
Seit zehn Jahren Hörtherapeut der ersten Stunde: Benjamin Krebs, selbstständiger Hörakustikmeister
Was Hörtherapeuten machen: Ein Blick ins deutschlandweite Netzwerk
Ende März fand das zweite Treffen des Verbands deutschsprachiger Hörtherapeut/innen (VdHT) e.V. statt. Redakteur Thomas Sünder ist selbst Hörtherapeut und nahm das Treffen zum Anlass, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Was machen Hörtherapeuten eigentlich genau, wer sind sie und was treibt sie an? Benjamin Krebs, Hörakustikmeister und seit zehn Jahren Hörtherapeut der ersten Stunde, plaudert aus dem Nähkästchen.
Text und Fotos: Thomas Sünder
Jana Ritter, Marian Olbertz und Sandra Meggert-Kappner
Herr Krebs, Benjamin, du bist zweiter Vorsitzender des Verbands deutschsprachiger Hörtherapeut/innen. Wie bist du zur Hörtherapie gekommen?
Ich habe mich 2011 mit einem eigenen Fachgeschäft selbstständig gemacht. Immer wieder habe ich mich gefragt, warum Kunden selbst mit hochwertigen Hörgeräten und mehrfachen Einstellungen – inklusive In-situ-Messung, maßgefertigter Otoplastik und allem Drum und Dran – trotzdem unzufrieden mit dem Sprachverstehen waren. Ich habe dann mit ersten Hörtrainings begonnen. Damals gab es noch eines von Siemens auf CD, das hieß eArena. Die Kunden mussten Fragebögen ausfüllen. Später hat mich Gisbert Jung von Excellence Connect auf etwas Neues aufmerksam gemacht, das über Tablets lief: Sentibo. Da bin ich auf Sandra Meggert-Kappner gestoßen und habe 2016 die Ausbildung zum Hörtherapeuten gemacht. Weil ich einfach will, dass meine Kunden einen echten Mehrwert durch ihre Hörgeräte haben.
Machst du mit jedem deiner Kunden grundsätzlich ein Hörtraining?
Definitiv. Ich messe direkt im Erstgespräch mit CleverFox, wie es um die Sprachverarbeitung und Lateralisierung des Hörens bestellt ist. Da fallen sofort Probleme auf, die bei herkömmlichen Hörtests durch das Raster fallen. Die Kunden bestätigen meistens, dass es genau die Bereiche sind, in denen sie Schwierigkeiten haben. Ich sage dann: »Genau dagegen können wir gemeinsam etwas tun«, und kläre direkt darüber auf, was Hörtraining leisten kann. Das wollen dann eigentlich auch alle. Damit setze ich mich einerseits von meinen Mitbewerbern vor Ort ab. Andererseits vermeide ich etliche Nachanpassungen, weil sich die Wahrnehmung der Kunden von Anfang an auf das neue Hören einstellt.

Das zweite Treffen der deutschsprachigen Hörtherapeut/innen in Mannheim stand unter dem Oberthema Demenz, diente aber auch dem Erfahrungsaustausch
Über welchen Zeitraum lässt du deine Kunden trainieren?
Ich sage den Kunden, dass wir jetzt sechs Wochen Spaß miteinander haben werden. So lange dauert nämlich das Hörtraining, wenn wir den vollen Effekt erzielen wollen und sich das Gehirn wirklich auf das neue Hören einstellen soll. Das ist erst einmal anstrengend, aber dafür erreichen wir in diesen sechs Wochen eine Adaption des Gehirns, für die sonst 12 bis 14 Monate täglichen Tragens nötig wären. Das heißt, ich habe danach kaum Nachjustierungen. Die Kunden müssen später also deutlich weniger Zeit investieren; es läuft von Anfang an rund.
Arbeitest du grundsätzlich mit Otoplastiken?
