Von Thomas Sünder / Fotos: Vibrosonic
Vibrosonic – so funktioniert die Hörkontaktlinse
In den letzten Jahren hat mit der so genannten Hörkontaktlinse von Vibrosonic ein neuartiger Ansatz der Hörversorgung für Aufsehen gesorgt. Im Interview mit Geschäftsführer Dominik Kaltenbacher erfahren wir, wie das Verfahren funktioniert und wo die Unterschiede zu klassischen Hörsystemen liegen.
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Herr Kaltenbacher, bitte erläutern Sie unseren Leserinnen und Lesern doch einmal, was die grundsätzliche Idee hinter der Hörkontaktlinse ist.
Mit der Hörkontaktlinse wollen wir die Entwicklung der Hörsysteme noch ein Kapitel weiterschreiben. Wenn man sich so die letzten Jahrzehnte anschaut, kann man aus unserer Sicht zwei wesentliche Trends erkennen. Der eine ist, dass die die Elektronik immer kleiner und leistungsfähiger wird. Der zweite Trend ist, dass der Lautsprecher oder der Receiver immer näher ans Trommelfell rückt. Diese Lücke schließen wir nun komplett, indem wir den Lautsprecher in Form einer Membran direkt aufs Trommelfell aufsetzen.
Welche Vorteile bringt das Ihrer Meinung nach mit sich?
Das eine ist, dass wir das Luftvolumen zwischen Receiver und Trommelfell eliminieren können. Luft ist tendenziell ein schlechter Schallüberträger, gerade bei hohen Verstärkungen gibt es dann Verzerrungen oder auch Reflexionen im Gehörgang – der Klangeindruck wird klarer und direkter. Der zweite Punkt ist, dass wir durch den mechanischen Kontakt die volle Bandbreite übertragen können. Das heißt, wir können sowohl die Bässe als auch hohe Frequenzen bei einer nahezu flachen Übertragungskurve aufs Trommelfell übertragen. Dadurch ergibt sich ein viel natürlicheres Klangspektrum. Es klingt ausgewogener und satter.
Bis zu welcher Frequenzhöhe ist die Übertragung möglich?
Bei Hörgeräten ist es ja meistens limitiert, bis maximal 10 kHz. Zumindest theoretisch. Messungen zeigen, dass das in der Realität meistens nicht komplett ankommt in den Höhen. Bei unserem System erreichen wir derzeit zehn bis 12 kHz, die wir im Gegensatz zu den meisten Hörgeräten voll ausschöpfen. Theoretisch wäre auch die Übertragung bis 16 kHz möglich. Die Höhe wird aktuell nicht limitiert durch die Hörkontaktlinse, sondern durch die Technik, die hinter dem Ohr sitzt.
Das bedeutet, hinter dem Ohr sitzt ein Empfänger, der einem RIC-System ähnelt. Wie unterscheidet sich der von einem normalen Hörgerät, oder basiert er auf der Chipplattform eines bekannten Herstellers?
Der Klangprozessor ist vergleichbar mit einer konventionellen digitalen Klangverarbeitung. Wir haben also Zugriff auf frequenzselektive Verstärkung und Kompression. Den Chipsatz dafür haben wir von einem unabhängigen Lieferanten zugekauft, und auf dieser Plattform haben wir die Elektronik selbst entwickelt.
Bietet Ihre Plattform Features wie Beamforming oder Störgeräuschunterdrückung?
Wir haben zwei Mikrofone verbaut, so dass man auf jeder Seite mit deren Richtwirkung arbeiten kann. Was es aktuell noch nicht gibt, ist eine binaurale Kommunikation. Momentan verwenden wir noch die Firmware des Lieferanten, aber wir arbeiten an einer eigenen Firmware, die uns das Einbringen von Features erlauben wird. Aktuell passen wir auch noch kabelgebunden per Hi-Pro an, doch künftige Geräte werden wir auch eine Bluetooth-Schnittstelle haben. Wir befinden uns noch in einer Phase, in der wir Daten und Erfahrungen sammeln. Komplexere Features wollen wir nach und nach implementieren. Was uns motiviert, ist, dass die Träger auch ohne solche Features bereits extrem zufrieden sind mit Klangqualität und Sprachverstehen. Das sind oft erfahrene Hörgeräteträger, von denen die meisten die Hörkontaktlinse als deutliche Verbesserung erleben.
Besitzen die Prozessoren wiederaufladbare Akkus?
Aktuell noch nicht, aber für zukünftige Modelle haben wir das eingeplant.
Schauen wir uns die Hörkontaktlinse selbst genauer an. Wie wird sie angepasst und auf dem Trommelfell befestigt?
