FRAPORT SCHIEBT AURACAST AUF DIE STARTBAHN

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Von Dennis Kraus / Fotos: OMNIdirekt

Am 28. Januar wurden am Frankfurter Flughafen an zwei Gates Auracast-Anlagen in Betrieb genommen. Es ist weltweit das erste Mal, dass die neue Bluetooth-Funktion an einem Flughafen angeboten wird. Während des zweimonatigen Tests will der Airport-Betreiber Fraport herausfinden, wie das Angebot angenommen wird. Damit gibt es nun auch in Deutschland einen populären Auracast-Spot, über den sich sprechen lässt.

Das Interesse der Presse ist durchaus groß. Etwa 50 Journalistinnen und Journalisten haben sich im Terminal 1 des Flughafens Frankfurt eingefunden. Mehrere Fraport-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter nehmen sie in Empfang und lotsen sie in Gruppen durch den Security Check zu Gate A16. Hier wird an diesem Mittwochmittag Ende Januar eine Weltpremiere stattfinden. Erstmals wird ein Flughafen Passagieren anbieten, die Durchsagen am Gate per Auracast empfangen zu können. Konkret offeriert wird das an den Gates A16 und A17 in Terminal 1. Hier starten vorwiegend Flüge der Lufthansa und ihrer Star-Alliance-Partner zu Zielen innerhalb des Schengen-Raums. Viel frequentierte Gates also.

Es ist allerdings noch keine dauerhafte Inbetriebnahme, die hier heute zelebriert wird. Vielmehr ist es der Start einer zweimonatigen Testphase. Für die Fraport AG ist es dennoch »ein wichtiger Schritt, um Flugreisen für alle stressfreier und inklusiver zu gestalten, insbesondere für fast jeden fünften Menschen weltweit – also 1,5 Milliarden Menschen –, der mit Hörverlust lebt«, wie sie in ihrer anlässlich des Testbeginns veröffentlichten Pressemitteilung schreibt.

Untermauert wird die Bedeutung des Umfangs auch durch die Partnerunternehmen, mit denen die Fraport AG dieses Projekt initiiert hat und die heute, zum offiziellen Start, natürlich mit von der Partie sind. Da sind zum Beispiel Google und Samsung. Auf den Samsung-Galaxy-Smartphones kann man Auracast nämlich direkt empfangen, jedenfalls, sofern sie mindestens über One UI 6.1 (basierend auf Android 14) und Bluetooth 5.2 verfügen. Weitere Partner sind die Bluetooth Special Interest Group, Sittig Technologies, die Frankfurt University of Applied Sciences, das hessische Ministerium für Digitalisierung und Innovation sowie GN Hearing.

»Wir sehen das Potenzial für die Zukunft«

Wir haben hier am Gate eine Menge Durchsagen, und einige sind ja auch wirklich wichtig«, sagt Alexander Laukenmann, Senior Vice President Aviation, Fraport AG, vor der Presse. Bekomme man etwas nicht mit, bestehe im schlimmsten Fall die Gefahr, seinen Flug zu verpassen. »Daher fragten wir uns schon eine ganze Zeit lang, wie man diese Situation verbessern könnte. Und dann kam auf einmal Auracast auf.«

Damit steht nun eine Technologie zur Verfügung, die es ermöglicht, Durchsagen via Bluetooth auf beliebig vielen Hörgeräten, aber auch auf Ear Buds oder anderen mit dem Smartphone verbundenen Kopfhörer hörbar zu machen – vorausgesetzt, die Geräte beziehungsweise die mit ihnen gekoppelten Apps sind kompatibel. Insofern freue man sich, die Technologie hier in Frankfurt an zwei Gates ausprobieren zu können. Sicher, man starte nun erstmal eine Testphase, aber »wir sehen natürlich das Potenzial für die Zukunft«, so Laukenmann weiter. Vorstellbar sei etwa, das Angebot in Zukunft so weit zu individualisieren, dass man die Durchsagen »in jeder erdenklichen Sprache anbieten« könnte. Ein Szenario könnte demnach so aussehen, dass ein Passagier am Gate auf seinen Flug wartet, dabei Musik oder einen Podcast hört und, wenn eine Durchsage gemacht wird, ihm diese einfach auditiv sozusagen eingeblendet wird, meint Laukenmann. Aber das ist erstmal noch »Zukunftsmusik«. In der Testphase werden die Durchsagen via Auracast allein auf Englisch angeboten.

