DIGITALES MAGAZIN
050 | September 2025
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»In kleinen Trippelschritten erlernt«

Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt, hörideal

»In kleinen Trippelschritten erlernt«

Im Dezember 2022 eröffnete Carina Matthiesen mit ihrem Mann Sebastian hörideal. Wie aus einem unsicheren Selbständigkeitsgedanken mit einer langen Pro- und Contra-Liste sowie einer langen, Corona geschuldeten, Vorbereitungszeit innerhalb weniger Monate ein toller Betrieb mit zwei Fachgeschäften entsteht – samt Azubis und 3D-Druck. Eine Geschichte aus Leck in Schleswig-Holstein.

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Menschen haben Ideale. Vorstellungen von etwas, das sie als erstrebenswert oder perfekt erachten. Schon die alten Griechen wussten das. Ob in der philosophischen Ästhetik, Ethik oder der Wissenschaftstheorie; das Ideal ist der Inbegriff für Vollkommenheitsmuster. Nicht selten also, dass auch Firmen den Begriff für sich in Anspruch nehmen. So gesehen muss ein Unternehmen, das sich hörideal nennt, etwas anders, etwas mehr machen wollen als der Durchschnitt, oder? Erst recht, wenn man sich in einer 8.000-Einwohner-Gemeinde wie Leck in Nordfriesland ansiedelt. 

Gut, dass ich auf dem Meditrend-Kongress 2024 von Janine Otto schon informiert wurde. Der Betrieb hörideal könnte ganz nach unserem Geschmack sein. Auch passt es gut, dass ich an diesem Märztag gerade aus Flensburg komme, wo ich Julia Popke und Maik Schröder von Gehörwerk mit ihrer Auszubildenden Lotta interviewt hatte (siehe Ausgabe #46). Mit so vielen Überschneidungen, was unsere redaktionellen Vorlieben angeht, habe ich an diesem Nachmittag jedenfalls kaum gerechnet.

Am frühen Nachmittag treffe ich vor einem kleinen, neu errichteten Gesundheitszentrum auf Carina und Sebastian Matthiesen. 2022 gründeten die beiden Jungmitglieder der Meditrend ihren Betrieb. »Natürlich kenne ich Julia. Mit ihr habe ich sogar eine Zeit lang in Flensburg zusammengearbeitet. Das war eine schöne Zeit. Nach Sebastians Studium in Flensburg war für uns aber klar, dass wir wieder nach Nordfriesland zurückwollen«, sagt Carina Matthiesen, nachdem ich von meinem Interview mit Popke und Schröder erzähle.

Ein Schritt, der 2017 auch gelungen ist. Beim Einkaufen traf sie zufällig eine ehemalige Kollegin, die ihr von einer freien Stelle erzählte und zu einem Arbeitsplatzwechsel animierte. »Die Gelegenheit passte perfekt: näher am neuen Wohnort, verbunden mit neuen beruflichen Perspektiven«, so Matthiesen nachdem sie mir die Räumlichkeiten gezeigt hat.

Das Pro und Contra einer Selbständigkeit

Beim neuen Arbeitgeber habe sie dann nicht nur die Filialleitung übernommen, sondern begann auch nebenberuflich ihre Meisterausbildung, die sie 2019 erfolgreich abschloss. »Ich habe mich sehr mit dem Laden und den Kunden identifiziert«, erzählt sie. Diese starke Bindung blieb auch ihrem Partner Sebastian nicht verborgen, der feststellte, dass Carina eigentlich schon wie eine Selbstständige arbeitet. Also sprach er sie irgendwann an, warum sie nicht in die Selbständigkeit gehen will? »›Unabhängig davon, dass am Ende im Optimalfall mehr übrigbleiben könnte, hätte ich mehr Freiheiten‹, argumentierte Sebastian damals. Aber ich hatte mir nie Gedanken gemacht, ob ich selbständig sein möchte«, so Carina Matthiesen.

Gemeinsam begannen sie, eine Pro- und Contra-Liste zu erstellen. Sebastian erinnert sich, dass es einiges an Überzeugungsarbeit brauchte – vor allem, weil er versuchte, die Bedenken abzuschwächen und mögliche Risiken realistisch aber lösungsorientiert zu sehen. »Wir haben das nicht nur aus betriebswirtschaftlicher Sicht betrachtet«, erklärt er. »Es ging um viel mehr – Themen wie Sicherheit, Familienplanung und Freizeit spielten eine große Rolle. Deshalb war auch schnell klar: Das ist ein Schritt, den sie nicht allein gehen muss – ich unterstütze sie dabei.« Dennoch zog sich das mit der Entscheidung weiter in die Länge. 

