Von Martin Schaarschmidt / Fotos: Schaarschmidt
Neueste Entwicklungen bei Hörgeräten und Hörimplantaten – zu Besuch bei der 27. Jahrestagung der DGA
Vorträge und strukturierte Sitzungen zum aktuellen Stand der Forschung, Tutorials, Poster-Sessions, Diskussionen, die Industrieausstellung und spezielle Formate für den audiologischen Nachwuchs … – mit einer Fülle von Angeboten empfing die Deutsche Gesellschaft für Audiologie rund 650 Interessenten verschiedenster, mit dem Hören befasster Berufe Mitte März zu ihrer 27. Jahrestagung in Göttingen.

Die Themen des dreitägigen Treffens deckten den gesamten Bereich audiologischer Fragestellungen ab. Schwerpunkt waren in diesem Jahr die »Mechanismen des Hörens« und somit intensive Auseinandersetzungen mit der Physiologie und Pathophysiologie der Hör- und Gleichgewichtsfunktion. Das wissenschaftliche Programm gestaltete die DGA gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Audiologen, Neurootologen und Otologen (ADANO), um so unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte der beiden Fachgesellschaften zusammenzuführen.
Ob Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Phoniatrie, Pädaudiologie oder Arbeitsmedizin, ob Physik, Biologie und Psychologie, Ingenieurwissenschaften und Hörgeschädigtenpädagogik, Hörakustik oder die medizinisch-technischen Assistenzberufe – Audiologie ist ein weites Feld, auf dem sich verschiedenste Fachdisziplinen und Berufsgruppen versammeln und den interdisziplinären Austausch suchen. Die DGA-Jahrestagung, die sich in diesem Jahr im Hörsaalgebäude der Universität Göttingen traf, bietet hierfür den passendenden Rahmen. Beim Treffen ging es einmal mehr um Grundlagen des Hörens, um vielfältige Ursachen und Folgen von Hörverlust sowie um umfassende Diagnostik, Therapie und Rehabilitation schwerhöriger und ertaubter Menschen.
Zahlreiche freie Vorträge rund um die Hörgeräte-Versorgung
Neueste Erkenntnisse zur Hörgeräte-Versorgung waren in Göttingen vielfältig Thema – etwa in zahlreichen freien Vorträgen. So referierte Horst Warncke (Hamburg) über das Thema »Hörstress«, wobei er Hörstress (als Stress beim Zuhören in bzw. durch Lärm) von Höranstrengung (als geistigem Aufwand beim Zuhören) unterschied. Dabei widmete er sich der Frage, inwieweit neueste DNN Hörsysteme Hörstress verringern können. Laut aktuellen Untersuchungen war dies tatsächlich der Fall; die Herzfrequenz der Probanden verlangsamte sich, die Höranstrengungen wurden reduziert und somit kognitive Ressourcen frei.
Auch Jan Heeren und Matthias Latzel (beide Oldenburg) widmeten sich in ihren Beiträgen den Vorteilen KI-basierter Störgeräuschunterdrückung in Hörgeräten. Eine Untersuchung zu Unterschieden in der Hörermüdung mit KI-basierter Störgeräuschunterdrückung (DNN) und binauralem Beamformer zeigte eine höhere Sprachverarbeitungsgeschwindigkeit als bei einem Vorgängerhörgerät ohne DNN, ebenso weniger Hörermüdung. Der zweite Referent zeigte anhand von Studienergebnissen auf, dass eine KI-basierte Störgeräuschunterdrückung (DNN) eine deutlich höhere Sprachverständlichkeit bzw. eine geringere Sprachverständlichkeitsschwelle in komplexen Störgeräuschumgebungen und bei wechselnden Sprechern ermöglicht. Zudem konnte ein reduzierter Höraufwand im komplexen Störgeräusch nachgewiesen werden.
»Der Papst, der die Detektive berührt, gähnt« oder »Der Papst, den die Detektive berühren, gähnt«. Ulrike Pohle (Halle) informierte über eine Studie, die anhand von EEG-Messungen untersuchte, inwieweit Hörgeräteträger mehrdeutige Relativsätze anders verarbeiten als Normalhörende. Bei den getesteten Aufgaben zum Verständnis erzielten beide Gruppen gleichgute Ergebnisse. Dennoch sei es wahrscheinlich, dass sich Normalhörende die anspruchsvollen grammatischen Konstruktionen anders erschließen als Hörgeräteträger. Während die einen die Hinweise zeitnah umsetzen, würden die anderen erst alle grammatikalischen Informationen abwarten. Zu fragen sei, wie sich die Verarbeitung bei zunehmender Hörstörung oder auch bei einer CI-Versorgung gestalte.
