DIGITALES MAGAZIN
051 | Oktober 2025
15/30

Thomas Stevermüer und Adem Aydin stellen die Kooperation der earcademy und den RatingHeroes vor

Von Jan-Fabio La Malfa / Foto: OMNIdirekt, RatingHeroes, oton

»Die Unverbindlichkeit ist  heute einfach extrem hoch«

Die earcademy bietet nicht erst seit diesem Jahr eine Quereinstiegsausbildung an. Nun ist sie mit der Online-Marketingagentur RatingHeroes eine Kooperation eingegangen, um die Mitgliedsbetriebe mit vorqualifizierten Servicekräften zu unterstützen. Wir sprachen mit Thomas Stevermüer,  Leitung earcademy, sowie dem Geschäftsführer und  Gründer der RatingHeroes Adem Aydin.

Herr Aydin, Sie sind Geschäftsführer der RatingHeroes. Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Agentur?

Aydin: Wir sind eine zwei Jahre alte Online-Marketingagentur, die auf den Bereich Social Media spezialisiert ist. Das mit dem Ziel, die Arbeitgebermarke zu stärken, insbesondere wenn es um Mitarbeitergewinnung geht.

Wer sind Ihre Auftraggeber?

Aydin: Die Unternehmen selbst. In Ihrem Fall wäre das das Hörakustikunternehmen La Malfa, das Schwierigkeiten hat, Mitarbeiter zu finden. Entsprechend schauen wir uns Ihr Unternehmen einmal genauer an. Wie viele Leute sind bei Ihnen angestellt? Wie sind Ihre Mitarbeiter so drauf? Welche Benefits hat Ihr Unternehmen und wie hebt es sich vom Markt ab? Wenn das geklärt ist, erfolgt der nächste Schritt, indem wir klassische Textstellenanzeigen, die man auch von Karriereseiten und Jobportalen kennt, in ein Video- und Bildformat umwandeln, um es Social-Media-tauglich zu machen.

Herr Stevermüer, wie sind Sie auf die RatingHeroes aufmerksam geworden?

Stevermüer: Ich selbst gar nicht. Der Kontakt entstand ursprünglich durch Elena Moschoudis, Inhaberin von OTON Die Hörakustiker in Hamburg-Wellingsbüttel. Aber nicht nur sie arbeitete mit den RatingHeroes. Auch andere Betriebe machten dort gute Erfahrungen, sodass in der Folge Andreas Roberg von den RatingHeroes erfuhr. Nach ein paar Gesprächen mit Adem entstand die Überlegung, eine Kooperation einzugehen.

Mit welchem Ziel?

Aydin: Die Kooperation, die wir gerade auf den Weg bringen, soll insbesondere Quereinsteiger ansprechen. Ähnlich wie bei unserem Standardprodukt, das Fachkräfte ansprechen soll, nutzen wir hierfür unser RatingHeroes-Recruiting-System. Durch das Umwandeln von Textstellenanzeigen in ein Videoformat erhalten wir Sichtbarkeit in den sozialen Medien und somit einen vereinfachten Bewerbungsprozess.

Weshalb?

Aydin: Weil kein Lebenslauf bzw. Anschreiben mehr notwendig ist. Kein Mensch macht das heute mehr, gerade Quereinsteiger.

Sie meinen, dass eine Bewerbung im klassischen Sinne heute nicht mehr den Zahn der Zeit trifft?

Aydin: Richtig, man sieht es doch in Amerika: Alle großen und geilen Karrieren der letzten Jahre sind aus Quereinstiegen hervorgegangen, da sie es einfach draufhaben. Auch wenn früher alle stumpf drauf bestanden haben, dass man ein Blatt Papier braucht, auf dem festgehalten wurde, dass eine Ausbildung oder ein Studium gewünscht wird – heute interessiert nur, was Sie umsetzen können. Entsprechend denken wir, dass Unternehmen mittlerweile verstehen, dass man für Quereinsteiger ein offenes Ohr haben muss. Denn faktisch gesehen herrscht ein Fachkräftemangel, den wir nicht mehr so einfach wegzaubern können.

Bei wem und wie bewerben sich diese Quereinsteiger?

Aydin: Direkt beim Betrieb. Wir funken nicht dazwischen und vermarkten quasi die Partnerbetriebe direkt. Wir tauchen nicht einmal mit unserem Namen auf. Der Clou ist nun, dass sofort vorqualifizierte Bewerber zur Verfügung stehen.

Was heißt vorqualifizierte Bewerber?

Stevermüer: Sofern ein Bewerber Interesse hat, in der Akustik zu arbeiten, meldet er sich bei den RatingHeroes. Die vermitteln diesen wiederum an die earcademy. Dort durchläuft er eine erste Qualifizierung, die den Einstieg in die Branche erleichtert. Unser Ziel ist es, Menschen mit Interesse an Hörakustik gezielt zu fördern und ihnen eine fundierte Grundlage zu bieten.

