Von Martin Schaarschmidt (Cochlear) / Fotos: Schaarschmidt
»DIESE TECHNIK IST GEIL«
Mit Cochlear Osia, dem ersten aktiven Knochenleitungshörsystem, bietet Cochlear eine neuartige Lösung für Menschen mit Schallleitungsschwerhörigkeit, kombiniertem Hörverlust und einseitiger sensorineuraler Taubheit (SSD). Doch was bringt diese Lösung ihren Trägern konkret? Und welche Vorteile bietet sie im Vergleich zu modernen Hörgeräten? Das und mehr erfuhren wir von Ralf Wennrich, der seit zwei Jahren mit einem Cochlear Osia lebt.
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Herr Wennrich, zum Einstieg sollten wir Sie kurz vorstellen.
Gerne. Ich bin 63 Jahre alt, verheiratet, habe zwei erwachsene Kinder und wohne in einem Dorf bei Braunschweig. Ich war rund 40 Jahre Elektroingenieur bei Siemens. Als ich damals mein Studium beendete, begann man dort mit digitaler Signalverarbeitung im Audio-Frequenzbereich. Das fand ich megaspannend. Ich habe darüber meine Diplomarbeit geschrieben und mich fortan mit Signaltechnik für Züge beschäftigt – als Entwickler, im Vertrieb und als Systemtechniker. Wir haben sozusagen die ganze Welt mit Signaltechnik beliefert. Das bot mir die Chance, auch im Ausland Projekte zu betreuen. Nun bin ich seit zwei Monaten im Vorruhestand, will mehr Fahrrad fahren und spiele Gitarre – nicht gut, aber gerne. Im ehemaligen Spielkeller meiner Kinder habe ich mir ein kleines Heimstudio eingerichtet, nehme Stücke auf oder spiele gemeinsam mit meinem früheren Gitarrenlehrer. Manchmal treten wir auch auf – in einer Kneipe im Nachbardorf.
Waren Sie schon als Kind schwerhörig?
Ja. Schon damals hatte ich rechts ein chronisch entzündetes Mittelohr. Mein Ohr war immer feucht, ich war ständig in ärztlicher Behandlung. Mitunter war das sehr unangenehm. Und es hieß: »Setz dich in der Schule nach vorne!« Meine Eltern wussten also, dass ich auf diesem Ohr schwerhörig bin. Doch in den 1960er Jahren hieß es: »Wenn man mit einem Ohr hört, dann reicht das.«
Wie ist es, mit nur einem Ohr zu hören? Was fehlt einem da?
Man hat kein räumliches Hören. Was das bedeutet, merkst du spätestens in lauter Umgebung. Du weißt nicht mehr, ob Meyer, Müller oder Schulze redet, und verstehst in dem Geräuschgemisch nichts mehr. Oder man spricht dich an, du drehst dich um: keiner da. »Nein, hier bin ich …« So ging mir das ständig. Als ich zwölf war, hat man versucht, mein Mittelohr zu restaurieren. Es war eine relativ große OP, die nicht viel brachte. Mein Ohr suppte weiter. Nach einer zweiten vergeblichen OP akzeptierte ich lange Zeit, wie es war. Bis ich mich 2003 bei einem HNO-Arzt in Amerika vorstellte. Der bekam mein Ohr irgendwie trocken. Und ich trug erstmals ein Hörgerät. Damals gab es die ersten digitalen Geräte, relativ klein und cool. Auf einmal war alles etwas lauter. Ich begriff, dass ich vorher vieles nicht mitbekommen hatte. Fortan bekam ich alle paar Jahre ein neues, immer noch besseres Gerät; irgendwann auch mit Bluetooth.
Hat sich Ihr Hörverlust mit der Zeit verändert?
