DIGITALES MAGAZIN
045 | April 2025
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»Jeder hat das Recht, sich frei zu entfalten«

Von Jan-Fabio La Malfa; Fotos: OMNIdirekt, Hörwelt Jana Ritter

»Jeder hat das Recht, sich frei zu entfalten«

Viele Betriebe hierzulande tun sich zunehmend schwer, Auszubildende zu finden. Besonders bei jüngeren Betrieben scheint das so zu sein. Und selbst, wenn man ausbildet, ist es nicht immer einfach, die Gesellinnen und Gesellen zu halten. Es gibt aber auch Betriebe, bei denen sich das anders verhält. Woran liegt das? Wir haben uns mal umgeschaut. Der Beginn einer kleinen Serie mit Start in der Hörwelt Ritter.

Dass Faktoren wie durchschnittliche Einkommenshöhen, Einzugsgebiet, Anzahl der Anbieter oder der HNO-Ärzte bei einer Geschäftseröffnung eine Rolle in den Überlegungen spielen, leuchtet sofort ein. Selten, ja nahezu nie, hören und sehen wir aber, dass im Rahmen einer Gründung Ausbildungspotenziale überhaupt überdacht oder thematisiert werden. Das passiert meist erst nach einem erfolgreichen Betriebsstart mit einem größeren zeitlichen Abstand. Wieso eigentlich? Ist das nicht falsch gedacht?

Ein Geschäft zu eröffnen, bedeutet im Normalfall auch, sich für viele Jahre an eine Region zu binden. Man kann es nicht einfach einpacken und an anderer Stelle wieder aufziehen. Und geht es der Region gut, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es dem Betrieb gut geht, umso höher. Entsprechend möchten wir uns nun etwas intensiver mit der Ausbildungsfrage auseinandersetzen und in die Betriebe des Landes schauen. Schließlich kommen die Azubis zumeist aus der Region. Doch wie rekrutieren Betriebe ihre Auszubildenden überhaupt? Welche Maßstäbe setzen sie an? Was denken die Auszubildenden selbst? Fragen wie diesen wollen wir im Verlauf der nächsten Ausgaben nachgehen.

Engen. Eine Stadt im Landkreis Konstanz mit rund 11.500 Einwohnern, samt aller Ortsteile sowie Gehöfte. Reizvoll inmitten der Vulkanlandschaft Hegau gelegen, fahren die allermeisten auf der A 81 in Richtung Konstanz oder zum Bodensee einfach daran vorbei. Dabei besitzt Engen eine recht hübsche Altstadt und eine topografisch hochinteressante Landschaft. Sie animierte selbst Goethe, dies in einer seiner Schriften zu bemerken.

Hier treffe ich auf Jana Ritter. 2017 gründete sie die Hörwelt Jana Ritter und baute innerhalb weniger Jahre einen Betrieb mit 15 Mitarbeitern und vier Filialen in Engen, Stockach, Radolfzell sowie Gottmadingen auf. Keine schlechte Idee, sich im Hegau anzusiedeln, nicht nur, da der durchschnittliche Verdienst rund 200€ höher liegt als im Rest der Republik. Dennoch will ich an diesem Tag von ihr zunächst wissen, wie sie in den Hegau gefunden hat. Denn Ritter stammt eigentlich aus Sachsen-Anhalt. »Hierher gezogen bin ich vor allem wegen meines Partners. Er konnte ertragen, dass ich meinen Job mit Leib und Seele liebe. Denn das ist der andere Grund, weshalb ich an den Bodensee gekommen bin«, so Ritter.

