschichtiges Thema. Das eine ist der Support. Funktioniert etwas nicht so, wie man es sich vorgestellt hat oder gibt es eine Frage zu einer Anwendung, wendet sich der Kunde an unseren Support. Hier sind wir sehr stolz auf das extrem gute Feedback, das wir von unseren Kunden bekommen. Wir haben Kolleginnen und Kollegen im Support, die unsere Kunden seit 20 Jahren kennen. Gleichzeitig versuchen wir, unsere Software so zu entwickeln, dass sie möglichst wenig Support benötigt, dass sie selbsterklärend ist, dass die Installation automatisiert abläuft. Oder dass man schnell mal selbst etwas nachschlagen kann und nicht extra den Support benötigt. Aber grundsätzlich wird der Support bei uns weiter eine herausgehobene Rolle spielen. 

Und wenn es um individuelle Anpassungen in der Software geht? 

Kirschbaum: Sie sprechen den schon fast traditionellen Spannungskonflikt bei jeder Softwarelösung für Unternehmen an. Eigentlich möchten wir Lösungen entwickeln, die für unterschiedliche Anwendungsfälle von vornherein gut geeignet sind. Gleichzeitig hat jeder Kunde aber auch eigene Anforderungen an die für ihn perfekte Lösung. Da geht es dann um einen guten Mittelweg. Wobei wir Kundenstimmen auch immer mit in die Entwicklung einbeziehen. Und stellen wir eine bestimmte Resonanz fest, sind wir bereit, die Wünsche umzusetzen. Würden wir aber jedem noch so ausgefallenen Sonderwunsch Rechnung tragen, wäre die Software nicht mehr steuerbar und könnte nicht mehr wachsen. Davon hätte dann niemand etwas.

Ihr Vorgänger Dr. Toni Schmidt sprach uns gegenüber davon, dass die EVEX Group an AMIRO arbeitet, einer Software, die in Zukunft die einzelnen Softwares in Ihrem Portfolio wird ablösen können. Wie ist hier der Stand? 

Kirschbaum: Strategisch bleibt das unser mittelfristiges Ziel. Denn anstatt fünf Softwares parallel zu entwickeln, wie es derzeit und auch noch auf absehbare Zeit der Fall ist, ist es effizienter, ein neues Produkt zu entwickeln, das allen unseren Kunden einen Mehrwert bietet. Mit einem eigenen Team arbeiten wir aber bereits an der Zukunft. In Großbritannien führt unser Tochterunternehmen Optix bereits die neue Version seiner Software in den Markt ein und erfährt eine ausgesprochen positive Resonanz. Für den deutschen Markt gibt es von uns bereits die AMIRO App, die Ipro und Amparex vereint. Eine mobile Version für Euronet haben wir jüngst auf der opti als EVEX Mobile vorgestellt. Erste Schritte haben wir also schon gemacht. Die wichtige Botschaft ist allerdings die, dass es unsere aktuellen Produkte auch weiterhin geben wird. Wir werden da keinen Stecker ziehen, sondern weiter Support anbieten und zweigleisig fahren. 

Neu ist bei Ihnen EVEX Pay. Worum geht es da und als wie relevant sehen Sie die Funktion in der Hörakustik?

Kirschbaum: EVEX Pay ist in der Hörakustik genauso relevant wie in der Augenoptik. Auch in der Hörakustik gibt es Kunden, die vor Ort im Fachgeschäft bezahlen. Insofern haben auch Hörakustiker ein Interesse, pünktlich ihre Zahlungen zu erhalten, eine geringe Transaktionsgebühr zu zahlen und sich mit dem entsprechenden Terminal frei im Geschäft bewegen zu können. Dazu ist die Abrechnung absolut transparent und die Lösung lässt sich in unsere Software-Welt integrieren. Darum heißt sie auch EVEX Pay und nicht Amparex- oder Ipro-Pay. Natürlich ist das eine Ebene über unseren klassischen Produkten, aber wir haben sie nun integriert und zeigen so einmal mehr, was alles möglich ist, wenn man über den Tellerrand hinausblickt. EVEX Pay befindet sich jetzt im ersten Rollout und wird uns sicherlich noch weiter beschäftigen und weiterentwickelt werden.

