Über einen Kunden fand Lars Salzmann (Mitte) zum Tuttlinger Hörhaus und seinen Ausbildern Torsten Saile und Luisa Butschle
»HEUTE ENTSCHEIDET DAS MITEINANDER«
Luisa Butschle begann 2017 ihre Ausbildung mit Eröffnung des Hörhauses Tuttlingen
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Betriebsidentität ist mehr als ein Paragraf im Gesetzbuch. Wie man dank einer starken Identität auch in schwierigen Zeiten den passenden Nachwuchs findet und langfristig bindet, zeigt diese Geschichte aus Tuttlingen. Ein Blick hinter die Kulissen bei den Hörakustikmeistern Torsten Saile und Luisa Butschle sowie ihrem »Rasenmäher-Nachbarn« Lars Salzmann.
Gibt es ein Unternehmen, das ohne das Mitwirken von Menschen bestehen kann? Wohl kaum. Entsprechend gilt: Wo Menschen zusammenkommen, entsteht Identität; ein Betrieb ist somit immer auch ein Spiegelbild derer, die ihn prägen. Und das verschmilzt oft zu einem Ganzen.
Diese Einsicht spiegelt sich auch in der gesetzgeberischen Intention durch das Betriebsverfassungsgesetz (z. B. § 613a BGB) wider: Die rechtliche Definition der Betriebsidentität dient dem Zweck, den sozialen Charakter eines Betriebs auch bei strukturellen Veränderungen zu bewahren und normativ abzusichern. Unabhängig von den rechtlichen Rahmenbedingungen, besitzt jeder Betrieb aber auch eine Wesenheit, die sich bei bloßem Betrachten offenbart. Schon durch wiederholte Besuche kann ein Kunde die spezifische Identität eines Unterneh-mens gleichsam von außen miterleben.
Dass dies keine graue Theorie ist, ließ sich unlängst mal wieder in Tuttlingen beobachten. Dabei geht es nicht darum, dass wir das Hörhaus bereits seit seiner Eröffnung vor achteinhalb Jahren begleiten – vielmehr ist es die Perspektive eines Kunden selbst, der dort diese lebendige Betriebsidentität wahrnehmen konnte. Andernfalls hätten Inhaber Torsten Saile und seine Ausbildungsleiterin Luisa Butschle vermutlich weitaus hartnäckiger nach diesem neuesten Puzzleteil ihrer Betriebsidentität fahnden müssen: Teammitglied Lars Salzmann, heute Azubi im zweiten Lehrjahr. Doch der Reihe nach.
Vorab sollte man noch wissen, dass ich das Hörhaus Tuttlingen ein volles Jahr in der Warteschleife ließ. Tatsächlich war dieses Interview das erste, das wir für unsere Ausbildungsreihe aufgezeichnet haben – doch schon vor dem 5. Februar 2025, dem Tag des Interviews, fiel die Entscheidung, den Beitrag ganz bewusst auf die lange Bank zu schieben. Wir hatten schlichtweg schon zu oft über das Hörhaus berichtet, um ausgerechnet in Tuttlingen den Startschuss für unsere neue Reihe zu geben.
Bereits beim Eintreten empfängt mich die vertraute Tiefenentspannung, die hier fast schon zum Inventar gehört. Während sich Laborleiter Jerome Heß und Hörberaterin Karin Daumer mit stoischer Ruhe ihren Aufgaben widmen, hält Hörhund Emma im Kundenbereich die Zügel (und das Spielzeug) fest in den Pfoten und sorgt für tadellose Ordnung. Nach einer herzlichen Begrüßung öffnet sich Anpassraum Lübeck – man munkelt, er sei der Pforte zum Hörglück nah – und Luisa Butschle entschwebt gemeinsam mit ihrem Azubi Lars Salzmann dem Bereich der akustischen Wunder. Auch Torsten Saile ist bereits zugegen, und wir ziehen uns in den verglasten Beratungsraum zurück, wo sonst etwa die In-Ear-Kopfhörer-Beratung stattfindet. »Das ist meine Ausbildungsleiterin Luisa Butschle«, schmunzelt Saile gleich zu Beginn des Gesprächs, als hätte sie sich je versteckt. Aber im Ernst: Butschle kennt das Hörhaus, genau wie ich, quasi seit dessen embryonaler Phase.
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Als der »Rasenmäher-Nachbar« den Meister traf
»Luisa, wie hat alles mit dir und Torsten angefangen?«, frage ich zur Gesprächseröffnung. Sie lächelt – es ist eine Geschichte Marke »Bestimmung«, antwortet sie. Alles begann am Ende einer ermüdenden Ausbildungsbörse, als ihre Mutter auf einen einsamen Aussteller deutete: »Zu dem gehen wir jetzt noch, der steht da so allein!« Der Mann war Torsten Saile, der selbst über einen emotionalen Umweg zur Akustik fand. Eigentlich wollte er Heilerziehungspfleger werden, doch das Erlebnis, einen behinderten Mann zum Akustiker zu begleiten, veränderte alles. »Das hat mich total gepackt«, erinnert er sich. Statt in den Automotive-Bereich zu gehen, fand er sein Glück zwischen Schallschläuchen und Anpassräumen.
