Von Thomas Sünder / Foto: Schünemann / Illustration: Amely zur Brügge / Abbildungen: Roderfeld
Das Ohr ist nicht allein: Eine neue Perspektive auf Tinnitus und Morbus Menière
Die meisten medizinischen Fachrichtungen betrachten zu behandelnde Organe isoliert. In der Hörakustik steht eindeutig das Ohr im Zentrum. Doch wie sinnvoll es ist, stattdessen den gesamten Körper im Zusammenhang mit unserem Hörorgan zu sehen, durfte ich selbst erleben. Begleiten sie mich bei einem spannenden Stück Detektivarbeit, das mich nach neun Jahren seit meiner Diagnose Morbus Menière endlich zu dem Grund der Erkrankung geführt hat. Die neuen Erkenntnisse verdanke ich einem Zahnarzt und einer Orthopädin.
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Hörsturz mit bleibender Schwerhörigkeit, Tinnitus, Schwindel: Kommen diese drei Symptome zusammen, wird oftmals die Krankheit Morbus Menière diagnostiziert. Tatsächlich sind nur 0,2 Prozent der deutschen Bevölkerung betroffen und damit 150.000 bis 170.000 Menschen. Bei mir lagen zwischen dem ersten Hörsturz im Jahr 2013 und dem Auftreten des Schwindels 2016 drei Jahre, dann erst kam die Diagnose. Willkommen im Club: Meine Freude, zu den wenigen »Auserwählten« mit dieser Krankheit zu gehören, hielt sich in Grenzen. Denn die Symptome beeinträchtigen alle Lebensbereiche. Aber ist Morbus Menière überhaupt eine eigenständige Krankheit? Oder liegt das Problem eigentlich anderswo?
Ein Hydrops ist kein Lutschbonbon
Der Auslöser aller Symptome ist ein so genannter endolymphatischer Hydrops. Zu viel Endolymphe bläht das häutige Labyrinth im Ohr auf. Dadurch, so die Theorie, kommt es zu feinen Rissen in der häutigen Membran, so dass sich die Flüssigkeiten Endolymphe und Perilymphe mischen. Die Folge ist eine Art elektrischer Kurzschluss im Innenohr, der sowohl den Gleichgewichtssinn als auch das Gehör schädigt. Der Hydrops wurde bei mir objektiv unter dem MRT nachgewiesen. So weit, so gut: Ich habe also definitiv Morbus Menière. Doch eine Frage konnte mir niemand beantworten: Warum habe ich zu viel Endolymphe im Ohr? Was, wenn Morbus Menière an sich keine Krankheit ist, sondern das Symptom eines ganz anderen Problems?
Die richtigen Fragen stellen
Wissenschaft wird immer dann schwammig, wenn sie keine konkrete, in Studien reproduzierbare Erklärung hat. Die Vermutungen, warum bei Morbus Menière zu viel Endolymphe im Ohr vorhanden ist, reichen von Störungen im Flüssigkeitshaushalt über Autoimmunerkrankungen und virale Effekte bis hin zu Vererbung oder Stress. Moment! Stress? Wie soll dieser denn Endylomphe herbeizaubern? Über die dahinter liegenden Mechanismen herrscht Ratlosigkeit. Es sollte mich eine Reihe weiterer Hörstürze kosten, bis ich dem Geheimnis endlich auf die Spur kam.
Über den Tellerrand hinausdenken
Ende 2024 hatte ich zwei heftige Tiefton-Hörstürze innerhalb weniger Wochen. Fatal war, dass sie mein rechtes, gutes Ohr betrafen. Ich hatte Angst, dass jetzt auch hier ein Hydrops besteht. Doch was mich skeptisch machte, war, dass sich beide Hörstürze komplett regeneriert haben. Und zwar ohne Spuren im Audiogramm zu hinterlassen. Da ich mittlerweile Hörakustikmeister bin und Erfahrung mit Hörsturzpatient*innen habe, wusste ich, dass hier eine andere Ursache vorliegen musste. Was, wenn der Hörsturz gar nicht direkt im Ohr entstanden war? Ich habe viel mit Betroffenen von Tinnitus gearbeitet und häufig hatten sie auch orthopädische Probleme. Also ließ ich meine Halswirbelsäule untersuchen, mit einem ebenso überraschenden wie unschönen Ergebnis.
In Schieflage geraten
Die Untersuchung ergab, dass ich an sämtlichen Wirbeln der Halswirbelsäule Arthrose habe, sowie teilweise Verknöcherungen von Knorpel. Ich war schockiert. Meine Wirbelsäule gleicht der eines alten Mannes, der sein Leben lang schwer körperlich gearbeitet hat. Dafür war ich mit meinen fünfzig Lenzen noch zu jung und ich habe meinen Körper eigentlich nicht zu schwer belastet. Aber woher kamen dann diese Abnutzungserscheinungen? Zum Glück trainiere ich in einem rückenfreundlichen Fitnessstudio, wo regelmäßige ärztliche Untersuchungen zum Angebot gehören. Hier traf ich die Orthopädin Frau Dr. Roderfeld, die sofort sah, dass mein linkes Bein kürzer ist, als das rechte. Deshalb ist meine gesamte Wirbelsäule gekrümmt. Und nicht nur das: Mein Kiefer ist schief und nach links verrückt, also auf jene Seite, auf der ich Morbus Menière habe. Wir nähern uns auf unserer Detektivarbeit dem Ohr.