Themenwechsel: Wir bekommen öfter mal zu hören, die EVEX Group stünde zum Verkauf. Durch Ihren Gesellschafter FLEX Capital, ein Private Equity Unternehmen, scheint das ja auch erstmal nicht abwegig. Was ist an den Gerüchten dran? 

Kirschbaum: Das werden wir öfters gefragt. Aktuell gibt es kein Verkaufsinteresse. Zwei Punkte hierzu: Natürlich geht ein Gesellschafter wie FLEX Capital seine Beteiligung nicht ein, um sie für Jahrzehnte zu halten. Die Spielregel ist, dass man die Beteiligung einen begrenzten Zeitraum hält. Das können sieben Jahre sein, zehn oder ein anderer Zeitraum. Es kommt ja auch darauf an, was während dieser Zeit passiert. Aktuell ist die EVEX Group weiterhin in der Phase, in der wir etwas Gemeinsames aufbauen wollen. Der andere Punkt ist der, dass ich selbst gerade erst angefangen habe. Und ich möchte die Gruppe weiterentwickeln. Mit dieser Aufgabe ist man auch an mich herangetreten. Aber natürlich wird der Tag kommen, an dem FLEX Capital verkauft. Doch auch für diesen Fall können wir beruhigende Signale in den Markt senden. Denn derjenige, der die Gruppe kauft, wird wissen, wie wichtig es ist, die Kontinuität aufrecht zu halten. Als die Gesellschafter von Amparex ihr Unternehmen an FLEX Capital übergeben haben, war Kontinuität Gebot der Stunde. Unsere Kunden nutzen die Software genauso weiter, genießen denselben Service, die Produkte werden weiterentwickelt und die Ansprechpartner sind überwiegend dieselben. Dieses Geschäft ist ein langfristiges. 

Wenn Sie sagen, dass die bestehenden Softwares weiterentwickelt werden: Welche Neuerungen schweben Ihnen vor?

Kirschbaum: Neben EVEX Pay wird das Thema Mobile weiter eine sehr große Rolle spielen. Hier geht es darum, dass man sich durch sein Geschäft bewegen und am Tablet alles genauso nutzen kann wie am Desktop-Rechner. Darum erfreut sich unser Cloud-Angebot einer stark wachsenden Nachfrage.  Dazu kommen auf den ersten Blick profane, aber praktisch doch sehr relevante Themen wie die eRechnung. Und natürlich wird es zunehmend auch um KI gehen. Was kann KI für Produktanwendungen bedeuten? Welche Angebote können sich daraus für Hörakustiker ergeben? Wir haben da ein Bouquet an Maßnahmen und werden im kommenden Jahr auch schon einige sichtbare Schritte machen. Einen weiteren Schwerpunkt haben wir bei unseren Marketing-Services. Hier geht es um Fragen wie die nach der Kundenbindung oder wie man noch mehr über seine Kunden lernen kann. Mein Kollege Stephan Schenk von Euronet ist hier stark mit in der Verantwortung. Aber wir wollen niemanden überrollen. Kämen wir jeden Tag mit etwas Neuem um die Ecke, würde das nur überfordern.

Herr Schenk, können Sie uns schon Beispiele geben, wie man sich als Ihr Kunde Ihre Marketing-Services, etwa zur Kundenbindung, vorstellen kann?

Schenk: Sobald ein Kunde seine Hörgeräte kauft, kann die Kundenbindung starten: In festgelegten Zeitabständen erhält er automatisch personalisierte Mailings von seinem Hörakustiker oder Augenoptiker. Dafür müssen lediglich einmal das individuelle Layout und der Versandzyklus definiert werden – danach erfolgt der gesamte Prozess völlig automatisiert, ohne zusätzlichen Aufwand für den Betrieb. In Euronet bieten wir das bereits an. Unsere Kunden liegen da im Schnitt bei einer Erfolgsquote von 5 bis 10 Prozent.

Kirschbaum: Dazu kommen außerdem Komponenten wie WhatsApp-Kommunikation in Euronet, zum Beispiel zur Terminvereinbarung. Wird ein Kunde über das automatisierte Mailing seines Hörakustikers angesprochen, kann er ganz einfach per WhatsApp nachhaken und einen Termin machen. Diese Themen möchten wir so gut aufeinander abstimmen, dass sie aus Sicht des Hörakustikers genauso einfach funktionieren wie aus der Sicht der Kunden. 

Herr Kirschbaum, Herr Schenk, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.