Hörversorgung mit Knochenleitung im regionalen Netzwerk
Von Martin Schaarschmidt (Cochlear) / Fotos: Schaarschmidt
Mit seinem ersten aktiven Knochenleitungshörsystem Cochlear Osia bietet Cochlear eine neuartige Lösung für Menschen mit Schallleitungsschwerhörigkeit, kombiniertem Hörverlust und einseitiger sensorineuraler Taubheit (SSD). Doch welche Vorteile bietet das System? Und welche Erfahrungen mit Versorgung und Nachsorge gibt es in der Klinik sowie beim spezialisierten Hörakustiker? Antwort fanden wir auf einer Fahrt nach Heidelberg, Ludwigshafen und Mannheim.

»Dass ihnen ein Knochenleitungshörsystem helfen könnte, wissen die Patienten oft noch gar nicht« – Dr. med. Vera Lohnherr
Die Kopfklinik ist ein moderner Gebäudekomplex auf dem Gelände des Universitätsklinikums Heidelberg – und erste Station der Recherche. Wir treffen Dr. med. Vera Lohnherr und Dr. rer. nat. Ute Geiger, Ärztliche und Audiologische Leiterin der Hals-, Nasen- und Ohrenklinik. In der renommierten Klinik wurden schon mehrere Patienten mit Cochlear Osia versorgt. Aus chirurgischer und audiologischer Sicht seien Ihre Erfahrungen gut, so die Gesprächspartnerinnen. Auch die Patienten seien zufrieden - auch mit ihrer Hörsituation. Die Zufriedenheit mit Knochenleitungssystemen sei allgemein sehr hoch.
»Oft haben die Patienten schon eine Odyssee hinter sich«, berichtet Dr. Lohnherr. »Sie wurden immer wieder am Ohr operiert. Dadurch kommt es zu Vernarbungen; mitunter machen es weitere OPs dann nur noch schlimmer. Oder die Patienten probieren immer neue Hörgeräte und bleiben frustriert. Dass ihnen ein Knochenleitungshörsystem helfen könnte, wissen sie oft noch gar nicht.« »Typisch sind auch Patienten mit wiederkehrenden Gehörgangsentzündungen«, ergänzt Dr. Geiger. »Aufgrund der Entzündungen müssen sie oft Hörpausen mit den Hörgeräten einlegen. Das fällt jedoch weg, wenn der Schallleitungsblock über den Knochen überbrückt wird.«
Zudem könne eine Knochenleitung auch jenen Patienten helfen, bei denen kein Gehörgang angelegt ist: »Wenn das Innenohr noch relativ gut funktioniert, dann sind auch sie Kandidaten«, so Dr. Lohnherr. »Ob speziell Osia in Frage kommt, ist patientenabhängig. Wir stellen immer alle Lösungen vor.«
Vorteile von Cochlear Osia aus Sicht von Chirurgin und Audiologin
Bietet Cochlear Osia besondere Vorteile? »Da man nur diese eine Schraube hat, ist die Positionierung für mich zumeist etwas leichter«, so die Chirurgin. »Ich brauche zwar auch hier eine plane Fläche am Schädelknochen. Aber die ist nicht so groß. Und ich muss auch nicht so tief fräsen. Gerade bei voroperierten Patienten ist das praktisch.«
Außerdem biete das System viel Power, ergänzt die Audiologin: »Vor allem im hochfrequenten Bereich erreichen wir deutlich mehr Verstärkung als mit vergleichbaren Geräten. Der Schallempfindungs-Hörverlust ist häufig in den hohen Frequenzen größer, und das schaffen die Geräte dann nicht mehr. Hinzu kommt, dass der Anpassprozess bei Knochenleitungssystemen meist unkompliziert ist. Die Patienten erreichen schnell ein gutes Klangerlebnis, das sie zuvor jahrelang nicht hatten. Sie fragen auch selten nach besonderen Features, höchstens mal nach Windgeräuschunterdrückung. Auch App-Steuerung nutzen sie selten – Soundstreaming dagegen sehr gern.«
Vorteil sei auch die MRT-Fähigkeit des neuen Osia für 1,5 und 3,0 Tesla. Und nicht zuletzt sei der Prozessor schlank und leicht. »Bei längeren Haaren sitzt er oft sogar noch diskreter als ein Hörgerät; das sagen auch Patienten. Wobei solche ästhetischen Wünsche für viele, die schon lange eine Lösung suchen, etwas im Hintergrund stehen.«
Knochenleitung vorab testen: »Schon da gibt es den Wow-Effekt«
Damit der Patient sich entscheiden kann, wird er in der Klinik nicht nur über Technik und OP informiert. Vor allem testet er vorab das Hören mit Knochenleitung – mit dem Cochlear Baha SoundBand oder Baha SoundArc. »Schon hier gibt es diesen Wow-Effekt«, so Dr. Geiger. »Das spätere Hörerlebnis mit dem Implantat macht aber noch einen deutlichen Unterschied. Hohe Frequenzen werden damit noch besser übertragen. Der Klang ist noch sauberer und feiner.«
