Von Dennis Kraus / Fotos: OMNIdirekt
Zum 13. Mal heißt es beim Oticon Symposium »Zukunft. Mensch & Audiologie«. Erneut gelingt es dem Hersteller, unter diesem Motto kurz vor Beginn der Weihnachtszeit zahlreiche Branchenakteure in Hamburg zu versammeln. Das abermals top besetzte Tagesprogramm konnte einige Akzente setzen. Abends wurde gefeiert.

Die Begrüßung übernimmt traditionsgemäß Torben Lindø. Der Geschäftsführer der Oticon GmbH steht auf der Bühne im großen Saal des Curio-Hauses in Hamburg-Rotherbaum und heißt die etwa 250 Gäste willkommen. In den Tag starten werde man mit zwei audiologisch-wissenschaftlichen Vorträgen, so Lindø. Nach dem Mittagessen werde es dann etwas weltlicher, bleibe aber praxisrelevant. Dann ergänzt er: »Ebenso gehört es zum Konzept, dass wir nicht über Produkte sprechen. Aber ich erlaube mir dennoch zu sagen, dass das Wort ›zielführend‹ (bei Oticon schreibt man es wahrscheinlich ›zealführend‹, Anm. d. Red.) in den letzten Wochen für uns eine neue Bedeutung bekommen hat.« Viele Gäste lachen. Dann überlässt er die Bühne Jan Balmes und Sebastian Rählmann, den audiologischen Leitern und »Shooting Stars« der Oticon GmbH. Die Leitung Audiologie wird also auch durch dieses 13. Symposium führen.
Die beiden verkünden sogleich eine Neuigkeit. So hat man die Möglichkeit, die Vorträge samt präsentierter Klangbeispiele und weiterer Einspieler per Auracast streamen zu können. Wer Auracast-fähige Hörgeräte trägt, kann hier heute also in den Genuss direkter Übertragung kommen.
Verstärkung ans Ohr, aber richtig
Den Auftakt des Vortragsprogramms gibt Dr. Florian Denk. Er studierte Physik und technische Physik an der Universität Oldenburg, wo er auch promovierte. Heute ist er am Deutschen Hörgeräte Institut in Lübeck tätig, wo er den Bereich Forschung und Studien leitet. Die Deutsche Gesellschaft für Akustik hat ihm in diesem Jahr den Lothar-Cremer-Preis verliehen. Seinen Vortrag hat er mit »Verstärkung ans Ohr, aber richtig« überschrieben.
Er werde über »Interessantes zu unserer Forschung aus den letzten Jahren« sprechen und dabei verschiedene Themen anreißen, eröffnet Denk. Zunächst geht er auf die Nachteile von Hörgeräten ein, die Menschen ohne oder mit geringem Hörverlust erleben könnten. Setzen diese sich Hörgeräte ein, die das Signal nicht weiter verstärken, könne sich deren Wahrnehmungsschwelle beziehungsweise die Sprachverständlichkeit auch bei einer geschlossenen Ankopplung verschlechtern. »Man muss also erst einmal einen gewissen Hörverlust haben, damit Hörgeräte einen Vorteil bringen können«, sagt Florian Denk. Hearables mit transparenter Hörfunktion, einem größeren Lautsprecher und größerer Bandbreite, die weniger Verzerrungen erzeugen, schneiden hier übrigens besser ab, so Denk.
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Dann leitet er auf das Thema akustische Ankopplung über, das für ihn »alles andere als abgeschlossen« ist. »Wenn Hörgeräte immer leistungsfähiger werden, muss der Schall ja auch ans Ohr kommen«, sagt Florian Denk. Die Bedeutung der Otoplastik nimmt also eher noch zu. Dem gegenüber stehen bekanntlich die Wahrnehmung der eigenen Stimme und der Kompromiss, den man mit einem Vent eingeht. Es braucht also neue Ideen.