Louisa Solonar-Unterasinger, Chief Information Officer des Hessischen Ministeriums für Digitalisierung und Innovation sowie Bevollmächtigte für E-Government des Landes Hessen, sieht in Auracast vor allem einen Schritt hin zu mehr Barrierefreiheit. Wer seine Reise an einem Flughafen beginnt, müsse durchaus einige Hindernisse überwinden, sagt sie. Sie denkt dabei an Menschen, die zum Beispiel einen Rollstuhl oder andere Gehhilfen benötigen – oder die schwerhörig sind. Allein die Sicherheitskontrolle könne für diese Menschen schon eine Barriere darstellen. »Und dann all diese Durchsagen, die auch mal aus verschiedenen Richtungen kommen und sich überlappen können – da kann schon mal was verloren gehen«, so Solonar-Unterasinger.

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Bild li.: An den Gates A16 und A17 in Terminal 1 machen Aushänge auf die Möglichkeit aufmerksam, Durchsagen per Auracast empfangen zu können / Bild re.: Mit aktuellen Samsung-Galaxy-Smartphones kann man Auracast-Streams empfangen, ohne dafür weitere Apps installieren zu müssen

Dass der Frankfurter Flughafen jetzt testweise an zwei Gates Auracast anbietet, hat auch mit dem Ministerium für Digitalisierung und Innovation in Hessen zu tun. Eine Verbesserung der Zugänglichkeit zur »Passagierkommunikation« ist nämlich auch im Interesse des Ministeriums. Daher hat es das Projekt über sein Programm distr@l gefördert. 2019 ins Leben gerufen, werden über distr@l Unterfangen unterstützt, die »den Stand der digitalen Technik signifikant erhöhen«. Besonders im Fokus des Programms sind digitale Anwendungsvorhaben – wie zum Beispiel Auracast auf einem Flughafen anzubieten. Und so hatte sich das Unternehmen Sittig Technologies um eine Förderung beworben. Das Frankfurter Unternehmen verfolgt das Ziel, die Verwaltung von Beschallungsanlagen branchenübergreifend zu revolutionieren«, wie es auf seiner Website schreibt. Mit der Idee, Auracast am Fraport verfügbar zu machen, stieß es im Ministerium für Digitalisierung und Innovation auf offene Ohren. Geht es mit der Digitalisierung um das Vereinfachen, das Zugänglicher- oder Effizientermachen, passe das sehr gut zum distr@l-Programm, so Louisa Solonar-Unterasinger, erst recht, wenn das auch noch am Frankfurter Flughafen passieren soll.

Klar und deutlich

Wer selbst erleben möchte, was es heißt, die Durchsagen am Gate A16 via Auracast zu hören, kann sich nun von einigen Samsung-Mitarbeitenden ein Galaxy Smartphone samt Ear Buds ausleihen. Wer Auracast-fähige Hörgeräte trägt, kann sich aber auch über die App seines Herstellers in den entsprechenden Stream schalten. Und dann ist der Moment gekommen: Feierlich macht ein Fraport-Mitarbeiter über das Mikrofon am Schalter von Gate A16 die erste Durchsage, die auch via Auracast gehört werden kann. Die versammelte Presse kann sie klar und deutlich über die Ear Buds oder ihre Hörgeräte hören. Alles tiptop. Um im Airport-Alltag Reisende auf das Angebot aufmerksam zu machen, hat man Hinweisschilder samt QR Code an den Säulen im Wartebereich des Gates angebracht.