Zur Implantation bleibt der Patient einige Tage in der Klinik; hier erfolgt vier Wochen nach der OP die Erstanpassung. Eine Reha braucht man nicht. Nacheinstellungen sind meist erst über die Zeit nötig, wenn sich das Gehör weiter verändert. »Im ersten Jahr kommt der Patient meist vierteljährlich vorbei. Die spätere Nachsorge kann gern in Kooperation mit seinem Hörakustiker erfolgen. Zu uns kommt der Patient dann nur noch einmal jährlich zur Kontrolle.«
Die Heidelberger Klinik arbeitet mit vielen, spezialisierten Hörakustikern zusammen. Und man ist offen für neue Kooperationen: »Wir generieren ja immer mehr Patienten, deren Nachsorge für uns nicht mehr gut zu bewältigen ist«, so Dr. Lohnherr. »Daher freuen wir uns, wenn es zum Austausch mit Akustikern kommt, und wenn beide Seiten davon profitieren.«
»Gerade mit Knochenleitungssystemen ist man beim Hörakustiker gut aufgehoben«, meint die Audiologin. »Anders als beim CI ähnelt die Anpassung der von Hörgeräten sehr. Der Hörakustiker bietet gleich das ganze Zubehör – FM- oder Lichtsignalanlagen. Und er ist in der Nähe, was es für die oft älteren Patienten leichter macht.«
Wichtig sei nur, dass sich der Akustiker für das jeweilige Implantat schulen lässt, und dass die Kooperation vertraglich fixiert wird – auch damit Daten und Maps problemlos ausgetauscht werden können. Für den Einstieg bietet die Klinik Hospitationen an; darüber hinaus unterstützt Cochlear mit Schulungen. Der Hersteller sei auch für sie selbst immer ein verlässlicher Partner, so unsere Gesprächspartnerinnen.

»Die Patienten erreichen schnell ein gutes Klangerlebnis, das sie zuvor jahrelang nicht hatten« – Dr. rer. nat. Ute Geiger
Chronische Gehörgangsentzündung als Folge von Stress – »Meine Ohren haben dicht gemacht«
Ortswechsel. In einem Café in Ludwigshafen treffen wir Birgit Wolf (59), die fürs Gespräch ihr MiniMic neben der Kaffeetasse platziert. »Das ist mein kleiner, feiner Helfer«, erklärt sie. »Die Hintergrundmusik und das Geklapper hier strengen mich schon etwas an. Aber das wusste ich vorher. Da plane ich eben danach ein bisschen Leerlauf im Tagesablauf ein.«
Dann berichtet Birgit Wolf sehr lebendig von ihrem Weg zum Cochlear Osia: Als gelernte Verwaltungsbeamtin war sie lange im Öffentlichen Dienst beschäftigt: »Ich war täglich voll im Einsatz, mit Kundenkontakt, viel unterwegs, Familie, zwei Kindern … Ich war mitten im Leben und hab gerne gearbeitet. Doch irgendwann war es meinem Kopf zu viel. Jemand meinte mal: ›Deine Ohren haben deshalb dicht gemacht.‹«
Dass sie vieles nicht mehr hören konnte, war Birgit Wolf lange nicht bewusst: »Ich hatte ständig Ohrenentzündung. Die Gehörgänge setzten sich zu. Ich hatte Schmerzen, war ständig beim Ohrenarzt und bekam Kortison. Oder die Ohren nässten, wenn es stressig war; dann roch das so muffig. Eine endlose Tortur!«
Ständige Überlastung mit eingeschränktem Gehör. Es kam zu Missverständnissen mit Kollegen, zu Konflikten im Beruf und privat. »Ich habe fünf Jahre gebraucht, ehe ich verstand, was damals mit mir los war. Ich bin psychisch abgestürzt. Vorher hätte ich nie geglaubt, dass mir so was passieren kann. Elf Wochen war ich in einer psychosomatischen Klinik. Da habe ich erstmal wieder Luft geholt. Ich verwende das Wort ›Burnout‹ nicht gern. Aber ich habe im ganzen Leben nichts Schlimmeres erlebt.«
Erster Test mit Knochenleitung: »Da sind die Tränen gelaufen, weil es so schön war …«
Doch Birgit Wolf hat ihr Leben vom Kopf zurück auf die Füße gestellt. Den belastenden Job hat sie gekündigt; heute hilft sie an zwei Tagen in der Woche in einem Frauenhaus – ohne Telefonie. Auch ihr Familienleben hat sie neu organisiert. Eine zusätzliche kleine Wohnung dient ihr als Rückzugsort. Sie unternimmt lange Radtouren zur Erholung; hier darf sie ganz für sich allein sein und muss niemandem zuhören. Und sie lebt jetzt mit zwei Cochlear Osia, die ihr 2021 und 2023 in Heidelberg implantiert wurden.
