Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt
»Ohne Befähigung keine Eigenständigkeit« –
Was eine Auszubildene an ihrem Betrieb schätzt
Viele Betriebe tun sich, insbesondere nach einer Betriebsgründung, zunehmend schwer, überhaupt Auszubildende bzw. Gesellen zu finden. Umgekehrt gibt es aber auch Betriebe, die kaum darüber klagen. Woran liegt das? In Teil 2 unserer kleinen Serie besuchten wir den Junggründerbetrieb Gehörwerk in Flensburg und sprachen dort mit den beiden Inhabern Julia Popke und Maik Schröder sowie ihrer Auszubildenden Lotta Mattsen.

Im Laufe einer Serie rund um das Thema Ausbildung jedes Mal einen neuen Aspekt aufzuzeigen, ist nicht einfach. Denn im Grunde genommen besitzt jede Generation ein und denselben Wunsch: Sie will ihren Platz in der Gesellschaft finden.
Dass jede Generation dabei ihre Vorstellungen vom Leben formuliert und deswegen auch »das Recht hat, sich frei zu entfalten«, ist bereits in Ausgabe #45 deutlich geworden. Doch abseits aller Individualisierungswünsche sowie -neigungen, die jede Generation in eigener Weise zum Ausdruck bringt, ist die Generationsdebatte ebenso stets eine Frage des Wahrnehmens bzw. des Gehörtwerdens. So gesprochen, mal ehrlich gefragt: Haben Sie als Erwachsener heutzutage das Gefühl, wirklich Gehör zu finden? Falls nicht, wie soll es dann in einer egozentrisch veranlagten Gesellschaft einem jungen Menschen gehen? Schon gar, wenn es um seine Ausbildung geht?
Nicht dass Sie glauben, ich hätte all die Anrufe ausgeblendet, in denen mir gestandene Unternehmer erklären, wie schwierig es doch sei, in diesen Zeiten noch geeignete Auszubildende zu finden. Auch braucht es keine Erinnerung, dass nach meinem persönlichen Ermessen viel zu viele junge Hörakustikbetriebe das Thema Ausbildung zu spät angehen. Kennt man allerdings die Geschichte der 21-jährigen Lotta Mattsen, die der Redaktion aus der oton-Gemeinschaft zugetragen wurde, dann leuchtet einem ebenso ein, dass das berühmte »eigenständige Arbeiten«, das von Seiten der Arbeitgeber gern gewünscht bzw. eingefordert wird, auch irgendwoher kommen muss. Davon zumindest sind Julia Popke und Maik Schröder, die beiden Hörakustikmeister und Junginhaber von Gehörwerk, von Grund auf überzeugt – genau wie ihre Auszubildende Lotta Mattsen.
Um die Hintergründe zu erörtern, mache ich mich auf dem Weg nach Flensburg, wo sich Julia Popke und Maik Schröder in einem Gewerbegebiet mit ihrem Betrieb Gehörwerk 2021 niedergelassen haben. Und das ganz bewusst und trotz Corona-Zeit. »Wenig Laufkundschaft kommt unserer Idee, wie wir arbeiten möchten, entgegen. Die Dinge zielbewusst anzugehen. Entsprechend trimmen wir unsere Kunden, sich selbst zu helfen. Seither sind sie viel aufgeklärter und wir haben nur wenige Kunden, die sich nicht selbst zu helfen wissen«, erläutert Popke gelassen, nachdem ich nach der Begrüßung wissen will, weswegen die beiden Meister ihr Geschäft in einem Industriegebiet eröffnet haben.
Folglich würden die meisten Termine, viele davon online, im Vorfeld ausgemacht. Das habe sich nicht nur bewährt, man möchte es auch nicht anders haben, da man bei Gehörwerk die Zeit viel lieber für eine gute Anpassung oder für einen »kurzen Schnack« an der Kaffeebar nutze, damit sich jeder mitgenommen und wohlfühle. »Wenn wir über individuelle Lösungen sprechen, dann sollten sie auch individuell angelegt sein. Mit dem einem Kunden redet man gefühlt eine halbe Stunde, bei einem anderen läuft einem die Zeit während der Anpassung weg, obwohl man sich kaum austauscht. Da handeln wir ziemlich spontan und individuell. Gerade das zu durchblicken, wird für Lotta am Anfang das schwierigste gewesen sein«, so Julia Popke weiter, während wir durch die 200m2-große Ladenfläche mit zwei Anpassräumen streifen.
