DIGITALES MAGAZIN
052 | November 2025
19/30

Selbsthilfetage des DSB – Auracast für alle!

Von Martin Schaarschmidt / Fotos: Schaarschmidt

Selbsthilfetage des DSB – Auracast für alle!

»Hörlösungen ermöglichen mehr Hören – inklusive Kultur und individuelle Teilhabe«, lautete das Motto der diesjährigen Selbsthilfetage des Deutschen Schwerhörigenbundes e. V. (DSB), die Ende September in Chemnitz stattfanden. Mehrere hundert Besucher – Interessenten aus der Region und Vertreter der Schwerhörigen-Selbsthilfe aus ganz Deutschland – kamen in die diesjährige Kulturhauptstadt Europas. Die Veranstaltung, die unter Schirmherrschaft des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer stand, bot reichlich Gelegenheit zu Information und Austausch; kultureller Höhepunkt war ein Benefizkonzert mit hörgeschädigten Künstlern. Im Fokus des Treffens standen auch neueste Trends der Hörtechnik – hier vor allem die Vernetzung mit Auracast.

Dass hörgeschädigte Menschen uneingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben haben, ist keinesfalls selbstverständlich. Zentrales Anliegen der DSB-Selbsthilfetage ist es, über neueste Ansätze beim Abbau von Hörbarrieren zu informieren. »Der DSB macht mit der Veranstaltung deutlich, dass Hörbeeinträchtigte über Technik, Kommunikation und kreative Angebote Zugang zu Kultur und sozialem Leben erhalten können«, so die offizielle Pressemitteilung. »Kunstgenuss, Erfahrungsaustausch und die Präsentation innovativer Hörtechnik stehen für Teilhabe und Wertschätzung. Die Selbsthilfetage leisten einen wichtigen Beitrag zur inklusiven Gesellschaft und bieten Raum für Austausch, Beratung und innovative Lösungsansätze.«

Neueste technologische Ansätze gab es am ersten Veranstaltungstag: Nach der Eröffnung durch DSB-Präsident Dr. Matthias Müller konnte ein umfangreiches Programm aus Fachvorträgen und Workshops besucht werden. Auf einer Fachausstellung präsentierten sich Hersteller audiologischer Lösungen, Hörakustik-Unternehmen und weitere Anbieter. Und vor allem ein Technik-Trend schien allgegenwärtig: Auracast. Über den wird in der Hörgeschädigten-Selbsthilfe schon länger diskutiert; es gibt großes Interesse, Fragen und Unsicherheiten. Da passte es gut, dass die Organisatoren der Veranstaltung einer Reihe namhafter Anbieter ein Podium boten.

Induktive Höranlagen oder Auracast? »Niemand wird die Zeit zurückdrehen können«

Einen vollen Tag lang bot der Workshop »Auracast für alle« Raum für das aktuelle Thema. »Alt gegen neu oder Induktive Höranlagen versus Auracast - Wer hat wann die Nase vorn?«, fragte etwa Stefan Lenke, Sales Manager von Audioropa (Humantechnik), der »mit einigen Märchen« aufräumen wollte – etwa mit der Behauptung, dass induktive Höranlagen meist problemlos funktionieren. 

Einschränkungen bei deren Nutzung – so der Referent - seien keinesfalls die Ausnahme. So hänge die Qualität der Übertragung etwa schon davon ab, ob ein Nutzer innerhalb der Schleife steht oder sitzt. Mitunter klängen Ringschleifen ziemlich dumpf, es fehlten Teile der hohen Frequenzen. Es gäbe Herausforderungen bei Installation und Pflege der Anlagen sowie in technischer Hinsicht – etwa bei der Entwicklung neuer Hörsysteme. So brauche eine T-Spule nicht nur zusätzlich Platz, sondern auch eine bestimmte Ausrichtung. Zudem könne die Spule die digitale Signalverarbeitung des Systems beeinflussen.