»Zuerst hatte ich die Knochenleitung in der Audiologie mit Stirnband getestet«, erinnert sie sich. »Da sind mir die Tränen gelaufen, weil es so schön war, wieder zu hören.« Die OPs hätten gut geklappt. Die Einstellung sei anstrengend gewesen, doch dann hätte sie zum ersten Mal wieder die Vögel im Wald gehört. »Und ich konnte wieder alles verstehen und habe die Osia lieben gelernt. Morgens ist das Erste Zähneputzen und Ohren anstecken. Und abends mache ich als letztes die Ohren aus.«
»In meinem Kopf ist ein Übersetzer eingepflanzt«, entgegnet Birgit Wolf, als wir sie bitten, zu erklären, wie ihre Hörtechnik funktioniert. »Im Hörsystem ist ein Löchlein, das Mikrofon. Das nimmt den Ton auf, der an das funktionierende Innenohr übertragen wird. Nur durch meinen Gehörgang kommt nichts mehr durch. Und mehr wollen die Leute nicht wissen und ich auch nicht. Ich sage immer: ›Ich höre nicht schlecht; aber ich habe ein besonderes Hören.‹ Durch die vielen Entzündungen wurde mein Gehörgang immer enger.«

»Morgens ist das Erste Zähneputzen und Ohren anstecken. Und abends mache ich als letztes die Ohren aus« – Birgit Wolf (59) lebt mit zwei Cochlear Osia
Hören mit Cochlear Osia: »Leben, Leben und immer wieder Leben«
Nein, es störe sie nicht, wenn andere ihre Osia sehen, sagt Birgit Wolf: »Wenn es heiß ist, habe ich die Haare oft hochgesteckt. Die zwei Knöpfe am Kopf finde ich schön.« Und sie genieße es, mit den »neuen Ohren« wieder Musik zu hören, Konzerte zu besuchen oder ins Kino zu gehen: »Neulich war ich in Speyer zum Orgelkonzert. Das zu hören und es über das Holz der Sitzbank zu fühlen, das war herrlich!« Teilhabe ermögliche ihr zudem ihr MiniMic: »Mit dem bin ich bei unserem Mädels-Stammtisch mittendrin. Und in Mannheim in der Kunsthalle hatte ich damit den Audio-Guide direkt im Kopf.«
Dann muss uns Frau Wolf noch von »ihrer« Hörakustikerin berichten - von Nazan Hedremariam von hören2. Zum ersten Mal begegnet sind sie sich in einer Selbsthilfegruppe, vor der die Hörakustikmeisterin einen Vortrag hielt. »Sie hat sich meiner angenommen, hat mir viel geholfen und meine Einstellungen gut gemacht. Zu ihr kann ich immer kommen. Sie ist super.«
»Leben, Leben und immer wieder Leben«, entgegnet Frau Wolf auf die Frage, was ihr die Cochlear Osia unterm Strich gebracht hätten. »Mein Absturz damals, das war schon ein Bruch in meinem Leben. Doch jetzt ist mein Kopf wieder fit und es ist wieder schön.«
»Sehen wir, dass ein Hörimplantat in Betracht kommt, dann verweisen wir an eine Klinik«
Letzte Station der Recherche. »Ja, an Frau Wolf kann ich mich gut erinnern, wir haben eine recht lange und intensive Geschichte«, sagt Nazan Hedremariam, die wir gemeinsam mit ihrem Kollegen Alon Lavi im Mannheimer Fachgeschäft von hören2 treffen. Ihr Unternehmen haben die beiden im Frühjahr 2018 gegründet. Mittlerweile gibt es drei Standorte und zehn Mitarbeiter. Die Zusammenarbeit mit der Uniklinik in Heidelberg besteht schon seit dem Gründungsjahr.