Ins Lot gerückt
Manchmal kommen mehrere Dinge im Leben auf eine Weise zusammen, dass man nicht mehr an Zufall glauben mag. Zeitgleich zu meinen orthopädischen Erkenntnissen erfuhr ich von dem Zahnarzt Dr. Thomas Schünemann in Marburg, der mit einer manuellen Anwendung und speziellen Aufbissschienen Tinnitus behandelt. Ein ausführliches Interview mit ihm finden Sie in der OMNIdirekt #46. Als ich Thomas Schünemann in seiner Praxis besuchte, stellte er mich zunächst vor eine Schnur mit einem Gewicht, das senkrecht von der Decke hing. Mit diesem Lot als Referenzlinie erkannte er sofort jenen Schiefstand, den auch Frau Dr. Roderfeld bemerkt hatte. Er korrigierte meine Haltung und meinen Kiefer mit einigen Handgriffen so lange, bis ich vor dem Lot gerade ausgerichtet war. Anschließend gab er etwas Sililkonmasse auf meine Zähne, um den Aufbiss in korrigierter Haltung festzuhalten. Dann erst ging die Untersuchung im Zahnarztstuhl weiter.

Auf den Zahn gefühlt
Indem Thomas Schünemann fachkundig meinen Kiefer untersuchte, stellte er fest, dass mein Kiefergelenk auf der linken Seite komprimiert ist. Dazu kommt es durch nächtliches Zähneknirschen, bei dem die Kiefermuskeln einen Druck von bis zu 150 Kilogramm ausüben – es sind die stärksten Muskeln im menschlichen Körper. Sind wir gestresst, halten wir diesen Druck zu lange aufrecht, so dass das Kiefergelenk nachgibt. Zwar hatte ich seit Jahren eine Aufbissschiene, doch die sorgte nur für einen geschlossenen Biss. Die Schiene, die Thomas Schünemann schließlich für mich anhand eines 3D-Scans meines Kiefers gebaut hat, ist dagegen keilförmig und dekomprimiert das linke Kiefergelenk. Gleichzeitig zieht sie meinen Unterkiefer aus der Schieflage in eine gerade Position, da beim 3D-Modelling die Abformung meiner Zähne vor dem Lot berücksichtigt wurde. Wie eng der Zusammenhang zwischen Kiefer und Ohr ist, bekommt durch die anatomischen Erkenntnisse von Thomas Schünemann eine völlig neue Brisanz. Diese greifen sehr weit zurück in unsere Evolution.
Evolution im Zeitraffer
In meinem Sachbuch »Ganz Ohr – Alles über unser Gehör und wie es uns geistig fit hält« (Goldmann 2019) habe ich rekonstruiert, wie das Hören im Lauf der Evolution entstanden ist. Die Gehörknöchelchen waren bei unseren Vorfahren, den Amphibien, ursprünglich Teil des Kiefergelenks. Über Jahrmillionen lösten sie sich ab und wanderten immer höher und tiefer in den Schädel, bis sie ihre neue Funktion als Gehörknöchelchen fanden. Was mir zum Zeitpunkt der Arbeit an dem Buch nicht bewusst war, ist, dass sich dieser Prozess beim Embryo im Mutterleib in Zeitraffer wiederholt. Auch beim neuen Leben sind die Gehörknöchelchen anfangs Teil des Kiefergelenks. Erst ab dem dritten Monat wandern sie durch den gesamten Kiefer hindurch und beenden ihre Reise im Mittelohr. Der Clou: Dabei entsteht aus dem knorpeligen Unterkiefer ein Band, das bei uns allen den Kiefer mit dem Hammerfortsatz im Mittelohr verbindet. Diese Verbindung des so genannten Meckelknorpels im Unterkiefer mit den Gehörknöchelchen wird in Anatomiebüchern geflissentlich übersehen. Denn sobald ein menschlicher Schädel für wissenschaftliche Zwecke präpariert wird, wird das Band in der Regel unbemerkt durchtrennt. Daher ist die landläufige Meinung in der Medizin, dass dieses Band an der Schädelbasis endet. Dass dem nicht so ist, hat Thomas Schünemann zeigen können.