Sehr differenziert verglich Stefan Lenke die fast 90 Jahre alte Technologie mit den Möglichkeiten von Bluetooth LE Audio und Auracast. Bei der Entwicklung des neuen Bluetooth sei die Hörgeräteindustrie zwar ein Treiber gewesen, doch anders als die Ringschleife sei Auracast eben nicht nur für Hörgeräte bestimmt – sondern für alle. Vorteile seien etwa die schnelle und kostengünstige Installation sowie die recht einfache Nachrüstbarkeit, die Nutzbarkeit innen und außen, sowohl stehend als auch sitzend, auch für große Flächen. Die Nutzbarkeit mehrerer Audiokanäle und das hoch entwickelte Antennendesign seien gleichfalls von Vorteil. Sicher gäbe es bei Auracast auch noch Reserven, etwa die Störungsanfälligkeit durch andere Geräte im Raum. Auch der Vorbehalt der Latenz sei in speziellen Fällen relevant. Latenzprobleme gäbe es jedoch – mit zunehmender Entfernung von der Schallquelle - auch bei Ringschleifen. 

Der Referent schloss mit einem Appell: Auracast sei die Zukunft. Niemand wird die Zeit zurückdrehen können; vielmehr sei es wichtig, sich differenziert mit der neuen Technologie auseinanderzusetzen. Zwar sei wahrscheinlich, dass es noch fünf bis zehn Jahre brauche, bis wirklich alle Auracast nutzen können; doch für die meisten Nutzer sei der Standard viel früher verfügbar: Schätzungen besagen, dass alle seit 2024 hergestellten Hörsysteme bereits Upgrade-fähig sind. In der Schweiz geht man sogar davon aus, dass schon 2026 60 Prozent aller Hörsysteme Auracast-fähig sein werden – oft durch einfache Software-Upgrades.

Auracast und ein »Henne-Ei-Problem« – dennoch stetig mehr Nutzbarkeit auch in Deutschland

Dem Vortrag von Stefan Lenke folgten eine Reihe weiterer hochkarätiger Vertreter der »Auracast-Szene«. So beschrieb Volker Holtmeyer, Applikationsingenieur der Firma Audio Pro, Herausforderungen bei der Etablierung der neuen Vernetzung: Durch die Notwendigkeit von kompatiblen Sendern und Empfängern gäbe es ein »Henne-Ei-Problem«, vor dem viele Anbieter aktuell stünden: Die Technologie ist verfügbar, kann jedoch erst perspektivisch überall genutzt werden … Dass die Nutzbarkeit stetig steigt, daran ließ auch Volker Holtmeyer keinen Zweifel: Nicht nur international gibt es zahlreiche Beispiele für Auracast im öffentlichen Raum – etwa das Opernhaus in Sydney. Auch in Deutschland nimmt die Technologie weiter Fahrt auf. Anbieter Audio Pro hat Auracast gerade in der Berliner Philharmonie realisiert.

Warum dauert die Etablierung von Auracast so lang? Macht es Sinn, dass die Selbsthilfe bereits auf öffentliche Einrichtungen zugeht, um über Auracast zu informieren? Ist es möglich, Auracast zu erleben, wenn mein Hörgerät noch nicht kompatibel ist? Auf viele Publikumsfragen gab es profunde Antwort. Und Auracast ausprobieren konnte man gleich vor Ort. Alle Vorträge wurden auch als Auracast-Streams angeboten. Wer noch keine Auracast-fähigen Hörsysteme (oder Kopfhörer) hatte, konnte sich mit kleinen Taschen-Empfängern und Halsringschleifen behelfen.

Wenn man erfahren wollte, mit welchen Hörgeräten Auracast jetzt schon empfangen werden kann, war man beim Vortrag von Markus Hottenroth genau richtig: »Hörgeräte für jedes Hörbedürfnis – mit modernster Konnektivität«, lautete der Beitrag des GN Vertriebsaudiologen beim Workshop »Neuheiten, Tipps und Trends der Hörgeräte-Hersteller«. 

