DIGITALES MAGAZIN
048 | Juli 2025
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Ein 3D-Konfigurator mit drei Millionen Möglichkeiten

Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: actric, OMNIdirekt

Ein 3D-Konfigurator mit drei Millionen Möglichkeiten

2017 eröffneten Dominic Zengerle und Christoph Riederer ZR-Hörsysteme. Nach Aufbau von elf Filialen entschlossen sie sich nun, mit actric ein Otoplastiklabor zu eröffnen. Wir sprachen kurz vor Laboreröffnung mit den beiden Geschäftsführern sowie ihrem Innovationsmanager Enrico Gulisano.

Bequem vorlesen lassen:


Herr Zengerle, gemeinsam mit Christoph Riederer haben Sie 2017 ZR Hörsysteme gegründet. Nun eröffnen Sie mit actric ein Otoplastiklabor. Weshalb?

Zengerle: Ein Grundgedanke war die Frage, was uns die Hörakustik von morgen abverlangen wird. Ich denke, wir sind uns einig, dass der Kunde ein unmittelbares Erlebnis haben sollte. Natürlich kann man eine Schirmchenversorgung machen. Das ist ok. Das würde aber mit unserer Philosophie, dem Kunden möglichst schnell ein wirkliches Erlebnis zu verschaffen, brechen. Denn wir wollen Kunden ausschließlich mit Otoplastiken versorgen. 

Und dann haben Sie bei sich im Unternehmen geschaut, mit wem sich ein Labor aufbauen lässt? 

Zengerle: Nein. Die konkrete Idee entstand erst, als wir Enrico Gulisano überzeugt hatten, unserem Unternehmen als Innovationsmanager beizutreten.

Riederer: Bei uns im Unternehmen hatten wir niemanden mit dem Allroundwissen und den Skills, die wir brauchten, um unsere Vorstellung umzusetzen. Irgendwann stießen wir auf Enrico, und es gelang uns, ihn für ZR Hörsysteme zu begeistern.

Gulisano: Wobei ich schon gestehen muss, dass ich mich lange habe bitten lassen.

Was hat Sie zögern lassen?

Gulisano: Anfangs konnte ich mir das Projekt noch nicht vorstellen. Zum einen tat ich mich mit dem Begriff des Innovationsmanagers schwer. Zum anderen besaß ich keine Vorstellung über die Dimension und Größenordnung des Projekts. Das klang alles zu schön und traumhaft, um im ersten Moment wahr zu sein.

Und die erste Aufgabe als Innovationsmanager war dann das Labor?

Riederer: Ja und nein. Das mit dem Innovationsmanager meinen wir ernst. Er sollte wirklich den Raum bekommen, sich zu entfalten. Entsprechend sollte er 2023 erst aufsaugen, wie der Betrieb aufgestellt ist, um dann unsere Vorstellung eines größeren Labors umzusetzen. Das ist ihm auf der Überholspur gelungen.

Was macht man, wenn man sich wie Alice im Wunderland einfach alles aussuchen kann?

Gulisano: (alle lachen) Ganz so war es auch nicht. Durch meine Vorerfahrungen in einem recht großen Labor kannte ich mich mit der Otoplastikfertigung schon ganz gut aus. Ich hatte einige Abteilungen durchlaufen und konnte mir ein gutes Allroundwissen aneignen. Das aber mehr aus Eigeninitiative, da mir das Spaß macht und ich neugierig bin. Damit haben mich Christoph und Dominic auch gekriegt. Die Perspektive, technisch Verantwortung zu übernehmen, hat mich sehr gereizt. Das zweite war das Thema Erlebnis. Gerade in der On-Boarding-Phase, als wir uns immer wieder zusammengesetzt haben, um den Erlebnisfaktor für den Kunden zu entwickeln. Das hat mich richtig geflasht, eben weil man merkte, dass die beiden in die Zukunft schauen. Sie tun das sehr bewusst und wollen niemals stehenbleiben.

Wie hat sich das ausgedrückt?

