Benjamin Schadow

MORELI – Wenn Schmuck die eigene Biographie flüstert

Von Jan-Fabio La Malfa / Fotos: Hörstil, OMNIdirekt

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Es gibt nur wenige Hörakustikfachgeschäfte in Deutschland, die das 3D-Modelling so früh als Standard in den eigenen Betrieb eingeführt haben, wie der Erfurter Betrieb HÖRSTIL. Nun kam Inhaber Benjamin Schadow auf einen neuen Gedanken und entwickelte MORELI, einen Schmuck für die Concha.

Herr Schadow, Benjamin, du arbeitest seit einigen Monaten an einem Projekt, das sich MORELI nennt. Was können wir uns darunter vorstellen?

MORELI ist ein biographisches Kunstobjekt, das passgenau in die persönliche Ohrmuschel eingefasst wird. Es ermöglicht die Expression von persönlichen Wünschen, Vorstellungen und Symboliken – all jene Dinge, die im Leben eines Menschen wirklich Bedeutung besitzen. Es ist ein Ankerpunkt für die Identität an einem Ort, der traditionell für die Schallaufnahme reserviert war.

Wir sprechen also nicht über einen herkömmlichen Ohrring, sondern über einen speziellen Schmuck, den man direkt in die Concha einsetzt?

Korrekt. Denn rein vom ästhetischen Blickpunkt aus gesehen ist die Concha als Wirkungsort noch völlig unverbraucht. Das Konzept ist nicht-invasiv, sehr intim und stellt dennoch etwas Handwerkliches und ganz Frisches dar. MORELI ist zudem absolut unverwechselbar, da die Ohrmuschel an sich – ähnlich wie ein Fingerabdruck – bei jedem Menschen einzigartig geformt ist. Das Objekt befindet sich daher an einer spannenden Schnittstelle: Es ist von außen diskret und wird an dem Ort platziert, an dem eigentlich Kommunikation stattfindet, nun aber als Bindeglied fungieren kann zwischen innerer Überzeugung und äußerer Erscheinung.

Wie bist du auf den Gedanken gekommen, den rein funktionellen Pfad der Otoplastik zu verlassen und sich mit diesem „biographischen Kunstobjekt“ zu beschäftigen?

Ich wühle seit zwanzig Jahren täglich in Ohrmuscheln herum. Es ist also eine Körperfläche, mit der ich mich absolut wohlfühle. Im Prinzip war das ein Prozess, der lange gleitend verlief und dann durch die Verkettung mehrerer Zufälle sprunghafte Entwicklungen nahm. Durch meine täglichen Berührungspunkte bei Kinderversorgungen war ich es schon lange gewohnt, ein bisschen Glitzer oder das Logo des Lieblingsvereins in Otoplastiken mit einfließen zu lassen. Mit der Zeit wird man kreativ, baut mal einen kleinen Hulk oder Spiderman in die Ohrpasstücke ein und experimentiert mit Farben. Doch irgendwann wollte ich einer guten Freundin ein persönliches Geschenk machen und versuchte, die Grenzen des Machbaren auszuloten.

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Was meinst du damit?

Ich fing an, mit der Form der Otoplastik zu spielen und Designelemente einfließen zu lassen, die weit über das Übliche hinausgehen. Ich begann, Griffe oder Attachments an die Otoplastiken dranzubringen oder habe kleine Statuen oder Objekte eingescannt. Da gibt es ja riesige 3D-Gestaltungs-Communitys oder Orte wie Etsy, an denen man sich solche Objekte organisieren kann. Man guckt halt, was geht.

Bis zu dem Punkt, als du deiner Bekannten das Geschenk machen wolltest.

Richtig. Ich wollte ihr im Prinzip eine Art Talisman schenken, etwas zutiefst Ästhetisches. Also sucht man Austausch und streckt die Fühler aus. Ich unterhielt mich mit Sascha Simon, einem befreundeten Designer, suchte mir auf der Erfurter Krämerbrücke mit Paul Schnabel einen Goldschmied, der mir freigiebig mit Informationen weiterhalf, sprach aber auch mit einem befreundeten Dentallabor. All das hat mir erst gezeigt, wie groß die Räume sind, in der andere Branchen Software-mäßig agieren, und wie sehr ich mich auf die Möglichkeiten der technischen Gestaltung innerhalb unserer Branchensoftware beschränkte. Unsere Modelling-Programme in der Akustik sind rein darauf optimiert, funktionelle Aspekte zu bedienen. Mit Sculpting- sowie anderer Modelling-Software in Berührung zu kommen, war für mich daher schon ein echter Gamechanger.

Welche Materialien kommen für ein MORELI zum Einsatz?

