Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: OMNIdirekt, Mierau Hörsysteme
»Das hat sich voll ausgezahlt«
Über eine Jobbörse gelang es Mierau Hörsysteme, innerhalb eines Tages 19 Jugendliche für die Hörakustikerausbildung zu interessieren. Drei unterschrieben einen Ausbildungsvertrag im Betrieb, andere Interessenten wurden an kleinere Akustikbetriebe weitergereicht. Wie es dazu kam? Wir haben den Betrieb besucht.
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Dass sich die Branche seit einigen Jahren mit sinkenden Ausbildungszahlen konfrontiert sieht, ist kein Geheimnis. Der biha zufolge ist die Zahl der Ausbildungsneuverträge zwischen 2018 und 2023 um 32 Prozent gesunken. Die Situation ist angespannt. Unklar, wie sie sich dauerhaft wieder ändern lässt. Die demografische Entwicklung dürfte sich mittelfristig höchstens durch Zuwanderung beeinflussen lassen.
Mal davon abgesehen, inwieweit effizientere Prozesse in den Betrieben für so viel Entlastung sorgen können, dass sie bei steigenden Kundenzahlen diese Arbeitskräftepotenziale auffangen könnten – mindestens genauso wichtig ist doch die Frage, wie man um die wenigen ausbildungsbereiten Jugendlichen selbst wirbt. Entsprechend kann man sehen, wie sich Betriebe, Verbände oder Gemeinschaften um Azubis bemühen. Hier ein Beispiel, das sich im Sommer herumsprach und zeigt, dass es manchmal gar nicht so viele Stellschrauben braucht, um ans Ziel zu gelangen.
Nachdem das Verbundgruppentrio aus HÖREX, MediTrend und BestAkustik im Frühjahr über ihre Ausbildungskampagne »I doubt it« informiert hatte, folgte im Juni eine Pressemitteilung der BestAkustik, die aufhorchen ließ. Demnach zählte der HÖREX-Mitgliedsbetrieb Mierau Hörsysteme nach seinem Auftritt bei einer Jobbörse gleich 19 Interessenten. Und weil man nicht alle potenziellen Bewerber habe übernehmen können, habe man die übrigen an andere Einzelkämpferbetriebe in der Region weitergereicht. Wow! Was war da los?
Nach einer unkomplizierten Terminabstimmung mache ich mich Ende Juli auf in den Münchner Westen nach Gräfelfing. Dort wollen Sarah und ihre Mutter Silke Mierau mich in einem ihrer drei Fachgeschäfte empfangen und über ihre Erfahrungen auf Jobbörsen sprechen. Ebenfalls mit dabei: ihre Auszubildenden Sophie von Praun, Dren Bardiqi und Said Vehabović.
Ohne Azubis ging es nicht
»Unseren ersten Auszubildenden überhaupt hatten wir eineinhalb Jahre nach der Betriebsgründung. Damals sind wir vom ersten Stock ins Erdgeschoss gezogen. Die Tür ging so oft auf und zu, dass ich nicht mehr in Ruhe arbeiten konnte«, berichtet Silke Mierau. Seit dem bildet man aus.
Was 1996 noch aus Kostenerwägungen heraus geschah, da man nicht wusste, ob man sich überhaupt einen Gesellen würde leisten können, sei im Verlauf der Jahre zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Der Münchner Raum ist eben schon lange kein preiswertes Pflaster. Ohne die Hilfe all der Auszubildenden in den Jahren, sagt Betriebsgründerin Silke Mierau, wäre es nicht so einfach gewesen, drei Filialen aufzubauen. »Damals hatte ich noch Zeit, und wir haben auch jedes Jahr ausgebildet. Teils waren da Phasen, in denen wir gleichzeitig vier Auszubildende hatten und nicht einmal alle übernehmen konnten. Und viele, nicht alle, sind danach auch geblieben. Das hat sich aber extrem gewandelt«, so die Seniorchefin, die die Geschäftsführung des 1994 gegründeten Betriebes mittlerweile an ihre Tochter Sarah übergeben hat.
Geplant war die Betriebsübergabe übrigens nie. »Da wir unseren Kindern nie gesagt haben, dass sie in unsere Fußstapfen treten sollen, war die Überraschung groß. Aber nun ist Sarah da«, sagt Silke Mierau, bevor sie das Wort an ihre Tochter übergibt.