Eine könnte eine tief hinter dem zweiten Knick sitzende, kurze Otoplastik sein, so Denk. Im knöchernen Teil des Gehörgangs wäre sie so von den Vibrationen im vorderen Gehörgang besser entkoppelt. »Mit guten Otoplastiken gibt es eben Möglichkeiten, die Schirmchen nicht bieten können. Für mich ist das eine Lebensversicherung des Gesundheitshandwerks«, sagt Florian Denk.
Eine weitere Möglichkeit, Schall noch besser ans Ohr zu bekommen, wären breitbandigere Hörer beziehungsweise Lautsprecher. Jedoch stoße man hier schnell an die Grenzen der Physik. Darum habe er sich auch schon mit einer anderen Methode der Stimulation beschäftigt: Licht. Dafür bringt man auf dem Trommelfell ein bestimmtes Material auf, das per Laserpointer in Schwingungen versetzt wird, erklärt Florian Denk. Die Forschung habe bereits gezeigt, dass sich so eine »sehr breitbandige Anregung« erzeugen lasse. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Methode je Einzug in die Hörgerätetechnologie halten werde, schätzt er derzeit jedoch auf vielleicht zehn Prozent. Das Mittel der Wahl wird also weiterhin die Otoplastik sein.
Hirnstammantworten für individuellere Anpassungen
Auf Florian Denk folgt Dr. Florine Bachmann. Die Schweizerin ist in Eriksholm am Oticon-eigenen Forschungszentrum tätig. Ihr Studium der Psychologie mit dem Schwerpunkt auditive kognitive Neurowissenschaft absolvierte sie an der Universität Zürich, promoviert hat sie an der Technischen Universität Dänemark. Im Curio-Haus spricht sie über »Hirnstammantworten zu laufender Sprache und ihr Potenzial zur Verbesserung von Hörgeräten«.
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In ihrer Forschung, berichtet Florine Bachmann, geht es unter anderem um das Messen späterer sowie früher Hirnantworten auf natürliche Sprache mithilfe der Elektroenzephalographie. Konkret werden dabei sogenannte frühe akustisch evozierte Potenziale, kurz FAEP, gemessen. »FAEP sind eine neurale Aktivität beziehungsweise eine Reizverarbeitung«, erklärt sie. Sie zeigen, welches Signal überhaupt im Gehirn ankommt. Vergleiche zwischen den frühen und den späteren Hirnantworten könnten nun da-rüber Aufschluss geben, was bei der Sprachverarbeitung wo im Gehirn geschieht. »Das würde uns bessere Möglichkeiten geben, optimal intervenieren zu können für die bestmögliche Rehabilitation«, sagt Bachmann. Bis das in der Praxis ankommt, werde allerdings noch Zeit vergehen. »Wir sind mit unseren Forschungsprojekten fünf bis zehn Jahre vor einem Produkt«, sagt Florine Bachmann. Sollte es aber alltagstauglich werden, werde man »noch individuellere Anpassungen« machen können.
Service kann auch begeistern
Nach der Mittagspause steht Armin Nagel vor den Gästen. Der »Service Comedian« werde mit seinem »mobilisierenden Beitrag einen besonderen Blick in die Welt des Kundenservice geben«, sagt Sebastian Rählmann in seiner Anmoderation. Verbindet Armin Nagel doch »professionelle Service Expertise mit preisgekröntem Humor«. Sein Credo: »Service funktioniert nicht nur, er kann auch begeistern.«
Was dann folgt, lässt sich als heiteren Ritt durch lustige wie erkenntnisbringende Beispiele für gelungenen oder misslungenen Service sowie Marketing-Aktionen beschreiben. Bereichert wird der Vortrag außerdem davon, dass Nagel eine »artistische Ausbildung in einer Zirkusschule« gemacht hat, wie er erzählt. Er ist also auch um die eine oder andere kleine artistische Nummer nicht verlegen.
