Von Martin Schaarschmidt (GN Hearing)/ Fotos: Schaarschmidt
Öffentliche Sound-Erlebnisse für alle
Geht es um Auracast im öffentlichen Raum – in Museen und Theatern, Bahnhöfen, Stadien … – ist man bei Audio Pro an der richtigen Adresse. In seinem Solution Center präsentiert das Heilbronner Unternehmen auf über 1.000 Quadratmetern die gesamte Bandbreite professioneller Audiotechnik sowie neueste Audio-Trends. Hierher kommt, wer die Beschallung für Hör- oder Plenarsäle plant, wer Kinos mit Soundanlagen ausstatten will oder Klangerlebnisse für Open-Air-Festivals vorbereitet.

Die Fassade aus unverputztem Beton erinnert an einen riesigen Schalltrichter. Tatsächlich wird von hieraus einmal im Jahr das umliegende Gewerbegebiet beschallt. Bei den Audio Pro Solution Days, einem beliebten Kunden-Event, kommen rund 150 Partner, Händler, Investoren und Sound-Ingenieure; dann wird »das große Besteck« aufgefahren: Outdoor-Lautsprechersysteme für Festival und Fußballstadion können unter freiem Himmel getestet und verglichen werden …
Ich bin zu Gast im Audio Pro Solution Center am Rande von Heilbronn. »Eröffnet haben wir das Center 2019 als reine Plattform für Händler«, so Matthias Holz. Der Team Leader System- & Project Group von Audio Pro wird mir einen Vormittag lang alles zeigen bzw. mich alles hören lassen. »Sucht ein Planer oder Sound-Ingenieur eine Audio-Lösung, dann laden wir ihn hierher ein. Was wir bieten, findet man so kein zweites Mal in Europa, teilweise nirgendwo auf der Welt.«
Sound empfängt uns schon im Eingangsbereich. »Bei uns läuft immer irgendwo Musik«, so mein Begleiter, der mich in den Meeting-Raum führt: »Hier zeigen wir Konferenztechnik, unterschiedlichste Mikrofonie, neueste Steuerungssysteme, alles vorführbereit. Man kann testen und sehen, wie schön sich die Technik ins Mobiliar integriert.«
An den Wänden großformatige Fotos von Referenz-Projekten: Das Audio-Netzwerk im Plenarsaal des Parchimer Kreistags, der Multifunktionsraum des Spieleentwicklers Supercell in Helsinki, das Kontrollzentrum der EUMETSAT in Darmstadt, die die europäischen Wettersatelliten steuert, und der große Saal des Konzerthauses Dortmund.
Berater und Begleiter für professionelle Audio-Projekte
»Prinzipiell sind wir ein klassischer Großhändler, also kein Hersteller«, erklärt mir Christoph Keller, Managing Director und Geschäftsführer CCO der European AV Group. »Wir sind ein Verbund von sieben Distributionsunternehmen. In Europa gehören wir zu den Top-3. Die deutsche Audio Pro ist die größte Einheit. Lokale Distributoren haben wir auch in Österreich und der Schweiz, den BeNeLux, UK und Frankreich. Insgesamt sind wir 180 Mitarbeiter und wir erzielen einen Gesamtumsatz von 110 Millionen Euro.«
Man sei jedoch nicht nur »Box-Mover«, der Waren einkauft und verschiebt. »Wir differenzieren uns, indem wir Kunden echten Mehrwert bieten. Das heißt, wir zeigen ihnen, wie sie unsere Produkte erfolgreich am Markt platzieren, unterstützen sie bei Planung und Inbetriebnahme. Gemeinsam suchen wir die passende Lösung, betreuen Kunden über das gesamte Projekt und im Nachgang. Deshalb haben wir uns auch das Solution Center geschaffen. Der Kunde soll die Sachen nicht nur im Katalog sehen. Er soll sie bei uns erleben.«
