Digitales Netzwerk für die CI-Versorgung?
Von Martin Schaarschmidt (Cochlear) / Fotos: Cochlear Ltd., HNO-Klinik Bensheim, Hörklinik München

Innovativer Ansatz in der Hörversorgung: Connected Care soll auch CI-Trägern ermöglichen, aktiver an der eigenen Nachsorge mitzuwirken
Mit Connected Care bietet Hersteller Cochlear einen innovativen Ansatz in der Hörversorgung, bei dem Patientendaten und Erkenntnisse über alle Versorgungsbereiche hinweg gebündelt werden – von der Information beim Hörakustiker über den OP-Saal der Klinik bis hin zur Appsteuerung des Soundprozessors durch den Nutzer im Alltag. Connected Care soll Effizienz und Effektivität der Versorgung erhöhen, die Qualität sichern und ausbauen sowie CI-Trägern ermöglichen, aktiver an der eigenen Nachsorge mitzuwirken. Zudem sollen Hörakustik-Partner der jeweiligen Klinik durch den Ansatz optimal in den Prozess der Versorgung eingebunden werden. Welches Potential Ansätze wie dieser für die Zusammenarbeit in regionalen Versorgungsnetzwerken bietet, erfuhren wir bei zwei bekannten Cochlea-Implantat-Kliniken.
Erste Station ist die Hals-Nasen-Ohrenklinik am Heilig-Geist Hospital Bensheim. Hier steigt die Zahl der CI-Versorgungen von Jahr zu Jahr. »2025 hatten wir mehr als 180«, berichtet Osama Al-Zouba, CI-Ingenieur der Klinik. »Hinzu kommen CI-Träger, die wir bereits in den Jahren davor versorgt hatten, sowie Patienten aus anderen Kliniken, die zu uns wechseln, weil sie in der implantierenden Klinik keine für sie ausreichende Nachsorge erhalten. Daher suchen sie Unterstützung bei uns, die sie natürlich auch bekommen.«
Das hohe Patientenaufkommen kann die Klinik nur gemeinsam mit einem Netzwerk aus Hörakustikern bewältigen. »Uns ist wichtig, dass unsere Patienten eine ergänzende wohnortnahe Nachversorgung erhalten, am besten bei ihrem angestammten Hörakustiker«, so Osama Al-Zouba. Hat ein Patient noch keinen Akustiker, dann prüft das Klinikteam, welcher Akustiker in der Nähe seines Wohnortes sitzt. Erkundet wird, ob dieser Akustiker Ersatzteile liefern oder auch ein Upgrade übernehmen kann usw. »Jeder Patient sollte einen solchen Ansprechpartner in der Nähe haben, das macht vieles einfacher.«
Regionales Netzwerk mit über 80 Hörakustikern – »Digitale Tools können die Zusammenarbeit sehr erleichtern«
In ihrem regionalen Netzwerk arbeitet die Klinik inzwischen mit über 80 Hörakustikern zusammen, und es kommen immer neue dazu. »Die Akustiker, die mit uns kooperieren, waren alle schon hier bei mir und meinem Team in der Klinik und haben miterlebt, wie wir die Patienten versorgen«, berichtet der Ingenieur. »Ein digitales Tool wie Connected Care kann diese Zusammenarbeit sehr erleichtern und bietet klare Vorteile. Ziel von Cochlear sowie von den anderen Herstellern ist es, dass die Akustiker mit solchen Tools einen Teil der späteren Betreuung der Patienten übernehmen können.«
Die meisten Patienten werden von ihrem Hörakustiker zur Klinik nach Bensheim geschickt, und sie kehren später – nach der Implantation – zu diesem Hörakustiker für die ergänzende Nachsorge zurück. »Connected Care vereinfacht diese Zusammenarbeit erheblich«, sagt Osama Al-Zouba. »Mitunter entscheiden sich die Patienten sogar schon beim Akustiker, also, bevor sie zu uns kommen, für einen Cochlea-Implantat-Hersteller. Haben sie sich für Cochlear entschieden, so hat sie ihr Hörakustiker bereits für Connected Care registriert. Das macht es für uns viel leichter, alles zu verknüpfen.«
Trifft ein Patient seine Entscheidung erst in der Klinik, kann er natürlich ebenso registriert werden – einfach über ein Tablet. Im weiteren Verlauf werden alle erforderlichen Daten des Patienten im System hinterlegt und miteinander verknüpft: die Angaben zu seinem Implantat und zu seinem Soundprozessor sowie alle weiteren Daten, die während der Versorgung erhoben werden. Alle Angaben vom Hörakustiker und aus dem OP fließen automatisch ein, werden in einer sicheren Cloud gesammelt und können je nach Bedarf und Berechtigung schnell in die Custom Sound® Pro Software importiert werden.