Wie bereitet Ihre »Ausbildung« Quereinsteiger konkret auf die Arbeit im Hörakustikbetrieb vor?

Stevermüer: Die Ausbildung ist praxisnah und vermittelt grundlegende Kompetenzen für die Tätigkeit im Hörakustikbetrieb.

Was wäre der Unterschied zum Hörberater?

Stevermüer: Es gibt keinen. Entscheidend ist, dass die Person im Betrieb sinnvoll eingesetzt werden kann – unabhängig von der Bezeichnung. Es geht darum, Menschen mit Interesse an Hörakustik gezielt zu qualifizieren und sie Schritt für Schritt in die Aufgaben des Berufs einzuführen.

Mit welchem Ziel? Was soll der Quereinsteiger im Geschäft machen?

Stevermüer: Ziel ist es, die Teilnehmenden an den alltäglichen Workflow im Fachgeschäft heranzuführen. Wir beginnen mit den Grundlagen der Hörakustik – etwa dem Aufbau des Ohres und der Funktionsweise des Hörorgans – und schaffen damit eine solide Basis für erste Kundenkontakte.

Soll der Quereinsteiger so etwas wie eine Abformung machen?

Stevermüer: Nein, solche Tätigkeiten sind nicht Bestandteil der ersten Ausbildungsstufe. Wir konzentrieren uns auf die Vermittlung von Basiswissen und einfachen Serviceaufgaben.

Die Basis entspricht also dem klassischen Service?    

Stevermüer: Ja, genau. Der Einstieg kann flexibel und ortsunabhängig absolviert werden. Sie richtet sich besonders an Menschen in beruflicher Neuorientierung.

Was macht der Bewerber nach dem Absolvieren der Vorqualifizierung?

Aydin: Diese Kandidaten werden in der Folge an Betriebe vermittelt. Vorausgesetzt, sie haben sich zuvor in unserem Programm registriert. Sobald aber ein Betrieb für einen Kandidaten Interesse zeigt, vermitteln wir ihn dorthin weiter. Aktuell sind wir noch zu viert. Wir haben aber schon ein zweites Büro in der Spaldingstraße  in Hamburg aufgebaut und werden jetzt in den nächsten zwei bis drei Monaten auf sechs bis sieben Leute anwachsen.

Das muss doch aber regional abhängig sein. Jemand, der in Hamburg wohnt, wird wohl kein Interesse haben, nach München zu ziehen, oder?

Aydin: Genau so sieht es aus. Deswegen sind wir gerade dabei, mehrere regionale Pools aufzubauen.

Mit wie vielen Betrieben in der Hörakustik arbeiten Sie bereits zusammen?

Aydin: Mit Ausnahme der oton-Betriebe aktuell mit keinem. Auch sollte erwähnt sein, dass selbst diese Betriebe noch nicht aktiv in dem neu angedachten Programm registriert sind. Doch wir konnten bereits zwei Personen, die an dem Programm teilgenommen haben, auf diese Weise vorqualifizieren. Eine Dame beispielsweise haben wir vor zwei Monaten erfolgreich vermittelt. Sie macht jetzt schon eine hervorragende Arbeit im Betrieb. Entsprechend wird sie für die anderen beiden Module auch wieder an die earcademy zurückkehren.

Stevermüer: Genau darin besteht das Agreement, sowohl für den Betrieb als auch für die Person. Denn beide haben das Interesse, nicht auf der Stelle zu treten, sondern nach Möglichkeit das Fachgeschäft von Beginn an zu unterstützen. 

Ist die Teilnahme an den Folgekursen verpflichtend?

Stevermüer: Nein. Es gibt Betriebe, die bewusst entscheiden, dass ein Quereinsteiger bestimmte Tätigkeiten nicht übernehmen soll. Dann endet die Ausbildung beispielsweise nach dem Modul, das einfache Reparaturen und Servicearbeiten umfasst. Ziel ist es, den Meister bei der Vorbereitung auf Kundentermine zu unterstützen.

Entsprechend macht man die weiteren Kurse wofür?

Stevermüer: Man vertieft die erlernten Kenntnisse. Wer motiviert ist und sich weiterentwickeln möchte, kann hier zusätzliche Kompetenzen erwerben. Die Inhalte sind praxisorientiert und bereiten auf die »Standard-Anpassung« vor – keine Sonderfälle und unter fachlicher Aufsicht.

Ziel ist also schon, die Leute in die Anpassung zu bringen …

Stevermüer: Ja, absolut. Schließlich gibt es nun mal den Fachkräftemangel. Es gibt die benötigten Gesellen und Meister einfach nicht. Das wird in den nächsten Jahren aufgrund des demografischen Wandels auch nicht besser werden. Es wird Kundenströme in die Fachgeschäfte geben, die wir mit dem aktuellen Personal nicht bewerkstelligen können abzuarbeiten.

