DIGITALES MAGAZIN
048 | Juli 2025
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Individualisierung versus Standardisierung 96. Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde

Von Martin Schaarschmidt / Fotos: Schaarschmidt

Individualisierung versus Standardisierung 96. Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde

Wie weit ist die HNO-Heilkunde auf ihrem Weg in eine personalisierte Zukunft der Medizin? Das war eine zentrale Frage der 96. Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals- Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNOKHC), auf der sich Ende Mai mehr als 3.000 Fachbesucher aus 48 Ländern in Frankfurt am Main trafen. »Individualisierung versus Standardisierung« stand als großes Motto über den mehr als 150 Sitzungen des diesjährigen Fachkongresses.

Die Medizin und insbesondere die Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde steht vor vielen technischen, ökonomischen sowie medizinischen Herausforderungen«, so Kongresspräsident Professor Dr. Timo Stöver (Frankfurt) im Vorfeld der dreitägigen Veranstaltung. »Um diese zu bewältigen, ist der gezielte Einsatz der Ressourcen und Möglichkeiten, die die neuen Entwicklungen bieten, notwendig. Die prinzipielle Einstellung, für den behandelten Patienten die optimale Lösung zu finden, steht dabei in einem scheinbaren Widerspruch zum Zwang einer Standardisierung und damit einer Ökonomisierung der Medizin.«

Man bewege sich, so Professor Stöver, im Spannungsfeld von einerseits individuellem Bedarf und andererseits universellem Standard. Aufgabe sei es, die HNO-Medizin zwischen diesen Polen vorteilhaft für die Entwicklung neuer diagnostischer und therapeutischer Verfahren zu positionieren.

KI, Qualitätssicherung, Register und Roboter-Assistenten

Schwerpunktthemen des Kongresses waren etwa Künstliche Intelligenz, KI-basierte diagnostische und therapeutische Verfahren, die Qualitätssicherung sowie Konzeption und Betrieb patientenbezogener Register als eine entscheidende Voraussetzung für »Big Data«. Ebenso ging es um Fortschritte in der roboterassistierten Chirurgie und bahnbrechende Therapien bei Kopf-Hals-Tumoren. 

Betont wurde, dass KI auf Basis umfangreicher und hochwertiger Daten die Entscheidungsfindung von Ärzten wesentlich unterstützen kann. KI-Systeme können Muster in großen Datenmengen erkennen. Dies ermögliche es etwa, noch präzisere Diagnosen zu stellen oder den Verlauf von Erkrankungen noch zuverlässiger vorherzusagen.

Mehr denn je stand das Treffen zudem im Zeichen der interdisziplinären Zusammenarbeit unterschiedlicher medizinischer Fachrichtungen. Beim neuen Kongress-Format »HNO trifft ...« pflegten zwölf eng verbundene Fachdisziplinen den Dialog mit den HNO-Medizinern, unter anderem die Neurochirurgie, die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG), die Radiologie und die Kinderchirurgie.

Roboterunterstützte Cochlea-Implantation, CIVE und CI-Register

Über eine Reihe wichtiger Entwicklungen informierten Experten aus medizinischer Forschung und Klinik bereits vorab auf einer Pressekonferenz. Mehrere Beiträge widmeten sich hier dem Bereich der Cochlea-Implantationen.

So gab Professor Dr. Thomas Klenzner (Düsseldorf) Einblick in die roboterunterstützte Cochlea-Implantation, die einen bedeutenden Fortschritt in der minimal-invasiven CI-Chirurgie markiere. Das innovative Verfahren verspricht eine präzisere und minimal-invasivere Durchführung des Eingriffs, was potenziell zu besseren Ergebnissen für die Patienten führen kann. Neueste Forschungsergebnisse, die im Rahmen des Kongresses präsentiert wurden, unterstreichen das immense Potenzial.

Ebenso Thema war die Frage, wie die Qualität der Versorgung von Menschen mit Hörverlust durch Cochlea-Implantate sichergestellt und weiter verbessert werden kann. Hier informierte Professor Dr. Stefan Dazert (Bochum): Um diese Qualität deutschlandweit zu sichern und kontinuierlich zu verbessern, hat die DGHNO ein Zertifizierungsverfahren für Cochlea-Implantat versorgende Einrichtungen (CIVE) etabliert. Bereits 58 Kliniken sind zertifiziert und folgen einheitlichen Behandlungsstandards basierend auf der Leitlinie und dem Weißbuch zur CI-Versorgung. Ergänzend dazu wurde ein Cochlea-Implantat-Register ins Leben gerufen, das bereits Daten von über 14.000 Implantaten und 12.000 Patienten enthält. Dieses Register ermöglicht die anonyme Erfassung qualitätsrelevanter Informationen und legt das wissenschaftliche Fundament für zukünftige Entwicklungen.