Luisa Butschle erging es ähnlich: Die Begegnung hallte nach, doch sie machte erst ihr Abitur. Trotz acht verschiedener Praktika stand fest: Ein reiner Bürojob wäre für sie wie Einzelhaft. Das Hörhaus blieb in ihren »Top Drei«. So wurde sie Jahre nach dem Treffen auf der Börse Sailes erste Auszubildende. Heute leitet sie die Ausbildung und gibt den Funken an Lars weiter.
Er kam nicht über eine Anzeige, sondern durch die Empfehlung eines zufriedenen Kunden. Lars hatte 2023 fast sein Abi in der Tasche, aber keinen Plan – bis sein Nachbar, für den er regelmäßig den Rasen mähte, auf eine Idee kam. Da dieser Kunde im Hörhaus genau die Atmosphäre erlebte, die aus seiner Sicht zu Lars passte, fädelte er ein Kennenlernen mit Torsten Saile ein. Nach einem verabredeten Besuch auf der Ausbildungsbörse und einem Praktikum, das beide Seiten überzeugte, stand fest: Auch er will Hörakustiker werden und einem Tun zwischen Technik und Mensch nachgehen.
Gezieltes Onboarding: Im Hörhaus setzt man den Roger Select ein, damit Azubis das Kundengespräch trainieren können
Praktikum statt PowerPoint: Die Schule der Nahbarkeit
Dass Lars heute im Hörhaus arbeitet, hat wenig mit seinem physikalischen Vorwissen aus der Schulzeit zu tun – das, so gibt er offen zu, diente dem bloßen Überleben bis zum Abi. Vielmehr ist es die Entscheidung gegen das »stumpfe Lernen« eines Studiums, wenngleich man mit der Hörakustikerausbildung ja ein wenig Studium erhalte. Denn darin sind Butschle und Salzmann sich einig: Durch den Aufenthalt in Lübeck habe man keine profane Berufsschule, sondern fast schon so etwas wie ein Studentendasein. Was ihrer Generation jedoch oft fehle, ist eine Erfahrung, wie sie früher der Zivildienst bot. »Die Pflicht, pünktlich zu sein, mit Menschen zu arbeiten, ein paar erste Euros und Erfahrungen zu sammeln und schlichtweg mal etwas für andere zu machen, tat uns doch auch gut«, meint Saile, der selbst auf diese Weise zum Beruf fand.
Im Hörhaus wird diese Lücke durch ein Praktikum gefüllt, das Butschle fast schon als charakterliches Assessment-Center führt. »Wer hier nur Kaffee kochen will oder in der Ecke am Smartphone klebt, scheitert an der Identität des Hauses. Wir wollen sehen, ob die Vibes stimmen«, sagt Luisa Butschle. Lars darf vom ersten Tag an ran: Fräsen, 3D-Druck und vor allem der Sprung ins kalte Wasser des Service-Bereichs. Es ist die Schule der Nahbarkeit. Während der Kopf nach einem Acht-Stunden-Tag rauchte, lernte Lars in der kurzen Zeit das Wichtigste: Über einfache Handgriffe am Hörsystem die Schüchternheit zu verlieren und echte Gespräche zu führen. »Hier wird nicht nur ein Beruf gelehrt, hier wird das neueste Puzzleteil des Betriebs darauf vorbereitet, selbst zum Spiegelbild des Hörhauses zu werden. Bevor die fachliche Tiefe in Lübeck folgt, muss erst das Fundament aus Neugier und Menschlichkeit stehen,« erklärt Saile.
Proaktives Coaching: Wenn der Meister im Ohr flüstert
Wenn Lars heute durch den Betrieb geht, folgt er keinem Zufallsprinzip, sondern einem exakt choreografierten Onboarding. Der erste Ausbildungstag im Hörhaus sei daher heiliges Terrain: Luisa Butschle blockt sich den halben Tag, um das zentrale Nervensystem des Hauses zu erklären – die Software. »Hier verschmelzen Termin, Produkt und Kunde zu einer digitalen Einheit. Das ist das Medium, dem alles untergeordnet ist«, betont sie. Für Lars war dieser Berg an Informationen anfangs gewaltig, doch er lernte schnell: Identität braucht Struktur. Das Team arbeitet nach einem eigens entwickelten, innerbetrieblichen Ausbildungsrahmenplan, der weit über das Standardmaß hinausgeht. »Es ist das Regelwerk, das sicherstellt, dass neue Impulse die gewachsenen Abläufe bereichern, statt sie zu verwässern. Aber man muss sich dafür halt mal die Zeit nehmen, um einen Ausbildungsplan zu schreiben«, fügt Butschle hinzu.