Das und die Passion für Audio sei die DNA des Unternehmens, so der Geschäftsführer. »Mitunter sage ich auch, wir sind eine Firma mit lauter gescheiterten Musikern. Tatsächlich kommen etliche aus diesem Bereich. Aber generell vereint uns das Thema Hören; die Hörunterstützung gehört dazu.«
Wie die Unternehmensgruppe ist Audio Pro auf verschiedenen Märkten aktiv – etwa im Kino-Geschäft: »Hier ist der europäische Markt unter wenigen Playern aufgeteilt«, so Volker Holtmeyer, Applikationsingenieur bei Audio Pro. »Damit meine ich nicht die Kino-Betreiber, sondern die Installationsfirmen für die Sound-Anlagen. Sitzt man in einem deutschen Kino, wird man sehr wahrscheinlich über eine Anlage von Audio Pro hören; hier bedienen wir an die 70 Prozent. Und auch hier sprechen wir Auracast an.«
Ringschleife bis Auracast – alle Spielarten von Hörunterstützung
Die Hörunterstützung hat sich Audio Pro seit über zehn Jahren auf die Fahne geschrieben. »Damals begannen wir mit den Ringschleifen von Univox«, so Christoph Keller. »Ich muss gestehen, dass wir anfangs nicht wussten, wie komplex das Thema ist; wir haben einiges lernen müssen. Auch die Tragweite habe ich erst mit der Zeit begriffen. Spricht man mit Betroffenen oder Hörgeschädigten-Verbänden, merkt man erstmal, dass man hier nicht irgendwas installiert, sondern wirklichen Mehrwert schafft. Man erlebt Dankbarkeit und Bestätigung. Andererseits ist es für uns natürlich ein Geschäftsfeld, mit dem wir Geld verdienen. Bei Ausschreibungen ist Barrierefreiheit seit Jahren Thema und die Notwendigkeit, sich darauf einzustellen steigt. Wir stellen uns darauf ein.«
»Audio Pro bietet heute sämtliche Spielarten für Hörunterstützung«, so Volker Holtmeyer. Bei Ringschleifen etwa kooperiert man in Deutschland mit Univox, in Österreich mit Ampetronic. Für Auri mit Auracast ist Audio Pro der Generalvertrieb in Deutschland und Österreich. »Wir bieten Funklösungen und Infrarot, induktive Höranlagen, WLAN-Streaming und nun auch Auracast. Kunden erkläre ich immer: ›Wir empfehlen dir nicht irgendwas, weil wir es im Portfolio haben. Wir haben alles und empfehlen dir, was am besten zu dir passt.‹«
Wirklich große Case-Studies in Sachen Hörunterstützung waren etwa zwei Kirchentage, die Audio Pro ausstattete. Für weit über 1.000 Teilnehmer wurden Fremdsprachenübertragung und Hörunterstützung sichergestellt. Letztlich entschied man sich hier für WLAN-Streaming. Zukünftig könnte Auracast die bessere Wahl sein.
Feuerwerk räumlicher Klänge - immersives Audio im 3D-Studio
Es folgt eine Führung durchs Solution Center: Das 3D-Studio empfängt uns mit Dunkelheit und spürbarer Stille. Die Akustik des Raumes ist abgestimmt auf Studioanwendungen; zwei 7.4.1-Lautsprechersysteme. Ich soll im Hotspot des Raumes Platz nehmen und erlebe nun ein Feuerwerk räumlicher Klänge mit immersivem Set-up. Die Dynamik ist physisch spürbar. Als würde ich eingesogen in einen Klangstrudel; dennoch kein unangenehmes Gefühl.