Bestimmt. In den hohen Frequenzen fehlten mir rechts schon immer 80 bis 90 dB. Bei Sprachtests hatte ich noch 35 Prozent und bei Telefonaten über Bluetooth musste ich mich sehr konzentrieren; es ging nur in leiser Umgebung. Von 2012 bis 2018 betreute ich Projekte in Algerien. Mein Französisch war hinreichend, aber dort sprachen alle ganz anders, manchmal gemischt mit Arabisch und oft durcheinander. Diese lebendige Kommunikation fand ich zwar schön. Aber das Verstehen war extrem anstrengend. Zudem granulierte mein Mittelohr wieder und war feucht – vor allem mit geschlossenem Ohrpassstück. Ein großer Fortschritt war, als ich ein offenes Passstück bekam. Heute denke ich, dass ich mit meinem Hörverlust immer mal aufgefallen bin. Und das nicht nur, weil der Fernseher zu laut war. Saß ich in Meetings, hörte ich auch mit Hörgerät so, als hätte ich einen Helm auf. War eine Sache nun beschlossen worden oder nicht? Im Nachhinein war ich mir da oft nicht sicher. Die Unsicherheit war ständig da. Sie hat mich wohl mehr beeinflusst, als mir bewusst war.
Konnte man Ihr feuchtes Ohr auch riechen?
Aber holla … Vermutlich musste man relativ nah an mich rankommen, um es zu riechen. Dennoch fragt man sich, ob jemand das merkt. In den 1980er Jahren hatte Otto Waalkes einen Witz über Ohrgeruch; da dachte ich: »Das findest du jetzt nicht witzig …« Auch das macht unsicher.
Wann stellten Sie fest, dass Ihnen ein Hörgerät nicht mehr ausreicht?
In Algerien. 2019, nach meiner Rückkehr, wurde nochmals versucht, mein Trommelfell aufzubauen. Um das Ohr zu belüften, bekam ich eine Schiene in die Eustachsche Röhre. Als auch das nichts half, meinte der HNO-Arzt in der Klinik trocken: »Haben Sie schon mal über ein Implantat nachgedacht?«
Hatten Sie?
Nein, ich fiel aus allen Wolken. Er hingegen sagte: »Sie sind mit dem Hörgerät unterversorgt. Das kann man heute besser machen …« Anfangs hatte ich wilde Phantasien: Du bekommst Elektronik in den Kopf; was, wenn die kaputt geht?! Doch dann habe ich mich schlau gemacht und fand es dann nicht mehr so schlimm. Bis zur Entscheidung für die OP habe ich dennoch zwei Jahre gebraucht. Motiviert hat mich vor allem meine Frau, die immer mal sagte, dass ich was tun sollte. Im Beruf fiel mein Hörproblem vermutlich ebenso auf; doch so was ist ja ein bisschen tabu. Nur ein Freund meinte mal: »Sei mir nicht böse; manchmal kommen deine Antworten ziemlich schräg.«
Gab es eine Art Auslöser für die Entscheidung?
Das war ein Test mit dem Baha. Der Arzt gab es mir für zwei Wochen mit, und ich trug es am Stirnband. Damals hatten wir zu Hause eine Feier. Brettlaut in der Bude, doch ich konnte mich plötzlich ganz normal unterhalten. Da stand für mich fest: »Das machst du!«
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Haben Sie vor der OP mal andere Osia-Träger getroffen?
Ja, Elli, meine Hörpatin. Von Cochlear wird man ja sehr gut betreut. Sie schickten mir erst ein Päckchen mit Info-Material und vermittelten mir dann den Kontakt zu Elli. Unser Gespräch war schon ziemlich intim: »Wie reagieren Leute, wenn sie das sehen? Guckt da jeder hin?« Elli hat mir genau erzählt, wie es für sie mit dem Osia ist. Sie hat jede Frage beantwortet, gab mir Tipps und hat zugleich betont: »Mir hat das Osia geholfen. Ob es für dich richtig ist, musst du selbst entscheiden.«
Könnten Sie beschreiben, wie Ihr Implantat funktioniert?
Es gibt einen Wandler; der Schall wird aufgenommen, digital verarbeitet und per Nahfeld induktiv zur Spule unter der Haut übertragen. Dann kommt das auf einen piezoelektrischen Lautsprecher. Liegt eine Wechselspannung an, schwingen die Piezokristalle. Diese Schwingungen bekomme ich über die Schraube auf den Schädelknochen, der sie direkt an die Hörschnecke weiterleitet.
