Von Martin Schaarschmidt / Fotos: Schaarschmidt
Bürokratie abbauen, Vertrauen wagen – Pressekonferenz der Gesundheitshandwerke in Berlin
Augenoptiker, Hörakustiker, Orthopädieschuhtechniker, Orthopädietechniker und Zahntechniker – Anfang April stellten die fünf Gesundheitshandwerke einen ersten, gemeinsamen Branchenreport vor; Titel: »Für eine qualitativ hochwertige Versorgung der gesetzlich Versicherten«. Im Rahmen einer Presseveranstaltung im Haus der Bundespressekonferenz bezogen neben Eberhard Schmidt, Präsident der Bundesinnung der Hörakustiker (biha), auch die Präsidenten der vier anderen berufsständischen Organisationen Stellung.

Die Repräsentanten sparten nicht mit Kritik an wachsender Bürokratisierung und Überreglementierung im Gesundheitswesen, die zu Lasten der Versorgungsqualität gingen. Und sie wünschten sich mehr Unterstützung durch die Politik – etwa auch mit Blick auf den Fachkräftemangel. Zugleich warben sie für mehr Vertrauen und Miteinander als Basis für beste Versorgung und beste Lebensqualität der Versicherten.
Etwa 30.000 Betriebe der Gesundheitshandwerke gibt es in Deutschland. In ihnen sind rund 192.000 Menschen beschäftigt, davon knapp 17.000 Auszubildende. Sie alle versorgen die Bevölkerung mit individuell ausgewählten und angepassten Medizinprodukten und Dienstleistungen. Und sie alle zählen zu den systemrelevanten Gesundheitsberufen.
Mit ihrem von einer gemeinsamen Arbeitsgemeinschaft erarbeiteten Branchenreport präsentieren die Gesundheitshandwerke und ihre Verbände zum ersten Mal den aktuellen Stand der Branche anhand valider Daten, Zahlen und Fakten. Der Report ist jedoch nicht nur ein Sachbericht. Er beinhaltet auch eine Reihe politischer Forderungen und soll als Anregung für eine ergebnisorientierte Debatte dienen. Er soll die Versorgung mit individuell hergestellten und angepassten Hilfsmitteln und Zahnersatz sichern und verbessern helfen. Und er soll die Anliegen der Betriebe und ihrer Beschäftigten stärken.
Eberhardt Schmidt: »Wir sind keine Raffkes, wir sind sozial und auch nachhaltig«
Ohne die Gesundheitshandwerker, betonte biha-Präsident Eberhard Schmidt in seinem Redebeitrag, würde ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung einfach gegen Türen laufen, ein heranfahrendes Auto nicht hören können, mit einem Holzbein herumlaufen müssen oder ein Steak nicht zerkauen können. Aufgrund der hohen Verantwortung der Gesundheitsberufe bestünden zurecht strenge Regeln: »Wir sind zurecht ein strengreglementierter Gesundheitsberuf, bei dem nur der Meister ‚Hand anlegen darf‘. Das hat seine guten Gründe in der Gefahrengeneigtheit unseres Handelns. Wir sind wichtig, gut und verlässlich für das deutsche Gesundheitswesen und vor allem für die Menschen, die in Deutschland leben.«
Eberhard Schmidt würdigte die Leistungen, die die deutschen Gesundheitshandwerker tagtäglich erbringen. Und er stellte den hohen Anteil der Auszubildenden in diesen Berufen heraus: »Das soll uns erstmal einer nachmachen!« Mit rund 17.000 Auszubildenden läge die Ausbildungsquote bei zehn Prozent; in fast jedem zweiten Betrieb gäbe es einen Azubi. Das sei in der deutschen Wirtschaft – und wohl auch in Europa und der Welt – einmalig; selbst BMW und Mercedes verfügten nicht über eine solche Ausbildungsquote wie die Gesundheitshandwerke.