Im 3D-Studio können Lautsprecher, Mischpulte und weitere Audio-Technik unter Studiobedingungen getestet werden. Kürzlich war das Team von Roland Kaiser hier, um sich für die nächste Tour schulen zu lassen – an einem SSL XL Desk, dem Rolls-Royce unter den Mischpulten. »Das kostet eine Viertelmillionen«, so Matthias Holz. »Testen kann man sowas nur bei uns.«
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Von Straßenmusik bis Multiplex-Kino – die Audio Pro Live Stage
Nächste Station: die Live Stage; ein fensterloser Saal, die Wände bedeckt mit schwarzen Vorhängen, die einer nach dem anderen für mich gelüftet werden. »Für sämtliche Märkte, die wir bedienen, können Partner hier Lösungen erleben – das gesamte Spektrum von der Bar bis zu Mehrzweckhalle, Kino oder Stadion.«
Jede der vier Wände des Raumes zeigt einen anderen Audio-Markt. Unterm ersten Vorhang: das Installationsgeschäft, also kleine, mittlere, große Lautsprecher, die fest verbaut werden, dazu die passenden Sub-Woofer, Zeilen-Lautsprecher, Pendellautsprecher … – eine Fülle von Lösungen, die bald darauf zu hören sind. Matthias Holz wählt sie über sein Tablet an, kombiniert kleine Box mit großem Bass, mixt immer neue Schallquellen. Auch über uns, in einem Deckensegel, können Lautsprecher angesteuert werden. Durch das höhenverstellbare Segel lässt sich der Schall für jede Raumhöhe testen.
Der zweite Vorhang: riesige Lautsprecherkästen bis unter die Decke. »Das hier hören wir in jedem Kino, sehen es dort jedoch nie.« Kino-Betreiber aus ganz Europa testen bei Audio Pro Lautsprechersysteme, um Endstufen passend zum jeweiligen Saal zusammenzustellen. Früher sei man für so einen Test von Kino zu Kino gefahren. Doch da fehle der unmittelbare AB-Vergleich.
Hinterm dritten Vorhang wartet der Portable-Markt: transportable Lautsprecher für DJs, Alleinunterhalter, Bands, vom Hobby- bis zum Profi-Bereich. In diesem Markt gibt es heute nur noch aktive Lautsprecher, also self-powered, für Straßenmusik auch mit Akku. Die meisten Boxen steuert man über App – wie über ein Mischpult.
Sehr große Räume, Nachhallzeit und Sprachverständlichkeit
Krönender Abschluss der Live Stage: Wer Großevents in Stadien oder auf Festival-Wiesen plant, lässt sich ebenfalls hier beraten. In der Demo erlebe ich neueste Set-ups mit riesigen Lautsprecher-Batterien, die unter der Saaldecke angehoben oder abgesenkt werden können. Wieder ein AB-Vergleich: Gitarre, Perkussion, die Stimme eines Sängers setzen nach und nach ein und füllen den Saal glasklar.
Neben tollem Sound sei aber auch die Sprachverständlichkeit wichtig – vor allem bei großen Räumen mit langer Nachhallzeit, so meine Begleiter. Ob die Elbphilharmonie oder das derzeit in Sanierung befindliche Pergamon-Museum – Sonderanfertigungen werden hier insbesondere für Alarmsysteme benötigt. In der Empfangshalle vom Kölner Hauptbahnhof oder in der »Elphi« hängen Zeilenlautsprecher, die ausschließlich für die Sprachalarmierung bestimmt sind.
»Zukünftig will man solche Systeme parallel zu Auracast einsetzen«, so Volker Holtmeyer. Vor allem er ist derzeit vielerorts für Auracast unterwegs. »Bahnhof oder Flughafen will man zum einen optimal mit Lautsprechern beschallen, zusätzlich kommt Auracast für alle, die Hörhilfen oder Earbuds tragen und darüber Ansagen selektiv empfangen können – etwa nur die für das passende Gate.«
Zum Abschluss der Führung der Schulungsraum, in dem Händler neueste Produkte kennenlernen, Verwaltung, Innendienst, Service. Hier werden auch Mischpulte repariert und Lautsprecher-Membranen erneuert. Und im Lager gibt es Pakete bis unter die Decke: Endstufen von Crown, Lautsprecher u. a. von Genelec und JBL und ein Regal für die Ringschleifen-Bänder.
Großes Interesse an Auracast, Testläufe und erste Projekte
Nach der Führung will ich noch mehr zum Thema Auracast erfahren. Da trifft es sich gut, dass heute auch Sam Burkinshaw zu Gast in Heilbronn ist. Er ist Head of Business Development bei Ampetronic, jener Firma, die mit Auri die führende Lösung für Auracast im öffentlichen Raum anbietet. Für Audio Pro – so erfahre ich im Gespräch – hat Auracast strategische Bedeutung: »Das wird ein Game-Changer«, erklärt Matthias Holz.