Gulisano: In der Vorbereitungszeit beispielsweise baute ich Prototypen. Dann kam Christoph und sagte‚ wir kaufen dir jetzt einen 3D-Drucker. Du muss anständig arbeiten können. Ich hatte zuvor meinen von Hause benutzt. Entsprechend musste ich erst einmal realisieren, in welcher Größenordnung ich denken muss. Diesbezüglich mussten mich beide immer wieder aus der Reserve locken, da ich meist zu klein dachte.

Welche Punkte waren für Sie wichtig? Sie haben ja bei null angefangen …

Gulisano: Nachdem mir klar wurde, dass wir auch extern anbieten und für das Versprechen stehen wollen, nicht nur nachhaltig, sondern auch binnen 24 oder 48 Stunden zu liefern – je nachdem, welchen Fertigungsprozess ein Kunde wählt und welches Material verwendet wird – brauchte es ein Konzept. Daher habe ich erst einmal alles auf den Prüfstand gestellt, was ich bis dahin kannte. Maschine, Software und alles andere habe ich hinterfragt, ob ich das mit meinem Wissen auch umsetzen kann. Als ehemaliger Trainer im Bereich CAD-Modellierung hätte ich es mir einfach machen und auf Bewährtes setzen können. Doch für mich war von Anfang an klar: Nur ein neuer Ansatz ermöglicht die Individualität, die wir anstreben.

Inwieweit haben Sie die Schritte vorgegeben?

Gulisano: Mit einer Ausnahme konnte ich die großenteils selbst vorgeben. Denn die Materiallieferanten geben ja gewisse Prozesse vor. Wir haben uns dann aus guten Gründen für Pro3dure entschieden.

Warum Pro3dure?

Gulisano: Ganz simpel. Da wir viel mit thermoelastischem Material arbeiten wollen, habe ich wegen der Inhaltstoffe kurz schlucken müssen. Zudem hatte ich viel Erfahrungen mit anderen Materialien, nicht aber mit thermoelastischen. Die Befürchtung hat sich aber schnell aufgelöst, da Pro3dure diese ja stark eliminiert hat.

Wie lange hat es gedauert, den Prozess zum Laufen zu bringen?

Gulisano: Sechs Wochen für Systherm, alle anderen Materialien, also hart Werkstoffe sowie Silikon, liefen schon zuvor, samt ZR-Logo. Man muss aber auch sagen, dass ZR zu 90 Prozent mit thermoeleastischen Materialien arbeitet und Pädakustik-Ohrstücke mit Farben oder Schwimmschutz etwas länger dauerten. Das Ziel, mit offizieller Laboreröffnung heute die für uns mögliche Bandbreite von Anfang an anzubieten, haben wir jedenfalls erreicht.

Zengerle: Im Oktober sind wir bei null gestartet, nicht mal eine Steckerleiste war vorhanden. Im November war das Labor samt Postprozess fast komplett eingerichtet. Ein paar weitere Wochen später, im Januar, haben wir mit der Auslieferung an die Filialen begonnen. Das, wenn wir uns an den 4000 Ohrpassstücken des ersten Jahres messen, mit entsprechender Qualität.

Warum erfolgt die offizielle Eröffnung erst heute?

Gulisano: Naja, wir waren zunächst oben in der Verwaltung, bis wir die Räumlichkeiten hier nebenan einrichten konnten.

Zengerle: Zudem war uns bewusst, dass wir ein Bestellsystem brauchen, dass Hand und Fuß hat. Wir haben uns lange darüber Gedanken gemacht und uns mit entsprechenden Softwarehäusern zusammengesetzt, wie sich der Bestellprozess so anbinden lässt, so dass er sich für den User einfach, intuitiv, übersichtlich sowie fehlerfrei nutzen lässt. Wir haben also versucht, die Zeit nicht nur zur Validierung unserer Produkte zu nutzen. Unser Softwareentwickler hat uns eine eigene Bestellsoftware gebaut und betreut diese. Ich lehne mich hoffentlich nicht zu weit heraus, aber sie ist einzigartig. Das lässt sich unserer Meinung nach nur Inhouse lösen. Wir werden im Laufe des Jahres sogar eine direkte ERP-Schnittstelle haben.