Ja, ich nehme gleich beim ersten Termin Abdrücke. Ich sage ganz ehrlich: Ich bin kein Freund von Domes. Otoplastiken sind das letzte Stück Handwerk, das wir als Akustiker noch haben – neben unseren Messbox-Tools. Wir wissen alle: Je geschlossener die Ankopplung, desto größer der Mehrwert der Technik für den Kunden. Und das spürt er auch. Das Hörtraining machen die Kunden bei mir immer mit Otoplastiken.
Würdest du sagen, dass der Effekt von Hörtraining bei allen Hörgeräten spürbar ist, unabhängig vom Hersteller?
Absolut. Die Statistik sagt: Neun von zehn Schwerhörigen sind hörentwöhnt. Wie stark das ausgeprägt ist, unterscheidet sich oft zwischen Frauen und Männern. Männer gehen bei gesundheitlichen Problemen meist erst später zum Arzt – das gilt auch für den Weg zum Hörakustiker. Die Hörentwöhnung knacken wir mit Hörtraining innerhalb von sechs Wochen, egal welche Hörgeräte der Kunde trägt.
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Wir haben jetzt viel über das Hörtraining gesprochen, aber deine Bezeichnung ist ja Hörtherapeut. Welche Rolle spielt für dich die Therapie?
Hörtherapeut zu sein bedeutet für mich, über den Tellerrand der klassischen Hörakustik hinauszuschauen. Ich schaue mir ganz individuell an, was beim Kunden los ist – egal ob es um Hörentwöhnung, Tinnitus oder auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen geht. Es macht mir große Freude, gezielt helfen zu können. Tinnitus ist ein Bereich, in dem es wirklich tief in die Therapie geht. Wir arbeiten dort interdisziplinär, da die Patienten oft parallel beim HNO, Psychologen oder Psychotherapeuten in Behandlung sind. Manche nehmen Antidepressiva oder Psychopharmaka. Das ist nicht immer einfach, aber ich mag diese Herausforderung. Ich kann den Kunden Hoffnung geben, den Belastungsgrad durch den Tinnitus spürbar zu senken. In den meisten Fällen verlassen die Kunden das Fachgeschäft mit einem Lächeln.
»Ich sage den Kunden, dass wir jetzt sechs Wochen Spaß miteinander haben werden.«
Wo liegt für dich der grundlegende Unterschied zwischen Hörtherapeuten und der klassischen Hörakustik?
Als Hörtherapeut denkt man nicht primär vom Ohr her, sondern betrachtet den ganzen Körper. Wir »leuchten« den Patienten von oben bis unten durch – kognitiv ebenso wie den gesamten Organismus. Wir suchen die Ursache und schauen dann, wie wir das Problem beheben können, zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der Orthopädie oder Osteopathie. Wir nehmen eine ganzheitliche Sichtweise ein, bei der das Ohr vielleicht nur zehn Prozent ausmacht.

Um die Wirkung von Hörtraining bei Demenz ging es im Vortrag von Prof. Dr. Gregor Hohenberg (Stabsstelle für Digitalisierung und Wissensmanagement der Hochschule Hamm-Lippstadt). Er stellte eine neue Demenz-Studie vor, die von den AOK-Krankenkassen zweier Bundesländer gefördert werden soll und an der sich Hörtherapeuten aktiv beteiligen können
Welche Rolle wird die Hörtherapie künftig in der Branche spielen?
Wer als Hörakustiker auch Hörtherapie anbietet, setzt sich von den großen Ketten ab. Das ist es, was uns im Job ausmacht. Ich gehe davon aus, dass die Hörtherapie früher oder später in jedem inhabergeführten Fachgeschäft landen wird. Und das ist gut so, denn jeder Kunde hat eine vernünftige Versorgung verdient – und die bekommt er aktuell oft nicht. Die Ketten haben keine Zeit dafür. Selbst diejenigen, die mit Hörtherapie werben, bieten sie aus Zeitgründen oft gar nicht an. Diese Lücke können wir füllen.
Benjamin, vielen lieben Dank für das Gespräch.
Weitere Informationen zum Thema Hörtherapie unter: www.hoertherapeut.de