Es ist nicht der erste Besuch. Wir beide kennen uns bereits, als sie noch Angestellte bei Horst Böttcher war, Das Ohr Hörgeräte & mehr GmbH. Die Überlegung, über die Hörwelt Ritter zu schreiben, existierte daher schon lange. Lediglich der Anlass fehlte. »Du weißt ja, die Akustik ist ein Dorf. Ich für mich wollte deshalb immer bei einem Akustiker groß werden, bei dem ich eigenständig arbeiten und mich entfalten kann. Das hat Horst Böttcher uns stets ermöglicht; er hat uns aber auch beigebracht, wie wichtig es ist, seine eigenen Werte zu vermitteln«, erklärt sie, während wir uns auf den Weg in den vorderen Anpassraum machen. Dort warten ihr Geselle Pascal Fleck sowie ihre jüngste Auszubildende Lisanne Wagner. Sie wollen mir an diesem Februartag erklären, weshalb sie sich für eine Ausbildung in der Hörakustik entschieden haben und was sie am Beruf reizt. Ihre Chefin währenddessen soll mir ihre Perspektive zur Ausbildung sowie ihren Werdegang schildern.

Um ein wenig Druck herauszunehmen und ein wenig Lockerheit in das Gespräch zu bekommen – Lisanne Wagner startete mit der Ausbildung erst im September 2024 – wende ich mich zunächst an Jana Ritter, die ihre Ausbildung 1995 begann und 1999 die Meisterausbildung abschloss. »Ohren und das Thema HNO haben mir schon immer Freude bereitet und mich sehr interessiert. Ich wollte sogar Medizin studieren. Da man sich das in der DDR aber nicht aussuchen konnte und Hierarchien nicht meins sind, entschloss ich mich nach ein paar Praktika und durch einen Kontakt meiner Oma zu einer Krankenschwesterausbildung auf einer HNO-Station«, berichtet Jana Ritter, die sie sich an den Versorgungsengpass, der zu DDR-Zeiten vorherrschte, noch sehr gut erinnert. Ob nun Einwegspritzen, die als Zuwendung aus der Partnerklinik in Hildesheim stammten, oder die Hörgeräte selbst, zu denen sie damals noch keine direkten Berührungspunkte besaß – nahezu alle medizinischen Produkte seien wie »pures Gold« behandelt worden. Trotz dieser widrigen Umstände wäre Ritter jedoch nie auf den Gedanken gekommen, die Ausbildung abzubrechen oder gar überhaupt nicht anzugehen. »Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Improvisation pur, und das nur mit einem ganz kleinen Pool an Leuten und Ressourcen, damit Menschen überhaupt mit Hörgeräten, versorgt werden konnten. Eine reine Osttechnik existierte nicht; die Geräte selbst waren meist als Spende aus Dänemark in die DDR gelangt. Wahrscheinlich waren die Wartezeiten wie beim Trabi, wenn nicht länger, da es ja nicht einmal Geschäfte gab. Deswegen ist das Leben in der Hörakustik für mich heute ein Schlaraffenland«, so Ritter weiter.

Geselle Fleck, 2003 geboren, zieht die Augenbrauen hoch und zeigt sich beeindruckt, obwohl er die Hintergründe seiner Chefin eigentlich kennt. »Wow, das war mir gar nicht so bewusst. Unvorstellbar, wenn man bedenkt, dass das eigentlich nur ein paar Jahre her ist. Ich glaube, ich hätte die Motivation nicht aufbringen können, eine Ausbildung unter diesen Umständen aufzunehmen«, so der Geselle, der seine Ausbildung 2018 begann, also ein Jahr nach Betriebsgründung der Hörwelt Jana Ritter. Jeder habe das Recht, sich frei entfalten zu dürfen. Gerade im Hinblick auf die Berufswahl sei ihm das wichtiger gewesen als die Bezahlung. Wahrscheinlich hätte er sogar versucht, dagegen zu rebellieren. »Ich mag den Beruf wirklich sehr. Ein Grund, weshalb ich mich damals für die Ausbildung entschied, war die rasante technische Entwicklung, die man in der Branche erleben darf. Und ich weiß ja, wie es heute ist. Wenn ich ein Leihgerät benötige, ruf ich beim Hersteller an, bestelle es und fertig«, fügt Fleck hinzu. Auszubildende Lisanne sieht das nicht anders. Auch ihr wäre es zuwidergelaufen.