Erst einmal scannen wir das Trommelfell der Kunden. Die Hörkontaktlinse wird dann passgenau per 3D-Druck angefertigt, inklusive der natürlichen Wölbung des Trommelfells. Für die Haftung sorgt ein Tropfen medizinisches Öl. Das reicht, damit die Linse durch die Adhäsionskräfte hält. Einmal eingesetzt, kann sie für drei Monate im Gehörgang bleiben.
Wie wird die Hörkontaktlinse von dem Prozessor am Ohr angeregt?
Vom Prozessor führt ein Kabel in den Gehörgang. Dort befindet sich ein Gehörgangsmodul, das offen gebaut ist und, wie die Hörkontaktlinse, im Ohr verbleibt. Die Position kann man sich ähnlich vorstellen wie beim Phonak Lyric. Bloß dass die Kontaktlinse dahinter komplett auf dem Trommelfell aufliegt. Das Kabel vom Prozessor wird magnetisch an das Gehörgangsmodul angehängt und kann jederzeit wieder abgezogen werden. So können die Träger die Geräte an den Ohren bequem abnehmen und wieder anlegen, egal ob zum Schlafen oder Duschen.
Apropos Dusche: Kann die Hörkontaktlinse auch beim Schwimmen im Ohr bleiben?
Die Linse ist komplett wasserdicht und auch stabil gegenüber Spritzwasser beim Duschen. Wir empfehlen fürs Schwimmen aber zur Sicherheit, einen Schwimmgehörschutz zu tragen.
Sie sagten, dass das Modul im Ohr offen gebaut ist. Welche Auswirkung hat das auf die Rückkopplungsneigung der Geräte?
Dadurch, dass die Hörkontaktlinse direkt aufliegt, ist die Ankopplung ans Trommelfell viel effizienter als bei herkömmlichen Hörgeräten. Es wird kein Schall reflektiert und wenig nach außen abgestrahlt. Deshalb stellen Rückkopplungen kein großes Problem dar.
Aktuell wird die Hörkontaktlinse ausschließlich von HNO-Ärzten ins Ohr gebracht. Wo können Kunden das durchführen lassen?
Aktuell bieten wir das an den Standorten Tübingen, München, Oldenburg und Mannheim an. Das hat aktuell noch den Charakter einer Studie mit Pilotkunden, die einfach neugierig sind und auf der Suche nach einer klanglich idealen Lösung.
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Wäre es denkbar, dass Hörakustiker in Zukunft per Fortbildung dazu kommen könnten, Hörkontaktlinsen bei ihren Kunden anzulegen?
Auf absehbare Zeit sehen wir das bei den HNO-Ärzten. Das Aufsetzen der Linse erfordert ein hochwertiges HNO-Mikroskop und Erfahrung mit der Behandlung des Trommelfells, vergleichbar mit dem Setzen von Paukenröhrchen. Ich will das aber nicht auf alle Ewigkeit ausschließen. Es gäbe Möglichkeiten, den Einsatzprozess durch zusätzliche Tools einfacher zu gestalten.
Gehen Sie damit also in direkte Konkurrenz zu Hörakustikern und etablierten Hörgeräteherstellern?
Nein, das sehen wir nicht so. Ich denke da eher an einen Vergleich zur CI-Versorgung. Diese werden ja auch in einer Klinik eingesetzt, während die Kunden anschließend in vielen Fällen beim Hörakustiker betreut und angepasst werden. So könnte das Einsetzen unserer Hörkontaktlinse beim HNO-Arzt erfolgen, und die Anpassung wird dann beim Hörakustiker durchgeführt. Auch die Hörscreenings und Auswahlprozesse sind etwas, das im Hörakustikfachgeschäft durchgeführt werden kann.
Wo soll die Reise für Vibrosonic in Zukunft hingehen?
Aktuell möchten wir erst einmal die Versorgungsprozesse etablieren, in Zusammenarbeit mit den HNO-Ärzten und den Hörakustikern. Den gesamten Prozess vom Hörscreening, über die Anpassung bis hin zum regelmäßigen Austausch der Hörkontaktlinse möchten wir stabil abbilden. Wenn das der Fall ist, dürfte ungefähr zeitgleich die nächste Generation der Klangprozessoren zum Einsatz kommen. Dann möchten wir das in Deutschland auf breitere Beine stellen mit einer offiziellen Markteinführung. Wir werden dann zukünftig zwei Produktlinien verfolgen. Die eine nennen wir Performance Linie, das ist die mit dem Prozessor hinter dem Ohr. Den werden wir zunehmend mit mehr Features, Bluetooth und Akku ausstatten. Und dann wird es noch die Invisible Linie geben, bei der alles komplett im Gehörgang sitzt, vergleichbar zu einem CIC. Mit diesen beiden Produkten im Portfolio wollen wir dann international expandieren. Bisher haben wir eine Zulassung für Europa, aber dann wollen wir natürlich nach und nach die Märkte weltweit erschließen.
Herr Kaltenbacher, vielen Dank für das Gespräch.