»Während der Versorgung können wir auf dem Tablet auch sehen, was gerade gemessen wird: ob alle Elektroden funktionieren, wie tief die Elektroden in der Cochlea sitzen; auch die Bestimmung der Hörschwelle und Impedanz-Messungen sind möglich«, berichtet der CI-Ingenieur. »All das geht direkt, einfach und smart, ganz ohne Kabel. Die Klinik, der Hörakustiker und Cochlear – jedem werden schnell die Daten zur Verfügung gestellt, die für ihn bestimmt sind. Ich zum Beispiel bekomme die Patienten angezeigt, die zur Behandlung zu mir kommen. Auch der Akustiker sieht sofort, welches Implantat, welchen Prozessor und welches Zubehör sein Kunde besitzt. Auch er ist immer auf dem aktuellen Stand und muss dafür nicht erst beim Hersteller anfragen.«
HNO-Klinik in Bensheim: soweit möglich, frühzeitige Einbindung von Remote Assist und Hörakustikern
Der Soundprozessor wird erstmals zwei Tage nach der Implantation aktiviert. »Spätestens nach 14 Tagen geht der Patient für seine Erstanpassungswoche auf die von uns selbst organisierte und auch selbst finanzierte ‚HörReise Odenwald‘, die im Vergleich zum Hören mit Hörgerät vor der OP im Schnitt bereits eine Verbesserung des Einsilberverstehens um 27% mit sich bringt. Für das erste Jahr sind dann noch vier weitere Anpassungs-Termine bei uns in der Klinik geplant – einen Monat nach der Erstanpassungswoche, dann nach drei, sechs und zwölf Monaten. Wir prüfen und optimieren die Lautstärke jeder Elektrode, und kontrollieren, ob die Magnetstärke in Ordnung ist, ob er das Zubehör verwendet etc. und fragen, ob sonst noch Sorgen oder Herausforderungen aufgetreten sind.«
Gleichzeitig wird bereits versucht, Überprüfungen aus der Ferne vorzunehmen. »Die Funktionen in der App schalten wir dem Patienten meist schon zur Erstanpassung frei«, so Osama Al-Zouba. »Viele wohnen ja ein Stück weit weg. Wir wissen, dass sie bald ihre Reha besuchen, und dass sie einen Hörakustiker in der Nähe haben, der sie ggf. unterstützen kann. Kommt ein Patient bereits nach drei Monaten sehr gut zurecht, muss er seine weiteren Termine nicht unbedingt bei uns in der Klinik wahrnehmen. Er kann dank Remote Assist auch von zu Hause durch uns die Einstellungen optimieren lassen oder zu seinem Akustiker gehen. Wichtig ist nur, dass er nach einem Jahr zur Abschlusskontrolle zu uns kommt, damit wir genau wissen, wo er steht, und sicher sagen können, dass das Bestmögliche zu seiner Unterstützung getan wurde. Wenn wir in der Zwischenzeit wissen, dass er bei seinem Akustiker in guten Händen ist, dessen Qualifikation und die Ausstattung stimmen, dann kann der Akustiker die restlichen Termine übernehmen.«
Mit dem Remote Check kann das Klinik-Team auch aus der Ferne z. B. die Impedanz überprüfen. »Wir erhalten eine Ton-Audiometrie und Testergebnisse für das Verstehen von Zahlen und Sprache im Störlärm«, so der CI-Ingenieur. »Der Patient nimmt die Messungen zu Hause selbst vor. Dann bekomme ich die Messergebnisse zugeschickt und werte sie aus. Der Patient kann auch einen Fragebogen ausfüllen. Über diesen erfahren wir, ob er gut mit der Technik zurechtkommt oder ob er vielleicht Probleme mit seiner Hörumgebung hat. Auch anhand des Hörtests kann ich sehen, ob alles in Ordnung ist, ob der Patient zunächst zu uns in die Klinik kommen sollte, oder ob ich mich nur mit seinem Hörakustiker abstimmen muss. Dem Patienten gebe ich eine Rückmeldung, die er über seine App erhält. Hat er noch Fragen, kann er mich natürlich kontaktieren.«

»Uns ist wichtig, dass unsere Patienten eine ergänzende wohnortnahe Nachversorgung erhalten, am besten bei ihrem angestammten Hörakustiker« – Osama Al-Zouba (li.), CI-Ingenieur der Klinik, bei einer CI-Anpassung
CI-Ingenieur Osama Al-Zouba: wie wichtig Möglichkeiten der Fernanpassung sind, hat auch die Corona-Zeit gezeigt