Und können Sie das Implantat von außen tasten?
Probieren Sie‘s doch mal.
(Ich taste.) Wenn ich nicht wüsste, dass da was ist …
Wenn ich den Prozessor nicht dran habe, glaube ich nicht, dass man erkennen kann, wo das Implantat sitzt. Wenn ich Glatze hätte, würde man vielleicht einen winzigen Umriss sehen.
Wie liefen die Voruntersuchung und die OP ab?
Vor der OP hatte ich zwei, drei Termine in der Klinik für Anamnese und Vorgespräch. Und die OP selbst … Ich hatte ja zuvor drei deutlich größere Eingriffe erlebt; bei der ersten OP in den 1970ern bestanden noch erhebliche Risiken. Jetzt hingegen wurde lediglich ein kleines Implantat-Bett unter der Kopfhaut in den Schädelknochen gefräst und eine Schraube gesetzt. Also, gefühlt war das für mich gar keine richtige Ohrenoperation. Ich hatte keinerlei Beschwerden, konnte nach drei Tagen nach Hause und schonte mich noch zwei Wochen. Das hatte mein Arzt so empfohlen: Auch wenn man von der OP nichts merkt, erlebt der Körper sie doch als Stress. Im Kopf ist man anfangs noch ein bisschen matschig.
Wie haben Sie die Erstanpassung des Soundprozessors erlebt?
Das war sechs Wochen nach der OP. Die Mitarbeiter der Audiologie waren sehr pfiffig. Sie haben alles am Rechner eingestellt. Man macht Hörtests und bekommt alles erklärt. Ich bekam einen Rucksack mit Zubehör. Wir haben die Osia-App eingerichtet; alles problemlos. Durch den Test mit dem Baha wusste ich ja schon, was mich beim Hören ungefähr erwartet. Das Osia klingt noch einen Hauch klarer; beim Baha-Test war ja noch meine Kopfhaut zwischen Prozessor und Schädelknochen. Also, der große Schritt war schon der vom Hörgerät zum Baha. Osia ist eine deutliche Nuance besser. Als ich mit dem dann nachmittags im Garten in der Hängematte lag, dachte ich: »Jetzt ist alles super.« Ein Vogel zwitscherte – derart prägnant! Und als ich die Augen aufschlug, saß er tatsächlich da, wo ich ihn gehört hatte. Meine Ohren hatten ihn also geortet! Das war für mich eine Offenbarung.
Wie klingt denn Musik mit dem Osia?
Voller, dynamischer, lebendiger. Wobei das eher so ein feiner, aber entscheidender Unterschied zu früher ist. Ich höre jetzt mehr, dass ich eine gute Gitarre und tolle Verstärker habe. Früher fand ich es lächerlich, wenn solche HiFi-Spezis von der »Blumigkeit in den hohen Frequenzen« schwärmten. Jetzt kriege ich langsam mit, dass es sowas tatsächlich gibt. Mein Implantat ist keine HiFi-Technik. Aber für eine Hörhilfe klingt es wirklich gut. Es macht einen satten Sound und ich komme mit ihm ein ganzes Stück weiter. Diese Technik ist schon geil.
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Erleben Sie heute noch Grenzen beim Verstehen von Sprache?
Ja, ich kann kein Japanisch (lacht). Damals in der Schule konnte ich im Englischunterricht kein »th« von einem »s« unterscheiden. Auch die feinen Endungen im Arabischen bekam ich nie mit. Heute hingegen erlebe ich, dass ich immer noch besser höre. Sicherlich nicht wie ein Normalhörender; aber ich denke heute bestimmt nicht: »Du hast ein Problem.« Ganz im Gegenteil: Wenige Wochen nach der Erstanpassung war ich mit Freunden im Gemeinschaftshaus in der Disco. Die anderen meinten: »Das ist hier so laut; man kann sich nicht unterhalten …« Ich hingegen dachte: »Ach, ihr nicht?« Ich verstand einwandfrei. Aber die anderen sind alle mein Alter. Die haben sicherlich auch einen Hörverlust, nur wollen sie es nicht wahrhaben.