Umso mehr bin ich doch erstaunt, wie Betriebe manchmal vorangehen.

Stevermüer: Sie wissen selbst, dass das noch nicht in allen Köpfen angekommen ist. Aber wir versuchen als Hörakustiknetzwerk oton & friends natürlich mit gutem Beispiel voranzugehen. Fortbildung ist für uns ein zentraler Bestandteil – nicht nur intern, sondern auch als Impuls für die gesamte Branche. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Unterstützung von Quereinsteiger:innen, die wir gezielt fördern und begleiten.

Aydin: Da hat Thomas recht. Den Leuten ist bewusst, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren entweder die Fachgeschäfte leer sein werden oder es Betriebe geben wird, die mit der Arbeit einfach gar nicht mehr hinterherkommen werden. Uns und unseren Partnern ist das mittlerweile sehr bewusst. Entsprechend aktiv tun die auch schon etwas dagegen.

Dennoch werden Sie ebenso auf Hindernisse stoßen, oder nicht?

Aydin: Selbstverständlich. Die größte Hürde besteht aus meiner Sicht in der Bereitschaft, immer wieder neue Wege gehen zu müssen. Damit tun sich viele schwer, auch unsere Partner. Gern wollen sie ein attraktiver Arbeitgeber sein, bieten aber beispielsweise immer noch Obstkörbe an. Eine Red Flag für mich. Wenn aber der Vorschlag eines Health- oder Wellpass kommt, werden viele Argumente vorgeschoben, warum das im Augenblick nicht geht. Gleiches gilt für das Azubi-Thema.

Ist denn ihrer persönlichen Erfahrungen nach am Ende eine Ausbildung nicht doch das Beste?

Aydin: Jein, es hängt von der Strategie ab. Für Unternehmen, die langfristig mit Fachkräften arbeiten wollen, macht das durchaus Sinn. Langfristige Bindungen im Unternehmen fördern zudem die Unternehmenskultur. Über Ausbildungen lässt sich das sehr gut erreichen, auch, da ich direkt wieder Nachwuchs im Betrieb habe. Es gibt aber wiederum Unternehmen, die ständig neues Personal wollen, um einfach frischen Wind reinbringen.

Warum legen Ihrer Erfahrung nach immer mehr junge Menschen weniger Wert auf eine Ausbildung?

Aydin: Aus meiner Sicht ist die Unverbindlichkeit bei der jungen Generation einfach extrem hoch.

Warum?

Aydin: Weil die Aufmerksamkeitsspanne der derzeitigen Jugend extrem gering ist. Sie sind schnell begeisterungsfähig und wollen sehr viele Sachen schnell ausprobieren, wissen aber nicht konkret, ob das auch wirklich etwas für die Zukunft ist.

In anderen Worten: Wo ich mir früher jede Info zusammensuchen musste, um etwas zu erfahren, werden die Leute heute so mit Informationen zugemüllt, dass sie nicht mehr in der Lage sind zu differenzieren?

Aydin: Absolut richtig. Ich glaube, da hat sich einfach die ganze Dynamik verändert. Früher war es etwas Besonderes, sich auf einen Job zu bewerben – ich erinnere mich noch, wie ich meine erste Bewerbung persönlich abgegeben habe: Fotos machen, am Computer eine Bewerbungsmappe erstellen, hinfahren, das richtige Outfit wählen. Heute läuft das viel schneller und einfacher ab, teilweise mit Unterstützung von Tools wie ChatGPT. Und genau das ist der Punkt: Die Unternehmen müssen sich darauf einstellen. Die junge Generation hat andere Gewohnheiten und andere Erwartungen – und das ist nicht unbedingt schlechter, sondern einfach anders. Wenn jemand sagt »Bewerbungsgespräch klingt cool, aber nächste Woche passt’s nicht, da habe ich schon was vor«, dann ist das ein Hinweis für uns als Arbeitgeber, flexiblere Prozesse zu schaffen. Wir müssen attraktiver und anpassungsfähiger werden, um die Talente wirklich abzuholen. Es geht nicht darum, mangelnde Wertschätzung zu kritisieren, sondern zu verstehen, dass Wertschätzung heute auf eine andere Art gezeigt wird.

Eine letzte Frage: Wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, RatingHeroes zu gründen?

Aydin: Ich war zuvor ebenso in einer Marketingagentur angestellt und leitete dort eine Abteilung. In der Zeit wurde ich immer wieder mit dem Thema konfrontiert. Nicht während der Arbeit, sondern eher privat. Also habe ich mir irgendwann Gedanken gemacht, ob man nicht diese zwei Themen miteinander verknüpfen kann.

Meine Herren, haben sie vielen Dank für das Gespräch.