Eine weitere Möglichkeit ist die Fernanpassung mit Remote Assist. »Hier kann ich mich über die Cochlear Nucleus Smart-App mit dem Smartphone des CI-Trägers verbinden und die Lautstärke des Soundprozessors anpassen«, so Osama Al-Zouba. »Mehr ist aktuell noch nicht möglich. Doch auch diese Option hilft Patienten schon sehr, wenn ihnen eigene Möglichkeiten zur Regelung der Lautstärke nicht ausreichen. Hiermit konnte ich bereits mehreren Patienten helfen.«
Wie wichtig solche Möglichkeiten sind, hat das Klinik-Team auch in der Corona-Zeit erlebt: »Damals durften viele CI-Träger überhaupt nicht mehr zu uns in die Klinik kommen; wir konnten ihnen nicht helfen. Doch auch sonst kann man sich eine möglicherweise lange Anreise ersparen; gerade Patienten mit eingeschränkter Mobilität, Berufstätigen oder Eltern von kleinen Kindern kommt das sehr entgegen. Wenn die Verbindung steht, funktioniert auch die Einstellung aus der Ferne sehr gut.«
Abschließend erklärt unser Gesprächspartner noch: »Die Zusammenarbeit im Netzwerk sowie mit Unterstützung von solchen digitalen Tools ist ein riesiges Projekt, und wir sind noch am Anfang. Doch mit Connected Care haben wir bereits eine sehr gute Basis. Und wir können dadurch schon jetzt unsere Kapazitäten effizienter einsetzen. Connected Care verbindet also wirklich alle miteinander.«

Überprüfungen aus der Ferne: »Kommt ein Patient bereits nach drei Monaten sehr gut zurecht, muss er seine weiteren Termine nicht unbedingt bei uns in der Klinik wahrnehmen«
Helios Hörklinik Oberbayern in München: sprunghafter Anstieg der Zahl der CI-Patienten aus dem gesamten Bundesgebiet
Zweite Station unserer Recherche ist die Helios Hörklinik Oberbayern in München. Hier hat Dr. med. Veronika Wolter 2022 Jahr die Klinikleitung übernommen. »Als erste gehörlose Chefärztin Deutschlands und als CI-Trägerin ist sie durch die vielen Medienberichte sehr bekannt und ihre Expertise wird auch von vielen Patienten sehr geschätzt«, erläutert Oliver Hupka, Therapeutische Leitung der Helios Hörklinik Oberbayern in München und Audiotherapeut (DSB). »Infolgedessen ist die Zahl der Cochlea-Implantationen sprunghaft gestiegen. Wir versorgen insbesondere erwachsene Patienten – nicht nur aus dem Großraum München, sondern auch aus dem gesamten Bundesgebiet und darüber hinaus. Im Zuge dessen sind wir dabei, unser therapeutisches Angebot deutlich auszubauen. Aktuell streben wir an, gemäß den Vorgaben der ‚AWMF-Leitlinie CI-Versorgung‘ zur Zertifizierten CI-versorgenden Einrichtung zu werden.«
Nach Abschluss der Basistherapie schließt sich für jeden CI-Patienten die Folgetherapie an. »Diese erfolgt ebenfalls bei uns in der Hörklinik«, so Oliver Hupka. »Unser Konzept sieht vor, dass alle Patienten über einen Zeitraum von zwei Jahren immer wieder zu uns zurückkehren. Im Rahmen ambulanter Reha-Tage werden sie interdisziplinär betreut; sie erhalten CI-Diagnostik und Anpassung, Logopädie und Audiotherapie. Zudem wird die Technik fortlaufend überprüft. Uns ist es sehr wichtig, dass die Patienten auch während der Reha hier in der Hörklinik exzellent betreut werden; die Nachsorge stellen wir ebenfalls sicher. Es liegt uns sehr daran, jeden Patienten auch nach der Reha-Zeit regelmäßig zur jährlichen Kontrolle wiederzusehen.«
Zugleich sieht das Klinik-Team Herausforderungen, vor denen heute schon viele der großen CI-versorgenden Einrichtungen stehen: für eine stetig steigende Zahl an Patienten muss die lebenslange Nachsorge in gleichbleibend hoher und immer noch besserer Qualität sichergestellt werden. Mit Blick auf die Langzeitnachsorge stoßen große Kliniken bereits heute an Kapazitätsgrenzen. Hinzu kommt, dass Patienten von sich aus wünschen, technischen Support auch wohnortnah zu erhalten oder Telecare nutzen zu können.