Industrie-Ausstellung: neueste Innovationen aus dem Bereich der Hörimplantate

Neueste Entwicklungen für besseres Hören gab es auch auf der kongressbegleitenden Industrie-Ausstellung, auf der sich unter anderem die drei großen Cochlea-Implantat-Hersteller präsentierten. Thematischer Schwerpunkt bei Advanced Bionics (AB) war neben dem ganzheitlichen digitalen Weg der CI-Versorgung insbesondere die AB ListenFit App, die den Nutzern aus der Ferne die gleiche Versorgungsqualität wie vor Ort ermöglichen soll. Mit vollem Zugriff auf alle Diagnose- und Programmierfunktionen kann der Anpasser die Hörsysteme synchron einstellen und Echtzeit-Rückmeldung über Target CI v1.5 und das Smartphone des CI-Trägers erhalten. 

CI-Nutzer könnten somit aus der Ferne ebenso gut eingestellt werden wie vor Ort in der Klinik oder im Hörakustikfachgeschäft. Audiologe oder Hörakustiker können mit dem Nutzer über die App Fortschritte besprechen. Es können eCAP- und Impedanzen-Messungen durchgeführt sowie neue oder alte Maps vollständig und in Echtzeit programmiert werden. Während der Stimulation kann der Nutzer über die App beobachtet werden. Auch bimodale Hörsysteme lassen sich in derselben Sitzung programmieren. Schließlich kann man den Nutzer die optimale Einstellung bestätigen lassen. Alle Daten werden nur beim Anpasser sowie im Prozessor sicher gespeichert.

Ein thematischer Schwerpunkt am Stand von Cochlear war das lebenslang beste Hören. Unter dem Motto ‚A Lifetime of Hearing Performance‘ betonte der Hersteller, dass der Fokus in der CI-Chirurgie klar auf nachhaltigen Langzeitergebnissen liegen muss. Deshalb sollte der Erhalt der sensiblen cochleären Strukturen ein entscheidender Richtwert für die Hörimplantat-Chirurgie sein. Optimale Voraussetzungen für eine das Innenohr schonende Versorgung bietet Cochlear mit der Nucleus® Slim Modiolar Elektrode (CI632), die in Frankfurt vorgestellt wurde. Als dünnster Elektrodenträger auf dem Markt sorgt CI632 dafür, dass CI-Kandidaten möglichst atraumatisch und nachhaltig versorgt werden. Die Slim Modiolar Elektrode (SME) passt sich der natürlichen Form der Cochlea an und sorgt so für eine stabile Platzierung in der Scala Tympani sowie für den Erhalt der funktionalen Strukturen und der Gesundheit der Cochlea.

Gleichfalls Thema war hier der ganzheitliche, digitale Pfad Cochlear Connected Care. Darüber hinaus präsentierte Cochlear auch den CI-Soundprozessor Cochlear Nucleus 8 sowie die Knochenleitungshörlösung Cochlear Osia. Und nicht zuletzt wurde über die Cochlear Hörlösungs-Studie informiert, mit der der Hersteller aktuell Chancen und Barrieren der CI-Versorgung erkundet.

Hersteller MED-EL lud die Kongressteilnehmer zu einem hochkarätig besetzten Symposium ein, auf dem Klinik-Experten informierten. Themen am Stand waren die präzise prä-operative Diagnostik und Anpassung mit Otoplan und ABF sowie – mit HEARO und OtoDrive – robotische Assistenzsysteme, die den Chirurgen bei der Implantation unterstützen. Weiterhin informierte MED-EL über DEX-EL bzw. dexamethason-beschichtete Elektroden, die den Heilungsprozess beschleunigen, sowie über das total implantierbare Cochlea-Implantat TICI; laut Hersteller befinden sich beide Produkte jetzt in klinischen Zulassungsstudien.

Ebenso Thema: die Einbindung fortschrittlicher KI bei Remote Care und Rehabilitation zur Erleichterung des Zuganges und zur Verbesserung der Hörergebnisse. Zudem informierte MED-EL über eine Technologiepartnerschaft mit Starkey zur bimodalen Konnektivität. Und man kündigte an, dass der CI-Soundprozessor Sonnet 3 »bald noch kleiner und leistungsfähiger« werden wird.

Erlebnisse mit Auracast und Verordnung von Signalanlagen

Zu den auf der Ausstellung vertretenen Herstellern zählte auch Oticon Medical, das mit dem Sentio System eine transkutane Ausführung seines Ponto Systems vorstellte: Versprochen werden »bemerkenswerte Klangqualität und hervorragender Sprachkomfort«. Mit Sentio 1 Mini biete man den kleinsten und leichtesten Hörprozessor auf dem Markt, so der Hersteller.

Neue Hörerlebnisse mit Auracast konnte man am Stand von Humantechnik erleben. (Nach dem Test des »earisMAX« Kopfhörer-Systems bestätigten uns insbesondere CI-Träger neuartige Hörerlebnisse.) 

Weiteres Thema: Humantechnik klärte die HNO-Ärzte zur Verordnung von Signalanlagen für Gehörlose und Schwerhörige auf: Signalanlagen sind Hilfsmittel im Sinne des Hilfsmittelverzeichnisses der Krankenkassen; wenn ein Hörgeschädigter etwa Türklingel oder Rauchwarnmelder nicht sicher wahrnimmt, besteht Leistungspflicht der Kasse. Eine bestehende Versorgung mit Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten macht eine Signalanlage nicht entbehrlich, denn laut Bundessozialgerichtsurteil muss die Erreichbarkeit in der Wohnung auch nachts gegeben sein.