Editorial
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
der Ort, an dem Sie ein Geschäft betreten, ist auch der Moment, an dem Sie wahrscheinlich einen Kauf tätigen werden – vorausgesetzt, man hat noch die Lust dazu. Denn immer öfter und deutlicher hört man Beschwerden darüber, dass der Weg zu dem Geschäft, das man aufzusuchen gedenkt, an zu vielen verwaisten Schaufenstern, dem x-ten Barbershop oder dem nächsten Ein-Euro-Laden vorbeiführt. Unsere Innenstädte wandeln sich – und das leider oft nicht zum Guten. Während der Online-Handel einen zum bequemen Einkaufen vom Sofa aus lockt, kämpft der stationäre Einzelhandel mit Uniformität und behördlichen Auflagen, die visionäre Konzepte eher ausbremsen als fördern.
Wie ernst die Lage ist, zeigt derzeit ein Beispiel aus meinem gutsituierten Freiburg. Gregor Kaiser, Inhaber des Traditionsgeschäftes Elektro Disch, machte dort mit einem sehr persönlichen Aushang öffentlich, warum er nach fast 90 Jahren Familiengeschichte das Handtuch wirft: »Die Lust ist weg«. In dem Aushang rechnet er scharf mit einer Stadtpolitik ab, die er als einzelhandelsfeindlich empfindet – von massiv erschwerter Erreichbarkeit durch monströse Parkgebühren, staatlicher Verfolgung von Kunden mittels Radarfallen, bis hin zu übertriebenen Abgaben für die Reinigung des Gehwegs. Es ist ein Alarmsignal, wenn ein gestandener Unternehmer sich unter solchen Rahmenbedingungen künftig nur noch auf Online-Handel konzentrieren will.
So schwer solche Rahmenbedingungen sind, genau gegen diesen Trend sollte man ein trotziges Ausrufezeichen setzen. Das gelingt einigen in unserer Branche auch, sonst würden wir nicht Monat für Monat Beispiele finden, die das beweisen. Nehmen wir in dieser Ausgabe Marco Faltus: Er hat das glatte Konzern-Parkett verlassen, um wieder nah beim Kunden zu sein. Doch sein »Klick im Kopf« kam ihm nicht in der Freiburger Fußgängerzone, sondern an einem unterfränkischen Provinz-Pendler-Nadelöhr in Bad Kissingen. Statt über Parkplatznot zu klagen, schnappte er sich die 20 Meter Schaufensterfront einer ehemaligen Apotheke, um eine maximale Transparenz zu erreichen. Mit einer offenen Werkstatt, einer Espressomaschine, die mehr kostet als mancher Kleinwagen und einem alx., der aus einem vorbeifahrenden Auto erkennbar ist, schafft er genau die Aufenthaltsqualität, die man im Internet nicht bestellen kann – samt kostenloser Parkplätze.
Wer also den Mut hat, neue Wege zu gehen, findet seine Kunden auch abseits der klassischen Einkaufsmeile. Doch aus meiner Sicht kann stationärer Handel heute nur dann erfolgreich sein, wenn man folglich in der Lage ist, Fachwissen und persönliche Begleitung miteinander zu kombinieren. Das zeigt auch der Wettbewerb zum GRÜNDERSTAR 2026. Denn die neue Generation hat begriffen: Wer heute bestehen will, muss – wie Jurorin Sabine Hönighausen es im Interview betont – »mit seinem Gesicht rausgehen«.
Das bedeutet, die eigene Persönlichkeit radikal zum Teil des Konzepts zu machen. Es geht nicht mehr nur um das technisch perfekte Hörsystem, sondern um die Antwort auf die Frage: Wer ist der Mensch hinter der weißen Wand? Dass dieses »Sich-Zeigen« kein kurzfristiger Trend, sondern ein echtes Erfolgsmodell ist, beweist auch Thomas Albiez aus Calw, dessen Geschäftsjubiläum wir in einer kleinen Meldung zum Thema machen. Er ist der allererste Hörakustikmeister, den ich je interviewte. Heute feiert er 20-jähriges Bestehen und liefert den lebenden Beweis für Hönighausens Argument. Seit zwei Jahrzehnten setzt er, wie er selbst sagt, auf Intuition statt auf Excel-Tabellen. Albiez zeigt damit, dass eine starke Personenmarke und ein »Dreamteam« schon immer ein Fundament bildeten, das auch nach 20 Jahren noch jeden Sturm übersteht. »Mit dem Gesicht rausgehen« heißt daher, wie auch Marco Faltus im Interview betont, »die eigene DNA sichtbar zu machen«, sich als greifbare Expertenmarke zu positionieren, ja vielleicht auch mal zu polarisieren? Denn letztlich ist genau diese menschliche Verbindung das Einzige, das weder ein Algorithmus noch ein anonymer Filialist kopieren kann.
Jan-Fabio La Malfa