Vor zwei Jahren auf den Solution Days hatte Audio Pro seinen Partnern Auracast erstmals vorgestellt. »Da kam ein Referent von GN Hearing und hat einen Vortrag gehalten.« Mit GN ist man seitdem in regem Austausch. Erst kürzlich war Volker Holtmeyer wieder in Münster: »Ich habe Auri im GN Connectivity Forum installiert, damit dort auch Hörakustiker das Streaming für den öffentlichen Raum testen können. Und GN hat mir Hörgeräte mitgegeben, damit ich sie in der Laeiszhalle ausprobiere.«
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Die bekannte Hamburger Konzerthalle gehört zur Elbphilharmonie. »Der große Saal ist denkmalgeschützt«, so Volker Holtmeyer. »Dort kann man nicht einfach was an die Wand schrauben. Also haben wir getestet, wo die Streamer positioniert werden können und wie viele man benötigt. Die ersten Tests waren sehr aufschlussreich.«
Beim Testen wird der Auri-Streamer mit einem MP3-Player gespeist. Auch im kleinen Saal der Laeiszhalle hätte alles gut funktioniert, hier würden wahrscheinlich zwei Transmitter benötigt. »Die Umsetzung ist schon sehr konkret«, so Volker Holtmeyer. »Ziemlich sicher in der Spielpause, also Anfang Sommer.«
Meine Gesprächspartner nennen eine Reihe weiterer Locations, die derzeit mit Auracast planen: Die Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe (THOWL) in Lemgo will ihre Hörsäle ausstatten, die Universität Karlsruhe will testen, ebenso der Flughafen München … Großes Interesse an Auracast gibt es auch bei Architekten, die Audio Pro daher demnächst zu einem Event in seinen Showroom nach Berlin einlädt.
Audio-Installation und Hörakustik: »schon eine andere Welt«
Anfragen bekommt Audio Pro derzeit auch von einer anderen Berufsgruppe: den Hörakustikern. »Sie wollen wissen, ob sie bei uns so einen Sender bekommen, und wie sie ihn installieren können«, so Matthias Holz. »Da muss man jedoch differenzieren. Habe ich eine Audio-Anlage und will nur Auri nachrüsten, muss lediglich der Streamer an die Wand geschraubt und über eine Software eingestellt werden. Das ist nicht schwierig. So was kann auch der Haustechniker installieren.«
Ganz anders sei es hingegen bei der Neuinstallation eines Audio-Netzwerks. »Dann geht es um Lautsprecher, Mikrofone, Mischpult inklusive Auri. Solche Aufträge werden ausgeschrieben, und das kann kein Hörakustiker leisten. Die dahinterstehende Technik ist komplex und für Laien ungewohnt. Ein Beispiel: Wir arbeiten nicht mit Klinke. Es gibt einen Phoenix-Stecker, den Standard im Installationsbereich. Das ist sozusagen schon eine andere Welt.«
Aktuell – so meine Gesprächspartner – plane man gemeinsam mit GN Hearing, Akustikern und deren Kunden Möglichkeiten zum Test von Auri zu geben. »Da muss man jedoch berücksichtigen, dass es hier um professionelle Transmitter geht«, so Volker Holtmeyer. »Die decken Räume von 500, 1.000 und mehr Menschen ab. Für den Hausgebrauch bietet GN Hearing den TV-Streamer+; und im Consumer-Bereich gibt es immer mehr Anbieter, die Streamer-Lösungen haben. Der Übergang ist ja irgendwo fließend. Nehme ich eine Sportsbar mit vielen Fernsehern, dann reichen auch Streamer, die 15 Meter weit funken.«
Als Fortsetzung dieses Beitrags haben wir für die kommende Ausgabe Sam Burkishaw, Head of Business Development von Ampetronic, zum Thema Auracast befragt.