Im Anschluss erfahren die beiden Angestellten, dass ihrer Chefin im Zuge der deutschen Einheit die Berufsausbildung – bei einst 50 Ostmark Ausbildungsentschädigung – nicht anerkannt wurde. Aus diesem Grund ist Jana Ritter danach nach Niedersachsen, um eine Ausbildung zur HNO-Facharzthelferin zu machen. Da sei sie mit Hörgeräten erstmals so richtig in Kontakt gekommen. »Das war einer der HNO-Ärzte, der irgendwann einmal begann, mit Sanomed zu arbeiten. Das wollte ich nicht und so bin ich dann die Ausbildung zur Hörakustikerin angegangen«, erzählt Ritter.

Erneut staunen Fleck und Wagner. Zum einen, da ihnen Sanomed nicht bekannt war; zum anderen, weil sie durch die Schilderungen von Jana Ritter merken, dass Verfügbarkeit von Produkt und Dienstleistung nicht mit Versorgungsqualität gleichzusetzen ist. »Wenn man mit anderen über den Beruf spricht, dann wissen die meisten überhaupt nicht, was unter dem Hörkustikerberuf zu verstehen ist. Bevor ich hier anfing, dachte ich auch, ein Hörgerät bestellt man einfach auf Amazon. Ich hatte nicht einmal auf dem Schirm, wo man so etwas überhaupt beziehen kann. Aber darüber macht man sich mit 16 oder 17 auch keine Gedanken. Es ist daher auch ein cooles Gefühl, dass man einen Beruf hat, den nicht jeder Zweite macht.«, so Pascal Fleck, der heute der Gehörschutz- sowie In-Ear-Monitoring-Spezialist des Betriebes ist. Auszubildende Wagner hingegen meint, nachdem sie das Sanomed-Konzept verstanden hat, dass dies doch gar nicht im Sinne der Kunden sowie der Angehörigen sei und somit nicht zielführend. »Ich bin zwar erst einmal in Lübeck gewesen und noch unsicher. Dass es Unterschiede in der Versorgung gibt, habe ich aber mittlerweile verstanden. Allerdings versuche ich nachzufragen und weiter zu lernen; auch weil ich merke, dass viele in meiner Klasse nicht so viel machen dürfen. Es gibt einige, die noch nie eine Audiometrie vorgenommen haben«, sagt die junge Auszubildende, die besonders das familiäre Umfeld und die persönliche Kundenbehandlung im Betrieb schätzt.

Denn genauso wie jeder ein Recht hat, sich selbst zu entfalten, sind beide Angestellte überzeugt, sollte jeder ein Recht auf die beste Einstellung haben. Gerade das sei doch die Kernaufgabe eines Akustikers. Allerdings, auch diese Erfahrung hätten beide bereits gemacht, sei ein solches Recht alles andere als selbstverständlich. »Man selbst will Individualität im Betrieb leben, Individualität ist das auch das, was der Kunde haben möchte. Aber es braucht die Unterstützung des Betriebes. Die ist sehr wichtig. Wenn ich mich während der Ausbildungszeit in Lübeck mit anderen ausgetauscht habe, gerade wenn es um die Anpassung geht, dann stelle ich fest, dass oftmals der Kunde gar nicht im Fokus steht. Ein kurze Messung, Luftleitung, Sprache ist völlig egal. Dann wird ein Hörgerät mit Domes drangeklatscht und eine Woche zur Ausprobe mitgegeben, um danach einen Abschluss zu tätigen. Das bin ich nicht gewöhnt«, so Pascal Fleck, der dankbar für die Unterstützung ist, die der eigene Betrieb leistet.


Lisanne Wagner, die über die Empfehlung ihrer Mutter und über ein anschließendes Praktikum in die Hörwelt Ritter fand, kommt zu einer ähnlichen Schlussfolgerung. Wie wichtig ein guter Ausbildungsbetrieb ist, erkenne man an den Auszubildenden in Lübeck. Obwohl sie erst einmal da war, habe sie diesbezüglich schon ein paar Unterschiede festgestellt. »Soweit ich das bis jetzt verstanden habe, hat jeder Betrieb so seine Vorgehensweise. Solange das Ergebnis stimmt und der Kunde glücklich ist, ist das meiner Meinung nach in Ordnung. Ich für mich durfte ja schon viel sehen und ausprobieren. Hörtest, bei Anpassungen dabei sein, aber auch fräsen. Das macht Spaß. Viele in Lübeck durften das in ihren Betrieben aber noch nicht. Das finde ich schade, auch weil ich glaube, dass man das schneller lernt, wenn man es selbst macht«, so Lisanne Wagner, die darüber hinaus meint, dass im Vergleich zur Schule die Art des Lernens in Lübeck nochmal eine komplett andere ist. »Mir macht das so mehr Spaß als in der Schule vorher. Das spornt mich auch an. Ich habe sogar schon anderen bei der Klausurvorbereitungen geholfen. Bei Otoplastik sowie Aufbau und Anatomie habe ich dem Kollegen einfach das Buch hingelegt und gesagt, lern.«

