Von Martin Schaarschmidt / Fotos: Schaarschmidt
»Auracast im öffentlichen Raum Erleben«
In der vorhergehenden Ausgabe berichteten wir von einem Besuch im Audio Pro Solution Center in Heilbronn. In Deutschland und Österreich ist der Audio-Distributor exklusiver Partner für den Auri Transmitter, also für jene Lösung, die professionelles Auracast-Streaming im öffentlichen Raum ermöglicht. Vorgestellt wird der Sender derzeit in einem Demo-Komplettpaket zusammen mit Empfängern, die den Empfang auch ohne Auracast-fähige Hörgeräte oder Earbuds ermöglichen. Hergestellt wird Auri von Listen Ampetronic. Während des Besuchs hatten wir Gelegenheit zu nachfolgendem Interview mit Sam Burkishaw, Head of Business Development des britischen Unternehmens Ampetronic.
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Mr. Burkishaw, wie ist der aktuelle Stand bei der Etablierung von Auracast?
Global gesehen gibt es ein riesiges Interesse an Auracast – an der Technologie und an den Anwendungen, die es ermöglicht. Man könnte jedoch sagen, dass sich derzeit einige Märkte als Early Adopters erweisen. In Dänemark und Norwegen wird die Technologie sehr schnell angenommen, ebenso in Australien und auf unserem Heimatmarkt Großbritannien; was teilweise auch mit unseren eigenen Aktivitäten zu tun hat. Ich weiß nicht genau, wie es aktuell in Deutschland aussieht. Aber auf dem Flug hierher stellte ich fest, dass ich meine Earbuds vergessen hatte. Nach der Landung ging ich in einen Elektronikladen auf dem Frankfurter Flughafen und fragte den Verkäufer nach Auracast-fähigen Earbuds. Ich war mir nicht sicher, ob er mit meiner Frage etwas anfangen konnte. Er meinte jedoch: »Oh, davon habe ich schon gehört. Wir hätten diese, diese oder diese.« Für mich war das ein »Wow-Moment«.
Wie steht es mit der Etablierung von Auracast im öffentlichen Raum? Welche Einrichtungen haben daran Interesse?
Wir sehen eine Menge Interesse. Auch wenn wir als Hersteller immer einen Schritt weit weg sind, weil wir über den Vertrieb verkaufen, also über Anbieter wie Audio Pro. Viele Anfragen kommen aus dem Bereich der darstellenden Künste, die meiner Meinung nach längere Zeit wenig in Hörunterstützung investiert haben. Ich denke, die Ursache war, dass sie unter den verfügbaren Technologien keine geeigneten Lösungen gefunden haben, die sich für ein Upgrade der bestehenden Systeme anboten. Aber auch Universitäten sind sehr interessiert. Wir haben Tests in einer Reihe von Universitäten in der ganzen Welt durchgeführt.
Wie ist es mit Auracast auf Bahnhöfen oder auf Flughäfen?
Wir sprechen derzeit mit einigen Flughäfen über Tests. Und wir beginnen aktuell mit einem Test auf dem Bahnhof von Bristol Temple Meads, dem zweitgrößten Bahnhof von Bristol. Hier wird Auri sowohl in der Abfertigungshalle als auch in der Fahrkartenhalle installiert, und wir laden Endverbraucher ein, uns Feedback zu ihren Erfahrungen zu geben. Da wollen wir Informationen zur Nutzbarkeit der Systeme aus Nutzersicht sammeln. Zudem gibt es Auracast schon in mindestens drei Broadway-Theatern, im Opernhaus in Sydney und in einigen Theatern in Großbritannien. An mindestens sechs britischen Universitäten sind bereits Systeme installiert, beispielsweise auch an der Universität Oxford.
Zu lesen war auch von einem großen Theater in Manchester?