In den Kopf hineinschauen
Gemeinsam mit Marburger Medizinstudenten hat Thomas Schünemann selbst diverse Schädel von Verstorbenen präpariert. Da er wusste, wonach zu suchen war, konnte er die Durchtrennung des Bandes verhindern und es in voller Funktion freilegen. Tatsächlich ist es mit vier Millimetern Durchmessern erstaunlich stabil. Seine unmittelbare Wirkung auf die Gehörknöchelchen leuchtet damit ein. Ist das Kiefergelenk, wie in meinem Fall, komprimiert, verliert dieses Band seine Spannung am Hammerfortsatz, und die Gehörknöchelchen verschieben sich leicht in Richtung Innenohr, so dass der Druck des Steigbügels am ovalen Fenster auf das Innenohr steigt. Doch der Effekt des Kiefers auf das Gehör geht noch weit darüber hinaus und hiermit nähern wir uns nun unmittelbar der vermeintlichen Krankheit Morbus Meniére. Denn unter Umständen handelt es sich dabei schlichtweg um einen mechanischen Effekt. Um das zu verdeutlichen, stellen wir zunächst die Frage: Wo entsteht eigentlich Endolymphe – von der Betroffene, wie beschrieben, zu viel im Innenohr haben?
Ein harter Knochen
Endolymphe wird in der Schnecke in der Stria vascularis produziert und im Saccus endolymphaticus resorbiert. Dieser Endolymphatische Sack sitzt oberhalb des Innenohrs in der Hirnhaut. Sie ist stabil und zäh, etwa vergleichbar mit Leder. Vom Endolymphatischen Sack führt ein Kanal die Endolymphe durch das Felsenbein, den härtesten Knochen im menschlichen Körper, zum Innenohr. Auch wenn das Felsenbein extrem fest ist, so hat es doch als Teil des Os temporale eine gewisse Beweglichkeit im Mikrometerbereich. Gleiches gilt für andere Schädelknochen. Wenn nun eine mechanische Wirkung auf die Schädelknochen durch den Kiefer erfolgt – wir erinnern uns, mit 150 Kilogramm! – dann können die Schädelknochen minimal verkippen. Das Felsenbein wird durch das Kiefergelenk nach oben gedrückt, es wird die Hirnhaut gespannt und dadurch der Endolmyphatische Sack quasi »ausgepresst«. Hierbei ist wichtig zu betonen, dass wir von minimalen Mengen an Flüssigkeit sprechen, die durch den Überdruck ins Innenohr gelangen. Das reicht, um einen Endolymphatischen Hydrops auszulösen. Und damit schließt sich der Kreis zum Anfang unserer Detektivarbeit durch die menschliche Anatomie.
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Long Story made short
Hier nun also zusammengefasst das Fazit meiner Diagnose: Mein linkes Bein ist um fünf Millimeter kürzer als das rechte, entweder aufgrund eines Beckenschiefstands oder aufgrund verkürzter Knochen. Dadurch hat sich im Lauf der Jahre meine Wirbelsäule verkrümmt, was sich bis in die Halswirbelsäule fortsetzt. So entstand Arthrose entlang sämtlicher Halswirbel. Außerdem hat sich mein Unterkiefer nach links verschoben. Beim nächtlichen Zähneknirschen wurde mein Kiefergelenk links komprimiert. Dadurch verliert einerseits das Band zwischen Kiefer und Hammer an Spannung, die Verschiebung der Gehörknöchelchen erzeugt Druck auf mein Innenohr. Andererseits wurde durch Kraft des Kiefergelenks auf das Felsenbein die Hirnhaut gestrafft, wodurch Druck auf den Endolymphatischen Sack entstand. Dieser presste zu viel Endolymphe in mein Ohr und voilà: Ich habe Morbus Menière. Das ist zumindest eine schlüssige Theorie. Und was jetzt?
Vom Körper her auf das Ohr wirken
Frau Dr. Roderfeld hat mir eine fünf Millimeter hohe Ferseneinlage verschrieben. Die Orthopädin benutzt ein visuelles Verfahren für eine 3D-Vermessung der Wirbelsäule. In den eingefügten Grafiken sehen Sie, welche Wirkung diese kleine Korrektur auf meine Wirbelsäule hat. Doch beinahe noch verblüffender ist die Wirkung der Aufbissschiene von Thomas Schünemann, die einen nahezu identischen Effekt hat. Hätten Sie es für möglich gehalten, dass eine Beißschiene die Haltung des gesamten Körpers im Stehen korrigieren kann? Geradezu perfekt ist die Wirkung von beiden Hilfsmitteln zusammen, also bei eingesetzter Aufbisssschiene, während ich auf der Ferseneinlage stehe. Ich hoffe nun, dass ich damit einerseits die Arthrose meiner Halswirbelsäule aufhalten kann. Andererseits wird hoffentlich ein weiterer Endolymphatischer Hydrops vermieden. Wenn Ihnen meine Geschichte eines verdeutlichen soll, dann bitte das: Das Ohr ist kein isoliertes Organ. Es lohnt sich immer, den Gesamtzusammenhang zu sehen. Gerade bei Menschen mit Tinnitus liegt oft ein körperliches Problem vor, das die Ohrgeräusche auslöst. Niemand kann von einem Hörakustiker erwarten, sich als HNO- oder Zahnarzt zu betätigen. Aber ein Blick über den Tellerrand der Hörakustik hinaus ist immer lohnend.