Gezielte Entscheidung für die Hörakustik
An der Kaffeebar stoßen schließlich Maik Schröder und Lotta Mattsen dazu und wir machen es uns mit einem Kaffee gemütlich. Nachdem ich erfahre, dass der kürzlich vollendete Showroom vor allem dazu dient, damit sich Kunden transparent und eigenständig mit den Produkten vertraut machen und einen Überblick verschaffen können, möchte ich von Lotta Mattsen erfahren, weshalb sie die Ausbildung zu Hörakustikerin begonnen hat. »Auf den Gedanken hat mich meine Mutter im Dezember 2022 vor dem Abi gebracht. Da ich, was das Lernen angeht, eigentlich recht faul bin und keine Lust hatte, ein Studium anzugehen, war für mich klar, dass ich eine Ausbildung beginnen möchte«, sagt die 21-Jährige, die zunächst mit einer Optikerlehre geliebäugelt hatte.
Weil ihre Zwillingsschwester Jonna aber seit mehreren Jahren riesige Probleme mit ihrem Gleichgewichtsorgan hat, die dazu führten, dass sie bereits 2019 von Maik Schröder, noch vor dessen Selbständigkeit, mit einem Hörsystem versorgt wurde, habe die Mutter die Hörakustikerausbildung ins Spiel gebracht. »Mir war es nie wirklich bewusst gewesen, dass meine Schwester Hörsysteme trägt. Durch die Gleichgewichtsprobleme – sie saß sogar im Rollstuhl – fiel das am allerwenigsten auf. Deswegen fand ich es auch cool und spannend, als Mama mit dem Vorschlag kam. Er ist zwar nicht so bekannt, aber ein Beruf, mit dem man in Zukunft etwas erreichen kann«, erklärt Mattsen, die sich aktuell im zweiten Lehrjahr befindet.
Um die Bewerbungsfristen einzuhalten, auf die die Mutter aufmerksam machte, hat die Tochter erstmal recherchiert. Da sie da jedoch kaum auf Ergebnisse gestoßen sei, die infrage gekommen wären, überlegte sie, den Akustiker aufzusuchen, der ihre Schwester versorgt hat.
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»Wir waren gerade dabei, unsere Stellenausschreibung fertig zu machen, als Lotta auf einmal in der Tür stand. Nach einem kurzen Beschnuppern – wir kannten ja ein wenig die Hintergründe – waren wir uns schnell einig, mit einem Praktikum an Ostern zu starten«, erinnert sich Popke, die zusammen mit Maik Schröder an ihrer alten Wirkungsstätte bereits mehrere Auszubildene begleitete und mit Gründung von Gehörwerk daran anknüpfen wollte.
Dass Lotta im Vergleich zu früheren Auszubildenden aus einem Rahmen gefallen sei, habe man vom ersten Tag an gemerkt. Nicht nur wegen ihrer hohen Auffassungsaufgabe habe sie sofort überzeugt. »Das Wichtigste ist für uns eine gewisse Leichtigkeit, gute Laune, Flexibilität sowie Lust an der Sache. All das bringt Lotta mit. Wir haben mit Betriebsstart die Räumlichkeiten extra so gewählt, dass jeder zu uns für einen Kaffee rein kann. Entsprechend ist klar, dass wir Leute, die genervt im Kalender gucken, nicht gebrauchen können. Das sind wir nicht und wir wollen das auch nicht widerspiegeln,« so Maik Schröder.
Das bestätigt aus ihrer Sicht auch Lotta Mattsen. Dadurch, dass sie bei den Anpassgesprächen der Schwester nie dabei war, habe sie durch das Praktikum schnell Erfahrungen sammeln können, die für sie wichtig gewesen sind, um sich für die Ausbildung bei Gehörwerk zu entscheiden. »In der Woche durfte ich echt vieles kennenlernen. Ob nun Schläuche wechseln, mal ein Ohrpassstück fräsen, einen Abdruck nehmen, aber auch bei Hörtests und Sprachaudiometrie war ich mit dabei. Dadurch habe ich wirklich ein Bild von der Ausbildung bekommen, was alles super viel Spaß gemacht hat. Deswegen war nach der Woche für mich auch klar, dass ich die Ausbildung angehen will«, so Lotta Mattsen.
Kleine Betriebe können mehr Wissen mitgeben
Auf die Frage, ob sie sich bei Ausbildungsbeginn darüber bewusst gewesen wäre, dass sie allein mit zwei Chefs in einem Betrieb arbeiten würde, schmunzelt die Runde. »Genau das haben mich Julia und Maik beim Einstellungsgespräch auch gefragt. Aber gerade das finde ich richtig gut. Ich glaube, dass man in einem kleinen Betrieb mehr aufgehoben ist. Man lernt einfach mehr, da man direkt eingebunden ist. Ich sehe das bei den Mitschülern in Lübeck, die alle in großen Filialen arbeiten, in denen es keine zwei Meister gibt. Wenn die einen Hörtest durchführen dürfen, dann ist das schon viel. Außer Service dürfen die nicht viel machen. Ich weiß nicht, wie da mein Alltag aussehen würde«, sagt Mattsen.