Das war das Contact Theatre. Das Projekt haben wir gemeinsam mit GN umgesetzt. Beteiligt war außerdem die Ewing Foundation. Das ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in London, die sich für Inklusion und Teilhabe hörgeschädigter Kinder engagiert. Es gibt aber auch eine Vielzahl kleinerer Theater, die sehr interessiert sind. Haben die Betreiber Auracast erlebt, sagen sie: »Wow, das ist unglaublich, es klingt großartig.« Wenn sie dann noch hören, was es kostet, sagen sie: »Okay, wir müssen das Budget finden.« Letzte Woche hatten wir einen Testlauf im Liverpool Convention Center. Da geht es um einen Veranstaltungsort mit rund 9.000 Plätzen. Im letzten Jahr hatten wir eine Demo. Nun wollten sie Auri bei einer Veranstaltung testen. Also haben wir alles für eine Nacht eingerichtet, den ganzen Raum mit fünf Sendern abgedeckt. Es hat perfekt funktioniert.
Zum Test von Auri gibt es jetzt einen Demo-Koffer …
Der Koffer ermöglicht, dass jeder öffentliches Auracast-Streaming erleben kann. Man hat den Sender. Für den Input gibt es ein Mikrofon zum Sprechen und einen MP3-Player für Sound. In Deutschland demonstrieren die Kollegen auch mit Hörsystemen, die von GN Hearing zur Verfügung gestellt werden. Und dann hat man die Empfänger, die man braucht, wenn man kein eigenes Auracast-fähiges Empfangsgerät hat. An den Empfänger kann man über eine Klinke seinen Kopfhörer oder eine Induktionshalsschleife anbinden. Mit der Schleife bekommt man den Sound in die T-Spule. Werden die Empfänger in die Ladeschalen des Koffers gesetzt, können sie über das Netzwerk ein Firmware-Update erhalten. Abgesehen davon kann man die Empfänger auch so konfigurieren, dass sie auf verschiedene Weise agieren. Will man das Signal zum Beispiel für einen Besprechungsraum verschlüsseln, dann lässt sich das einrichten. Man kann die Verschlüsselung über eine Bibliothek verwalten und jedem Zugang für verschiedene Räume bzw. Streams einräumen. Ebenso können wir konfigurieren, dass sich die Empfänger passend zur jeweiligen Umgebung verhalten.
Inwieweit gibt es Unterschiede zwischen den Hörumgebungen?
Je nach Situation soll es für die Nutzer so einfach wie möglich sein. In Theatern empfehlen wir inzwischen, die Geräte so einzustellen, dass sie sich automatisch mit dem stärksten Signal verbinden, und dass sie sich standardmäßig einschalten, sobald man sie aus dem Koffer nimmt. In einem Kino, in dem zeitversetzt mehrere Filme laufen, ist das nicht die beste Lösung. Kinobetreibern empfehlen wir daher, das automatische Einschalten zu deaktivieren, so dass der Empfänger erst aktiv wird, wenn man einen Kopfhörer oder eine Halsschleife anschließt. Man sagt den Nutzern, sie sollen einfach in den Saal gehen und dort den Kopfhörer oder die Schleife anschließen. Sobald sie dies tun, steht automatisch die Verbindung. Man muss also nicht noch irgendwelche Tasten drücken. Wir stellen fest, dass verschiedene Funktionen, die wir in die Empfänger eingebaut haben, in verschiedenen Umgebungen mehr oder weniger zum Tragen kommen. Sie müssen nicht in jeder Umgebung gleich reagieren. Man kann sie so konfigurieren, dass es dem entspricht, was man für die Endnutzer erreichen will. Man nimmt die Empfänger aus dem Ladegerät, geht in den Veranstaltungssaal, schließt sie an und fertig.
Was ist mit konkurrierenden Auracast-Streams im Raum? Kann der Empfänger die auch empfangen?
Auch das lässt sich konfigurieren. Beim Opernhaus zum Beispiel sind sie gesperrt, so dass Sie nur über die Streams verbunden sind, die dort angeboten werden. Sollte jemand einen zusätzlichen Stream über sein Handy senden, sieht man den nicht mal. Man kann die Bibliothek des Empfängers so konfigurieren, dass sie nur das anzeigt, was angezeigt werden soll. Betritt man den Raum, wird alles, was kein Auri-Sender ist, ignoriert. Alles soll so einfach wie möglich sein.
