Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt
»Schritt in ein neues Universum«
Wochenlang hatte Widex einen Big Bang angekündigt. Am 2. April war es so weit. In Stuttgart präsentierte die deutsche Niederlassung des dänischen Herstellers die neue Plattform Allure sowie die komplett neu entwickelte Compass Cloud – die weltweit erste cloudbasierte Anpasssoftware.
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Am 2. April dieses Jahres fand in den traditionsreichen Stuttgarter Wagenhallen der »Big Bang« von Widex statt. Und so viel sei vorab verraten: Es sollte ein spannender Tag werden.
»Was wir Ihnen heute präsentieren, ist nicht nur eine Entwicklung. Es ist ein Meilenstein«, eröffnet Gert Bleier, seit Anfang 2024 Geschäftsführer von Widex in Stuttgart. »Vor uns liegt ein spannender, kurzweiliger, abwechslungsreicher Nachmittag. Wir lüften nun den Nebel unseres Universums und bringen heute gleich drei neue Sterne zum Strahlen.« Bereits auf dem EUHA-Kongress im vergangenen Jahr in Hannover hatte Widex für dieses Jahr etwas Großes angekündigt. Über die Monate war von einer neuen Ära die Rede, von einer Neuheit mit ähnlicher Tragweite wie sie das 1995 eingeführte Senso hatte, das erste digital-vollprogrammierbare Hörgerät.
Und tatsächlich geht es heute in die Vollen. Neue Plattform, neuer Chip, neue RIC-Bauform, neue App sowie eine nun cloudbasierte Anpasssoftware. Mehr geht nicht.
Damit fiel es Gert Bleier dann auch nicht schwer, die etwa 200 angereisten Akustikerinnen und Akustiker auf Betriebstemperatur zu bringen. Dazu gab es spannende Keynotes, einen Marketplace, auf dem die neuen Allure-Hörsysteme getestet werden konnten, sowie einen Vortrag von Adam Westermann, in dem der Enkel des Widex-Mitbegründers Erik Westermann Einblicke in die Entwicklungsarbeit des Herstellers gewährte.
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Widex Allure – ein Schritt in ein neues Universum?
Nachdem ein Video zum Arbeitsalltag eines Hörakustikers gezeigt wurde, übergibt Gert Bleier an Simon Müller. »Nie zuvor hat ein Audiologe in Deutschland solch eine Weltneuheit vorstellen dürfen – darüber freue ich mich außerordentlich. Widex Compass Cloud ist die weltweit erste cloudbasierte Anpasssoftware. Wir vereinen damit so viele Prozesse, die, wie im Video dargestellt, für Sie im Fachhandel sehr belastend sind«, leitet der Head of Audiology bei Widex in Deutschland ein.
Für Widex geht es hierbei um eine Vision mit mehreren Sphären. Zum einen gehe es darum, eine intuitive Anpasssoftware bereitzustellen, die klare Abläufe ermöglicht. Zum anderen geht es Widex aber auch um eine »großartige Erstanpassung«. »Was bitte ist wichtiger als der Kunde und sein Wohlbefinden?«, fragt Simon Müller. »Das Ziel ist doch letztlich immer, den bestmöglichen Klang zu finden. All das bieten wir nun mit unserer Widex Compass Cloud.«
Mit Widex Compass Cloud stehe nun jedenfalls eine »zukunftssichere Technologie« bereit. Sie greift auf branchenübliche, sichere Verschlüsselungen zurück und die Daten der Anpassung sind durch persönliche Zugriffsrechte der Akustiker geschützt. »Getestet und entwickelt haben wir das Ganze mit ihren Kollegen, den Hörakustikern«, sagt Simon Müller. »Unsere Idee von der Zukunft muss schließlich darin liegen, dass wir Sie als Akustiker von Anfang an mit an Bord nehmen«, so Müller weiter. Gleichzeitig gebe man als Widex damit »ein klares Statement ab«.
Und so ist Widex Compass Cloud die erste vollständig cloudbasierte Anpasssoftware. Sie ermögliche Anpassungen ohne lokale Installationen oder Software-Updates. Alles ist automatisch immer auf dem neuesten Stand. Die intuitive Benutzeroberfläche soll den Anpassungsprozess weiter vereinfachen und Hörakustikern so mehr Zeit für den jeweiligen Kunden bescheren. »Sie haben nicht die Endlosschleife von zehn, zwölf, vierzehn Terminen, die sie immer wieder beschäftigen, weil der Klang nicht ganz stimmt«, sagt Simon Müller. Vielmehr werde es nun schneller gelingen, beim Kunden Akzeptanz zu erreichen. Auch die Folgetermine für die Feinanpassungen ließen sich so reduzieren.