Das erkenne man mittlerweile auch leistungstechnisch an den Noten in Lübeck. Diejenigen, die in kleineren Betrieb ihre Ausbildung machen, stünden ihrer Erfahrung nach besser dar. »Viele tun sich schwer zu verstehen, wie eine Otoplastik überhaupt funktioniert oder was ein Vent-In-Vent-Out-Effekt ist. Wie sollen sie auch? Das sind so Sachen, von denen ich glaube, dass man die in einem kleinen Betrieb eher mitkriegt. Dort treffe ich Maik oder Julia in der Werkstatt, die mir dann zeigen, wie ich was an einer Otoplastik machen kann, damit das besser sitzt und es ordentlich ist. Wie soll das in einem größeren Filialbetrieb bei all den Vorgaben gehen? Selbständiges Arbeiten lernt man, meine ich, so jedenfalls nur schwer«, sagt Mattsen.
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Dass das so sei, meint Schröder, habe weniger mit den Leuten selbst zu tun als vielmehr mit dem Umstand, dass man in Lübeck eine allgemeine Ausbildung erhält, bei der allen das gleiche Wissen vermittelt wird. Und die genüge gerade einmal, um einen Überblick und einen Zugang zum Beruf zu erhalten. Den Rest erhalte man über den Betrieb und muss man sich letztlich selbst erarbeiten. »Schulisch bekommt jeder exakt das Gleiche, in der Praxis jedoch sitzen wir in unterschiedlichen Räumlichkeiten. Ob nun Julia oder ich, wir beraten komplett unterschiedlich – und das, obwohl wir die gleiche Philosophie verfolgen. Aber genauso muss Lotta, wie auch alle anderen, ihren Weg finden, wie man berät oder Einstellungen zu den Geräten findet«, sagt Schröder. Hinzu komme, ergänzt Popke, dass das Berufsbild des Akustikers enorm viele Möglichkeiten der Spezialisierung bietet, und man beim Abschluss meist noch gar nicht wisse, für welchen Berufsbereich man sich wirklich interessiert.
Aber auch diesbezüglich scheint Lotta bereits einen Schritt weiter zu sein. Natürlich habe sie sich noch nicht festgelegt. Der Gedanke allerdings, später einmal Pädakustikerin zu werden, der reizt sie bereits heute.
Azubis sollen sich etwas zutrauen
Entsprechend sollten Azubis, so beide Ausbilder, sich trauen und auch trauen dürfen. »Wer nicht versucht, der lernt auch nichts«, ermutigt Julia Popke ihre Auszubildende auch während des Gesprächs. »Im schlimmsten Fall geht mal etwas schief. Aber dann darf so etwas auch einmal kaputt gehen. Doch woher soll Lotta das wissen, wenn sie noch nie die Erfahrung gemacht hat? Sich selbst etwas zuzutrauen, dass man etwas schaffen kann, ist extrem wichtig. Gleiches gilt für den Kunden. Ohne Befähigung keine Eigenständigkeit.«
Das sieht Lotta Mattsen, die mittlerweile einen Azubi-Blog auf der Gehörwerkseite gestartet hat, nicht anders. Anhand vieler Mitschüler bekomme sie mit, dass einem als Auszubildender eher zu wenig als zu viel vertraut werde. Gerade in großen Filialen, in denen es nur um Zahlen ginge. »Maik und Julia vertrauen mir einfach mehr. Wenn ich hier wirklich mal für eine Stunde allein sitze und es kommt ein Neukunde mit einer Verordnung, bei dem ich sofort handeln muss, dann darf ich deutlich mehr als meine Mitschüler, die in einer Großfiliale arbeiten und auf einen einzigen festgelegten Weg ausgerichtet sind. Hier kann ich mir einen eigenen Arbeitsweg erarbeiten und das finde ich gut«, sagt Lotta Mattsen, die auf Nachfrage unterstreicht, dass ihr eigenständiges Arbeiten erst mit der Ausbildung bei Gehörwerk begonnen habe. Weder in der Schule noch zu Hause habe sie das in der Form erfahren.
Eine rasante Entwicklung, die beide Ausbilder anschließend nur unterstreichen. Lotta handele heute schon in Kundengesprächen sehr pfiffig und eigenständig. Ob das in Neukundensituationen gewesen sei, als man auf einer oton-Tagung war, oder in anderen unerwarteten Situationen. Einen Grund, um auf Lotta anzustoßen, habe es Julia Popke zufolge schon mehrfach gegeben. »Klar, geht es schneller, wenn ich bei einem IdO wegen eines Ziehfadens schnell Hand anlege. Und natürlich wäre es Lotta gelegentlich auch lieber, ich würde das tun. Umgekehrt muss ich mich des Öfteren selbst anhalten, manche Dinge nicht selbst zu tun. Unterm Strich ist einzig wichtig, dass man sie vernünftig anleitet und ihr gelegentlich das Gehör schenkt, das eine gute Auszubildende auch verdient.«