Und wenn jemand den Saal zwischenzeitlich verlässt?
Für den Fall kann man den Empfänger so konfigurieren, dass er automatisch neu scannt. Man geht zur Pause, trinkt etwas, und wenn man den Saal erneut betritt, wird die Verbindung wieder hergestellt.
Wie wird sichergestellt, dass am Ende einer Veranstaltung jeder seinen Empfänger wieder abgibt?
Die Erwartung ist natürlich, dass jeder das einfach von sich aus macht. Doch die Ladeschalen sind so gebaut, dass man eine Kreditkarte oder einen Lichtbildausweis einstecken kann, die man als Pfand hinterlässt. Das wurde bewusst so gestaltet.
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Mit Auri kommt Auracast erstmals auch in den öffentlichen Raum. Der Vertrieb dieser Lösung erfolgt in Deutschland und Österreich über ihren exklusiven Partner Audio Pro. Wie wichtig ist diese Kooperation für die Etablierung von Auracast?
Diese Zusammenarbeit ist essenziell. Als Technologie ist Auracast wirklich aufregend. Aber es gibt einige Punkte, die berücksichtigt werden müssen, damit der Nutzen für die Anwender sichergestellt ist. Für die Systeme ist auch der passende Input entscheidend. Werden die falschen Mikrofone verwendet, werden sie nicht in das PA-System integriert, dann kann das die Technologie untergraben. Um die Technologie gut an den Markt zu bringen, ist die Zusammenarbeit mit Audio Pro auch deshalb sehr wichtig. Das stellt sicher, dass die Installateure die Systeme gut einsetzen.
Ampetronic engagiert sich seit vielen Jahren bei Hörassistenzsystemen, Sie sind z. B. einer der weltweit führenden Hersteller von Ringschleifen. Zumindest in Deutschland stehen die eher nicht im Fokus von Hörakustikern. Ist das bei Auracast anders?
Da ist tatsächlich interessant, dass wir durch die Einführung von Auracast viel mehr mit Audiologen bzw. Hörakustikern zu tun haben. Ich glaube, sie freuen sich über die neue Funktion, die sie verkaufen können und von der ihre Kunden wirklich profitieren. Das zeigten mir auch ein paar gemeinsame Gespräche, die ich mit GN in Sydney hatte.
Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit GN aus?
Um die Interoperabilität zu testen, arbeiten wir mit GN und einigen anderen Herstellern zusammen. So stellen wir sicher, dass wir bei einem Firmware-Update keine Probleme verursachen. Wir tauschen also unsere Daten aus. Was die Konnektivität aus Sicht der Endnutzer betrifft, so bekommen wir zum kürzlich hinzugefügten Auracast Assist in der GN-App sehr positive Rückmeldungen. Die Nutzer sagen, dass die Konnektivität mit dem Assistenten viel einfacher ist als etwa die Anbindung über ein Samsung-Handy.
Wie schätzen Sie die Situation der Hersteller ein, die bislang noch keine Auracast-fähigen Hörsysteme anbieten? Vor welchen Herausforderungen stehen sie?
Es ist schwierig, für diese Hersteller zu sprechen. Ich denke, es gibt ein überwältigendes Feedback von Endnutzern und von Einrichtungen. Sie wollen diese Technologie unterstützen. Und ich denke, dass das einen Druck erzeugt, Hörgeräte zu aktualisieren oder Auracast in neue Geräte zu integrieren. Natürlich wird es technische Herausforderungen geben, wenn es darum geht, wie man die Akkulaufzeit und die Anbindungsfähigkeit optimieren kann. Und bei allen Herstellern wird die einfache Anbindung mit einem Stream immer wieder Thema sein. Für die Leute soll es so nahtlos wie möglich sein. Sie wollen nicht unbedingt ihr Mobiltelefon als Zwischengerät benutzen.
Mr. Burkishaw, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.