Neueste Hörsysteme von GN – Auracast ab der Mittelklasse sowie auch im Super-Power-Bereich

Ein Schwerpunkt des Vortrags von Markus Hottenroth: ReSound Enzo IA, das kleinste wiederaufladbare Super-Power-Hörsystem der Welt, das GN erst vor wenigen Wochen eingeführt hatte. Maßgabe der Entwickler: Es sollen sämtliche Aspekte berücksichtigt werden, die für Menschen mit starkem bis hochgradigem Hörverlust die größte Bedeutung haben.

ReSound Enzo IA nutzt GNs spezialisierten 360 Chip, der Umgebungsgeräusche in Echtzeit verarbeitet, um verschiedene akustische Umgebungen zu klassifizieren, sich automatisch anzupassen und so das jeweils beste Hörerlebnis zu bieten. In lauten Umgebungen hebt Clear Focus, der schmalste Beamformer der Hörsystemeindustrie (Groth & Cui, 2024), die Sprache im Vordergrund hervor und eliminiert Ablenkungen, was eine signifikante Verbesserung des Signal-Rausch-Verhältnisses (SNR) um 2,7 dB im Vergleich zu älteren Geräten bietet und beim Hören in Lärm zu einer Präferenz von 93 % der Super-Power-Nutzer für ReSound Enzo IA führt (Jespersen & Skovlund, 2025). Daneben profitieren Nutzer von ganztägiger Akkulaufzeit sowie – erstmals im Super-Power-Bereich – von Auracast.

Auf großes Interesse stießen zudem auch zwei weitere Auracast-fähige Neuheiten: Beim ReSound Vivia, dem weltweit kleinsten Hörsystem mit Künstlicher Intelligenz (KI), filtert ein zweiter, zusätzlicher Chip mit Deep Neural Network (DNN) Sprache aus störendem Lärm; höchste Effizienz ermöglicht trotz besonders kleiner Bauform ganztägige Akkuleistung. Vernetzung mit Auracast gibt es zudem mit ReSound Savi erstmals schon ab der Mittelklasse; das System verfügt darüber hinaus über eine Reihe echter Premium-Features. Für alle drei Hörsysteme bietet GN Auracast-fähiges Zubehör. Und für alle drei kann der neue Auracast Assistant in der Smart 3D App die Auswahl von Auracast-Streams erleichtern.

Neuer Standard überwindet Herausforderungen – ReSound und Cochlear informierten gemeinsam

Nur konsequent war es, dass GN auch beim Workshop »Auracast für alle« vertreten war. Hier informierte Markus Hottenroth über Herausforderungen bisheriger Bluetooth-Hörsysteme und über die Vorteile eines neuen, standardisierten Profils (HAP) mit verbesserter Soundqualität, mehr Energieeffizienz, verlässlicher Kompatibilität und besserer Zugänglichkeit. Für all das stünde der neue Standard mit Auracast – auch mit Blick auf die Vernetzung im öffentlichen Raum.

Der Vertriebsaudiologe verwies auf klare Nutzervorteile, die viele ReSound Hörsysteme bereits bieten. Ob iOS oder Android - mit dem Auracast Assistant der Smart 3D App findet man vorhandene Auracast-Streams und startet sie per Fingertipp; der Sound wird dann direkt in die Hörsysteme übertragen. Ebenso lässt sich der Sound von TV-Streamer+ oder MultiMic+ über die App teilen – falls gewünscht passwortgeschützt.

Ergänzt wurden die Ausführungen durch Willy Mattheus, Clinical Technical Specialist von Cochlear Deutschland. Als strategische Partner innerhalb der Smart Hearing Alliance traten Cochlear und ReSound beim Selbsthilfetag Seite an Seite auf. Willy Mattheus beschrieb nicht nur, welche vielfältigen Optionen für smarte Vernetzungen Hörimplantate von Cochlear heute schon bieten. Vielmehr sei auch Cochlear bereit für die vernetzte Zukunft. Neueste implantierbare Hörlösungen wie die CI-Soundprozessoren Cochlear Nucleus 8 und Cochlear Kanso 3 sind bereits »Bluetooth LE Audio ready«.