Der Möglichkeitsraum ist mittlerweile unendlich groß. Durch meine Netzwerkpartner habe ich gelernt, dass man sich nicht nur auf Acrylate, Silikone, Keramiken oder Titan beschränken muss. Heute kann ich MORELIs realisieren, bei denen Materialien wie Gold oder Silber die Hauptrolle spielen. Mein Freund Tony Ullrich vom Dentallabor zeigte mir aber auch, dass Palladium, Platin, Zirkonium oder spezielle Legierungen wie Sintron eingesetzt werden können. Dadurch ist mir auch bewusst geworden, wie viele Überschneidungen es gibt. Er setzt beispielsweise den gleichen 3D-Drucker wie wir ein.

Wie sieht diese Schmuckproduktion auf Unikatbasis aus?

Das Besondere an MORELI ist nicht allein das Produkt, sondern der schöpferische Prozess dahinter. Es hat nichts mit herkömmlichem Modeschmuck zu tun. Vielmehr ist MORELI eine Reise für den Träger, sich selbst zu ergründen: Wie muss das Objekt gestaltet sein und was ist der Person im Kern wichtig? Welche Geschichten, Wünsche oder tiefen Symboliken berühren sie? Dies herauszufinden, der Sache eine plastische Form zu geben und sie am intimen Ort der Ohrmuschel zu platzieren, das ist ein ganzheitlicher Prozess. Es geht um eine Form von Resonanz, die weit über das hinausgeht, was wir im Alltag als technische Dienstleistung verstehen. MORELI ist so gesehen die Transformation von Biographien in greifbare Materie, die täglich am Körper getragen wird und dort ihre eigene Geschichte flüstert.

Das bedeutet, dass sich der Träger bzw. die Trägerin in den Prozess selbst einbringen muss.

Richtig, jedes MORELI basiert auf einem tiefen Dialog. Den Menschen kennenzulernen und zu verstehen, was ihn bewegt, ist die Grundlage. Dafür ist der erste Schritt die Recherche. Welche Formsprache oder Symbolik ist am besten geeignet? Ich zeichne auf großen Papierbögen, drucke Fotos vom Ohr aus, skizziere direkt hinein und verwerfe wieder. Manchmal liege ich nachts wach und grüble, wie ich eine Idee gestalterisch umsetzen kann. Das ist ein zeitintensiver Prozess, oft fließen zwanzig Stunden reine Arbeitszeit in das Design. Das MORELI muss nur für diesen einen Menschen passen. Es ist kein Konsumgut, sondern ein sichtbares Stück der eigenen Seele, das wir gemeinsam Schicht für Schicht aus der Idee herausschälen, bis es perfekt im Ohr des Trägers ruht.

Kannst Du konkrete Beispiele für solche biographischen Umsetzungen nennen?

Beispielsweise habe ich ein MORELI für eine Tätowiererin kreiert, die selbst ein Gesamtkunstwerk darstellt, da sie selbst – samt Ohr – ganzkörpertätowiert ist. Ich habe ihre florale Motivsprache und ihr Thema so aufgenommen, dass die Linienführung des MORELI parallel zu den Strichmustern auf ihrer Haut stattfindet. Und da das Thema Amore immer wieder dabei auftaucht, habe ich für sie Myrte-Blätter modelliert – seit jeher ein Symbol für wilde Liebe – und das Ganze in geschwärztem Silber mit punktuellen Vergoldungen umgesetzt. Die Blätter ranken sich nun plastisch aus ihrem tätowierten Ohr heraus.

Ist ein MORELI auch mit einem Hörsystem kombinierbar?

Ja, wäre ja traurig, wenn ich als Akustiker nicht daran gedacht hätte (lacht). Allerdings noch nicht in dieser Komplexität. Beispielsweise habe ich erst jüngst für eine Kundin mit Vorliebe für gehämmerten Goldschmuck eine Schmuck- und Formensprache gewählt, die in eine grazile, sehr schöne und schlanke Spange aus Gold übergeht und somit auch gleichzeitig als Halterung für ihr Hörgerät dient. In dieser Spange war ein Inlay aus gehämmerten Flächen eingearbeitet, das sich perfekt in ihre persönliche Stil- und Schmuckwelt integrierte. Und das Ganze wurde dann tatsächlich auch noch mit einer funktionalen Komponente kombiniert; mit einem Zapfen, der in den Gehörgang führt und mit entsprechender Buchse ausgestattet ist, um den Hörer einzuklicken.

Worin bestehen die größten technischen Herausforderungen?

Da jedes Stück eine eigene Formsprache hat, gibt es immer eine Unbekannte. Nehmen wir das Lotus-Projekt, das ich für eine Dame aus Brüssel erstellte. Um das ätherisch und transparent wirken zu lassen, habe ich einen Metallrahmen konstruiert, in den zarte, Rosé-farbene Acrylscheiben eingeklickt werden. Wir reden hier von Bruchteilen von Millimetern. Der geringste Materialverzug führt dazu, dass es nicht mehr funktioniert. Jedes der acht Lotusblätter muss einzeln ausgetestet und präzise eingepasst werden. Das ist ein ständiger iterativer Prozess: Fertigen, Probieren, Verwerfen, Dranbleiben. Es ist eine Reise voller Überraschungen, Freude und Tränen. Aber genau dieser Schöpfungsakt ist es, der MORELI so einzigartig macht. Man muss bereit sein, sich auf das Risiko des Scheiterns einzulassen, um am Ende etwas zu erschaffen, das die Zeit überdauert. Jedes Detail, jede feine Linie im Metall und jeder Schimmer im Acryl ist das Ergebnis eines intensiven Ringens um die perfekte Harmonie zwischen Technik und künstlerischem Ausdruck.

