Von Maximilian Bauer / Fotos: Maximilian Bauer
Die AAA Conference 2025
Der Hörakustikmeister Maximilian Bauer absolvierte als erster Deutscher ein Studium an der amerikanischen Salus University. Nun besuchte er in New Orleans die AAA Conference 2025. Ein Erlebnisbericht.
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Ich wusste, dass eine lange Reise anstehen würde, um zur AAA Conference zu kommen. Entsprechend war ich dieses Mal besonders gut vorbereitet – aufgrund der aktuellen US-Einwanderungspolitik kein Wunder. Ich hatte nicht nur meine Hotelreservierung, das Veranstaltungsticket für die AAA Conference und das Rückflugticket nach München ausgedruckt. Auch hatte ich ein kleines Schreiben organisiert, in dem ich den Grund meiner Reise genau beschrieb: for educational purpose, zu deutsch für Bildungszwecke, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass ich in den USA keinerlei Geld verdienen würde. Ein praktischer Tipp von ChatGPT, da man ja trotz Studentenvisum nie weiß, wie ernst es die Einreisebehörden mit einem meinen würden. Denn selbst mit Studentenvisum sollte man ohne das sogenannte I-20 Formular, einer Lebenshaltungskostenbestätigung, derzeit nicht einreisen. Also musste alles über ESTA, dem Touristenvisum, laufen. Im Flugzeug hatte ich eine nette deutsche Sitznachbarin, die mal ein Jahr in Houston gelebt hatte. Wir kamen schnell ins Gespräch, und der lange Flug wurde dadurch deutlich angenehmer.
In New Orleans kam ich mitten in der Nacht an. Trotz zusätzlicher Zollkontrolle in Houston, die sachlich und ohne Drama verlief, erwartete mich Ernüchterung. Das Hotel war schmuddelig, das Zimmer seltsam, das Viertel wirkte heruntergekommen. Der gleiche Anblick am nächsten Morgen. Da auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Obdachloser lag, traf ich kurzerhand eine Entscheidung. Jetlag, Müdigkeit, Plastikgeschirr beim Frühstück drückten so sehr auf die Stimmung, dass ich meine Frau Julia anrief. Mit ihrer Hilfe wurde ich noch am selben Tag fündig. Im neuen Hotel mit warmem Pool, Fitnessstudio sowie echtem Geschirr musste ich an die Papierstrohhalm-Diskussion in Europa denken und fragte mich, wie wir mit unseren gut gemeinten Umweltinitiativen gegen diesen Plastikberg ankommen wollen.
Den ersten freien Tag nutzte ich, um die Stadt zu erkunden. Natürlich war mein erstes Ziel der Mississippi River. Kaum dort, kam mir ein echter Schaufelraddampfer entgegen – ein toller Moment. Nach ein wenig Schlendern in der Riverside Mall schaute ich mir das Aquarium of the Amaricas mit angeschlossenem Insektarium an. Bis auf das Kulinarische eigentlich ganz nett. Aber einem echten Bayern eine ungenießbare »Bavarian Pretzel« für sechs Dollar zu verkaufen, fand ich dann schon heftig. Also blieb ich bei Fastfood.
Deutlich kleinere Industrieausstellung
Durch den Jetlag war ich am nächsten Tag früh wach. Ich machte mich daher zeitig auf den Weg zum New Orleans Ernest N. Morial Convention Center. Durch meine sehr frühe Ankunft irrte ich zwar etwas herum, fand jedoch bald eine Möglichkeit, an meinen Teilnehmer-Badge zu kommen. Nach dem Check-In traf ich sogleich erste Kolleg:innen. In den Gesprächen wurde mir wieder klar: In den USA liegt der Frauenanteil unter Audiologen mit etwa 85 Prozent deutlich höher als bei uns in Deutschland.
Nach den ersten Gesprächen stieß ich sogleich auf meine frühere Mitstudentin Vineeta. Sie kommt aus Kanada. Da auch sie im AuD-Programm der Salus University ist, wollten wir die erste Session, die sich speziell an Erstbesucher der AAA richtet, gemeinsam besuchen. Das war auch gut so. Wir fanden uns anschließend deutlich leichter auf der AAA zurecht.
Generell konnte man feststellen, dass viele Studierende in den Tagen da waren. Irgendwie war es passend, da ich doch selbst ein AuD-Student bin. Die Exposition, also das, was wir als klassische Industrieausstellung auf dem EUHA Kongress kennen, war deutlich kleiner als erwartet. Irgendwie war nur Starkey mit einem nennenswerten Stand vertreten. Die anderen großen Hörgerätehersteller jedoch fehlten fast vollständig. Bei Signia konnte man noch einen kleinen Tisch entdecken, ähnlich bei Widex, die gefühlt nur vier Quadratmeter hatten. Das liegt sehr wahrscheinlich daran, dass die Zahl der Audiologen in den USA immer weiter zurückgeht. Schließlich kostet so ein siebenjähriges Studium an einer Universität zwischen 100 und 200.000 USD. Das AuD-Studium, also der Doctor of Audiology, dauert in der Regel acht Semester nach Beendigung des Bachelors und umfasst sowohl medizinische, psychologische als auch technische Inhalte. Viele Studierende verschulden sich dafür über Jahre, was den Beruf natürlich zunehmend unattraktiv macht. Wenn man darüber hinaus berücksichtigt, dass man sich diese Summe zu 5 Prozent Zinsen leihen muss, ist es sehr schwer, das bei den heutigen Lebenskosten zurückzuzahlen. Parallel zu den Ausgaben wie dem Auto oder Haus zeigt das, weswegen in den USA im Verhältnis weniger Kundenkontakte über Audiologen laufen.