Besucherstimmen zum Thema Auracast: »Das geht in die richtige Richtung«

Auracast beim DSB-Selbsthilfetag? »Ich halte Auracast seit längerem für eine zukunftsträchtige Technik, die die Induktion sicher ablösen wird«, erklärte uns Susanne Schmidt beim abschließenden Stimmenfang. Als Vorsitzende des DSB Nordrhein-Westfalen sowie als Geschäftsführerin des Deutschen Hörverbands (DHV) sieht sich Susanne Schmidt immer wieder mit Anfragen zum Thema Auracast konfrontiert. »Dennoch war ich lange skeptisch. Meine Sorge war immer, wie es über den Zeitraum aussieht, in dem die Leute noch keine Auracast-fähigen Hörgeräte haben. Jetzt weiß ich jedoch, dass es auch dafür Lösungen gibt. Man kann Empfänger verteilen, mit denen man Auracast über eine Halsringschleife auch induktiv empfangen kann. Wenn mich zum Beispiel Bauherren fragen, ob sie noch eine Ringschleife einbauen müssen, muss ich ihnen das mit meinem heutigen Wissen nicht mehr unbedingt empfehlen. Natürlich ist dann jedoch wichtig, dass sie für den Übergang solche Empfänger bereitstellen, und dass diese gut gewartet und für alle zugänglich sind. Und man sollte nicht so tun, als ob Auracast immer störungsfrei ist. Und wir müssen auf die Hersteller einwirken, dass die Latenz auch mit Zusatzempfängern so gering wie möglich ist. Hörgeschädigte nutzen drahtlose Übertragungsanlagen nicht nur bei Vorträgen, sondern auch im Dialog; dabei ist eine Verzögerung des Gehörten besonders unangenehm. Da wird es sicherlich noch Optimierungen geben.«

Frank Holländer von der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) Frankfurt (Oder) verriet uns, dass er Auracast nun auf kommunaler Ebene vorstellen wird: »Unsere Stadt ist gerade dabei, ein früheres Lichtspieltheater nach jahrelangem Leerstand in eine Begegnungsstätte umzubauen. Zukünftig soll es hier Kulturveranstaltungen geben. Alles soll barrierefrei sein. Also hat uns die Stadt gefragt, was wir Hörgeschädigte an Unterstützung benötigen. Neben der Ringschleife, FM und Wireless-LAN hatten wir auch Auracast genannt, wussten jedoch wenig darüber. Heute habe ich wichtige Informationen bekommen, die ich nach Frankfurt mitnehme. Auracast scheint auch für mich die Zukunft zu sein. Mich freut sehr, dass es auch Empfänger gibt, mit denen T-Spulen-Träger Auracast nutzen können. Das geht in die richtige Richtung.«

Zufriedenheit gab es auch auf Seiten der Aussteller und Referenten: »Wir hatten viele gute Gespräche – sowohl mit regionalen Akustikern als auch mit Endverbrauchern«, so GN Account Manager Martin Brückner. »Viele waren aus Selbsthilfegruppen – aus dem Umland und aus ganz Deutschland, etwa aus Erlangen, Frankfurt (Main), Düsseldorf oder Hamburg. Und die Leute fanden es toll, dass bei uns am Stand neben Cochlea-Implantaten auch Hörsysteme präsent waren.«

»Ob bei den Vorträgen oder am Stand, es gab zahlreiche Fragen«, bestätigte Kollege Marcus Hottenroth. »An ReSound Enzo IA interessierte nicht allein Auracast, sondern auch die 28 Stunden Akku-Laufzeit oder die T-Spule. Auch ReSound Vivia, ReSound Savi und der TV-Streamer+ interessierten – etwa die Richtwirkung des Intelligent Focus, die kleine Bauform und die austauschbaren Mikrofonfilter. Wir konnten das technische Verständnis der Leute schärfen, und das gemeinsam mit unserem Partner Cochlear. Und den Besuchern gefiel, dass man Auracast testen konnte. Eine Besucherin kam extra zum Stand, um ihre ReSound Hörsysteme mit dem Auri-Sender zu verbinden. Nach meinem Vortrag meinte sie, so gut hätte sie noch nie über eine Anlage verstanden.«