Doch die wahre Magie der Ausbildung im Hörhaus, ist Saile überzeugt, liegt im proaktiven Coaching. Saile erinnert sich an seine eigenen Anfänge – eine Zeit, in der man oft auf sich allein gestellt war. »Heute nutzen wir im Team moderne Technik wie das Roger-Mikrofon, um Azubis wie Lars in Kundenterminen dezent den Rücken zu stärken. Ein kleiner Hinweis im Ohr, eine gezielte Nachfrage: Es ist ein digitales Flüstern, das Sicherheit gibt, ohne die Selbstständigkeit zu rauben. Wir schenken Vertrauen und lassen machen«, erklärt Saile. Für Luisa Butschle war der Weg zur Ausbildungsleiterin dabei fast vorgezeichnet; schon als Auszubildende erklärte sie Praktikanten die Welt der Akustik. Heute hinterfragt und optimiert sie die Prozesse ständig. Es sei ein lebendiger Dialog zwischen Erfahrung und Erneuerung – ein Prozess, der Lars nicht nur zum passenden Fachmann, sondern auch Teamplayer im Hörhaus machen soll.
Für Lars war das Thema Digitalisierung vor dem Hörhaus eine Spielerei: YouTube, Zocken, Konten verknüpfen – »Spaß ohne wirklichen Nutzen«, wie er sagt. Erst im Betrieb und später mit dem iPad in der Akademie in Lübeck begriff er, dass Bits und Bytes hier Werkzeuge sind, um Lebensqualität zu formen. Doch Torsten Saile korrigiert das Bild vom reinen Software-Beruf sofort: »Der Computer ist nur Mittel zum Zweck. In der Anpassung schleifst du mit deinen Fingern einen Rohdiamanten.« Hörakustik bleibt für ihn Handwerk im wörtlichen Sinne – eine Kunst, die Lars bereits im ersten Lehrjahr »gecatcht« hat.
Ob nun im Umgang mit den Kunden oder mit dem Otoscan: »Machen lassen« ist die Devise im Hörhaus Tuttlingen
Das Miteinander als gesellschaftliche Verantwortung
Der Reiz liegt für den Azubi im unmittelbaren Feedback: »Man merkt sofort, wie das eigene Tun beim Kunden wirkt. Wenn jemand glücklich rausgeht, gibt das ein verdammt gutes Gefühl.« Diese emotionale Rendite wird in Lübeck theoretisch untermauert. Die Akademie an der Ostsee ist für Luisa Butschle weit mehr als eine Berufsschule; sie ist eine Mischung aus hartem Lernstress und einer Prise Studentenleben. Lars, der zu dem Zeitpunkt erst einmal in Lübeck war, erkennt ebenso die Vorteile. »Einfach mal raus aus Tuttlingen«, schwärmt Lars über die Zeit am Meer. Während die Pro Akustik als Gemeinschaft das Netzwerk für den Austausch bietet, liefert Lübeck die Tiefe, die kein Betrieb allein stemmen könnte. Für Butschle, die heute noch ihre alte Klasse vermisst, war diese Zeit der entscheidende soziale Kleber ihrer beruflichen Identität, wie sie meint.
Warum aber klagen dann viele Betriebe über Nachwuchsmangel, will ich wissen. Für die Ausbildungsleiterin ist die Antwort klar: »Oft fehlt es am Willen, sich auf die Individualität junger Leute einzulassen. Das Bild des unterwürfigen Lehrlings, der nur zu gehorchen hat, ist ein Relikt von gestern«, sagt sie und legt nach. »Heute entscheidet das Miteinander. Wer als Meister nur darauf wartet, dass die perfekte Fachkraft anklopft, hat den Schuss nicht gehört.« Torsten Saile sieht die Ausbildung daher nicht nur als Mittel gegen den Fachkräftemangel, sondern als gesellschaftliche Verantwortung und Kern seiner Betriebsidentität. »Mitarbeiter abwerben ist keine Lösung – man muss sie mit Begeisterung selbst formen«, so Saile.
Dass diese Identität eine enorme Strahlkraft besitzt, spüren nicht nur die Kunden auf engstem Raum, sondern mittlerweile auch die Schüler in der Region. Ausbildungsbotschafter der Handwerkskammer Konstanz, die direkt in die Klassenzimmer gehen, hätten auch den Hörakustikerberuf im Blick. Diese Proaktivität zahlt sich nun aus: Wenn das Hörhaus Schüler im Raum Tuttlingen auf der Azubi-Messe trifft, kennen sie das Berufsbild oft schon aus dem Unterricht. Lars selbst blickt fast mitleidig auf Freunde in anderen Branchen, die in der Reifensaison den Spaß an der Arbeit verlieren. »Viele meiner Generation probieren ständig Neues, weil sie denken, woanders sei es besser«, reflektiert er. Doch im Hörhaus ist er angekommen. Sonst wäre er nun nicht schon im zweiten Lehrjahr, und es läuft gut, wie er abschließend meint.Dass er hier nicht nur eine Nummer ist, sondern als künftiger Fachmann ernst genommen wird, zeigt sein Blick in die Zukunft: »Ich merke jeden Tag, dass ich hier am richtigen Platz bin. Mein Ziel ist klar: Ich will die Ausbildung so gut wie möglich abschließen – und dann steht für mich fest, dass ich auch den Meister dranhängen will. Und es wäre cool, wenn ich das, was ich hier von Torsten und Luisa lerne, irgendwann in der gleichen Qualität weitergeben kann.«