Man gebe jungen Menschen Zukunft und Perspektive. Und man ermögliche Menschen mit Einschränkungen eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft. »Wir sind ja keine Kapitalisten oder Raffkes, wir sind sozial und auch nachhaltig«, so Eberhard Schmidt. Gesundheitshandwerker erbrächten für das deutsche Gesundheitswesen jährlich 24 Millionen hoch professionelle Hilfsmittelversorgungen. Dies sei eine wichtige Lebensaufgabe. Zudem verwies der Präsident der biha darauf, dass sich an keinem deutschen Gericht irgendwelche Verfahren wegen Abrechnungsbetrug durch Gesundheitshandwerke oder ähnliche Dinge fänden: »Ehrlichkeit währt am längsten. Das ist ein Motto im Gesundheitswesen. Da können sich andere Beteiligte im Wirtschaftsbereich mal eine Scheibe von abschneiden.«
Andere Gesundheitshandwerke: gleiche Herausforderungen und gleiche Forderungen an die Politik
Auch die Präsidenten der anderen vier Gesundheitshandwerke bezogen Stellung. Christian Müller, Präsident des Zentralverbands der Augenoptiker und Optometristen (ZVA), beklagte in seinem Statement, dass es in den Gesundheitshandwerken zwar immer mehr bürokratische Kontrolle gäbe, sich diese jedoch nicht in der Qualität der Versorgung niederschlügen. Folge sei etwa, dass sich ein Drittel der Augenoptik-Betriebe inzwischen ganz aus dem Qualitätsmanagement der GKV verabschiedet hätte, um der Überregulierung zu entgehen. Dieser Schritt sei nachvollziehbar; er sei jedoch vor allem mit Blick auf die Versorgung stark sehbehinderter Menschen problematisch: »Mit unserem Bericht vollziehen wir einen Perspektivwechsel«, so Christian Müller. »Wir schauen nicht durch die Brille der Krankenkassen auf die Versorgung, sondern wir nehmen die Position unserer Kollegen, unserer Betriebe ein.«
Jens Schulte, Präsident des Spitzenverbands Orthopädie-Schuhtechnik e.V. (SpiOST), kritisierte die derzeitige Vertragspraxis: Die Verträge mit den Krankenkassen würden nicht auf Augenhöhe geschlossen. Der große Umfang der Regularien stünde in keinem Verhältnis zur Praxis in den Betrieben. Und im Falle einer Nichteinhaltung der Vorgaben würde immer nur die eine Seite bestraft: der Leistungserbringer. »So kann es nicht weitergehen, denn das System beginnt auf der administrativen Ebene zu kollabieren. Wir müssen dafür sorgen, dass immer knapper werdende Ressourcen nicht für bürokratischen Aufwand, sondern wieder für die Versorgung der Menschen genutzt werden. Ohne ein Mindestmaß an Vertrauen gegenüber den Leistungserbringern wird das nicht funktionieren.«
Alf Reuter, Präsident des Bundesinnungsverbands für Orthopädie-Technik (BIV-OT), illustrierte den geschilderten Notstand an zwei Beispielen: 22 Minuten würden für die Versorgung eines Kunden mit orthopädischen Bandagen benötigt; der damit einhergehende Verwaltungsaufwand läge bei 31 Minuten. Eine Versorgung mit Kompressionswadenstrümpfen benötige 42 Minuten; der Verwaltungsaufwand läge bei 40 Minuten. Allein für die Versorgung mit diesen beiden Hilfsmitteln seien 2023 in deutschen Sanitätshäuser unglaubliche 558.200 Stunden für Bürokratie angefallen. So könne es nicht weitergehen. Es sei etwa wichtig, die Formulare von rund 95 Kassen zu vereinheitlichen, ebenso die Prozesse. Zugleich betonte der Referent: »Wir stehen für eine qualitativ hochwertige, wohnortnahe und individuelle Versorgung der Menschen in Deutschland. Wir stehen für Fachkompetenz, für Innovationskraft und für eine nachhaltige Stärkung des Gesundheitssystems. Wir sind bereit Verantwortung zu übernehmen.«
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Dominik Kruchen, Präsident des Verbands Deutscher Zahntechniker-Innungen (VDZI), widmete sich einem weiteren ebenfalls brennenden Thema: dem Fachkräftemangel. »In den Berufen der Gesundheitshandwerke geht es um patientenspezifische Versorgungen, zumeist mit gesundheitshandwerklichen Sonderanfertigungen. Diese sind fast alle kleine Kunstwerke, welche mit hochwertigen Materialien durch Fachkräfte hergestellt werden. Gesundheit, Ästhetik und die Arbeit für oder am Menschen sind für junge Menschen Elemente eines attraktiven Berufsbilds.« Dennoch, so der Referent, hätten 2024 mehr als die Hälfte der Betriebe in der Zahntechnik über fehlende Fachkräfte geklagt. Ein Kritikpunkt sei hier etwa, dass gut ausgebildetes Personal häufig von jenen Marktteilnehmern abgeworben werde, die selbst nicht ausbilden. Zudem sei es wichtig, Frauen im Gesundheitshandwerk stärker zu unterstützen. Der Referent warb dafür, die Ausbildungskosten zukünftig zu je einem Drittel auf Betrieb, Land und Bund zu verteilen. Die Politik sollte Gesundheitshandwerke – analog zur Exzellenzinitiative für die Universitäten – stärker finanziell fördern; zu dieser Förderung zähle etwa auch eine adäquate Vergütung von Dozenten.