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Generationenwechsel und verstärkter Fokus auf die Ausbildung
Sarah Mierau hatte eigentlich andere Pläne. Viele Jahre war sie international in der Modebranche unterwegs. »Ich habe immer laut gerufen, dass ich niemals in der Hörakustik auftauchen werde. Aber nach sieben Jahren war ich an dem Punkt, dass ich meine alte Branche als seelenlos empfand«, so Sarah Mierau. Da sie nicht das Gefühl gehabt hatte, dort irgendetwas zu bewegen, entschloss sie sich 2017, die Hörakustikerausbildung nachzuholen. Allerdings nicht in Lübeck. »Da mein Freund und ich damals in London lebten, war klar, dass in Großbritannien ein Geselle nichts zählt. Wenn, dann muss ich also so schnell wie nur möglich Meisterin wer-den. Und das habe ich auch nach zweieinhalb Jahren in Innsbruck mit ›sehr gut‹ geschafft«, erzählt Mierau, die 2022 die Geschäftsleitung übernahm und sich seither intensiv mit Ausbildung beschäftigt.
Den Anstoß, vermehrt Jobbörsen aufzusuchen, gab letztlich ihre Schwester. Obwohl man stets Stellenausschreibungen inseriert, sich beim Arbeitsamt gemeldet, aber auch andere Aktionen gefahren habe, sei die Ausbildungsfrage so prekär geworden, dass der Schuh zu drücken begann. »In den letzten Jahren hatten wir Glück, wenn wir eine Bewerbung und im Anschluss danach vielleicht noch einen Auszubildenden bekommen haben. Jakob Stephan Baschab hatte auf der biha-Roadshow vollkommen recht. Wenn wir nicht etwas tun und alle zusammenarbeiten, stehen wir irgendwann ganz ohne Gesellen da. So gesehen haben wir seinen Tipp, den eigenen Kundenstamm mal anzuschreiben, um nach Hilfe zu bitten, einfach mal ausprobiert. Und das hat sich voll ausgezahlt. Auf diese Weise haben wir Sophie gefunden«, erzählt Sarah Mierau.
»Naja, nicht ganz. Ich hatte mich bereits aus dem Urlaub heraus hier beworben, bevor mir mein Bruder euer Schreiben zeigte. Das war echt lustig, aber tatsächlich ein riesiger Zufall. Letztlich gecatcht hat mich dann das, was du im Bewerbungsgespräch und am Schnuppertag erzählt hast«, sagt Sophie von Praun. »Im Gegensatz zu anderen Schnuppertagen war das eine komplett andere Atmosphäre, insbesondere das Zwischenmenschliche passte. Bei euch hatte man echt das Gefühl, dass auf einen eingegangen wird«, so die ehemalige Studentin.
Ähnliches bestätigen die beiden anderen Auszubildenden, insbesondere Said Vehabović. Der 15-Jährige, der erst seit knapp vier Jahren in Deutschland wohnt, hatte eigentlich klare Ausbildungsvorstellungen. Er wollte seinen Eltern nacheifern. »Mein Vater hat mir von klein auf erzählt, dass Arbeit gut ist. Also wollte auch ich arbeiten, am liebsten handwerklich. Da mein Vater Anlagenmechaniker ist, meine Mutter Bürofachangestellte, wollte ich eigentlich in eine dieser Richtungen gehen. Aber dann hatten wir Besuch von jemandem von der IHK, der uns in der Schule aufklärte«, erzählt Said Vehabović. Also fing er an, Jobbörsen zu besuchen.
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Bei den Jobbörsen
Bei seinem ersten Jobbörsenbesuch kam er zufällig auch mit der Hörakustik in Kontakt. An einem Stand von Hörgeräte Seifert habe er zahlreiche Informationen erhalten, die ihm sehr gut gefallen hätten. Die technischen, aber auch handwerklichen Aspekte, gepaart mit der Aussicht, vom ersten Tag an Geld verdienen zu können, hätten ihn sogar dazu animiert, den Eltern von dem Beruf zu erzählen. »Der einzige Grund, weshalb meine Mutter nicht wollte, dass ich Hörakustiker werde, ist Lübeck. Die Berufsschule ist so weit weg. Deswegen bin ich mit ihr auf die Münchner Jobmesse gegangen. Dort habe ich Sarah und Dren kennengelernt. Und die haben das so super gemacht, dass beide meiner Mutter die Angst nehmen konnten«, erzählt Said Vehabović.