Melanie Krüger (Oldenburg) stellte in ihrem Vortrag die Innovationscommunity »HörWerk« vor, die zu Beginn des Jahres ins Leben gerufen wurde (siehe hoerwerk.org). Die Community, die in den nächsten vier Jahren mit einem Gesamtbudget von fünf Millionen Euro gefördert wird, soll Expertisen aus Hörforschung und Handwerk in gemeinsamen praxisorientierten Projekten zusammenführen. Erklärtes Ziel ist es, neue Impulse in der Hörsystemversorgung zu setzen und so die Lebensqualität von Menschen mit Hörbeeinträchtigungen zu verbessern. Alle Vertreter aus Wissenschaft und Handwerk sind eingeladen, gemeinsame Projekte einzureichen und sich um eine Förderung zu bewerben. Unterschiedlichste Projektideen seien denkbar – etwa auch aus dem Bereich der Cochlea-Implantat-Versorgung.
Besser Hören mit Licht? - In einem weiteren Wortbeitrag widmete sich Nina Burmeister (Homburg) optoakustischen Hörgeräten. In einer »First-in-Human-Studie« waren Probanden mit einer Hörgeräte-Einheit hinter dem Ohr, Laserfaser inkl. Halterung und einem Silikonfilm auf dem Trommelfell ausgestattet worden. Mittels Laser-Übertragung gelang es den Testpersonen, Töne zu hören, Lautstärken und Frequenzen zu unterscheiden sowie Melodien zu erkennen; die Art der Wiedergabe habe keine unangenehmen Gefühle verursacht. Fazit: »Der optoakustische Effekt lässt sich im Menschen anwenden!« In Hörbeispielen konnten die Tagungsbesucher sowohl mit Laser übertragene Sprache als auch Falcos »Rock Me Amadeus« erleben.
Neueste Entwicklungen bei Cochlea-Implantaten
Einen Schwerpunkt der begleitenden Industrie-Ausstellung setzten wie in den Vorjahren die Hersteller von Cochlea-Implantaten, die in Göttingen ihre neuesten Entwicklungen vorstellten.
Schwerpunkt bei Advanced Bionics war hier Advanced DigiCare, ein umfassendes Ökosystem an digitalen Lösungen rund um das Thema Hören, das neben der persönlichen auch eine digitale Begleitung der individuellen Hörreise ermöglichen soll. Advanced DigiCare umfasst eine Reihe von Apps und Online-Plattformen mit intuitiver Bedienung. Ergänzend zu den bisherigen digitalen Lösungen wurde AB ListenFit vorgestellt, eine Selbstmanagement App zur Überprüfung der eigenen Hörleistung. Die App enthält Selbsttests zum Sprachverstehen in Lärm, etwa auch die Oldenburger Matrix (OLSA), ebenso Hörbarkeitstest und eine Möglichkeit zum Führen eines persönlichen Hör-Tagebuchs.
Der Auftritt von Cochlear stand ganz im Zeichen von »A lifetime of hearing performance«. Zum einen informierte der Hersteller über seine Slim-Modiolar-Elektrode. Diese unterstützt das lebenslange Hören durch die Nähe zum Modiolus, laut Untersuchungen kann so eine verbesserte Sprachwahrnehmung erreicht werden. Zudem sorgt die Position in der Nähe des Modiolus auch für eine optimale langfristige Gesundheit innerhalb der Cochlea. Weiterer Themenschwerpunkt am Stand von Cochlear war der Cochlear™ Versorgungspfad, der die Versorgung von deutlich mehr Menschen mit dem Cochlea-Implantat unterstützen soll. Neben Nucleus SmartNav, Custom Sound Pro, Remote Check & Remote Assist sowie der Nucleus Smart App wurde in Göttingen das neue myCochlear Professional Portal vorgestellt.
Hersteller MED-EL präsentierte unter dem Motto »Die Zukunft der Hörimplantate« eigene Entwicklungen und Innovationen. Schwerpunkte waren die OTOPLAN Software für OP-Planung und Prognose, OTODRIVE für die schonende Implantation, das Anatomie-basierte Fitting ABF, der CI-Soundprozessor SONNET 3 inklusive integriertem direkten Streaming sowie die CI-Nachsorge mit HearCare. Mittels telemedizinischer Remote Support App, nutzbar für iOS und Android, können CI-Träger von SONNET 2/3 sowie RONDO 3 Implantat- und Prozessorüberprüfungen auch aus der Ferne erhalten.