Und wie funktioniert die?

Zengerle: Wir haben die Filiale bzw. den Auftraggeber, den myEarmold-Bestellkonfigurator und wir haben die Schnittstelle zu unserem ERP-System – diesen Durchlauf. Derzeit ist es so, dass es entweder an der einen, oder vor allem an der anderen und oft an beiden Stellen hakt.

Warum?

Zengerle: Wenn wir zum Beispiel Branchensoftware anschauen, dann ist prinzipiell eine Datenübergabe von Userdaten notwendig. Sprich, dein Login-Name sowie Passwort. Wenn jemand Asego verwendet, dann übergibt Asego nur den Log-In. Dann geht der Auftrag ein, wird in einem anderen ERP-System verarbeitet, weswegen es ja immer zu einer Übertragung von Daten kommt. Meist händisch. Wir haben uns daran orientiert, wie sich der User im Internet orientiert. Ob man nun eine Jeans oder eine Otoplastik bestellt, ist im Endeffekt das Gleiche. Es muss intuitiv und schnell gehen. Doch warum bitte darf es kein Erlebnis für den User sein? Unserer Meinung nach denken wir zu oft nutzenorientiert. Auftragsverfolgung ist bis heute ein riesiges Thema, Telefon ohne Ende. Bei uns ist die Oberfläche entsprechend so gestaltet wie bei Zalando. Alles ist schön digital abgebildet und man kann wunderbar jeden Prozess sehen. Wo steckt gerade meine Otoplastik? Im Modelling, Laser oder im Versand.

Wie funktioniert der myEarmold-Bestellkonfigurator?

Riederer: Sobald der Kunde sich in der Produktauswahl befindet, kann er zwei Dinge bestellen. Eine Otoplastik – welche auch immer – oder Gehörschutz. Danach muss er sich zwischen einer monauralen oder binauralen Bestellung entscheiden. Nach Auswahl des Materials wählt man die entsprechende Fertigungslinie, bei uns also CLICKearmold, GLUEearmold, ECOCLICK- earmold und ECOGLUEearmold. Das ist eine ganz klar definierte Anfrage und Spezifikation am Markt, die wir uns trauen umzusetzen.

Was ist unter der ECO-Linie zu verstehen?

Gulisano: Eine Produktlinie, die wir mit unseren Kunden definieren und vereinbaren. Meist handelt es sich um eine aufwandslose Otoplastik ohne große Bedürfnisse, um diese so kostengünstig wie möglich zu fahren. Das soll kein Kassenohrstücksein. Es handelt sich vielmehr um eine prozessoptimierte Otoplastik, die wir kostengünstig abgeben können. Denn es gibt Akustiker, die sich dem Markt stellen müssen, aber dennoch eine funktionstragende Otoplastik abgeben wollen.

Bis dahin gut. Doch worin besteht nun der Zauber?

Zengerle: Wir haben einen 3D-Konfigurator bauen lassen, der eine Liveansicht erlaubt. Man kann, bei welcher Form und Bauart auch immer, egal mit welchem Material und welcher Farbe erleben, was ich bestelle. Ich habe im Bestellprozess also eine visuelle Unterstützung, die aus unserer Sicht viel Zeit einspart. Das ist auch die Erklärung hierfür, weswegen wir sehr wenig Reklamationen haben.

Wow. Dennoch nachgefragt: Inwiefern kann das Falsche bestellt werden?

Zengerle: Unserer Meinung kann man das nach nahezu ausschließen. Man kann keine Falschbestellung und Quatschbestellung aufgeben, da die Prozesslogik dahinter über ein Ausschlussverfahren läuft. Man kann kein Material mit einer Form bestellen, die es nicht gibt. Zudem sieht man, in welchem Prozessschritt man sich befindet. Das ist so gut, dass man den Kunden sogar in dem Bestellprozess miteinbinden kann, da er in der Lage ist, alles live mitzuverfolgen. Jeder Akustiker hat also gleich im Blick, was er bestellt, wenn er kurz, mittel, oder lang angibt. Aber auch die Farben werden sofort visualisiert.