Die Technik für das Pilotprojekt zu installieren, sei nicht weiter schwierig gewesen. Man habe einfach auf bereits vorhandene Technik aufsetzen können, berichtet Marcel Brühne, Passenger & IT Solutions bei Fraport. Schließlich gibt es an jedem Gate eine Mikrofonstation, die man relativ problemlos mit einem Auracast-Transmitter habe ausstatten können. Ein Austausch von Hardware, die Installation weiterer Technik oder gar aufwendige Umbauarbeiten seien nicht nötig gewesen. »Für einen Flughafen ist das ein wirklich guter Anwendungsfall«, so Brühne. Natürlich habe es einige Herausforderungen mit den vielen verschiedenen Interferenzen aus verschiedensten Quellen gegeben. Aber als man das in den Griff bekommen hatte, stand dem Start der Testphase nicht mehr viel im Weg. Und nun »geht es uns auch darum zu zeigen, dass sich das an Flughäfen recht einfach umsetzen lässt«, sagt Marcel Brühne. Für den Einsatz auf Flughäfen hält er Auracast für geradezu prädestiniert. »Wir haben hier die Herausforderung, dass alle wichtigen und kritischen Informationen jeden Passagier erreichen müssen, den sie betreffen. Insofern ist Kommunikation in einem Flughafenterminal wirklich einer der komplexesten Prozesse«, so Brühne abschließend.

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Nach der Inbetriebnahme am Gate sprachen die an dem Projekt Beteiligten auf einem Panel über den großen Nutzen und die Einfachheit von Auracast

Dass in so einer Umgebung selbst »die besten Hörgeräte der Welt« an ihre Grenzen stoßen können, räumt auch Jill Mecklenburger ein, Principal Audiologist bei GN ReSound. Zusammen mit Marcel Brühne, Johannes Sittig, Mark Holloway von Samsung und Muhammad Fahad Alam, Senior Manager Android Bluetooth bei Google spricht sie im Visitor Center des Frankfurter Flughafens über den Nutzen von Auracast im Airport-Kontext. »Die Akustik an einem Flughafen mit dem Hintergrundlärm, den Störgeräuschen und dem Stimmgewirr trägt nicht gerade zu einem guten SNR bei«, stellt Mecklenburger fest. »Etwas Direktes zu haben, das automatisch über Hörgeräte oder Kopfhörer empfangbar ist, kann für jemanden, der viel unterwegs ist und Hörprobleme hat, schon lebensverändernd sein.«

»Dass man für so einen Anwendungsbereich nun einen neuen, offenen Standard hat, ist phänomenal«, ergänzt Mohammad Fahad Alam. Dazu komme, dass man sich als Nutzer »total einfach« auf den Stream schalten kann. All das könne man nun am Frankfurter Flughafen demonstrieren. Aus der Sicht von Flughafenbetreibern sei außerdem die Skalierbarkeit ein spannender Aspekt, fügt Johannes Sittig hinzu. Natürlich gebe es Unterschiede bei der Architektur und bei der Infrastruktur. Und doch wäre es wohl wesentlich einfacher, Auracast-Anlagen zu installieren als Induktionsschleifen. Zumal die Reichweite von Auracast-Sendern die von Induktionsschleifen übertreffe.

Damit hat der Fraport Auracast auf die Startbahn geschoben. Nun möchte man beobachten, wie das Angebot von den Passagieren angenommen wird, ob es tatsächlich abhebt. Wie viele Reisende werden sich auf den Stream schalten? Menschen mit Hörverlust, die für Auracast sensibilisiert sind, werden wahrscheinlich eher auf das Angebot anspringen. Sie sind hier im Vorteil. Alles darüber hinaus muss sich zeigen. Aber damit Deutschland hat nun, wenn auch nur bis Ende März, einen populären Auracast-Spot, über den sich sprechen lässt.