Im Zentrum stehen bei ihm aber die Menschen. Kunden wollen transparente, partnerschaftliche Kommunikationen auf Augenhöhe, sagt er. Zudem »sollten wir uns immer die Frage stellen, wo unser Service spielerischer oder emotionaler sein könnte«, so Nagel. Ebenso sollte man die Freude an dem, was man tut, spürbar machen. Und, natürlich, das Wertschätzen – sowohl der Kunden als auch der Mitarbeiterschaft ist das nicht zu vernachlässigen. Nicht schaden können dabei auch Komplimente. »Die Komplimente-Kompetenz ist in Deutschland nicht besonders ausgeprägt«, sagt er. Und eines noch: »Bleiben Sie immer ein bisschen näher am Menschen als an der Zahl.«
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Der Kopf entscheidet
Auf Armin Nagel folgt Anja Renner. Sebastian Rählmann kündigt sie an als »eine Spitzensportlerin, die sich trotz gesundheitlicher Rückschläge nicht bremsen lässt«. Ihr Vortrag werde zeigen, wie sich mit Willenskraft, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen eben doch die sprichwörtlichen Berge versetzen lassen.
Anja Renner ist von klein auf schwerhörig. Trotz Empfehlungen für die Förderschule macht sie Abitur und studiert Biotechnologie. Nach dem Studium arbeitet sie für einen großen Pharma-Konzern. Als sie 25 ist, ändert sich nach einem Besuch beim Augenarzt schlagartig alles. Die Diagnose Usher-Syndrom, eine erblich bedingte, nicht therapierbare Hör- und Seh-Behinderung, erklärte nicht nur ihre Schwerhörigkeit. Sie bedeutete auch eine Erblindung auf Raten. Ihr Augenarzt habe ihr geraten, den Beruf zu wechseln, Blindenschrift zu lernen und Masseurin zu werden, erzählt Renner. Doch dann kam der Triathlon.
Durch ihren Mann, der mehrere Ironman-Wettbewerbe im Jahr absolviert, findet auch sie zum Triathlon, wenn auch erstmal in der Kurzdistanz. Sie nimmt an Rennen teil und landet immer wieder auf dem Podium. Also bleibt sie dran und steigert sich auf die Langdistanz. Das sind 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Fahrradfahren und 42,2 Kilometer Laufen. Parallel arbeitet sie weiter in der Pharmaindustrie. Gleichzeitig nimmt ihr Sehvermögen immer weiter ab. Letztlich kündigt sie und überlegt, was sie machen kann.
So kommt die Idee auf, sich für die Paralympics in Paris qualifizieren zu wollen. Die liegen da noch etwa anderthalb Jahre in der Zukunft. Nicht viel Zeit, wenn man in der Weltrangliste nicht mal gelistet ist. Aber Anja Renner gibt alles. Sie findet einen Guide, organisiert das richtige Tandem, löst die Profi-Lizenz und so weiter.
Trotz einiger Rückschläge schafft sie es letztlich unter die ersten neun in der Weltrangliste. Damit ist sie für Paris qualifiziert – und gewinnt dort Bronze. Eine unfassbare Geschichte. Erfolge bei weiteren internationalen Rennen folgen. Sie erhält das Silberne Lorbeerblatt, die höchste deutsche Auszeichnung für Sportler, und beginnt mit Para-Cycling, weil Radfahren ihre stärkste Disziplin ist. Bei den Paralympics in Los Angeles 2028 will sie natürlich auch dabei sein.
Sagt so jemand, dass man unbedingt an sich glauben muss, dass der Kopf entscheidet, ob man ins Ziel kommt oder dass Grenzen einen nicht aufhalten können, wenn man sie selbst gar nicht sieht, klingt das jedenfalls ganz anders als aus dem Munde eines beliebigen Trainers.