Ich denke, das hat Ihnen zum Teil schlaflose Nächte bereitet.

Zengerle: Nicht nur eine. Das ist unfassbar komplex. Man sieht die Lichter, den Schatten, die Bewegung im Raum. Wir haben es wirklich auf die Spitze getrieben, so dass das auch beim letzten Endbenutzer mit dem 20-Jahre alten PC funktioniert. Das hat nichts mit einem digitalisierten, statisch dargestellten Bestellformular zu tun. Wir ändern aber nicht nur Form und Farbe, es lassen sich tatsächlich auch noch so Dinge wie die Bohrung nachvollziehen. Man sieht einfach alles.

Sie müssen in der kurzen Zeit unzählige Modelle vormodelliert haben …

Zengerle: Das waren nicht wenige. Insgesamt haben wir über drei Millionen Möglichkeiten der Konfiguration eingearbeitet. Bohrung, Hörer, Skelettierung, Zusatzfilter, Material und vieles mehr müssen berücksichtigt werden. Und am Ende wird das zu bestellende Produkt in einer schönen Übersicht noch einmal dargestellt, damit es keine Debatte gibt, ob ich den richtigen Hörer bestellt habe. Eben, damit wir die versprochenen 24 Stunden auch einhalten können.

Wie kommt das bei den Mitarbeitern an?

Zengerle: Am Anfang haben sich natürlich alle gefragt, was ein Softwareentwickler bei uns macht. Zwar war vielen die Idee und Vision klar, aber mit der Stellenbeschreibung konnten sie nichts anfangen.

Gulisano: Vielleicht sollte man dabei erwähnen, dass die Stores an dem Konzept mitarbeiten durften. Traut euch mal, uns zu sagen, was an einem Bestellprozess wichtig ist, mit Feedbackbogen und allem. Die Ergebnisse haben wir einfließen lassen. Von vielen haben wir dann ein Wow-Gefühl ausgesprochen bekommen. Mit der Entwicklung haben wir am 1. Oktober letzten Jahres begonnen. Die ersten Versuche starteten dann im Februar.

Folglich sind Sie aus der Verwaltung ausgezogen und haben eigene Räumlichkeiten bezogen. Was aber bedeutet nun actric?

Zengerle: Das hat mit den Buchstaben zu tun. Geprägt durch meinen Nachnamen vielleicht, wollte ich den Anfangsbuchstaben des Alphabets. Also habe ich nach Namen gesucht. Ein Punkt dabei war, dass wir zum Namen eine freie url finden, was in der heutigen Zeit eine echte Herausforderung ist. Ein anderer Punkt war, dass hinter der Namensfindung ein Konzept stehen sollte, bei dem deutlich wird, dass wir für etwas präzises stehen wollen. Deswegen setzt sich actric aus accuracy sowie technic zusammen. Wenn man sich den Schriftzug anschaut, dann ist ein Element der Unternehmung ein Blatt, mit dem wir ausdrücken wollen, dass wir nachhaltig agieren wollen.

Wie wollen Sie die Kunden ansprechen?

Zengerle: Wir befinden uns natürlich in einem gewissen Spannungsverhältnis. Wir sind in keiner Einkaufsgemeinschaft und uns ist bewusst, dass das nicht auf jedermanns Zustimmung treffen wird. Was wir machen, ist Akustik so zu denken, wie wir glauben, dass es für den Kunden gut ist. Aber genau deswegen vielleicht haben wir uns nie einer Einkaufsgemeinschaft angeschlossen. Wir wollen so wachsen können, dass wir unsere Versprechen, die wir abgeben, auch einhalten können.

Meine Herren, vielen Dank für das Gespräch.