Möglich werde das dank neuer Algorithmen, die über TruAcoustics 2.0 eine effiziente Anpassung möglich machen. Hierzu würden Audiogrammschwellen binnen weniger Sekunden mit einer schnellen akustischen In-situ-Kalibrierung am Hörsystem kombiniert.
Darüber hinaus sei mit der neuen Allure-Plattform und der Compass Cloud nicht nur auf dem neuesten Stand und habe keine Unterbrechung der Arbeitsabläufe. Man arbeite auch auf einem sicheren System mit abgesicherten Serverstrukturen. Die Rechenzentren stehen alle samt in der EU. Und im Worst Case stünden Back-ups an anderen Orten in der EU bereit, die einfach übernehmen könnten.
Die neue W1-Chip-Plattform
Apropos Allure-Plattform. Die Grundlage ist hier die neue W1-Chip-Plattform. Vier Mal schneller als die Moment-Plattform liefert sie die Basis für die Precision Hearing Technology. So könnten hier nun deutlich schneller Entscheidungen getroffen und schneller Zuweisungen vorgenommen werden. »Die Precision Hearing Technology befasst sich nicht mit einem einzelnen Feature. Es geht uns vielmehr darum, mehrere Elemente miteinander zu vereinen. Denn wenn wir ein neues Feature entwickeln, dann muss auch immer ganz genau betrachtet werden, wie andere davon beeinflusst werden können. Nur so können wir den natürlichen Klang, für den Widex bekannt ist, abbilden«, so Müller weiter. Eines dieser neuen Features in den neuen Allure-Geräten ist der Speech Enhancer Pro. Der analysiert das Eingangssignal in 52 Bändern, so dass eine noch präzisiere Identifikation der in dem Signal enthaltenen Elemente möglich ist. Damit kann Störlärm noch besser abgesenkt und Sprache noch besser hervorgehoben werden. Dabei bleibt die natürliche Klangwiedergabe des Hörumfelds erhalten. Der neue Dynamic Feedback Controller wiederum verhindere nun Rückkopplungen, bevor sie auftreten. »Aus wissenschaftlichen Untersuchungen wissen wir, in welchen Frequenzbereichen und im Zusammenhang mit welchen weiteren Parametern Rückkoppelungen auftreten«, erklärt Simon Müller.
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»Unsere einzigartige dynamische Frequenzverschiebung setzt nur bei Bedarf und innerhalb der relevanten Frequenzbereiche ein.« Die natürliche Klangwiedergabe werde davon nicht beeinträchtigt. »Der Sound Classifier betrachtet Soundclass-Zuweisungen, das heißt, die Analyse aber auch die Bereitstellung von elf optimierten und branchenführenden Soundclasses. Durch die neuen Klassifizierungen und Steuerungen, die wir in die Soundclasses integrieren konnten, ist eine noch feinere Unterscheidung möglich«, so Müller, der dabei auch auf den neuen Beat Detector hinweist – der die Klassifizierung von Musik verbessert und eine exaktere Trennung von Sprache und Musik ermöglicht. Mit Tru Stream verfügen die Allure-Geräte außerdem über einen separaten Kompressor ausschließlich für Streamingsignale, der eine nahtlose Übertragung von Audiosignalen mit natürlicher Klangtreue garantieren soll. Die Laufzeit des Akkus in den Allure-Geräten gibt Simon Müller mit 26 Stunden an, inklusive fünf Stunden Streaming. Ebenfalls neu ist die App. Die soll personalisiertes Hören noch einfacher und barrierefrei gestalten, sagt Müller.
Mit diesen Innovationen vollzieht Widex den angekündigten Schritt in ein neues Universum. Nach den Keynotes von Adam Westermann und dem bekannten Top Speaker Dr. Hubertus Porschen durften sich die rund 200 Akustikerinnen und Akustiker selbst von dem Klangerlebnis des neuen Widex Allure RIC R D überzeugen. Das »Reinhören« hat auch heute nicht an Reiz verloren.