Zwischen Headhuntern und Achtsamkeit
Auffällig auf dem AAA ist, dass die US Army und Air Force aktiv um Audiologen mit eigenen Infoständen werben. Man stelle sich mal die Bundeswehr auf der EUHA vor. In den USA jedoch völlig normal. Das liegt daran, dass US-Soldaten und Veteranen über ein separates, militärisch organisiertes Gesundheitssystem versorgt werden. Da viele aktive Soldaten im Laufe ihrer Dienstzeit Hörstürze oder Tinnitus entwickeln, durch starke Schießübungen, während des Gefechts im Cockpit oder durch Explosionen, gehören Audiologen im Militär fest zum interdisziplinären Team.
Ich kam vor Ort mit ein paar Headhuntern ins Gespräch. Alle vier kannten Dr. Jeffries, einen bekannten Audiologen, bei dem ich bereits im Landstuhl Medical Center bei der US Air Force hospitieren durfte. Er arbeitet nicht im Veterans Affairs System (VA), sondern direkt mit aktivem Militärpersonal. Tolle Atmosphäre bei der Army. Die klare Kommunikation, die exzellente technische Ausstattung und auch die Tatsache, dass Audiologen dort ausschließlich diagnostisch und rehabilitativ arbeiten, finde ich faszinierend. Hörgeräte werden nicht verkauft, sondern von der Air Force gestellt und dann individuell angepasst. Ich hoffe, selbst auch bald einen Tag bei der US Army in Grafenwöhr reinschnuppern zu können, um Erfahrung sammeln zu dürfen.
Ein besonderes Detail auf dem AAA war die Welpen-Ecke, in der man Hundewelpen zur Entspannung sowie Stressabbau streicheln konnte. Achtsamkeit ist in den USA gelebte Praxis und mir von meiner Salus University bekannt. Zu Prüfungszeiten werden diese ebenso dort angeboten, um Studierende emotional zu entlasten. Eine schöne Idee, und definitiv nicht nur ein »amerikanischer Spleen«.
Durch die Exposition war man wie gesagt schnell durch. Die weiteren vier Tagen war ich viel in Vorträgen unterwegs. Das Niveau war wie erwartet hoch, aber nie trocken. Besonders spannend fand ich die Vorstellung der neuen Anpassregel NAL-NL3 durch Dr. Brent Edwards. Als neuer CEO der National Acoustic Laboratories, einer sehr bekannten Akustik-Denk-Schmiede aus Australien, stellte er die Weiterentwicklung des COSI-Bogens, dem Beratungstool, in dem man die bis zu fünf wichtigsten Hörsituationen des Kunden einträgt und bewertet, vor. Er ist nun mit digitaler Erfassung und KI-Integration zu nehmen. Im Anschluss ließ ich es mir daher nicht nehmen, ein Foto mit dem NAL-Team rund um Brent Edwards und Pádraig Kitterick zu machen. Alles sehr angenehme Leute.
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Auch Themen wie Tinnitus, die Entkopplung von Produkt- und Dienstleistungspreis (Unbundling), und innovative Wege zur Patientenkommunikation wurden auf dem AAA intensiv diskutiert. Gerade das Unbundling, also die separate Abrechnung von Beratung, Diagnostik und Hörgerät, könnte meiner Auffassung nach auch langfristig in Deutschland mehr Transparenz schaffen.
Ein weiteres besonderes Highlight für mich war das persönliche Treffen mit Dr. Cliff Olson und Dr. Ben Thompson, zwei sehr bekannte Youtubern mit mehreren 100.000 Followern. Wir kannten uns bereits aus dem Austausch über zwei Podcast-Episoden – umso schöner, sich nun persönlich zu begegnen.
Nicht zuletzt lud meine Uni, die Salus University, am Mittwochabend ihre Alumni ins Hilton New Orleans ein. Ich war noch nie in so einem riesigen Hotel. Es gab Häppchen, viele Gespräche – und jede Menge Fotos. Eine schöne Gelegenheit, bekannte Gesichter wiederzutreffen und neue Kontakte zu knüpfen. Hier kam ich auch das erste Mal mit dem Department of Government Efficiency (DOGE) in Berührung. Derzeit fusioniert meine Universität mit der Drexel University, bei der viele Anträge und anderes eingereicht werden müssen. Nur wohin schicken? Das Department of Education wurde ja quasi über Nacht von der Trump-Administration abgeschafft.
Neben einem würdigen Ausklang am Freitagabend mit einer Dampferfahrt auf dem Mississippi endete eine für mich rundum besondere Woche. Ich fühlte mich ein bisschen wie Huckleberry Finn. Wir legten an einen Steg an und gingen zu Fuß zu dem Platz, auf dem 1815 die große Schlacht um New Orleans stattfand, bei der die US Kräfte unter Andrew Jackson, später der 7. Präsident der USA, die englische Armee krachend besiegten, um ein freies Land daraus zu machen. Hoffen wir, es bleibt so.