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Kultur des Voranscheiterns
Den finalen Vortrag dieses 13. Oticon Symposiums hält Sascha Lobo. Sein Thema: »Wie Künstliche Intelligenz die Welt verändert«. Die Anmoderation hat sich Jan Balmes passenderweise von ChatGPT schreiben lassen. Auch um einen Fun Fact bittet Balmes die KI. Und so soll, schreibt ChatGPT, Sascha Lobo seine erste Website auf einem Rechner programmiert haben, der lauter war als der Proberaum seiner Band … »Ich hatte nie einen Band-Proberaum, aber alles andere stimmte exakt«, eröffnet der bekannte Autor, Podcaster und Digitalexperte.
In seinem Vortrag dreht er die große Runde durch die weite digitale Welt mit besonderem Fokus auf KI-basierte Entwicklungen und Bestrebungen sowie die Dynamiken bei den tonangebenden Firmen. Und auch etwas zum Lachen hat er mitgebracht. Bittet man ChatGPT in der aktuellen Version, nach Angaben von Open AI immerhin die »mächtigste KI der Welt«, eine Deutschlandkarte inklusive der einzelnen Bundesländer zu zeichnen, erhält man ein erstaunliches Resultat. Lobo zeigt die Karte. Zwar stimmt der Umriss der Außengrenzen, bei den Bundesländern wird es allerdings abenteuerlich. Und doch dürfe man die großen KIs wie ChatGPT oder Googles Gemini nicht unterschätzen. Beide haben, berichtet Sascha Lobo, zuletzt Goldmedaillen in der Mathe-Olympiade gewonnen. Das ist insofern beachtlich, weil die Aufgaben dort eigentlich als für KI eher nicht lösbar gelten bzw. gegolten haben.
Der Wandel durch KI schreitet also voran und könne so sowohl bestimmte Produktlandschaften prägen als auch die Erwartungen der Menschen dazu befeuern. »Man muss sich damit auseinandersetzen, dass es sein kann, dass plötzlich etwas eben gerade noch ganz Außergewöhnliches aufkommt, das dann relativ schnell normal wird und man das braucht, um noch konkurrenzfähig zu sein«, sagt Lobo. Diesen Umstand mitzudenken, hält er für »essentiell«.
Wie herausfordernd das ist, zeigt er am Beispiel von Google. Kein anderes Unternehmen, so Lobo, habe sich so früh und so fokussiert auf den Wandel durch KI vorbereitet. So habe Alphabet allein in den letzten drei Jahren über 100 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung mit Fokus auf KI ausgegeben. Dazu kommt, dass sie viele der »klügsten Köpfe des Planeten« ins Unternehmen holten. Und doch wurde Alphabet Ende November 2022 von dem Start von ChatGPT mehr oder weniger kalt erwischt.
So ist für Sascha Lobo die »wesentliche Lehre aus dem Wandel durch KI«, dass sich auch kaum vorhersehbares ereignen kann. Als Herangehensweise empfehle sich daher eine »Kultur des Ausprobierens, des Vorantastens«, so Lobo. »Wir müssen lernen, uns voran zu scheitern.« In einem Land, das bisher vor allem für Sorgfalt und Präzision stand, wird das keine einfache Aufgabe.
Was ihm aber Hoffnung macht, ist das: »Was die Zahl der zahlenden Nutzer von ChatGPT angeht, steht Deutschland weltweit auf Rang 3«, so Lobo. Eine andere Zahl mache ihn sogar noch optimistischer. So steht Deutschland weltweit auf Platz zwei, was die Anwendung der bezahlten Schnittstelle von Open AI angeht. »Man muss sich gut auskennen, um so eine Schnittstelle benutzen zu können«, sagt er. »Das heißt also, dass es eine Vielzahl von KI-Tüftlerinnen und -Tüftlern gibt, die ausprobieren, wie sie in ihrem Bereich mit KI weiter vorankommen können.« Diesen Geist, so Lobo, gelte es weiter zu kultivieren.
Damit liefert auch das 13. Oticon Symposium wieder Denkanstöße und Wissenswertes, was sicherlich noch über die einmal mehr wunderbare Abendveranstaltung hinaus nachwirken wird.