Denn mit Beginn von Corona haben sie sofort alle Pläne auf Eis gelegt. »Wäre die Pandemie später losgegangen, hätten wir wahrscheinlich damals schon den Schritt gemacht. Dann sagte ich, dann lassen wir das jetzt, auch weil ich in Kurzarbeit kam. Als ich aber merkte, dass unsere Branche anscheinend so relevant ist, dass eine Fortführung der Arbeit möglich war, kamen die Gedanken schnell wieder auf«, fährt Carina Matthiesen fort.

Dass die Eröffnung erst im Dezember 2022 – also fast zwei Jahre später – stattfand, lag vor allem an den vielen Verzögerungen, die sich nach der Pandemie durch sämtliche Bereiche zogen. Dadurch dass sich Genehmigungen verzögerten, Materialen teils fehlten, konnte der Bau des damals neu geplanten Gesundheitszentrums erst im Juni 2022 fertiggestellt werden. Das habe das junge Paar zwar nicht verschreckt, aber durchaus in Bedrängnis gebracht. »Natürlich hatte ich meinem Arbeitgeber noch nicht mitgeteilt, dass ich mit dem Gedanken einer Selbständigkeit spiele. Zu dem Zeitpunkt stand hier nicht einmal ein Stein und daher wusste ich ja auch nicht, wann kündigen. Aber im Dorf spricht sich so etwas schnell herum, weshalb mich die Regionalleiterin irgendwann darauf ansprach«, so Carina Matthiesen mit Blick auf eine etwaige Kündigung. Umso erstaunter und dankbarer sei sie gewesen, als sich ihre Sorgen als unbegründet erwiesen. »Das war eine wahnsinnig tolle Reaktion. Ich bin auf Verständnis gestoßen und durfte bis zum Schluss weiterarbeiten. Das war ein riesiger Vertrauensbeweis«, freut sich Matthiesen heute. So hatte sie die Möglichkeit, mit einem freien Kopf das Geschäft vorzubereiten.

Die Grundlage für die Räumlichkeiten schaffte unter anderem Sebastians Vater, Claus Matthiesen. Als einer der drei Bauträger für das Gesundheitszentrum sah er ein Hörakustikgeschäft als passend an und räumte dem jungen Paar die Möglichkeit ein, sich die Räumlichkeiten selbst einzuteilen. Obwohl sich der Bau immer wieder verschob und erst im Sommer 2022 vollendet werden konnte, ließen beide keine Zeit verstreichen und bereiteten den Businessplan von langer Hand vor. »Der hat wirklich sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Wir haben außerdem mit fast jeder Einkaufsgemeinschaft telefoniert. Wir sind schließlich in der Meditrend gelandet, da deren Unternehmensberater Volker Kossack uns tolle Tipps mit dem Businessplan gab und immer mit Hilfe zur Seite stand«, erzählt Sebastian Matthiesen. Nach den vielen Gesprächen mit den Außendienstlern der Hersteller, der Einrichtung des ERP-Systems sowie den Planungen am Geschäft selbst, entschlossen sich die Matthiesens auf Reisen zu gehen, um sich Ideen für das Geschäft zu holen.

Auf Reisen zum richtigen Skill

Obgleich die Matthiesens eigentlich relativ wenige Verbindungen in die Branche pflegen, fuhren sie unter anderem zu Torsten Knoop nach Kiel. Nach einem kurzen Kontakt über Facebook lud der beide spontan ein, um ihnen Anreize im Hinblick auf Messtechnik und Anpassverfahren zu geben. »Schon früh ist mir aufgefallen, dass mir die bisherige Herangehensweise an die Hörgeräteanpassung oft zu reduziert war. Man machte einen First Fit, stellte ein paar grundlegende Fragen – zu laut, zu leise, zu schrill – und versuchte entsprechend einzustellen – und das war es dann meist. Ein wirklich durchdachtes, systematisches Anpasskonzept fehlte mir bei meiner Arbeit häufig. In meinem Meisterkurs habe ich durch meine Mitschülerin Sarah Grill, die bei Hörstil arbeitet, erfahren dass es wohl auch andere Wege gibt. All das musste ich für mich in kleinen Trippelschritten erlernen«, meint Carina Matthiesen.

Entsprechend hat man nach den Reisen zu Torsten Knoop, Steffen Zestermann von Hörakustik Zestermann in Bad Bramstedt, sowie Hörstil in Erfurt ein Unternehmensauftritt für hörideal erarbeitet. Über ein halbes Jahr führte man weitere Gespräche, wie beispielsweise mit Christoph Stinn von audiosus, um die Customer-Journey für hörideal vorzubereiten. »Endlich habe ich etwas, das sich wie ein roter Faden durch den gesamten Versorgungsprozess zieht – vom Anpassweg über die individuell gestaltete Informationsbroschüre mit eigener Technikstufen- und Preisklasseneinteilung bis hin zu unserem Logo«, freut sich Carina Matthiesen, während Sebastian erklärt: »Wir haben uns ein paar Geschäfte angeschaut und dabei zahlreiche Überlegungen angestellt. In meinem vorherigen Beruf habe ich intensiv mit Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen zusammengearbeitet und dadurch viel Erfahrung im Bereich der Planung und Gestaltung gesammelt. Vielleicht wirkt unser Erscheinungsbild deshalb so professionell. Manche Kunden fragen uns sogar, wo der Hauptstandort unserer Kette ist. Damit hätten wir wirklich nicht gerechnet – aber es zeigt uns, dass wir offenbar einen sehr professionellen Eindruck hinterlassen.«