»Wir engagieren uns sehr im Bereich Pädakustik«, so Alon Lavi. »Damit einher geht auch ein Engagement für das CI und andere Hörimplantate.« Hier kooperiert hören2 mit allen Herstellern. Und es gibt immer wieder kleine und große Kunden, die in Kooperation mit einer regionalen HNO-Klinik mittels Knochenleitung versorgt werden.
In der Zusammenarbeit mit den Kliniken sei es wichtig, dass auf Augenhöhe kommuniziert wird, so unsere Gesprächspartner: »Man muss wissen, an wen man sich wenden kann. Der Austausch erfolgt bei uns auf dem kurzen Dienstweg, meist per Mail. Auf Fragen bekommen wir sehr schnell Antwort. Und wir merken schon, dass die Kliniken heute offener für Kooperationen mit Hörakustikern sind.« Ebenso wichtig ist beiden die gute Zusammenarbeit mit den Hörimplantat-Herstellern. Bei Cochlear laufe das sehr gut.
»Sehen wir bei einem Kunden, dass ein Hörimplantat in Betracht kommen könnte, dann verweisen wir ihn an die Klinik«, erklärt Nazan Hedremariam »Dort wird alles Weitere besprochen. Nach der Implantation kommt der Kunde in aller Regel zu uns zurück. Andererseits gibt es Patienten, die zuerst in der Klinik sind und dann zu uns geschickt werden, damit sie hier zuerst mal die Knochenleitung testen.« Dieser Test ist auch für die Hörakustikerin Voraussetzung für die Implantation: »Der Patient bekommt einen ersten Eindruck. Erfahrungsgemäß hört er nach der OP noch besser als bei dieser Probe.«

Arbeitet schon seit Jahren mit der Unikilinik in Heidelberg zusammen - Nazan Hedremariam von hören2 in Mannheim
Anpassung von Cochlear Osia: »Ich kann sehr viel Verstärkung reingeben, dennoch pfeift es nicht«
Mit Cochlear Osia arbeitet Nazan Hedremariam schon, seit es 2021 eingeführt wurde. Das benötigte Wissen bekam sie durch ein Webinar des Herstellers. Die eLearnings von Cochlear könne sie jedem Kollegen empfehlen, der sich neu ins Thema einarbeiten will, und zusätzlich Hospitationen in der Klinik.
Befragt danach, was Cochlear Osia den Nutzern bietet, entgegnet die Hörakustikerin: »Das Sprachverstehen verbessert sich auf jeden Fall. Es gibt bessere Messergebnisse und bessere Ergebnisse im Alltag – auch in schwierigen akustischen Situationen. Weiterer großer Vorteil ist, dass der Gehörgang dann frei ist. Und das Osia ist super Rückkopplungs-stabil. Ich kann sehr viel Verstärkung einstellen, dennoch pfeift es nicht.«
Viele Kandidaten für Cochlear Osia hätten ähnlich wie Frau Wolf Probleme mit dem Gehörgang. »Er ist chronisch entzündet, immer feucht, und ein Hörgerät kommt deshalb nicht in Frage«, so Nazan Hedremariam. »Oder es gibt einen Schallleitungsblock von 50, 60 Dezibel. Auch hier kann Knochenleitung eine gute Alternative zu einer Super-Power-Lösung sein.«
Kunden ein Knochenleitungsimplantat zu erklären, sei meist nicht schwer. Die meisten hätten bereits eine Vorstellung davon, was in ihrem Ohr nicht funktioniert. »Hinzu kommt, dass bei Kunden mit Knochenleitung die Gewöhnung an die Technik nicht so langwierig ist wie bei Hörgeräten. Mein Eindruck ist zumindest, dass sie sich ›besser und einfacher‘ versorgen lassen.«