»Wir sind sehr interessiert an ganzheitlichen digitalen Tools« – Dr. med. Veronika Wolter (sechste von links), Chefärztin der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und der Helios Hörklinik Oberbayern, mit ihrem Team
Dr. med. Veronika Wolter: »Wir sind sehr interessiert an ganzheitlichen digitalen Tools«
»Wir eruieren aktuell Möglichkeiten für den Aufbau eines regionalen Netzwerks aus qualifizierten Hörakustikern, die als Kooperationspartner der Hörklinik Nachsorgeleistungen wohnortnah anbieten könnten«, berichtet der Therapeutische Leiter der Hörklinik. »Perspektivisch werden eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie die Betreuung von immer mehr CI-Patienten ohne ganzheitliche digitale Lösungen nicht zu bewerkstelligen sein. Andererseits müssen wir sicherstellen, dass dies keinesfalls zu Abstrichen in der Versorgungsqualität führt und dass alle gesetzlichen Vorgaben, etwa die Sicherheit der Daten, konsequent eingehalten werden. Das sind komplexe Herausforderungen, an deren Lösung wir derzeit noch arbeiten, ehe wir mit der eigentlichen Implementierung in den Klinikalltag beginnen.«
»Um zukünftige Herausforderungen meistern zu können, sind wir sehr interessiert an ganzheitlichen digitalen Tools«, versichert auch Dr. med. Veronika Wolter, Chefärztin der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und der Helios Hörklinik Oberbayern. »Auch unsere Hörklinik schätzt diese Möglichkeiten sehr. Über solche Lösungen verständigen wir uns derzeit mit allen CI-Herstellern. Wir haben bereits Schulungen erhalten, befinden uns aktuell in der Testphase und verständigen uns über die Implementierung.«
In den teleaudiologischen Angeboten von Remote Check und Remote Assist sieht das Team der Hörklinik viel Potenzial. »Diese Tools ermöglichen es den Patienten, Therapie und Nachsorge aktiv mitzugestalten und dafür nicht in jedem Fall zu uns kommen zu müssen«, so noch einmal Oliver Hupka. »Aus meiner Erfahrung ist die Akzeptanz für solche Tools auch auf Seiten der Patienten in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Selbst viele Patienten jenseits der 80 nutzen inzwischen ganz selbstverständlich Smartphone oder Tablet. Wir stellen ihnen die Applikationen bereits im Zuge der Basistherapie vor. Viele sind interessiert daran, ihre Technik per App zu steuern oder weitere teleaudiologische Möglichkeiten zu nutzen.«
Nicht zuletzt würden Tools des Self-managed Care auch den Kliniken helfen: »Die Kliniken können ihre Ressourcen im Sinne der Patienten noch besser einteilen«, so der Therapeutische Leiter. »Es ist uns wichtig, dass jeder unserer Patienten immer wieder zu uns kommen kann, und dass wir auch ausreichend Zeit für ihn haben. Damit einher geht, dass Patienten in der Langzeitnachsorge nicht zwingend vorbeikommen müssen, wenn sie Leistungen lieber per App von zu Hause aus abrufen, und wenn es zu keinerlei Abstrichen in der Qualität kommt. Dafür sind ganzheitliche digitale Tools ideal.«