Gewusst wie
Dren Bardiqi schmunzelt. Nicht nur, dass das sein erster Auftritt auf Seiten eines Ausstellers war und er sich damals im ersten Lehrjahr befand. Er war auch selbst gerade einmal in Lübeck. Dennoch nimmt Sarah Mierau ihn einfach mit zur Jobbörse. »Ich glaube, meine Mutter hätte ähnlich reagiert. Wenn sie durch meine Hörgeräte, die ich seit Kindertagen trage, selbst nicht gesehen hätte, welche Arbeit hinter diesem Job steckt – ich bin mir nicht sicher, ob sie mich nach Lübeck gelassen hätte. Doch ich konnte das nicht nur an dem Tag voller Überzeugung sagen. Das ist in Lübeck schon eine besondere Atmosphäre, und ich konnte dort schnell viele Freundschaften schließen«, erzählt Dren Bardiqi. Sarah Mierau, die zwar ebenso bestätigt, dass viele Ausbildungsinteressenten wegen Lübeck zögerten, fügt hinzu: »Die Entscheidung, Dren mitzunehmen, war aber auch Konsequenz dessen, dass unser erster Jobbörsenauftritt in einer Realschule überhaupt nicht gut lief. Wir waren nicht darauf vorbereitet, dass auch Unternehmen wie Lufthansa, Bosch oder Airbus mit riesigen Ständen vor Ort sein würden. Daher war klar, dass sich unser Auftritt komplett ändern musste, wenn wir irgendwie eine Chance haben wollten, wahrgenommen zu werden.«
Entsprechend besorgte Sarah Mierau für die Münchner Jobbörse nicht nur Flyer und Poster, sondern lieh sich auch das »große Besteck« von der HÖREX aus. »Wir sind da morgens mit dieser fast sechs Meter großen, leuchtend pinken Messewand nahezu als Erste aufgetaucht. Dazu Poster, ein großer Tisch, Salziges, Getränke und vieles mehr«, so Mierau. Ausgestattet mit glitzernden Ohrpassstücken, leuchtendem Gehörschutz oder einem Silk versuchte man dann einfach, Präsenz zu zeigen, um anschließend im Gespräch mit Interessenten die Vorteile des Berufes herauszustellen, zum Beispiel 3D-Druck. »Natürlich konnten wir das nur über einen Bildschirm darstellen. Dennoch haben wir geschaut, dass die Jugendlichen sofort ein Gefühl für den Job bekommen. Deswegen haben wir dort auch unter Anleitung gezeigt, wie ein Ohrabdruck genommen wird«, so Sarah Mierau.
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Die ständigen Aktivitäten am Stand hätten in der Folge für so viel Aufmerksamkeit gesorgt, dass sich selbst Aussteller vom Nachbarstand über die Arbeitszeiten eines Akustikers informierten – trotz 36 Grad und CSD. »Über den Tag hinweg waren dort gewiss mehr als 400 Messebesucher. Bei uns sammelten sich so viele Leute an, dass ich teils gar nicht mehr wusste, wo ich anfangen soll. Wie erkläre ich jemandem am besten den Beruf? Wie schaffe ich es, die Person nicht abzuschrecken, sobald ich darauf hinweise, dass die Schule in Lübeck ist?«, berichtet Dren Bardiqi. Von München aus sind das immerhin rund 850 Kilometer. »Am Ende habe ich einfach alles erzählt, was ich in dem einen Jahr in Lübeck so lernen konnte.«
Plötzlich konnte man wieder aus Bewerbern auswählen
Letztlich seien nach einem Tag voller Gespräche 16 Interessenten samt Kontaktdaten zusammengekommen. Drei weitere Interessenten meldeten sich sogar noch im Nachgang. Also machte man sich Gedanken, wen man zum Schnuppertag einladen könnte. »Unser dritter Azubi Demba Sako, der heute leider nicht dabei sein kann, erzählte uns nach dem Schnuppertag, dass er Fußball in der Bayernliga spielt und viermal in der Woche trainiert«, so Sarah Mierau. Durch seine möglichen Aufenthalte in Lübeck befürchtete Demba Sako, seinen Stammplatz zu verlieren, und zögerte mit der Zusage. Dennoch suchte er anschließend das Gespräch mit dem Trainer – und das in dem Wissen, dass es vermeintlich bessere Bewerber gab. »Auch wenn mit den Noten noch Luft nach oben ist – seine nette, offene Art passt einfach zu uns, und er hat alle sofort begeistert. Über die Jobbörse haben wir einen Mathelehrer kennengelernt, der ihm ein wenig helfen soll. Das ist etwas, wo wir alle künftig mehr investieren und umdenken müssen, glaube ich. Wir sollten froh sein um jeden, der in der Branche aktiv sein will, und nicht ständig in Konkurrenz denken – zumindest wir kleinen Akustiker«, sagt Sarah Mierau zum Schluss.