Wie sieht Ihr Alltag mit der Technik aus?
Die macht einfach ihren Job. Normalerweise merke ich gar nicht, dass ich sie dran habe. Ich stand auch schon unter der Dusche: »Ach, das Ding ist noch dran …!« Es ist zum Glück spritzwassergeschützt … Ich lege den Osia morgens an und nehme ihn abends vor dem Schlafen ab. Ist die Batterie leer, habe ich meinen kleinen Behälter mit Ersatzbatterien am Schlüsselbund. Da ich richtig Power brauche, hält eine Batterie so zwei Tage. Sie zu wechseln, ist kein Problem. Und besonders pflegen muss ich den Osia auch nicht. Das war beim Hörgerät anders.
Wie oft muss Ihr System nachgestellt werden?
Das war schon mit der ersten Anpassung super. Später musste etwas nachgestellt werden, weil sich die Haut unter dem Soundprozessor noch leicht verändert hatte; das beeinflusste auch die Übertragung. Also ging ich zu einem Akustiker in Braunschweig, den ich vermutlich etwas genervt habe, bis alles ok war. Ich will eben das Optimum aus der Kiste rausholen.
Wie machen Sie es eigentlich beim Radfahren mit dem Fahrradhelm?
Die Frage hatte mich schon vor der OP beschäftigt. Manche Hersteller passen ihre Helme an – für viel Geld. Aber Elli meinte damals, ich soll es einfach so probieren. Tatsächlich geht das wunderbar: Der Osia passt drunter.
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Nutzen Sie auch die smarte Konnektivität des Osia – also Apps, Soundstreaming oder Wireless-Zubehör?
Auf jeden Fall. Ich bin Apple-Freak, und Telefonate führe ich nur noch über den Osia, das ist konkurrenzlos. Ich muss das Handy dabei nicht mal in die Hand nehmen. Die App nutze ich, um das Streaming zu aktivieren, manchmal auch, um das Programm zu wechseln und ein bisschen herumzuspielen. Musik streame ich nur selten vom Handy; die höre ich vor allem in meinem Heimstudio – mit dem Audio-Transmitter und zusätzlich über Kopfhörer. Als ich das zum ersten Mal probiert habe, hörte ich noch eine kleine Latenz. Doch schon nach einer halben Stunde habe ich die nicht mehr wahrgenommen. Das Gehirn schiebt sich das zurecht. Auch das Mini-Mic habe ich ausprobiert. Das funktioniert. Doch da lege ich oft auch das iPhone auf den Tisch und mache das Mikro an. Dann wird die Sprache ebenso gestreamt. Es ist alles sehr komfortabel. Jetzt warte ich nur noch darauf, dass irgendwann Auracast kommt. Dann ist das Leben perfekt.
Würden Sie sagen, dass sich Ihr Leben durch Osia verändert hat?
Das klingt zwar sehr großartig; aber ich würde das schon sagen. Ich kann wieder richtig hören – auch räumlich, kann einfach mitreden und stehe nicht mehr daneben. Früher wusste jeder, dass man mich immer von links ansprechen muss. Beim Spazieren lief ich rechts, am Tisch saß ich rechts usw. Seit ich Osia habe, ist das vorbei. Darüber bin ich schon glücklich. Inzwischen bin ich selbst Hörpate, stelle Osia anderen vor und beantworte Fragen. Ob sie sich implantieren lassen, müssen sie selbst entscheiden. Mir ist auch nicht wichtig, ob sie Implantat A oder B wählen. Wichtig finde ich nur, dass sie nicht nichts tun; sonst wird es wirklich blöd. Ich habe das früher selbst erlebt – bei meinem Vater, der nie Hörgeräte tragen wollte. In seinen letzten Jahren saß er oft zu Hause, hat gelächelt und sein Bierchen getrunken. Aber unterhalten mit ihm war schwierig.
Herr Wennrich, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.