Während Wagner noch kichert, nickt Pascal Fleck. Auch er habe nicht anders erfahren. Das Lernen höre in Lübeck nie auf, ständig erhalte man Ansporn durch Mitschüler. Nicht zuletzt fände man dadurch aber auch dort Freunde, mit denen man nach der Schulzeit in Verbindung bleibt. »Jetzt mal ehrlich: Wer mochte in der Schule schon Mathe? In Lübeck ist das noch einmal etwas komplett anderes. Viel einfacher, finde ich. Man kann von jedem immer dazulernen. Gerade in der Akustik lernt man nie aus. Deswegen ist es auch wichtig, die Kollegen auf Veranstaltungen zu sehen; unabhängig davon, dass man oft miteinander telefoniert«, sagt Pascal Fleck. Schließlich sei Austausch die Basis, um sich persönlich weiterentwickeln zu können.

Das allerdings sei nicht immer garantiert, fügt Jana Ritter, die nahezu vom ersten Tag ihrer Selbstständigkeit an ausbildet, hinzu. Das merke man insbesondere, wenn man über Nacht verkauft wird, so wie ihr selbst passiert ist. Eine Erfahrung, die man nicht machen wolle und die sie durch ihren Mann Dirk überhaupt dazu gebracht hätte, sich selbständig zu machen. »Wenn nach dem Aufkauf einer kommt und sagt, Sie wissen gar nicht, in welch tolles Unternehmen Sie kommen. Am nächsten Tag jedoch steht der Nächste in der Tür und erklärt einem, Sie dürfen gar nichts, weder abrechnen noch durfte man ein kaputtes Kindergerät nachbestellen. Und dann stand auch noch ein kompletter Technikwechsel an. Man wurde so sehr entmündigt, dass ein vernünftiges Arbeiten nicht mehr möglich war. Deswegen war der Schritt in die Selbständigkeit nach dem Verkauf nicht mehr so schwierig für mich«, sagt Ritter, die den Selbstständigkeitsentschluss nie bereut hat.

Denn ihrem Anspruch, frei arbeiten zu können, hätte sie bei einem Großen nie verwirklichen können. Allerdings, so Ritter weiter, müsse man sich dafür auch einsetzen und weiterentwickeln wollen. Und das gelte im Übrigen schon zu Beginn der Ausbildung. »Mit Ausnahme meines Mannes Dirk war keiner dabei, der mich an die Hand genommen hat. Ob nun im Hinblick auf die Betriebsgründung oder auf die Ausbildung, unser Handwerk funktioniert doch nur, wenn man voneinander lernt. Denn unabhängig davon, dass es eine Notwendigkeit gibt, ausbilden zu müssen, weil man nur auf diesem Wege Personal generieren kann, ist es mein Anspruch als gute Firmeninhaberin und Meisterin, mein Wissen zu teilen und weiterzugeben. Schließlich ist jeder Meister nur so gut wie sein Geselle«, ist Ritter, die viel auf Ausbildungsbörsen unterwegs ist, überzeugt und fügt abschließend hinzu: »Das ist ja letztendlich vom Betrieb abhängig. Und wie du hoffentlich gesehen hast, würde von meinen Gesellen keiner auf die Idee kommen, den Job zu verlassen. Den Betrieb vielleicht ja, aber nicht den Job. Denn dafür lieben sie ihn jetzt schon zu sehr.« Dem können Pascal Fleck und Lisanne Wagner nur beipflichten.