Sofort nach Start 3D-Druck angeschafft

Trotz eines geglückten Starts Anfang 2023 traten die ersten Stolpersteinchen auf. Carina Matthiesen, die sich sofort auf ihre Arbeit im Anpassraum konzentrieren konnte, fiel es weniger auf als ihrem Mann Sebastian. Die Lieferungen der Otoplastiken verzögerten sich immer wieder. Also fragte Sebastian Matthiesen, ob solche Lieferzeiten üblich seien. »Da ich außer Bestellen nichts anderes kannte, war ich wieder einmal blind. Aber wenn man endlich starten will, dann kann man nicht immer zehn bis 14 Tage auf die Otoplastiken warten. Deswegen meinte Sebastian: Dann schaffen wir eben 3D-Druck an«, so Carina Matthiesen.

Durch den Aufenthalt bei Hörstil sowie die eigenen Erfahrungen im Studium war sich Matthiesen sicher, den Prozess für den 3D-Druck schnell aufbauen zu können. »Ich würde behaupten, dass es ein Skill von mir ist, Prozesse zu überdenken, diese zu automatisieren oder sie halt kürzer zu gestalten. Das fand ich schon im Studium total geil«, so ITler Matthiesen. Der Respekt vor dem Ohr sei zwar groß gewesen, auch da er wenig Ansprechpartner gefunden hätte. Doch dann habe er sich einfach die Testversion von Cyfex geben lassen, viel ausprobiert und sich in Kontakt mit Formlabs gesetzt. »Ich habe einfach mal modelliert und Formlabs gefragt, ob ich denen STL-Dateien schicken darf. Das durfte ich dann auch und schon hielten wir unsere ersten Ausdrucke in der Hand, bei denen wir dachten, cool«, erzählt Matthiesen.

Natürlich habe man wenig Routine und Erfahrung. Dennoch habe sich die Anschaffung für hörideal gleich doppelt ausgezahlt. Denn just in dem Moment, als man den 3D-Druck Prozess aufbaute, entschlossen sich die Matthiesens nach einem Auszubildenden Ausschau zu halten. »Die halbe Nation fahndet nach Azubis und wir haben gleich das Glück. Obwohl wir erst Ende März über Facebook, Instagram und über das Arbeitsamt die Suche starteten, hatten wir mit John gleich im April einen Azubi. Er war sogar schon bei einem anderen Hörakustiker in Hamburg untergekommen, wollte aber schlussendlich lieber bei uns anfangen, da wir den 3D-Drucker hatten«, sagt Carina Matthiesen.

Kurz nachdem man John Rahn eine Wohnung in der Nähe des Betriebes organisieren und ihn die Ausbildung in Lübeck beginnen lassen konnte, kam Carina erneut mit einer alten Arbeitskollegin in Kontakt. In mehreren Gesprächen mit Nane Wölk wurde deutlich, dass diese sich in ihrer aktuellen beruflichen Situation nicht mehr ganz wohlfühlte und sich perspektivisch einen Wechsel vorstellen konnte. »Nane erzählte mir einiges, das mir bekannt vorkam – ähnliche Gedanken, ähnliche Herausforderungen«, erinnert sich Carina. »Und irgendwann stand Sebastian wieder vor mir und fragte, ob wir uns nicht vorstellen könnten, einen zweiten Standort zu eröffnen – mit Nane als Filialleitung.« Was folgte, war eine vertraute Routine: erneut eine Pro-und-Contra-Liste, intensive Überlegungen – und schließlich der nächste mutige Schritt. »Seit 2024 haben wir in Bredstedt in einer ehemaligen Kind Filiale, die seit mehreren Jahren nicht mehr als Hörakustik Fachgeschäft genutzt wurde, einen zweiten Laden«, erzählt Carina Matthiesen selbst ein wenig ungläubig. Denn es geschah, was geschehen musste. Wieder wurde lange abgewogen, wieder hatte man an einigen Stellen Glück und wieder fand man auf Anhieb Bewerber für einen Ausbildungsplatz. So haben die beiden mit Miriam Klukas direkt eine weitere Auszubildende in ihrem Unternehmen. Ihre Begründung: der 3D-Drucker. Soll einer sagen, dass junge Menschen heute keine Ideale haben.