Nachfragen der Journalisten: Eberhard Schmidt zu den Themen Gefahrengeneigtheit, Korruption und Nachwuchs
Abschließend nutzten zahlreiche Medienvertreter die Möglichkeit zu Fragen. Eberhard Schmidt äußerte sich u. a. zur Frage des gefahrengeneigten Handwerks: Wo sei eigentlich festgelegt, wer in einem Betrieb welche Tätigkeiten ausführen dürfe? Der Präsident der biha verwies auf die verschiedenen Regularien von Handwerksordnung, Medizinproduktegesetz und Meisterprüfungsverordnung bis hin zu europäischen Strukturen. Hier sei klar definiert, welche Tätigkeiten nur ein Meister ausführen dürfe bzw. welche nur unter Aufsicht eines Meisters erfolgen dürften – ganz ähnlich dem Curriculum für die Ärzte; in dem die einzelnen Tätigkeiten ebenso beschrieben seien.
Eine Journalistenanfrage gab es auch bezüglich der Korruption im Gesundheitswesen; diese sei vor Jahren immer mal Gegenstand von Medienberichten gewesen; und auch Gesundheitshandwerke wären hier genannt worden. Eberhardt Schmidt verwies darauf, dass diese Berichte zutreffend schon viele Jahre zurücklägen. Damals hätte die Frage bestanden, ob ein Arzt etwa für ein Hörgeräte-Rezept Geld bekommen dürfe. Viele Gesundheitshandwerker hätten daraufhin die Politik gebeten, dem mit klaren Regularien Einhalt zu gebieten. Dies sei auch erfolgt – und habe manch einem nicht gefallen; in der Folge hätte es auch Versuche zu einer Art »Täter-Opfer-Umkehr« gegeben. Doch letztlich hätte der Gesetzgeber die Bitten der Gesundheitshandwerker erhört. »Es gab Gesetzeslücken, die da irgendwo auch ausgenutzt worden sind. Diese Lücken sind geschlossen worden. Und seitdem funktioniert das Gesundheitswesen an der Stelle wesentlich besser und wesentlich sauberer. Und darüber sind wir auch sehr, sehr froh.«
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Eine letzte Journalistenfrage an Eberhard Schmidt zielte auf die Hintergründe für die hohe Ausbildungsquote im Hörakustiker-Handwerk. Der Präsident der biha verwies darauf, dass sich sein Handwerk schon immer intensiv um Nachwuchs bemüht habe; zudem steige die Attraktivität des Gesundheitshandwerks. Soziale und technische Aspekte, digitale Aspekte oder KI sorgten mit dafür. Aktuell habe die Hörakustik eigentlich kein Nachwuchsproblem. Es sei jedoch wichtig, mit Blick auf die geburtenschwachen Jahrgänge und andererseits die große Kundengruppe der Babyboomer auch für die Zukunft vorzusorgen – etwa auch mit Angeboten, um Quereinsteigern den Start in die Hörakustik zu ermöglichen.
Auch die anderen Repräsentanten stellten sich zahlreichen Fragen. Mit Blick auf die gerade gestartete 21. Legislaturperiode des Deutschen Bundestags wurde einhellig betont: Die Arbeitsgemeinschaft der Gesundheitshandwerke wird sich auch weiterhin aktiv und konstruktiv in die politische Diskussion einbringen und sich für die Belange der zu versorgenden Menschen und der Handwerksbetriebe einsetzen.
Interessenten können den »Branchenreport der Gesundheitshandwerke 2025: Für eine qualitativ hochwertige Versorgung der gesetzlich Versicherten« unter folgendem Link downloaden: https://ots.de/YFivmc