Da sind wir an dem Punkt. Auch wenn ich weiß, dass du bereits über 10 Jahre modellierst, wird sich jeder Kollege bei dem Aufwand und dem Materialeinsatz fragen, was passiert, wenn dieses besonderes Stück drückt.

Das ist ja das Charmante an der Sache, dass wir hier die Verschmelzung aus Audiologie, dem audiologischen Wissen, das ich mitbringe, aber auch Kunst- und dem Materialwissen meiner Netzwerkpartner, haben. Das soll ja gerade eben sicherstellen, dass wir nur Hautkontakt an den Stellen haben – Stichwort Haltezonen – die wir auch wirklich brauchen. Durch die vielen Erprobungen weiß ich mittlerweile auch, wie viel Auftrag oder Abtrag und wie viel Schwund ich bei den verschiedenen Materialien einplanen muss. Aber auch, an welchen Stellen es Material braucht und an welchen Stellen nicht, damit es im besten Fall ein MORELI ergibt, das man eben nicht spürt und das sich natürlich in die Ohrmuschel einfügt.

Wie wichtig ist 3D-Modelling heute in einem Hörakustikfachbetrieb? Muss jede Mitarbeiterin bzw. jeder Mitarbeiter in deinem Betrieb diesen Skill besitzen?

Simpel gesagt: Es ist unser Signature-Skill, er stellt die DNA unseres Hauses dar. Klar beherrscht jeder im Betrieb das Modellieren, schon allein wegen der eigenen Produktion mit etwa tausend Otoplastiken im Jahr für unser Geschäft. Ohne dieses Wissen und diese audiologische Präzision könnte ich aber ein Projekt wie MORELI gar nicht angehen und bliebe nur eine Idee ohne Tragekomfort. Erst die Symbiose aus digitaler Präzision und handwerklicher Erfahrung erlaubt es mir, Edelmetalle so filigran zu verarbeiten, dass sie wie ein Teil des Körpers wirken.

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Die Castform wurde mit dem Spezialmaterial »Asiga Supercast HD« in der hohen Auflösung von 0,01mm pro Schicht gedruckt. Nach Entfernung der Stützstrukturen wird die Oberfläche zart per Hand geglättet. Das Objekt ist Grundlage für den Metallguss

Welche Rolle spielen dabei andere Akustiker?

Das Projekt wächst organisch. Das war bei dem Projekt für die Dame aus Brüssel der Fall. Da konnte ich nicht so einfach hinfahren. Sie ging zu ihrem lokalen Akustiker, ließ eine Abformung machen und schickte sie mir zu. Ich habe sie digitalisiert und darauf basierend das Design entwickelt. Ich kann mir daher vorstellen, andere Akustiker verstärkt zu involvieren – sei es bei der Abformung oder in einer partnerschaftlichen Gestaltung. Es ist ein Produkt, das über die reine Hörversorgung hinausgeht und einen exklusiven ästhetischen Touch besitzt.

Von daher wird ein Moreli auch nicht unbedingt für einen kleinen Preis zu erhalten sein.

Nun ja, das liegt wie immer im Auge des Betrachters. In jedem Fall ist jedes MORELI einzigartig, hoch individuell und durch seine Zeitintensität ein solch persönliches Produkt, dass so etwas exklusives und hochwertiges, das ist schon richtig, nicht unbedingt für den Standardpreis einer Otoplastik zu erhalten ist.

Was ist dein nächstes Ziel?

Das Produkt ist noch nicht komplett ausdiskutiert. Ich habe MORELI vielleicht selbst noch nicht zu einhundert Prozent verstanden, aber ich spüre das Potenzial, das in diesem Produkt steckt. Ich möchte dieses Jahr weitere MORELIs bauen, um Erfahrungen zu sammeln und Referenzen zu schaffen. Hierfür habe ich bereits für unseren Instagram-Kanal moreli.earart eine Bild- und Videowelt aufgebaut, um das Ganze besser darstellen zu können. Mein Ideal wäre es, ein oder zwei MORELIs im Monat zu fertigen für Menschen, die innerlich wie äußerlich interessant sind und denen dieses Projekt Freude bereitet. Wir wollen die Bekanntheit schrittweise steigern, indem diese Objekte in die Netzwerke der Träger getragen werden. Es geht darum, eine Kollektion von Geschichten zu erschaffen, die beweist, wie tiefgreifend individuell Schmuck heute sein kann, wenn man die heutigen Möglichkeiten voll ausschöpft.

Lieber Benjamin, vielen Dank für das Gespräch.