Editorial
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
es war kein einfacher Monat für OMNIdirekt. Ich bin mir sicher, ich kann auch für Benjamin Jäger und Dennis Kraus sprechen. Doch denke ich an Rainer Hüls – halten Sie mich für einen Esoteriker – dann war es doch er, der uns eine gewisse Betriebsidentität einhauchte.
Aber was ist Betriebsidentität eigentlich? Ob aus psychologischer, soziologischer, philosophischer, juristischer, ethnologischer oder politologischer Perspektive – mit dem Identitätsbegriff könnte man zahlreiche Seminare füllen. Identität ist kein theoretisches Merkmal, sondern die Summe dessen, was uns von der Masse trennt. Aber wer nicht den Mut hat, unterscheidbar zu sein, braucht über Identität gar nicht erst nachzudenken.
Umso intensiver erlebe ich persönlich diese Ausgabe. Keiner konnte ahnen, dass ich ausgerechnet jetzt einen Beitrag über Betriebsidentität vorbereiten würde. Weder Torsten Saile, Luisa Butschle und Lars Salzmann, die ich, ohne das Wort nur einmal zu erwähnen, vor einem Jahr interviewt hatte und deren Beitrag erst heute erscheint, noch Dennis Kraus. Letzterer vermutete es vielleicht, da er das HÖREX-Interview zu »Train the Trainer« kannte und um den intergenerationellen Kontext wusste. Doch auch hier gilt: Wo Menschen aufeinandertreffen, begegnen sich Identitäten – nur in einem ganz anderen Sinne. Und betrachte ich beispielsweise automatisierte Kundenbindungssysteme in dieser Ausgabe im Kontext der Identität – steht hinter jedem Kunden nicht eine Person? –, dann wird klar: Jeder automatisierte Prozessschritt gehört auf die goldene Waage. Denn dort entscheidet sich, ob Technik verbindet oder entfremdet.
Insofern ist es für mich, mit meinem ethnologischen Nebenwissen, schon eine Ironie der Geschichte: Bereits 1956, also vor genau 70 Jahren, beschrieb Günther Anders jene »prometheische Scham« und prägte dabei den Begriff der »antiquierten Gestalt des Menschen«. Seine These: Die Technik ist so perfekt, dass der Mensch daneben »antiquiert« wirkt und sich von seinem eigenen Tun entfremdet, da er die Folgen der automatisierten Prozesse nicht mehr emotional begreifen kann und sich schon fast für seine menschliche Unzulänglichkeit schämt. Doch genau hier schließt sich der Kreis zu Torsten Saile, Luisa Butschle und Lars Salzmann. In einer Welt, die sich zunehmend hinter digitalen Masken versteckt, sollten wir uns in der Branche den Luxus der Unverwechselbarkeit leisten. Technik sollte dem Menschen dienen, der Mensch nicht der Technik. Aber da sind wir wieder bei der Blackbox.
Wie auch immer Sie diese Zeilen finden werden, eines habe ich aus dieser Perspektive kommend von Rainer gelernt: Identität lebt man bewusst. Oder eben nicht. Er war immer der Hamburger Jung, der mit und für die Branche lebte, gewiss auf seine Art! Doch bei all seinem Tun merkte er kaum, dass er so etwas wie Betriebsidentität in die Wege geleitet hatte. Sonst wären Benjamin Jäger, Dennis Kraus und ich heute nicht mit der gleichen Begeisterung im Hinblick auf die Hörakustik ausgestattet. Entsprechend traurig stimmt mich diese Ausgabe. Ich, wir hätten hierzu gern seinen Kommentar gehört.
Jan-Fabio La Malfa
